Bücher der Saison
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Klappentext
Eine Reise zurück in die Nazi-Zeit: Die Erzählerin sucht nach den Spuren ihrer an Schizophrenie erkrankten Großmutter, die während des Krieges in einer psychiatrischen Anstalt verschwand und aus dem Familiengedächtnis gelöscht wurde. Und dabei stößt sie in den Akten auf eine Frau, die ihr auf alarmierende Weise ähnlich ist.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2002
Ijoma Mangold kann sein Unbehagen nicht verhehlen angesichts dieser Erzählung, in der eine junge Ärztin versucht, etwas über ihre Großmutter herauszufinden, die offensichtlich als Patientin der Psychiatrie dem "Euthanasie-Programm" der Nazis zum Opfer gefallen ist. Mangold wirft der Autorin vor, dass sie alles in ihrer Erzählung weggelassen habe, was "über die Knochenumrisse eines Röntgenbildes hinausgeht". Durch die Form, in der Tonbandprotokolle und Krankenhausakten mit dem Bericht der Ich-Erzählerin verknüpft sind, wirkt das Buch, als sei es "mehr Dokumentation als Fiktion", moniert der Rezensent, der gesteht, das er es insgesamt "deprimierend langweilig" fand. Für Mangold ist die Geschichte allzu "mechanische" Vergangenheitsbewältigung. Er sieht eine besondere Gefahr im "inversen Pathos", das entsteht, wenn ein derart "orthodoxer Purismus" gepflegt wird, wie es die Autorin tue. Wenn nämlich nur "leise Sätze" gesagt werden, bekommen diese ein besonderes Gewicht, und hier droht dann der Umschlag vom Pathos in die "Banalität", erklärt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002
Ein wenig ambivalent bespricht Iris Radisch dieses Buch der österreichischen Ärztin über die Suche nach ihrer in Hadamar angeblich an "Herzversagen" gestorbenen Großmutter. Sie findet einen "durch Sprödigkeit bestechenden - literarischen Arztbericht", Tonbandprotokolle mit der Mutter und eine im "damaligen Anstaltsdeutsch" verfasste "Krankengeschichte". Man weiß nicht recht, ob sie die unmögliche "nachträgliche Beseelung im Brutkasten der Literatur" bedauert, oder ob sie sie als angemessen empfindet. Nicht das Leben der Großmutter wird am Ende auffindbar, schreibt Iris Radisch, sondern in den Blick kommt der "norwegische Gastvater der Erzählerin (früher Mitläufer, heute Alkoholiker)". Man weiß nicht recht, was die Rezensentin meint, wenn sie sagt: "auf die Unerlöstheit der Großeltern folgt die Mutlosigkeit der Enkel". Oder hält Iris Radisch die Zweifel der Autorin, dass nämlich "nichts" weiter passiert wäre, hätte sie, die der Großmutter "wie aus dem Gesicht geschnitten ist", sich in der Großmutter wiedergefunden, für diese "Unerlöstheit" und "Mutlosigkeit"?
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
Ein Buch über die nationalsozialistische Vergangenheit - fast schon ein eigenes Genre, meint der Rezensent Peter Demetz. Die Autorin aber geht "ihren eigenen Weg". Der nimmt seinen Anfang mit der Recherche einer österreichischen Ärztin in einer Anstalt für Geisteskranke, in der in den Kriegsjahren ihre Großmutter festgehalten wurde. Sie forscht in den Akten, sie findet den Totenschein, aber keine weiteren Umstände des Todes. Raffiniert ist der Text komponiert, bescheinigt der Rezensent, die Erzählerin bleibt "eine Figur unter anderen", gegen Chronologie und narrative Einlinigkeit bilden sich nach und nach "Analogien" oder gegenseitige Kommentierungen. Zwei Sprachformen dominieren: der Monolog und die erstarrte Behördensprache. Das ganze ergibt, so Demetz, einen "vielstimmigen Roman", der schmal ist, aber alles andere als ohne Gewicht.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.09.2002
"Das Umstellformat" ist die dritte Erzählung der Psychiaterin Melitta Breznik. Rezensent Andreas Breitenstein fand den autobiografischen Erstling der Österreicherin von 1995 und den 1999 erschienenen Erzählband über Menschen auf der Schwelle des Verschwindens bereits sehr beachtlich und bescheinigt der Autorin auch in der Neuerscheinung großes literarisches Talent. Mit viel Einfühlungsvermögen wagt sich Breznik dieses Mal an einen blinden Fleck in ihrer Biografie, der noch weiter zurückliegt als der Ausschnitt, der Thema ihres ersten Buches war, berichtet der Rezensent. Es geht darum, die Spuren ihrer Großmutter aufzufinden, die unter den Nazis dem Euthanasieprogramm für psychisch Kranke zum Opfer gefallen ist. Dass an der schmerzhaften Reise in die Vergangenheit nicht nur die Enkelin, sondern neben deren Mutter noch eine dritte Person beteiligt ist, mache das Buch zu einer mehrdimensionalen Spurensuche. Breznik weckt starke Gefühle, konstatiert Breitenstein, wobei Zärtlichkeit und Schmerz dominieren, und er lobt die sprachlichen Fähigkeiten dieser Autorin sowie ihre Gabe zur "kühlen Beobachtung" und ihr "Talent zur Introspektion", die ein Abgleiten ins Sentimentale verhindern.
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