Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Englischen von Manfred Allie. Einer der Helden erfindet gemeinsam mit seinem an Aids erkrankten Freund die Geschichte der Roccamatios in Helsinki und hält ihn so am Leben: Erzählen heißt Atmen. Der Vietnam-Veteran John Morton schrubbt nachts Büros und schreibt ein Konzert für Streicher, in der seine "dissonante" Violine den Heldenpart übernimmt, denn er weiß, wie die Geige ihm half, den Krieg zu überstehen. Der Leser lernt die Alchemie der Spiegel kennen und erfährt, wie erst das Ende den wahren Charakter einer Biografie enthüllt. Immer geht es in den Geschichten um den schmalen Spalt des Möglichen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2005
Eher zurückhaltend äußert sich Rezensent Tilman Urbach über diese frühen Erzählungen Yann Martels, die jetzt in neuer Übersetzung wieder veröffentlicht wurden. Literarisch findet er die Qualität der Texte, die meist vom Sterben und dem Tod handeln, "durchwachsen". Er betrachtet sie eher als "Etüden, Kleinigkeiten, Erzählversuche", die den heute weltbekannten kanadischen Autor vor seinem Romanerfolg "Schiffbruch mit Tiger" zeigen. Als charakteristisch für den Band sieht Urbach die auf den Geschichten lastende "jugendliche Gedankenschwere". Die Texte dokumentieren für ihn zudem die stilistischen wie thematischen Umwege, die ein junger Schriftsteller zurücklegen muss, "bis sich die erzählerische Spreu vom Weizen zu trennen beginnt". Das Resümee des Rezensenten: "kein Meisterwerk - aber ein Einblick in die Anfänge eines Autors".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2005
Es sind "sichtlich Jugendwerke", schreibt Martin Halter über die vier Erzählungen, die sich Martel nach dem Erfolg von "Schiffbruch mit Tiger" aus der Schublade zu holen traute. Soll heißen: Der Enthusiasmus und die Ideen waren da, das Vermögen war vielleicht noch nicht ganz auf derselben Höhe, und das Ergebnis sind "Kreuzungen aus jugendfrischem Sturm und Drang, Orientierungssuche und konzeptualistischen Abstraktionen". Trotzdem ist der Ton der Besprechung nicht abkanzelnd, sondern lobend. Denn was Martels Erzählen nach Ansicht des Rezensenten so lohnenswert macht, ist seine innere Dringlichkeit: Martel schreibt, um "menschliche Erinnerungen" - Menschlichkeit - zu erhalten. Er will ansprechen, unterhalten, berühren und bewegen - Erzählen als "praktizierter Humanismus". Und dafür sind die frühen Erzählungen dann wieder sehr schöne Beispiele.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.07.2005
Stephan Maus hat die Erzählungen dieses Bandes vor allem als "Vorbereitungen" für Yann Martels 2003 erschienenen Roman "Schiffbruch mit Tiger" gelesen. Hier wie dort mache der Autor aus einer möglichst abstrusen Ausgangsidee eine durchaus "ergreifende" Erzählung. Im ersten Text des Bandes beispielsweise beschließen ein junger Mann und sein an Aids erkrankter Freund sich Geschichten zu erzählen, die sich ausschließlich um die (fiktive) finnische Familie der Roccamatios drehen. Mit diesem "Scheherazade-Trick" versuchen sie, die Angst vor dem Tod zu bekämpfen, erklärt der Rezensent, der sich von dem darin spiegelnden "ergreifenden Krankheitsbericht" beeindruckt zeigt. Er betont, dass sich das "Talent" Martels, aus "überkonstruierten literarischen Konstellationen" äußerst lebendige Figurenzeichnungen zu schaffen, hier klar erkennen lässt und lobt das "lockere, leichte Prosagebilde", das sich daraus ergibt. Auch die Erzählung "Spiegel für die Ewigkeit" geht von einer durchaus "bemüht konstruierten Grundidee" aus, und dem Rezensenten ist die "semi-philosophische Botschaft" mitunter doch zu dick aufgetragen. Nichtsdestotrotz beeindrucken ihn wieder die "versierte Charakterzeichnung" der Figuren und er preist, dass Martel in seinen "besten Texten" einem "sehr formalistischen Skelett" durchaus "erzählerisches Fleisch" auf die Knochen zu bringen imstande sei. Insgesamt aber hat Maus doch den Eindruck, dass es sich bei den Erzählungen noch um "verspielte Prosa-Prämissen" handelt, die erst in seinem Roman zur "mutig ausgearbeiteten Erzählung" werden.
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