Bücherschau der Woche
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All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. In einem griechischen Bergdorf am Hang des kleinasiatischen Olymp fing alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, die Geschwister Eleutherios und Desdemona Stephanides, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, weiter nach Amerika. Es ist das Jahr 1922. Auf dem Schiff, weit weg von allem, erschaffen sie sich als einander Unbekannte neu: Sie heiraten, verbringen ihre erste gemeinsame Nacht in einem Rettungsboot.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.05.2003
Ulrich Greiner wagt es, sich von Jeffrey Eugenides' preisgekrönten Roman derart unbeeindruckt zu zeigen, dass man seine Besprechung beinahe einen Verriss nennen könnte. In dem Roman, dessen allwissender, gottähnlicher Erzähler und Hermaphrodit Cal Stephanides die "Odyssee eines fehlgeleiteten Chromosoms von der Urzeit seiner Vorfahren bis in die Gegenwart des eigenen Körpers verfolgt", gesteht Greiner, ist "vieles lehrreich, einiges amüsant, manches traurig". Doch im Grunde will dem Rezensenten nicht klar werden, worauf das Ganze hinauslaufen soll: Die Erzählung fließt munter vor sich hin, ein Ziel oder eine logische Begrenzung ist nicht zu erkennen, bemängelt Greiner: "Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen." In Anlehnung an die Sport Utility Vehicle sieht Greiner in dem 733-Seiten starken Buch so etwas wie einen SUV-Roman, der den Leser mit Allrad-Antrieb durch die Geschichte rauschen und rutschfrei ins "Gebirge der Genetik" und der griechischen Mythologie klettern lässt. "Fahr- und Lesespaß sind nicht gering, obgleich Aufwand und Ertrag in keinem sehr günstigen Verhältnis zueinander stehen", resümiert der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.05.2003
Neben Jonathan Franzen zählt Jeffrey Eugenides zu den hochgehandelten US-amerikanischen Autoren, soeben mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Und wie bei Franzen, bemerkt Harald Fricke, ist bei Eugenides keinerlei Ironie, sondern nur "tiefe Wortwörtlichkeit" zu finden. Dafür werde der konfliktreiche Stoff mit außerordentlicher Gelassenheit dargestellt. Denn weder Hetero- noch Homosexualität taugen als Lösung für den Hermaphroditen Cal, der als Mädchen geboren und erzogen wurde und im Verlauf des Romans seine innere Wandlung und Entscheidung für ein Leben "als Mann mit kleinen physischen Mängeln" durchlebt. Das große Thema Eugenides' ist die Transformation, meint Fricke, eingebettet in die Zeitläufte der 20. Jahrhunderts: die Transformation der Eltern von griechischen Einwanderern zu amerikanischen Bürgern, Cals schmerzhafte Adoleszenz und sexuelle Transformation in den siebziger Jahren. Eugenides' Protagonist Cal begibt sich mit seiner Entscheidung für eine männliche Identität und für die sexuelle Selbstbestimmung außerhalb des gängigen Gender-Diskurses, meint Fricke, der an Foucaults großen Hermaphrodismus-Essay erinnert, wonach es das "wahre Geschlecht" gar nicht geben könne. In der Erzählung, im Epos (Calliope war die Muse des epischen Gesangs) schon - für Fricke ein "Glücksmoment der Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.05.2003
Als "höchst raffinierten Entwicklungsroman" würdigt Rezensent Guido Graf Jeffrey Eugenides? Roman "Middlesex". Mit der verwickelten Geschichte um den Hermaphroditen Cal Stephanides erzeuge Eugenides die "Suggestion einer Lebenstotalen von schier unendlicher Tiefenschärfe", konstatiert Graf. Was den Roman vorantreibe, erklärt er, seien seine weißen, seine blinden Flecke, seine Unwahrscheinlichkeiten, das Unausgesprochene der Sehnsucht, zwischen den Polen Erziehung und Vererbung nicht entscheiden zu müssen und trotzdem ein Ich aufzufinden. Beeindruckt zeigt sich Graf insbesondere von der Komposition und Sprache des Romans, die Eugenides auf der Basis einer weit ausholenden, alles in sich aufsaugenden Geschichte mit "durchtrainierte Artistik" handhabe. Eugenides geht es nach Ansicht Grafs im Kern darum, zwischen der heutigen Genetik und der klassischen griechischen Vorstellung von Schicksal eine Analogie zu ziehen. Doch anders als in der Ovidschen Fassung des Mythos von Hermaphroditos erscheine bei Eugenides die Frage nach der Identitätsfindung fast nur als eine grammatische, die vom doppelten Geschlecht des allwissenden Erzählers beantwortet werde.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.05.2003
"Anstrengend" und "berührend" heißen die Adjektive, die Gustav Seibt in seiner ausführlichen Besprechung dieses soeben mit dem "Pulitzer-Preis" geehrten Romans einfallen. Für "anstrengend" stehen auch "überambitioniert" oder "uncool", womit Eugenides' Rückgriff und Absicherung durch die griechische Mythologie gemeint ist. "Berührend" hingegen findet Seibt die Geschichte des Erzählers Cal (von Calliope), einem Hermaphroditen; geradezu "cool" und "postpostmodern" sei es, schwärmt Seibt, wie Eugenides diese berührende Außenseitergeschichte zum einen im griechisch-amerikanischen Einwanderermilieu ansiedele und mit den großen Themen seines Landes im 20. Jahrhundert verbinde, und wie er sie zum anderen als "Naturgeschichte einer Familie" auf dem neuesten Stand der Biogenetik erzählt. Dieser naturalistische Strang des Buches gehört für Seibt zum lesbaren Teil des Buches: spannend, anrührend, häufig virtuos und komisch formuliert. Bewundernd äußert sich Seibt darüber, wie es Eugenides schafft, das Determinismus-Thema seines Hermaphroditen mit dem Zeithintergrund der 70er Jahre zu verquicken. Es lässt ihn gnädig über das "überambitionierte Drumherum" hinwegsehen. Seibt vergleicht den Roman mit einem Designeranzug, in den sich der in die Stadt gezogene Provinzler zwängt, um der hippste von allen zu sein: ein Fall von Überanpassung, der bei näherer Betrachtung eine sympathisch menschliche Seite enthüllt.
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