Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2003
Micha Brumliks Plädoyer für eine Wiederbelebung der Tugendethik schießt nach Ansicht von Rezensent Michael Schefczyk ein wenig über sein eigentliches Ziel hinaus. Wie er ausführt, ist für Brumlik nicht der Mangel an "Wertewissen" für undemokratische Verhaltensweisen verantwortlich, sondern das Fehlen "moralischer Gefühle". Doch statt nun zu zeigen, wie demokratische Tugenden gelernt werden können, gehe es Brumlik mehr um die normative Fundierung der Pädagogik in einer "Theorie der Tugend". Ein Grundlegungsanspruch, der den Text wesentlich "ambitionierter und komplizierter" mache, als es Schefczyk zunächst erwartet hat. Brumliks Ausführungen über Soziobiologie und genetischen Strukturalismus, existenzphilosophischen Elementen einer Theorie der Erwachsenenbildung und Luhmanns Systemkonzept, Blochs Utopiebegriff und Monteverdis Oper findet Schefczyk zwar "imponierend", aber auch "verwirrend". Über die Tugenden selbst erfährt man zum Bedauern des Rezensenten wenig Konkretes. Dass die temperantia, die Tugend der Besonnenheit oder der Mäßigung, sich, wie Brumlik meint, in den sozialwissenschaftlichen Begriff der Identität auflösen lasse, erscheint Schefczyk nicht plausibel und auch Brumliks Ausführungen zu den übrigen Tugenden leuchten ihm nicht immer ein.
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