Lange vor 1933 hatten life sciences wie Psychiatrie, Kriminalbiologie, Hirnforschung, Anthropologie oder Biologie "Rasse" als wissenschaftliches Objekt entdeckt. In Deutschland waren Kaiser-Wilhelm-Institute führend an der Rassenforschung beteiligt. Trotz mancher gemeinsamer Grundelemente gab es kein einheitliches wissenschaftliches Rassenkonzept. In diesem Band wird die Vielzahl konkurrierender Konzepte herausgearbeitet, die sich im Hinblick auf die Einteilung und Abgrenzung von "Rassen" und ihre Annahmen über die Ursachen der Entstehung, Wandelbarkeit, Wirkung von "Rassenmischung" und Vererbungsgänge deutlich voneinander abhoben. Die Kontroversen rissen auch im "Dritten Reich" nicht ab. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffneten sich der Rassenforschung ganz neue Möglichkeiten. Ihre Ergebnisse und Empfehlungen schlugen sich jetzt unmittelbar auf den verschiedensten Politikfeldern nieder. Es formte sich eine wissenschaftlich angeleitete, begleitete und ausgewertete Rassenpolitik heraus. Die Autorinnen und Autoren des Bandes spüren den diffizilen Wechselwirkungen zwischen politischer und wissenschaftlicher Praxis nach und fragen, inwieweit die NS-Erb- und Rassenpolitik der Rassenforschung unter dem Dach der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Ziel und Richtung gab und umgekehrt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.07.2004
Ulrike Baureithel zeigt sich von diesem Sammelband, der die Rassenforschung an den Kaiser-Wilhelm-Instituten (KWIs) vor und nach 1933 untersucht, sehr eingenommen. Zunächst einmal wird in den einzelnen Beiträgen zu verschiedenen Forschungsrichtungen der KWIs deutlich, dass es keinen einheitlichen "Rassenbegriff" gab, sondern dass dieser höchst "elastisch" war, stellt die Rezensentin klar. Die Autoren beschäftigen sich in ihren Aufsätzen mit der "wechselseitigen komplizierten und teilweise höchst verwirrenden Instrumentalisierung" der Rassenforschung durch die Politik, die schließlich in den "verbrecherischen eugenischen Programmen" der Nationalsozialisten gipfelte, so Baureithel weiter. Doch mache der Sammelband auch klar, dass es nicht nur "schlechte" oder "Pseudoforschung" an den KWIs gab, informiert die Rezensentin. Baureithel findet das Buch deshalb so "außerordentlich wertvoll", weil es wichtige Anregungen für "heutige Debatten" zum Thema des wissenschaftlichen Einflusses auf Menschen, die nicht immer "einwilligungsfähig" sind, gibt. Abschließend erinnert die Rezensentin noch einmal an den "Skandal", dass Wissenschaftler, die bei ihren Forschungen an den KWIs an "medizinischen Verbrechen" der Nationalsozialisten beteiligt waren, nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt weiterforschen konnten und dafür mitunter "höchste Meriten empfingen".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.09.2003
"Rassenforschung ist nicht gleich Rassenforschung", das zeigt dieser Band, meint Rezensent Robert Jütte. Im Zentrum steht, so erfährt man vom Rezensenten, die Frage, welche Rolle dem vagen Begriff "Rasse" an drei verschiedenen sogenannten "Kaiser-Wilhelm-Instituten" vor und nach 1933 zukam. Dabei zeige sich zum einen, "dass es weder in der Weimarer Republik noch im Dritten Reich ein einheitliches wissenschaftliches Rassenkonzept gab". Selbst "in ein und derselben Forschungsinstitution wurde der Begriff 'Rasse' je nach Kontext unterschiedlich angewandt". Außerdem zeige sich, dass etwa "die kriminalbiologische Forschung an der Münchner Forschungsanstalt den Kritikern in der nationalsozialistischen Machtelite Argumente dafür" geliefert habe, ",Kriminalität nicht als Indikation für eine Zwangssterilisation gelten zu lassen", und mancher "Rassenforscher" habe den Nationalsozialisten gar nicht gepasst. Gleichwohl lässt der Band auch keinen Zweifel daran bestehen, so der Rezensent, dass einzelne Kaiser-Wilhelm-Institute "an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren". Beispiele dafür ließen sich in diesem Buch "zuhauf" finden.
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