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Ilse Aichinger
Unglaubwürdige Reisen
Klappentext
Mit der Zwillingsschwester in die Kapuzinergruft, mit dem nomadischen Urgroßvater durch den Kaukasus, mit Sigmund Freud ins Londoner Exil, mit der polnischen Putzfrau nach Oswiecim/Auschwitz: Während dreier Jahre. Vom Attentat auf die New Yorker Zwillingstürme bis zum Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek, begibt sich Ilse Aichinger im Wiener Kaffeehaus "Demel" auf Reisen. Reiseutensilien sind Stift und Papier, auf Speisekarten, Rätselheften und Einkaufstüten entstehen abenteuerliche Manuskripte. Reisegefährten sind Menschen, die sich während über 80 Jahren als "kräftige Schattenrisse" in die Erinnerung eingeprägt haben. Die Routen führen, so direkt wie möglich und so "unglaubwürdig" wie nötig, in die Topografie der eigenen Biografie das wechselvolle Leben einer der wichtigsten Autorinnen der deutschen Nachkriegsliteratur.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.07.2010
Mit viel Lob versieht Franz Schuh diese, nun als Taschenbuch erschienenen, autobiografischen Skizzen und Kurzessays, die seinen Informationen zufolge "nach langem Schweigen" dieser bedeutenden Nachkriegsautorin ursprünglich für eine Wiener Zeitung verfasst worden sind. Darin gehe es um ihre im Nationalsozialismus ermordeten Angehörigen ebenso wie deren Mörder, unter denen sie dann ihr Leben verbrachte. Auch der 11. September 2001 spiele eine Rolle. Insgesamt fasziniert den Kritiker, wie Ilse Aichinger in diesen knappen Texten mit wenigen Strichen ein Gesamtbild entstehen lässt, das sich in diesem Buch auch zu einer Art Lebensgeschichte fügt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.01.2006
"Wortgenau" sei die Autorin in ihren kurzen Texten, urteilt Verena Auffermann. Ilse Aichinger reise im Kopf und berühre dabei immer wieder die eigene Vergangenheit. Die Autorin beschreibe Details ihrer Kindheit, beschäftige sich aber auch mit dem 11. September, Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard. Die Reisen seien utopisch, jedoch ohne dabei ein Paradies im Blick zu haben. Denn wenn sich die Autorin sehne, dann nur nach einem: nach dem Vergehen. Als ein wenig "todessehnsüchtig" beschreibt sie die Autorin laut Auffermann selbst, doch stets mit einer Prise ganz eigenem Humor. Bestimmend sei die ernste, "existenzielle Skepsis" des E.M. Cioran, derer sich Aichinger mit vielen passenden Zitaten bedient. Alles unter dem Mantel der "Hoffnungslosigkeit" und gleichzeitig der "Komik der Hoffnung". Ilse Aichinger sei "pathosresistent", findet Auffermann, und damit "jung" und "groß" geblieben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.12.2005
Schon der Titel des Buches ist "typisch" für Ilse Aichinger, meint Michael Braun, denn es handelt sich bei den Reisetexten nicht um "konventionelle Reisen", sondern um "imaginäre" Bewegungen zu den Orten der Kindheit. Hier finden sich die "traumatischen Urszenen", die das gesamte Leben und Werk der Autorin determinieren und aus diesen "Daseinssplittern" webt sie ihre bruchstückhafte "Geografie der eigenen Existenz", erklärt der Rezensent. So kehrt Aichinger in diesen Miniaturen beispielsweise zum letzten Wohnort der Großmutter zurück, bevor diese nach Minsk deportiert wurde, oder sie erinnert sich an den Garten einer Nervenheilanstalt, in den sie von einem schizophrenen Kindermädchen "verschleppt" worden war. Aichinger hat diese Prosatexte, die innerhalb dreier Jahre für eine Wiener Zeitung entstanden sind, auf Speisekarten, Vorsatzblätter und Rückseiten von Kreuzworträtsels notiert, die der Band als Faksimile abdruckt. Allerdings sei der "Beiläufigkeit", mit der die Texte daher kommen, keinesfalls zu trauen, betont der Rezensent. Auch wenn sich die Texte auf diese Weise als "unfertige Notate" geben würden, erwiesen sie sich als "düster funkelnde Skizzen", die es durch ihre "karge Präzision" mit den gelungensten Stücken aus Aichingers Schaffen aufnehmen könnten.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.11.2005
Diese Texte von Ilse Aichinger, nun vorgelegt als "Unglaubwürdige Reisen", erschienen bereits in Kolumnenform, sind über "geistreiche Tagesplauderei" allerdings weit erhaben, wie Rolf-Bernhard Essig eilig hinzufügt. Es sind "kurze, eindrucksvolle Texte", so der Rezensent, die von Sentimentalität nicht weniger weit entfernt sind als von der erwähnten Tagesplauderei. Nein, Essig fühlte sich an Kafka erinnert bei der Lektüre. Immer wieder nämlich destruiert - oder dekonstruiert? - Aichinger jeden Sinn, der sich auftut in ihren - ursprünglich nicht selten auf Speisekarten und Rätselheft-Rückseiten - notierten Texten. Auch Schopenhauers Geist hat der Rezensent in diesen Reflexionen über die Werbung von Beerdigungsinstituten, den eingeborenen Wiener Vandalismus und Weggefährten wie Thomas Bernhard und Günter Grass gespürt. Denn Aichinger bekennt sich zu einem Aristokratismus des Geistes, der auf der Seite des Todes steht. Wie Aichinger selbst notiert: "Gute Literatur ist mit dem Tod identisch." So ergibt es sich, dass Essig Aichingers Gedankenspaziergängen "eine poetische Farbigkeit auf dunkler Grundierung" bescheinigt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2005
Leopold Federmair ist sehr beeindruckt von diesen Texten der über 80-jährigen Ilse Aichinger. Er ist beeindruckt, weil sie ihn verstören und befremden, weil sie danach verlangen, wieder und wieder gelesen zu werden, weil sie abschweifen und dann wieder genau auf den Punkt kommen, weil sie am Ende immer "knapp, präzise, treffend" sind. Weil sie von einer alten Frau deutlich spürbar "dem Verstummen abgerungen" wurden. Sie zeigen, so Federmair, auf eine erschütternde Weise, das die Nachkriegsliteratur kein geschlossenes Kapitel darstellt - "eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen schreibt sie bis ins 21. Jahrhundert hinein".
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