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Die Akademie als Ort der Urheberrechtsdebatte?
Von Thierry Chervel, 12.05.2009, 12:05
Gerade hat die Akademie der Künste in Berlin Klaus Staeck neu zum Präsidenten gewählt. Er ist mit seinen 71 Jahren erstaunlich offen für Internetthemen. Unter seiner Ägide hat die Akademie eine Erklärung zur aktuellen Urheberrechtsdebatte veröffentlicht, die immerhin ein klein bisschen offener ist als der arg vernagelte, auf die Interessen der traditionellen Verwerterindustrien fokussierte "Heidelberger Appell". Im Eingangsstatement heißt es bei der Akademie:
"Zwei grundsätzliche Interessen stoßen aufeinander:
? die Forderung nach freier Verfügbarkeit über alle kulturellen Güter sowie nach ungehindertem öffentlichen Zugang zu Online-Archiven
? der Kampf der Kreativen gegen eine großangelegte Enteignung geistigen Eigentums, gegen die fortschreitende Aushöhlung der Urheberrechte im Zeitalter des Digitalkopierens"
Der Text der Akademie wirkt auffällig zwiespältig. Der "Erklärung" sind zudem "Anmerkungen" beigesellt, die darauf hindeuten, dass man von einer abschließenden Position zu den offenen Fragen noch entfernt ist. Nicht zu Unrecht spricht der Appell von der "drohenden Monopolisierung des Weltliteraturerbes" durch Google. Dann folgt wieder die übliche Rhetorik von "Enteignung" und "Freibeutertum", und es klafft der blinde Fleck, der auch den "Heidelberger Appell" kennzeichnet: In gespielter Unschuld tut man so, als stünde der wehrlose Urheber dem Moloch des Internets gegenüber. Dass zwischen den beiden die traditionellen Verwerterindustrien lauern und mit gespitzten Zähnen ihren bisher recht komfortablen Platz in der Nahrungskette verteidigen, bleibt bei beiden mehr oder weniger ausgeblendet.
Immerhin aber lässt der Text der Akademie Öffnungen für eine Debatte zu. Da steht zum Beispiel: "Gleichzeitig wäre es anachronistisch und unrealistisch, das Internet zu beschränken und unangemessen zu reglementieren, um zum Beispiel Buchproduzenten vor den Herausforderungen digitaler Medien zu schützen." Auch Open Access wird nicht in Bausch und Bogen (und im Interesse monopolartiger Verlage) verdammt: "Die freiwillige Teilnahme am Open Access in der Online-Verbreitung von Forschungsergebnissen ist legitim und einer global vernetzten Welt der Wissenschaft angemessen."
Die Anmerkungen, die insgesamt internetfreundlicher klingen als die eigentliche Erklärung, kulminieren in den Sätzen: "Keine Maschinenstürmerei wird helfen, Internet und Suchmaschinentechnologie zu besiegen. Neue Regeln des Respekts vor geistiger Arbeit müssen entwickelt und zur Geltung gebracht werden."
Vielleicht wäre ja die Akademie der Künste der Ort, um die immer hysterischere Debatte um das Urheberrecht und den Klassenkampf zwischen traditionellen Medien und dem Netz ein wenig zu zivilisieren - oder zur Not auch zuzuspitzen.
Dann müssten aber auch ein paar grundsätzliche Fragen gestellt werden: Hat die "Enteignung" der Urheber nicht lange vorm Netz begonnen - etwa durch die Total-Buy-Out-Verträge der Verwerterindustrien, die den Urhebern sämtliche Rechte abnehmen und zum Beispiel die Existenz eines Autors als freier Journalist heute vollends unmöglich machen? Ist aber andererseits "Enteignung" der richtige Begriff für ein immaterielles Gut? Gehört Beethovens Neunte Ludwig van Beethoven? Die Neunte ist kein Fahrrad, das man an die Kette legt. Sie kann nicht gestohlen werden. Sie gehört der Menschheit. Das Urheberrecht sollte dazu dienen, die Urheber zu schützen, aber nicht dazu, etwa durch Mästung der Verwerter mit immer längeren Schutzfristen, die freie Zirkulation der Ideen zu verhindern. Ist es hinnehmbar, dass ausgerechnet jene Industrien, die in ihrer Eigenschaft als Säule der Demokratie neuerdings Artenschutz verlangen, die Zirkulation der Ideen durch immer neue Copyrightregeln und -gebühren erschweren?
Das Internet ist nicht wie das Fernsehen, das noch zum Radio hinzukommt und darum ein paar Akteure überflüssig macht. Es ist das schwarze Loch, das sämtliche Medieninhalte und -formate in sich aufsaugt. Opfer wird es auf allen Seiten geben, Chancen auch. In diesem Prozess einfach die bisherige Landschaft zu konservieren, wäre absurd. Alle Medien werden durch das Netz in Frage gestellt, nicht nur das Buch, nicht nur die Zeitungen, auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten, deren Existenz einst durch den Mangel an Frequenzen gerechtfertigt war und in Zeiten digitaler Allverfügbarkeit neu legitimiert werden muss. Warum haben nur die einen Anbieter relevanter Inhalte eine acht Millarden Euro schwere Existenzgarantie? Auch diese Anstalten haben, so hat es Cora Stephan in der Welt beschrieben, Rang und Renommee der Urheber längst vorm Netz beschnitten. Muss nicht auch dieses System gegenüber anderen Akteuren geöffnet werden?
"Das Neue" kommt durch die Qualitätsjournalisten in die Welt, behauptet die Medienwissenschaflterin Miriam Meckel in der FAZ. Ich dachte immer, dass das Neue von allein in die Welt kommt und die Zeitungen, die darüber berichten und es reflektieren, als etwas Zweites hinzukommen. Und kann es nicht sein, dass "das Neue" in diesem Fall das Internet ist?
Die Akademie hätte Stoff für mehrere mehrtägige Debatten.
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