Liane Dirks

Vier Arten meinen Vater zu beerdigen

Roman
Cover: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2002
ISBN 9783462030709
Gebunden, 245 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Das Hamburg der zwanziger Jahre entdeckt Swing, Freikörperkultur und Ausdruckstanz, als Günther Dirks im elterlichen Schönheitssalon aufwächst, behütet von einem karibischen Kindermädchen. Die Mutter kreiert Düfte und Cremes, der Vater geht ins Bordell, Günther wird Jungkoch in einem Nobelhotel. Dann kommt der Krieg und führt ihn an die Ostfront, von der er mit falscher Identität bis nach Marseille flieht. Günther gründet eine Familie und nimmt sie mit nach Barbados, ins Hotel Marine... Ein karibisches Bestattungsritual bildet im neuen Roman von Liane Dirks den Anlass, um die Geschichte eines leidenschaftlichen und getriebenen Mannes zu erzählen. Die Tochter ergründet sein exzesshaftes Leben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.09.2002

Auch in Liane Dirks neuem Buch geht es, ebenso wie in ihrem Romanerstling, um das Thema des sexuellen Missbrauchs durch den Vater, jedoch, wie Rezensent Klaus Modick erklärt, mit ganz anderem Schwerpunkt. Im Unterschied zu "Die liebe Angst", 1986 erschienen und eher zur Gattung der selbsttherapeutischen Bewältigungsprosa zählend, sei "Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen", die "romanhafte Biografie eines ebenso abstoßenden wie faszinierenden, ebenso gebrochenen wie destruktiven Charakters". Dirks erzähle präzise und stilistisch elegant. Auch die Steigerung des Erzähltons von "chronikal-betulich" zu einer "rauschhaften Besessenheit" findet der Rezensent gelungen. Modick verweist auch auf die Einbettung des Themas "in die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts", auf Milieuskizzen und anekdotische Miniaturen. Alles zusammen trägt seiner Meinung nach dazu bei, dass man die von Dirks literarisch gestaltete Figur einer realen Person nicht so schnell vergisst.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.08.2002

Die in Köln lebende Autorin Liane Dirks ist mit ihrem dritten Roman wieder zum Grundthema ihres Romandebüts "Die liebe Angst" aus dem Jahr 1986 zurückgekehrt, nämlich der autobiografischen Erzählung über den sexuellen Missbrauch durch den Vater, berichtet Christiane Schott. Allerdings habe Dirks in dieser "neuen Variante ihrer Bewältigungsprosa" andere Akzente gesetzt. Diesmal stelle sie das Leben des Vater in den Mittelpunkt und fördere "mit Empathie" die "Tief- und Höhenflüge" ihres Vergewaltigers zutage, in einer Form, die dem Leser oft unerträglich erscheine, denn gewissermaßen würdigt hier das Opfer den Täter, so die Rezensentin. Das ist der Autorin "anschaulich wie ein Film" gelungen, findet Schott, bedauert aber, dass Dirks dieses Konzept nicht bis zum Ende verfolgt, sondern im zweiten Teil des Romans sich selbst ins Zentrum rückt und im "blutroten Kostüm der hassliebenden Passionara" in die Karibik fliegt, um dort dem Begräbnis des Vaters beizuwohnen. "Prekär" ist das ganze literarische Unternehmen zwar ohnehin, meint Schott, aber hier rutscht es dann überraschend steil ins "Masochistisch-Theatralische" ab und findet sein Ende in einem auf "Effekt berechneten tropischen Kulissenzauber", kritisiert die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2002

Erstaunliche erzählerische Energie bescheinigt Rezensent Walter Hinck diesem Roman, in dem eine Tochter die Geschichte ihres Vaters erzählt. Zwar laute die Anklage dieser Väterabrechnung "Kindesmissbrauch". Doch die geschilderte Vaterfigur sei kein Monster. Vielmehr fand der Rezensent die Erzählung der Tochter angesteckt von der "Weltoffenheit und Erzähllust des pikarischen Schelmenromans", der schon so vielen Romanen auf die Sprünge geholfen habe. Nicht zuletzt Manns "Felix Krull", den der Rezensent noch ein zweites Mal bemüht, um Liane Dierks behutsame Abrechnung mit der Vaterfigur zu beschreiben. Es wird nicht moralisiert, lobt er, vielmehr sehe die Anklägerin im Roman die Vergewaltigung als Symptom eines "fessellosen Sexualtriebes".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.07.2002

Mit gemischten Gefühlen hat Nico Bleutge diesen Roman gelesen, in dem Liane Dirk den biografischen Spuren ihres Vaters folgt. Dieser hat in den Restaurants von Barbados die gute Gesellschaft als Meisterkoch beglückt, im Keller aber seine Kinder missbraucht. Einerseits lobt Bleutge die "genau strukturierte Textur" des Romans und die Sprachkunst der Autorin, die furios zu erzählen wisse. Anderseits moniert er narratives Kalkül, gewollt naive Passagen und historische Klischees. Doch leider bleibt Bleutge in seiner Rezension zu sehr an der Form hängen, so dass man nicht erfährt, was er eigentlich vom Inhalt hält, der es ja in sich zu haben scheint.
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