Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Jorge Semprun haben die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts sein Thema eingeprägt: in einer "unendlichen Schrift" von seinem Leben und Überleben im Konzentrationslager Buchenwald Zeugnis abzulegen. In seinem neuen Buch erinnert er sich, ausgehend von Begegnungen Ende der neunziger Jahre, an ein Ereignis im Winter 1944 in Buchenwald, in dem er "Glück" hatte. Das "Glück" bestand darin, dass die kommunistische Organisation des Lagers eine Person ausfindig machte, deren Identität Jorge Semprun annehmen konnte. Sie musste, um den Namenswechsel zu ermöglichen, im Sterben liegen...
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.09.2002
Dieses "kleine Buch", das fünfte Jorges Sempruns über seine Haft im Konzentrationslager Buchenwald, ist, ruft Martin Lüdke beeindruckt aus, "ein großes Geschenk". "Wir schulden ihm Dank", mit diesen Worten schließt der Rezensent seine lange Besprechung. Wofür, das erklärt Lüdke vorher. Mit 21 Jahren kam Semprun nach Buchenwald und überlebte die NS-Vernichtungsmaschinerie. Als Kommunist genoss er manch Vorzüge gegenüber den "normalen" Gefangenen, doch war er damit auch kommunistischen Kaderstrukturen ausgesetzt. Gerade dieses Spannungsverhältnis habe Semprun in diesem Buch gut zum Ausdruck gebracht. Überhaupt sei es nicht das Anliegen des Autors, seine "entsetzlichen Erlebnisse" zu rekonstruieren, sondern Erfahrungen weiterzugeben, so der Rezensent. Vordringlich gehe es zwar um jenen Toten, dessen Name Semprun zur eigenen Rettung annehmen sollte, aber in diesem Buch stecke viel, viel mehr. Sei es das Durchschimmern von Hoffnung, wenn Gefangene einander unterstützt haben, sei es die Gegenüberstellung der zwei großen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, denkt Lüdke.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.07.2002
Dass der achtzigjährige Jorge Semprún wieder das tut, was er schon seit sechzig Jahren tut, nämlich zu überlegen, "wie man etwas sagen kann, wofür es keine Worte gibt", nimmt die Rezensentin Verena Auffermann zum Anlass, diese sechzig Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen. "Semprún ist kein Belletrist", erklärt Auffermann, und sein Schreiben nicht Dichtung, sondern Wahrheit - so dass Autobiograf und Teilnehmer der Ereignisse identisch sind. Etwas verworren erklärt die Rezensentin, die Hauptfigur Francois L. füge sich ein in die Reihe der Protagonisten seiner vorangegangenen Bücher, alle "Traumgespinste eines Toten von einst", gewissermaßen Semprúns "Doppelgänger". Als Ausdrucksmittel, so Auffermann, dienen Semprún unter anderem die Bücher, die er gelesen hat. Auch habe sechzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen im KZ Buchenwald die Analyse allmählich die unmittelbare "Anschauung" abgelöst. Francois L. stirbt und wird so für Semprún zum Inbegriff des "wahren Zeugen": Es ist derjenige, 'der nicht überlebt hat, der bis ans Ende der Erfahrungen gegangen ist und weder von den Historikern noch von den Soziologen zum Sprechen gebracht werden kann', zitiert Auffermann den Autor. Dieses Buch, so die Rezensentin, ist ein weiteres Manifest gegen den "heuchlerischen Begriff" der Verarbeitung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.04.2002
Auch in diesem dritten Roman der "Buchenwald-Reihe" - der erste erschien 1963 unter dem Titel "Große Reise", der zweite, "Was für ein schöner Sonntag!", 1980 - setze der spanische Schriftsteller Jorge Semprun der bürgerlichen, "brüchigen Mär" vom "gehegten Sonntag" ein Mahnmal, berichtet Ursula Pia Jauch in ihrer langen Besprechung. Einen Sonntag im Dezember des Jahres 1944 nämlich verbrachte der damals 21-Jährige am Totenbett des Franzosen Francois L., KZ-Häftling wie Semprun, der sich bereit erklärt hatte, mit Semprun die Identität zu tauschen, damit dieser einer drohenden Erschießung entgehen könne. Noch einmal sei es Semprun gelungen, so die Rezensentin, die "Ängste, die Aura und die Hoffnungen" dieses Sonntags einzufangen. Seine "Kunst des Erzählens" und die "sprachliche Lakonie" gäben dem Leser keine "Kartografie des Lagerelends" an die Hand, so Jauch, sondern eine episch dichte Schilderung von einem "glücklichen Sonntag in der Hölle", aufgebaut wie ein Theaterstück voller "Gedächtnisspuren einer geistigen Welt", die auch das "kollektiv organisierte Böse" nicht zu vernichten vermochte.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.04.2002
Buchenwald, so hebt der Rezensent Roland H. Wiegenstein an, war schon mehrfach Thema in den Büchern Sempruns, der bekanntlich als 19-jähriger Résistant für zwei Jahre in das Lager gesperrt wurde. Auch hier geht es nach Wiegenstein wieder darum, die gnadenlosen Lagerhierarchien von der SS bis zu den todgeweihten "Muselmanen" einem heutigen Leser anschaulich zu machen. Human war hier auch die Moral der Kommunisten nicht, die eine wichtige Rolle in dieser Hierarchie spielten, und unter deren Fittichen Semprun das Lager überlebte. Noch mehr aber interessiert Wiegenstein das dann eben doch humane Anliegen des heute fast achtzigjährigen Autors: In den "Medaillons des Erinnerns", die nicht nur die Überlebensstrategien in einem Lager, sondern auch einzelne ihrer Insassen wieder lebendig machten, welche ohne Semprun vergessen wären, findet Wiegenstein "Humanität als eine unabweisbare, gleichsam natürliche Regung" - den einzigen Trost, den man aus diesem Buch mitnehmen kann.
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