Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Wenedikt Jerofejew

Aufzeichnungen eines Psychopathen

Cover: Aufzeichnungen eines Psychopathen

Tropen Verlag, Köln 2004
ISBN-10 3932170636
ISBN-13 9783932170638
Gebunden, 191 Seiten, 17,80 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Mit einer editorischen Notiz von Sergei Gladkich. Die Aufzeichnungen bringen dem Leser in berührender Weise den Autor von "Die Reise nach Petuschki" in all seiner Zerrissenheit und Größe nahe. In einer Zeitspanne von knapp zwölf Monaten verfasst, stellen die "Aufzeichnungen eines Psychopathen" das zugleich traurige und beißend komische Werk eines jungen Mannes dar, der sich auf die Suche nach Liebe und nach sich selbst begibt. Der Rat von einem guten Freund seines Vaters begleitet ihn auf seinem Weg: "Fühlen muss man klug, nicht mit dem Kopf, aber klug."

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2004

Mit einiger Faszination (und manchmal auch schaudernd) ließ sich Kerstin Holm von Wenedikt Jerofejews Tagebüchern "durch die unappetitlichsten Niederungen unseres molekularen Daseins" tragen. Die Aufzeichnungen dieses Philosophen des Alkoholismus erlebte die Rezensentin als "Visionsstrom", der feste Verankerungen im schnöden Diesseits vermeiden würde. "Absprungrampe" in diese Flugübungen eines Bewusstseins, das "seinen orientalisch anmutenden Widerwillen gegen das spätsowjetische Erdengefängnis" durch systematischen Suff therapiert habe, sind aus ihrer Sicht die späten Fünfziger Jahre, als das Ende des stalinistischen Heroismus gekommen war. Mit Hingabe sieht die Rezensentin den bekennenden Alkoholiker aus dem sowjetischen Askeseparadies in gärenden Urschleim entkommen und sich Dreckpfützen suhlen. Leider verspinnt Jerofejew für ihren Geschmack in seinen Texten allerdings zu viel leeres Stroh zu größenwahnsinnigem Gold.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.08.2004

"Wie hat es dieser versoffene, verbockte Literatur-Junkie geschafft, das System zu überleben?". Das müsste sich nach Meinung von Rezensentin Sonja Zekri eigentlich jeder Leser nach der Lektüre von Wenedikt Jerofejews Tagebuchaufzeichnungen schockiert fragen. In "finstersten Farben" und "magenumstülpendem Realismus" schildere Jerofejew nämlich seine harte Jugend in der russischen Provinz Ende der fünfziger Jahre. Dreizehn Monate umfassen seine Aufzeichnungen, Jerofejew steht gerade am Anfang seines steilen "Wegs nach unten". Auch wenn es wieder nur um "Schreckliches Leben, Daneben-Benehmen, Suff" gehe, also um Themen, die momentan "haufenweise" in der russischen Literatur zu finden seien - Jerofejew ist laut Zekri "anders". Denn als diese Aufzeichnungen entstanden, war die Drastik "noch keine literarische Pose, sondern eine Enthüllung". So seien auch die Aufzeichnungen Jerofejews überhaupt nur erhalten, weil sie der KGB zweimal bei "Hausdurchsuchungen übersehen" hatte. Abgesehen davon ist Rezensentin Zekri von Jerofejews Sprachgewalt beeindruckt und lobt den "eleganten Sprachwitz" und den "wiegenden Rhythmus" (leider verliert sie kein Wort über die Übersetzung). Hier zeige sich, so befindet Zekri, der "kommende Virtuose". Ebenso zeige sich auch die Tragik in Jerofejews Leben, der dank seiner "Totalverweigerung des Systems" von der Universität flog und sein Leben als "Heizer, Leerguthändler" und Autor "nie gedruckter Werke" zu fristen hatte. Folglich, so bemerkt Zekri, sind diese Aufzeichnung nicht nur brüllend komisch, sondern auch "todtraurig".

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.06.2004

Ein Roman ist es nicht, erklärt Ilma Rakusa, auch nicht wirklich ein Tagebuch, sondern ein "buntes Gemisch von Selbstgesprächen, Erzählungen, Notaten und dokumentarischen Skizzen" und einiges mehr. In jedem Fall, verspricht die enthusiastische Rezensentin, wird der Leser "wundersame Überraschungen" erleben. Jerofejews Aufzeichnungen erinnern nicht nur im Titel an Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", schreibt Rakusa, aber Jerofejews Text ist mehr von "Größenwahn und Schwermut" geprägt. Er erzählt nicht nur von der eigenen Befindlichkeit, sondern vom Zustand der russischen Gesellschaft in den fünfziger Jahren. Hingerissen beschreibt Rakusa das rhetorische Register über das Jerofejew verfügt: "Es wird hysterisch gelacht ('hä-hä-hä', 'hia-hia-hia', 'hi-hi-hi'), vulgär geschimpft und elegisch gejammert, der delirante Furor bedient sich der Hyperbel, um rasend komische Szenen zu entwerfen, und gerät die Sinnkohärenz ins Wanken und der Wortfluss ins Stocken, regiert die Lakonie von Sätzen wie: '. . . aber ich will ja nicht, dass ich will . . .' oder 'Geht das denn - zu zweit allein?'." Unbedingt lesenswert!

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mehr Bücher aus dem Themengebiet

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Havanna im SpiegelAlma Guillermoprieto: Havanna im Spiegel
Aus dem Spanischen und Englischen von Matthias Wolf. 1970 verließ die junge Mexikanerin Alma Guillermoprieto ...

Buch: Klar bin ich eine Ost-Frau!Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau!
Martina Rellin hat sich mit Frauen aus dem Osten darüber unterhalten, was sie wirklich bewegt, wie sie ihr ...

Archiv: Bücherschauen

Das Gegenglück, der Geist

09.02.2010: Großer Bahnhof für J.M. Coetzee: Zu seinem Siebzigsten preisen FAZ, FR, NZZ und SZ den neuen autobiografischen Roman "Sommer des Lebens" als "grandios", "raffiniert" und "wahrste, kühnste und unterhaltsamste Literatur". Sehr lieb ist der NZZ die Anti-Hysterie von Arno Geigers Eheroman "Alles über Sally". Die taz feiert Amir Hassan Cheheltans großartigen Roman "Teheran Revolutionsstraße". Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

08.02.2010: Großartig erzählt Christopher Isherwood in "Löwen und Schatten" von seiner Schul- und Studienzeit in London und Cambridge in den zwanziger Jahren, von seinen ersten Schreibversuchen und seinen ersten Freunden und Liebhabern. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen

Miljenko Jergovic: Freelander

01.02.2010: Karlo Adum heißt der Held in Miljenko Jergovics neuem Roman "Freelander". Er ist ein pensionierter Lehrer und begibt sich eher widerwillig auf eine Irrfahrt durch Kroatien nach Bosnien und Herzegowina. Zu einer Testamentseröffnung. Lesen Sie hier einen Auszug.
Mehr lesen

Alain Mabanckou: Black Bazar

25.01.2010: Alain Mabanckou erzählt in seinem Roman "Black Bazar" sehr selbstironisch von den Träumen afrikanischer Männer, die in Paris ihr Glück suchen. Und hin und wieder auch einen Rückschlag verschmerzen müssen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Archiv: Buchautoren