Warum sich die Beschäftigung mit Tony Blair lohnt, liegt für die meisten Deutschen nicht auf der Hand. Viele Bundesbürger halten den britischen Premierminister, seit dem Irakabenteuer, in das er gemeinsam mit US-Präsident George W. Bush zog, für einen gefährlichen Kriegstreiber, der gegen die eigene Bevölkerung handelt und die europäische Partnerschaft verraten hat. Andererseits richten die Deutschen ihren Zorn, fast ausschließlich gegen Washington. Dabei lohnt sich ein Blick nach London aus deutscher Sicht schon allein deshalb, weil Blair eine Wirtschaft- und Sozialpolitik betreibt, die in der deutschen Reformdiskussion als Ideengeber und Orientierungshilfe dienen kann. Der Brite hat einen Dritten Weg zwischen der ungezügelten und freien Marktwirtschaft und der Überbevormundung des Bürgers durch den Sozialstaat gefunden, der in Großbritannien funktioniert. Gerd Mischler beschreibt in dieser politischen Biografie Blairs politischen Werdegang von Jugend an: seine Ideenwelt, die er sich in universitären Zirkeln während seines Studiums aneignete, seinen innerparteilichen Aufstieg und den Umbau der traditionsreichen sozialistischen Arbeiterpartei zu New Labour unter seinem Parteivorsitz. Er analysiert die Wirtschafts- und Sozialpolitik Blairs und erläutert die politischen Visionen Blairs zur Gestaltung der globalisierten Welt. Der Leser wird mit den moralischen und religiösen Überzeugungen Blairs konfrontiert und kann so die britische Außenpolitik unter hierzulande weniger bekannten Gesichtspunkten beurteilen: die Mission auf dem Balkan, die Intervention in Sierra Leone, der Kampf gegen die Taliban, der Feldzug gegen den Irak. Das Scheitern des Irakkrieges und die Kelly-Affäre, werden in diesem Zusammenhang ebenfalls erörtert. Abschließend untersucht der Autor Blairs Verhältnis zur alten und neuen Welt und zeigt uns einen überzeugten Europäer, dessen bester politischer Freund ein Amerikaner ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.10.2005
Durchaus gelungen erscheint Louis Gerber diese Biografie des britischen Premierministers Tony Blairs, die Gerd Mischler vorgelegt hat. Der Autor porträtiere Blair als "politisches, juristisches und schauspielerisches Naturtalent". Ausführlich zeichnet der Rezensent Blairs Karriere nach, wobei er besonders dessen Rolle als Reformer seiner Partei sowie sein Verhalten im Irak-Kriek akzentuiert. Mischlers Biografie schätzt er als "konzise, ohne auf Substanz (und fast 1.000 Fußnoten) zu verzichten" und lobt sie als eine "weitgehend ausgewogene Darstellung". Quellen des Buches sind laut Gerber englischsprachige Sekundärliteratur sowie Zeitungsartikel, Interviews mit Zeitzeugen habe der Autor nicht geführt. Als kritischen Hinweis erlaubt er sich dem Autor die Lektüre wirtschaftsliberaler Klassiker und Programme zu empfehlen, neu an New Labour sei schließlich vor allem die Akzeptierung liberaler Rezepte wie weniger Staat und mehr Eigenverantwortung.
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