Bücherschau der Woche
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Klappentext
Eine ebenso provokante wie überzeugende und gut lesbare Untersuchung des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität in Deutschland. Im Zentrum stehen der Nationalsozialismus sowie der Aufbruch von 1968. Diese bahnbrechende Studie steckt voller Überraschungen: Dagmar Herzog zeigt, dass die Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen Politik und Sexualität zentrale Fragen der deutschen Geschichte neu zu beleuchten vermag.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.12.2005
Dagmar Herzogs Buch über die Sexualität der Deutschen von 1933 bis in die 70er Jahre dreht sich um die zentrale These, dass die Sexualmoral der Nationalsozialisten keineswegs so repressiv war, wie sie die Studentenbewegung später hingestellt hat, konstatiert Sven Reichardt. Die Autorin zeige, dass die NS-Sexualpolitik tatsächlich ziemlich freizügig war und zu vorehelichem und außerehelichem Sex geradezu ermuntert habe, erklärt der Rezensent, der die "Paukenschläge", mit denen Herzog ihr Buch eröffnet zwar durchaus überzeugend und interessant findet, dem aber die darin steckende "Ambivalenz" entschieden "zu kurz" kommt. Die "Kehrseite" der Freizügigkeit war nämlich die Kriminalisierung von Abtreibung und Homosexualität, da die NS-Sexualmoral vor allem auf die Erhöhung der Geburtenrate zielte, wie Reichardt betont. Insgesamt findet er, dass die Autorin die sich wandelnde deutsche Sexualität zu einer "lesenswerten Diskursgeschichte" verarbeitet hat, doch bemängelt er, dass weder das "theoretische Prinzip" noch die argumentative Intention klar wird. Auch die Unterscheidung zwischen theoretischen Verhaltensvorschriften und tatsächlichem Sexualverhalten sind ihm nicht deutlich genug, wie er kritisiert. Letztlich überzeugt ihn auch die These nicht recht, dass "allein das Erbe" der Nazis die deutsche Sexualpolitik determiniert habe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.10.2005
Zunächst einmal lobt Katharina Rutschky die amerikanische Autorin Dagmar Herzog dafür, sich als erste an eine Sexualgeschichte der Deutschen zwischen 1933 und 1968 gewagt zu haben, die einen "wichtigen Faktor" in der jüngeren deutschen Geschichtsforschung ausmacht, wie die Rezensentin betont. Doch sieht sie dieses Projekt auch mit großen Schwierigkeiten behaftet, da, wie sie meint, "Methoden und Hypothesen" fehlten, und dieses Gebiet einfach noch "zu frisch" sei, um sich ihm wissenschaftlich objektiv widmen zu können. Und so fällt die Besprechung des Buches eher ungnädig aus, wobei sich Rutschky offensichtlich auch als "Zeitzeugin" an den Karren gefahren fühlt. Trotz einiger "hochinteressanten Hypothesen", die sie der Autorin zugesteht, bemängelt Rutschky Unstimmigkeiten in der Argumentation, die Quellenauswahl sowie die Auswertung und findet einiges, was Herzog darlegt, "schlicht falsch". Insgesamt stört sie anscheinend am meisten, dass Herzog weniger eine wissenschaftlich fundierte Arbeit als eine polemische Auseinandersetzung mit den Achtundsechzigern vorgelegt hat. Die "moralischen Urteile" dieses Buches kommen ihr "billig" vor. Mehr und mehr schreibe sich Herzog in eine "bloß zensierende Besserwisserei" gegen die Achtundsechziger hinein und verliere dabei wichtige Themen wie die "Freigabe der Pornografie" oder die Auseinandersetzungen um den Paragraphen 218 aus den Augen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2005
Durchaus kritisch betrachtet Rezensent Dietmar Dath diese Untersuchung der Wechselbeziehungen von Politik und Sexualität im deutschen 20 Jahrhundert, die Dagmar Herzog vorgelegt hat, wiewohl er die Vorzüge des Werks nicht verschweigen möchte. Letzere sieht er insbesondere im distanzierten weil amerikanischen Blick der Autorin. So gelte ihr nichts für selbstverständlich, jede Quelle, von der amtlichen Verordnung bis zur illustrierten, werde politisch und ästhetisch in ihren Kontext eingefügt. An Herzogs Ausführungen über die Sexualpolitik der Nazis stört Dath allerdings, dass sie suggeriere, die Autorin habe hier die Entdeckung gemacht, dass das Bild vom sexuell repressiven Faschismus nicht stimme. Dabei ist nach Auskunft des Rezensenten spätestens seit Wilhelm Reich allgemein bekannt, "warum zu allen Formen rechter, das heißt heteronomer Sexualpolitik autoritär lizenzierte Formen der Triebabfuhr gehören". Er hält der Autorin weiter vor, dass ihr das Kriterium der Autonomie bei der Partnerwahl sowie der Lustausgestaltung fehlt. Daher könne sie die frenetische Promiskuität von 1968 mit dem Züchtungsbordellwahnsinn der Nationalsozialisten in Verbindung bringen. Dath formuliert einen ganz eigenen Vorwurf gegen die "Achtundsechziger-Libertinage": dass sie der gegenwärtigen Porno-Industrie ein "scheinemanzipatives Testgelände" zur Verfügung gestellt hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005
Wie die Rezensentin Andrea Gnam erläutert, war die Sexualität ein wichtiger Austragungsort der Vergangenheitsbewältigung im Deutschland der Nachkriegszeit. Doch während die NS-Zeit in den konservativen fünfziger und sechziger Jahren als Zeit der "Freizügigkeit" galt, so Gnam weiter, sahen die Achtundsechziger in ihr eher eine Zeit der "prinzipiellen Sexualfeindlichkeit". Diesen dem ersten Anschein nach ungewöhnlichen Wandel wähle die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog als Ausgangspunkt für ihre Studie. Anlass zum Lob gibt der Rezensentin zum einen Herzogs "anschauliche" Beschreibung der zunehmenden "Restriktion", der das Sexualverhalten in den Fünfzigern und Sechzigern unterlegen ist. Zum anderen erkläre sie zu Recht die Handhabung der Sexualität im Dritten Reich für "ambivalent, uneinheitlich und an politischen Zielen orientiert" (einerseits die wohlwollende Tolerierung von unehelichem arischen Nachwuchs, andererseits die Abtreibung von "unwertem" Leben und die Verfolgung von Homosexuellen). Aus dieser Ambivalenz ergebe sich auch die sukzessive und gegensätzliche Interpretation der NS-Sexualmoral in den nachfolgenden Jahrzehnten. Neu sei das aber nicht, kommentiert die Rezensentin, und auch Herzogs mangelnde Analyse der NS-Ikonografie sowie ihre nicht ausreichend differenzierte Behandlung der Quellen hinterlassen bei Gnam den Eindruck einer nicht ganz ausgereiften Untersuchung.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Überaus beeindruckt zeigt sich Rezensentin Elisabeth von Thadden von dieser Studie zur Geschichte der Sexualität im deutschen 20. Jahrhundert, die Dagmar Herzog vorgelegt hat. Im Zentrum der Untersuchung sieht von Thadden die nationalsozialistische Sexualitätspolitik, die konservativen fünfziger Jahre in Westdeutschland, die sexuelle Revolution der sechziger Jahre und die realsozialistische Politisierung der Lust in der DDR. Herzog zeige, dass die Nazis die Doppelstrategie verfolgten, die Sexualität einerseits unter totalitäre Regeln gesteuerter Fortpflanzung zu bringen, innerhalb dieser Regeln aber sexuelle Freizügigkeit zu erlauben. So konnte die Biopolitik für den Volksgenossen durchaus Lustgewinn bedeuten, während sie für andere auf Verfolgung, Gewalt und Tod hinauslief. Nach einer Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität in den fünfziger und sechziger Jahren in Deutschland wende sich Herzog schließlich der jüngsten Vergangenheit zu, die sie mit dem Soziologen Alexander Schuller von einer "Onanisierung der Sexualität" geprägt sieht. Von Thadden lobt die "lebhafte Diktion" und die undogmatische Herangehensweise der Autorin. Insofern findet sie die Lektüre selbst bei den dunkelsten Themen "fast angenehm". Das Resümee der Rezensentin: eine Studie, "die anregend ist, ohne Gewissheiten zu hinterlassen".
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