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zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Elias Khoury

Das Tor zur Sonne

Roman

Cover: Das Tor zur Sonne

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004
ISBN-10 3608936459
ISBN-13 9783608936452
Gebunden, 742 Seiten, 25,00 EUR

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Klappentext

Aus dem Arabischen von Leila Chammaa. "In den langen Wochen haben wir gemeinsam ein Haus mit Worten gebaut, wir haben ein Vaterland mit Worten gebaut und Frauen mit Worten." - In einem heruntergekommenen Wüstenlazarett erzählt ein Mann am Bett seines verwundeten Freundes gegen dessen Tod an. Er erzählt, um nicht zu verzweifeln und um nicht zu vergessen. Im Mosaik zahlreicher Lebensläufe von dem Krieg im Jahr 1948 bis weit in die neunziger Jahre erkennt man auch das Porträt einer Stadt: Beirut. Elias Khoury durchleuchtet den palästinensisch-israelischen Konflikt mit Mut und Weitsicht. Ihm gelingt es, Krieg, Zerstörung und Leid auf die Geschichten von Menschen zurückzuführen, die ineinandergreifen und jede simple Schuldzuweisung unmöglich machen.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004

Ein "facettenreiches Panorama des palästinensischen Schicksals von Flucht und Vertreibung" erblickt Rezensent Joseph Croitoru in diesem über siebenhundert Seiten langen Roman des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury. Zwar fasse Khoury, der selbst zum palästinensischen Widerstand gehörte, dieses "durch und durch politische Thema" keineswegs mit Samthandschuhen an, aber er gehe auch äußerst kritisch mit den Palästinensern um. Plakative Heldenverehrung suche man hier vergeblich. Als "riesiges Mosaik von Erinnerungsbruchstücken" beschreibt Croitoru diesen Roman mit seinen zahlreichen, weitverzweigten Handlungsstrecken. Gelungen findet er ihn allerdings nur streckenweise. So kritisiert er etwa, dass die biografische Gestaltung der Figuren, die deren mangelnde psychologische Ausformung als Charaktere nicht ersetzen könne, "häufig viel zu fragmentarisch" bleibe. Dass viele Details, die des besseren Verständnisses halber in einen Abschnitt zusammengehört hätten, über das ganze Buch verstreut sind, mache die Lektüre bisweilen "recht mühsam". Mit seinem Roman wolle Khoury der palästinensischen Erinnerung ein literarisches Denkmal setzen. Ein Unterfangen, das er nach Ansicht Croitoru nur teilweise realisieren konnte. In der Vielstimmigkeit der divergierenden persönlichen Geschichtsversionen nämlich gehe nicht selten die Historie verloren. Für Croitoru ein "trauriges Gleichnis über die Befindlichkeit eines entwurzelten Volkes".

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2004

Für Martin Zähringer hat Elias Khoury mit "Das Tor zur Sonne" den großen Roman zur großen "Katastrophe" geschrieben, wie die Palästinenser ihre Vertreibung aus Israel im Jahre 1948 bezeichnen. Wie der Rezensent berichtet, hat Khourys selbst lange Zeit in den libanesischen Flüchtlingslagern gelebt und kennt somit all die mündlich überlieferten Erzählungen, die nicht selten, so Zähringer, zwischen "geschichtsblinder Heldenmythologie und gegenwartsvergessener Selbstkasteiung" schwanken. In dem Roman nun erzeugen sie ein "einzigartiges historisches Panoptikum", begeistert sich Zähringer. Hauptfigur ist der Erzähler Khalil, langjähriger Kämpfer für die palästinensische Sache, der jetzt, wo der Kampf zu Ende sein soll, in eine schwere Identitätskrise gerät. Er pflegt seinen Ziehvater, den sagenumwobenen Volksheld Yunus, der nach einem Schlaganfall im Koma liegt und mit dessen siechem Körper auch der Mythos dahinschwindet. Einen "Wirbeltanz" sieht der Rezensent in diesem Roman, mythisch, aber "poetisch kontrolliert", "erschreckend und faszinierend".

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004

Die Lektüre dieses Buches findet die Rezensentin Edith Kresta zwar recht anstrengend - die 742 Seiten über palästinensische Lebensläufe erfordern "viel Geduld und Durchhaltevermögen" - doch die Mühe lohnt sich, denn das Buch liefert ihrer Ansicht nach "ein vielstimmiger Chor der Erinnerung, ein Mosaik aus Lebenserfahrungen". Das führt zwar dazu, dass bisweilen die "psychologische Feinzeichnung der Figuren verloren geht", doch trotzdem - oder vielleicht auch deshalb - führt der Roman anschaulich vor Augen, wie "die Perspektive und Identität der Einzelnen längst im Strudel des Nahost-Konflikts erstickt ist", wie Kresta lobt. Im Zentrum der Erzählung stehen der desillusionierte Khalil, Krankenpfleger in einem Palästinenserlager und sein älterer, sterbenskranker Freund Junes, der zumindest noch von vergangenen Hoffnungsschimmern zehren kann. Kresta erwähnt lobend, dass in diesem Buch des Ex-PLO-Kämpfers und bedeutenden libanesischen Gegenwartsautor Elias Khoury auch die Leiden der israelischen Seite nicht unter den Tisch gekehrt werden - auch wenn die Erfahrungen der Palästinenser in den Lagern im Vordergrund stehen.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Jörg Plath hatte viel erwartet und ist enttäuscht. Elias Khoury, berichtet er, wird hoch gehandelt und gilt vielen als einer, der "das palästinensische Drama" literarisch in die Wahrnehmung der Welt einschreiben wird. Vertreibung, Flüchtlingslager, Folter, Wahnsinn, Entwurzelung - all das, so Plath, ist Teil des langen Monologes, den der Arzt Khalil Ayub am Krankenbett eines im Koma liegenden alten Fedajin-Kämpfers hält. Unzählige Einzelschicksale verknüpfe Ayub in seiner unentwegten Rede zum Mosaik eines "kollektiven Schicksals", doch es tue sich ein Riss auf zwischen Arzt und Patient, der mitten durch das palästinensische Volk geht. Denn Ayub ist ein "Nachgeborener", der zwar selbst gekämpft hat, aber den ewigen Heroismus der vertriebenen Generation nicht ertragen kann, der die Lebensgeschichte des Greises hinterfragt. Elias Khouri, schreibt der Rezensent, ergreift "Partei für die postheroische Generation, die aus dem Gefängnis der Erinnerungen an eine Heimat, die sie nie kennen gelernt hat, ausbrechen will". Doch seine Kritik, meint Plath, ist - so sehr sie die palästinensiche Leserschaft spalten mag - zu generell, zu "kraftlos". Khouri setze allein auf die "Kraft der Schicksale", doch diese ähneln einander. Und weil auch die Personen bloß Staffage in der kollektiven Tragödie sind", so Plath weiter, "wälzt sich der Monolog mit erschreckender Eintönigkeit dahin". Fazit: literarisch ein Misserfolg.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004

In seinem Roman "Das Tor zur Sonne" zeichnet der libanesische Autor Elias Khoury anhand der Lebensgeschichten des Arztes Khalil und des im Sterben liegenden "Helden des Befreiungskampfs" Yunus die wechselvolle und verwirrende Geschichte des palästinensisch-israelischen Krieges nach, erklärt Thomas Thiel in der Rezension des Buches. Um diese beiden Hauptfiguren sind die Geschichten vieler Flüchtlinge gruppiert, die die Intention des Autors deutlich machen, diese fragmentarischen Flüchtlingsgeschichten dem Vergessen zu entreißen und damit einen "Gedächtnisschwund aufzuhalten", erläutert Thiel weiter. Dabei stellt er angetan fest, dass Khoury keineswegs in die "Genrefalle der Heldenepik" tappt und sich sowohl vor "Heldenverklärung" als auch vor "simplen Schuldzuweisungen" zu schützen weiß. Deshalb gefällt Thiel diese "vielstimmige und in der Aussage stets offen gehaltene Geschichte" und trotz der sich mitunter etwas verzettelnden vielen Einzelschicksale, von denen berichtet wird, haben ihn die "kraftvollen Sprache" und die "ironisch gebrochene Erzählhaltung" des Autors überzeugt.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.09.2004

Der Roman ist dick, rund, groß, schön und schwer, wie sich das für ein richtiges Epos gehört, das auf 750 Seiten die Geschichte des palästinensischen Volkes seit der Vertreibung aus ihren Dörfern im Jahr 1948 erzählt. Ebenso gut könnte man "Das Tor zur Sonne", meint Rezensent Dieter Hildebrandt, aber auch als "Scheherezade im Flüchtlingslager" bezeichnen, was dem orientalisch-aus- und abschweifenden Erzählstil und den komischen Aspekten dieser Geschichten wohl eher gerecht wird. Dennoch sei der libanesische Autor, der in New York arabische Literatur und Komparatistik unterrichtet, auch ein in allen modernen Schreibverfahren bewanderter Autor, betont Hildebrandt, der aus dem Geflecht der vielen Schicksale und Geschichten aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Schatila bei Beirut allmählich eine Geschichte webe, eine Liebesgeschichte, die zwischen einem untergetauchten Kämpfer und seiner im Dorf verbliebenen Frau stattfindet. Khoury hat für sein Buch zahlreiche Interviews in Flüchtlingslagern geführt, weiß Hildebrandt, dennoch hafte dem Roman nichts Dokumentarisches an. Der Rezensent sieht "Das Tor zur Sonne" vielmehr als ein Produkt "kritischer Empathie", eines "patriotischen Kosmopolitismus" und vor allem als einen "großen Roman".

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