Bücher der Saison
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Klappentext
Micha Brumlik legt eine Streitschrift für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur vor: Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges flohen Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, unzählige wurden Opfer von Raub, Mord und Vergewaltigung. Micha Brumliks differenzierte Analyse zeigt einen Weg, sich dieser Geschichte zu stellen und einen Ton für die Debatte zu finden, der allen Opfern gerecht wird.Die Beschäftigung mit den Vertriebenen gipfelte in den Bemühungen, ihnen mit dem umstrittenen Zentrum gegen Vertreibungen ein Denkmal zu setzen. Micha Brumlik geht es in seinem Buch nicht darum, das Leid der vertriebenen Deutschen zu relativieren. Er betrachtet es jedoch als eine beinahe notwendige Konsequenz der monströsen Vernichtungs- und Umsiedlungspolitik der Nazis. Seine Analyse stellt diese Politik in den historischen Kontext des "Jahrhunderts der Vertreibungen", vom Genozid der Türken an den Armeniern, der Deportation der Tschetschenen-Inguschen und der Krim-Tataren durch Stalin bis hin zu Bürgerkrieg und Vertreibungen im postkommunistischen Jugoslawien. Wie kein anderes Regime hatte das nationalsozialistische Deutschland diese Tendenzen bis ins Unvorstellbare gesteigert und damit ein "präzedenzloses Verbrechen" (Yehuda Bauer) zu verantworten. Sich dieser Geschichte zu stellen, so Brumlik, muss auf einen Verzicht jeder Gedenkkultur hinauslaufen, die sich allein auf die deutschen Opfer von Vertreibungen bezieht.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2005
Der Historiker Günther Heydemann bleibt in seiner Rezension auf Distanz zu Micha Brumliks Streitschrift gegen ein Zentrum der Vertreibung, auch wenn er ihm dahingehend zustimmt, dass die Vertreibung der Deutschen durch den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg ausgelöst wurde und als "fortgesetzte Verschleppung und Vernichtung der slawischen und vor allem jüdischen Bevölkerung" verstanden werden muss. Nicht einverstanden ist er allerdings mit Brumliks harschen Angriffen auf die Vertriebenenverbände. So geißele Brumlik etwa die formell noch gültige "Charta der Heimatvertriebenen" aus dem Jahr 1950 als politischen und moralischen Skandal, als "von Selbstmitleid und Geschichtsklitterung getragene, ständestaatliche, völkisch-politische Gründungsurkunde", ohne zu beachten, dass sie auch versöhnliche Momente beinhalte, wie der Rezensent meint. Auch dass Brumlik in dem geforderten Zentrum gegen Vertreibung vor allem einen "getarnten Revisionismus" erkennen will, ist Heydemann zu einseitig, zumal er einige Passagen dieser Schrift auch recht langatmig findet, andere wiederum "nicht wirklich zielführend", und Brumliks Ausführungen zum palästinensischen Flüchtlingsproblem diesem Zusammenhang sogar "fragwürdig".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.08.2005
Mit diesem Buch mache sich Micha Brumlik zum "eloquenten Wortführer" jener Kritiker, die ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin als ein nationalistisch motiviertes Konkurrenzprojekt zum Holocaust-Mahnmal ablehnen, konstatiert Paul Stauffer. Beim Versuch, die Vertreibungen der Deutschen aus den verlorenen Reichsgebieten im Laufe des Zweiten Weltkriegs als keineswegs einmalig in der Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts darzustellen, skizziere Brumlik ein "breites Panorama" der erzwungenen Migrationsbewegungen im modernen Europa, angefangen bei dem 1923 in Lausanne vereinbarten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch. Stauffer ist beeindruckt vom " großen argumentativen Scharfsinn" und der "staunenswerten Belesenheit", mit der Brumlik dem Bund der Heimatvertriebenen jegliche Ansprüche auf die Trägerschaft eines Dokumentationszentrums gegen Vertreibungen abspricht.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.03.2005
Der Autor - Jude, Bildungsforscher, Holocaust-Experte, so stellt ihn Lorenz Beckhardt vor - hat sich aus aktuellem Anlass des Themas der Vertreibung der Deutschen angenommen. Sehr detailliert, ohne Häme und ohne Beschönigung schildere Brumlik die teilweise sehr brutalen Ereignisse in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die zur Vertreibung von mehreren Millionen Deutscher aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland führten. Dennoch komme der Verfasser - und wir damit zu dem aktuellen Anlass - zu dem Schluss, dass das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen", das vom Bund der Vertriebenen gefordert wird und teilweise sogar die Unterstützung linksliberaler Intellektueller findet, ein "rückwärtsgewandtes Projekt" sei, das sich am "Selbstbestimmungsrecht der Völker" orientiere, einer einst vom amerikanischen Präsidenten Wilson propagierten Formel, die sich in den 20er Jahren bereits die Türken und dann die Nazis für Zwangsumsiedlungen zunutze gemacht hätten. Brumliks Essay sei stellenweise etwas theorieverliebt, gesteht Beckhardt ein, dafür werde der Leser aber durch dessen Exkurse in die Literatur entschädigt, die sich mit dem Thema der Vertreibung aus eigenem Erleben beschäftigt habe. Die Debatte um das "Zentrum gegen Vertreibungen" werde dieses stichhaltige Essay lange überdauern, spricht Beckhardt dem Autor ein Kompliment aus.
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