Bücher der Saison
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Klappentext
Paul Wührs großer Zyklus Venus im Pudel verhandelt neu über das Paar, über Ehe, Familie, Kirche und Staat. Streng und frivol zugleich wird nahezu alles von Ihr und von Ihm erzählt, vorgespielt und dargestellt.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.09.2000
In seiner Rezension versucht Lutz Hagestedt vor allem die Unterschiede zwischen diesem Band und früheren Werken Wührs herauszukristallisieren. So stellt er beispielsweise fest, dass es „Erotismus“ für Wührs Dichtung nicht neu ist, dass jedoch erstmals hier eine „hohe Systematik“ eine Rolle spielt. Hagestedt erläutert dem Leser, dass die verschiedenen Diskurse, die sich im Allgemeinen mit Sexualität und den Geschlechterrollen befassen (also z. B. Philosophie, Theologie, Medizin, Psychologie u. a.) von Wühr hier aufgenommen, gebündelt und eigene Poesie gleichsam darauf reagieren bzw. mit ihr konkurrieren lässt. Herausgekommen sei ein „Großgedicht aus mehr als 500 Einzeltexten“ (die wiederum aus kleinen Zyklen bestehen), dessen Gesamtkonzeption „leichter, luftiger und gelöster“ wirke als bei früheren Bänden. Die besondere Stärke des Bandes liegt für Hagestedt in der Wechselwirkung von kleinen und größeren Ebenen, von Bezügen und Kontexten, durch die der „Hallraum der Wörter“ sich seiner Meinung nach immer mehr erweitert und etwas Einmaliges deutlich wird, „nämlich wie Bedeutung entsteht“.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2000
Im Gegensatz zu Enzensberger oder Rühmkorf, findet Rezensent Friedmar Apel, gilt Wühr als der "große Unzeitgemäße seiner Generation". Vielleicht, mein Apel, weil Wühr sich nie "als Gärtner im totgesagten Park" verstanden habe. Dann nimmt der Rezensent das Seziermesser und beginnt, Wührs Dichtung zu zerlegen: zum Zweck der Vorführung. Zunächst ergibt das Unternehmen noch messerscharfe Formulierungen. Bald aber blickt man bloß noch auf unansehnliche Einzelteile, die auf dem Seziertisch des Lyrikpathologen liegen. Den Gedichten dieses "hochgelehrten und im umfassenden Sinne aufgeklärten" Autors, die er doch eigentlich loben wollte, hat der Rezensent damit keinen Gefallen getan.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.06.2000
Lob und Apologie zugleich ist Jörg Drews Besprechung. Ein Lob zunächst auf die Poesie des "Anarchisten" und "ewig unruhigen Kopfes" Wühr, dann aber auch Apologie für die Obszönität, mit der selbiger die Liebe und "das Paar" hier, laut Drews, abhandelt. Eine siebenhundert Seiten starke Sammlung von "Gedichten", die zwar das älteste Thema, nicht jedoch alte Formen ihrer poetischen Gestaltung aufnehmen - wie soll man sich das vorstellen? Drews bezeichnet das Buch als "Kraftfeld von Fragen und Spielen in Form von inszenierten Dialogen, hingeworfenen Ideen, Gedankenspielen" und "Frechheiten", die sich allesamt drehen um die Geteiltheit von Geist und Fleisch, um Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit, Ihn und Sie in einer Welt, die sich "ins nur noch Virtuelle auflöst". Die Belesenheit des Autors, so legt Drews nahe, ist ebenso beeindruckend wie seine Kenntnis des neuesten Stands "naturwissenschaftlicher Erkenntnis" und sein unbedingtes Festhalten am Kern der Liebe wie der Poesie. Die drei in der Besprechung zitierten Gedichte sind in der Tat weniger klassische Liebeslyrik als Erkenntnis- und Anschauungsschritte, mal auf Kafka zielend, mal auf den weiblichen Körper. Den Nachweis der Obszönität, von der Drews mehrfach spricht, bleiben sie jedoch schuldig, vielleicht, weil der Rezensent keine Neugier von der falschen Seite anstacheln wollte. Aber welche sollte das sein für einen Autor, der, wie es aussieht, den Voyeurismus männlicher Provenienz durchaus nicht verurteilen würde?
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.05.2000
Gleich mit Ovids "Ars amatoria" nennt Samuel Moser die voluminöse 700seitige Gedichtsammlung von Paul Wühr in einem Atemzug: "Venus im Pudel" sei "ein Standardwerk der Liebe" im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Von der Jungfern- bis zur Leihmutterschaft, von der Bibel bis zur Pornoindustrie durchforste und durchstöbere Wühr alle Ebenen der Lust, der Sexualität, der Reproduktion, des Platonismus, nichts sei ihm heilig - bis auf das Gedicht, das er aus "schier nichts zum Klingen bringt". Moser gerät immer mehr ins Schwärmen, als habe ihn der Sog des Buches auf einer warmen Strömung dahingetragen: Wühr die Arbeitsmaschine, Wühr der Zweitverwerter, Wühr der souveräne Dichter, der den "Garten der Lüste" mit einer ihm eigenen Logik in einen phantastischen Irrgarten verwandelt.
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