Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2003
Der Göttinger Wallstein-Verlag macht sich auf unakademische Weise um Gotthold Ephraim Lessing und die Germanistik verdient. Neben Karl S. Guthkes Ausführungen über "Lessings Horizonte" erscheint nun im gleichen Verlag ein essayistisch angehauchtes Bändchen, das sich in drei persönlich gehaltenen Aufsätzen der Ringparabel aus "Nathan der Weise" annimmt. Sowohl für Navid Kermani als auch für Angelika Overath spielt die Tatsache des Mediums Märchen eine große Rolle, erläutert Kronauer. Nathan erzähle das Märchen, um sich zu retten, und würde damit, zitiert Kronauer Kermani, zum "ersten Makler der Humanität". Der Despot wiederum sonne sich in seiner Mitmenschlichkeit, insofern habe Lessing die Rezeption seines Stückes bereits vorweggenommen, pflichtet Kronauer dem Autor bei. Für Overath hänge die Botschaft Lessings noch enger mit dem Medium Märchen zusammen, da gerade die poetische Form den utopischen Gehalt frei formulieren und als Anspruch offen halten könne. Robert Schindel hingegen reagiert eher düster, aber in eindringlichen poetischen Bildern auf die Ringparabel, berichtet Kronauer, eine Bestandsaufnahme humanistischen Denkens kurz vor Ausbruch des Irakkrieges, die den Verlust humanistischer Utopien ahnen lasse.
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