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Wir alle sind auf dem Weg nach Tycho
Von Richard Stallman, 04.05.2009, 10:05
Richard Stallman hat Dan Halberts Geschichte im Jahr 1997 geschrieben. Sie war schon damals keine reine Science fiction. In diesem Nachtrag aus dem Jahr 2007 zeigt Stallman, einer der Pioniere der Freien-Software-Bewegung, welche Zensurmechanismen inzwischen von Industrie und Regierungen verwirklicht wurden. Dan Halbert ist immer noch auf dem Weg nach Tycho. D.Red.
Nachtrag des Autors zu "Dan Halberts Weg nach Tycho"
Der Kampf um das Recht zu lesen wird schon heute geführt. Es wird vielleicht noch 50 Jahre dauern, bis unsere heutige Lebensweise in Vergessenheit geraten ist, doch die meisten der oben beschriebenen Gesetze und Praktiken wurden bereits zur Diskussion gestellt; zum Teil sind sie in den USA und anderen Ländern schon heute geltendes Recht. In den USA hat der 1998 verabschiedete Digital Millenium Copyright Act (DMCA) die gesetzlichen Grundlagen dafür gelegt, das Lesen und Verleihen von digital verfügbaren Büchern (und anderen Werken) einzuschränken. Die Europäische Union hat mit einer 2001 verabschiedeten Copyright-Direktive ähnliche Einschränkungen ermöglicht. In Frankreich ist es aufgrund des 2006 beschlossenen DADVSI-Gesetzes bereits ein Verbrechen, das freie Programm DeCSS, das das Entschlüsseln von DVD-Videos ermöglicht, auch nur zu besitzen.
Im Jahr 2001 hat der von Disney geförderte US-Senator Hollings eine Gesetzesinitiative (SSSCA genannt) eingebracht, der zufolge jeder neue Computer Kopierschutzmechanismen eingebaut haben müsse, die der Benutzer nicht umgehen kann. Dieser Vorschlag steht in der Tradition des früher diskutierten Clipper-Chips und ähnlicher Vorschläge der US-Regierung, die dieser den Zugriff auf sämtliche kryptografischen Schlüssel aller Computernutzer gegeben hätten. Der langfristige Trend geht dahin, den Nutzern die Kontrolle über ihren Computer zu entziehen und stattdessen eine Fernsteuerung und -kontrolle durch machtvolle Institutionen durchzusetzen. Das Kürzel SSSCA wurde später durch das nicht aussprechbare Kürzel CBDTPA ersetzt - spöttisch als "Consume But Don't Try Programming Act" ("Konsumiere, aber versuche nicht zu programmieren"-Gesetz) ausgetauscht.
Kurz darauf übernahmen die Republikaner die Mehrheit im US-Senat. Da sie weniger eng mit Hollywood verbunden sind, verfolgten sie diese Vorschläge nicht weiter. Da inzwischen aber die Demokraten die Mehrheit zurückgewonnen haben, ist die Gefahr jetzt wieder größer.
Im Jahr 2001 begannen die Vereinigten Staaten damit, die Verhandlungen über das geplante Freihandelsabkommen FTAA (Free Trade Area of the Americas) zu benutzen, um diese Regelungen der gesamten westlichen Hemisphäre aufzuzwingen. Diese sogenannten "Freihandelsabkommen" sind eigentlich dazu gedacht, den Einfluss der Wirtschaft auf demokratisch gewählte Regierungen auszuweiten; ihnen Gesetze wie den DMCA aufzuzwingen ist dafür typisch. Das FTAA scheiterte am Widerstand des brasilianischen Präsidenten Lula, der sich unter anderem weigerte, die DMCA-artigen Forderungen zu akzeptieren.
Seitdem haben die USA mehreren Ländern - unter anderem Australien und Mexiko - ähnliche Anforderungen durch bilaterale Freihandels-Vereinbarungen aufgedrückt; andere Länder wie Costa Rica mussten sie im Rahmen des Freihandelsabkommens CAFTA übernehmen. Ecuadors Präsident Correa hat die Annahme von Freihandelsabkommen verweigert, doch Ecuador hatte bereits 2003 ein dem DMCA ähnliches Gesetz verabschiedet - eventuell wird die neue Verfassung des Landes einen Ausweg bieten, um es wieder loszuwerden.
Eine der Ideen aus der Geschichte wurde erst im Jahr 2002 wirklich vorgeschlagen. Nämlich die Idee, dass das FBI und Microsoft die Root-Passwörter unserer PCs erhalten würden, und nicht wir selbst. Die Befürworter dieses Konzepts haben ihm wohlklingende Namen wie "Trusted Computing" ("Vertrauenswürdiges Computing") und "Palladium" gegeben. Wir nennen es "Verräterisches Computing", weil es dazu führt, dass Ihr Computer fernen Firmen gehorcht, und nicht mehr Ihnen selbst. Das Konzept wird von dem 2007 erschienenen Microsoft-Betriebssystem Windows Vista bereits implementiert; Apple dürfte Ähnliches in künftige Versionen seines Betriebssystems einbauen. In dieser Variante bleiben die geheimen Zugangscodes zunächst beim Hersteller, doch das FBI wird wohl kaum Probleme haben, an sie heranzukommen.
Was Microsoft behält, ist kein Passwort im traditionellen Sinn - nichts, dass jemand irgendwo eintippen würde. Stattdessen handelt es sich um ein Paar von Schlüsseln zum Signieren und Verschlüsseln von Nachrichten, von denen der eine bei Microsoft und der andere auf Ihrem PC an einer Ihnen unzugänglichen Stelle gespeichert sind. Das ermöglicht es Microsoft und Ihrem PC, geheime Botschaften auszutauschen - geheim heißt hier, dass Sie sie nicht mitlesen können. Zudem verhindert Vista das Installieren von systemnahen Programmen, die nicht von Microsoft autorisiert wurden. Das Ziel dieser und vieler anderer Einschränkungen ist es, ein Kopierschutzsystem ("DRM") durchzusetzen, um das Sie nicht herumkommen, ganz gleich wie Sie Ihren Computer programmieren.
Die Rolle der SPA (in Wirklichkeit steht dieses Kürzel für Software Publisher's Association) hat mittlerweile die BSA (Business Software Alliance) übernommen. Heute ist diese Organisationen noch keine offizielle Polizeibehörde - aber inoffiziell benimmt sie sich wie eine. Sie verwendet Methoden, die an die einstige Sowjetunion erinnern, indem sie etwa dazu auffordert, Kollegen und Freunde zu verpfeifen. Eine Kampagne der BSA in Argentinien im Jahr 2001 arbeitete mit der kaum versteckten Drohung, dass Menschen, die Software mit anderen teilten, im Gefängnis von Mitinsassen vergewaltigt würden.
Als die Geschichte geschrieben wurde, setzte die SPA kleine Internetprovider unter Druck, um sie dazu zu bringen, der SPA die Überwachung all ihrer Nutzer zu erlauben. Die meisten Provider fügten sich dem Druck, da sie sich die Kosten eines drohenden Rechtsstreits nicht leisten konnten.4 Mindestens ein Provider - Community ConneXion aus Oakland (Kalifornien) - weigerte sich und wurde tatsächlich verklagt. Die SPA ließ die Klage schließlich fallen, aber mit der Verabschiedung des DMCA erhielt sie ganz offiziell die Befugnisse, die sie angestrebt hatte.
Die oben beschriebenen universitären Sicherheitsrichtlinien sind keine Erfindung. Beispielsweise zeigt einer der Computer einer Universität in der Gegend von Chicago beim Einloggen diese Meldung an: "Dieses System darf nur von berechtigten Nutzern verwendet werden. Alle Aktivitäten von Individuen, die das Computersystem unberechtigt oder in Überschreitung ihrer Berechtigung verwenden, werden durch die IT-Abteilung überwacht und aufgezeichnet. Im Zusammenhang mit der Überwachung von Individuen, die dieses System unsachgemäß verwenden, oder im Zusammenhang mit Wartungsmaßnahmen können auch die Aktivitäten von berechtigten Nutzern überwacht werden. Jeder, der dieses System verwendet, stimmt dieser Überwachung ausdrücklich zu und wird hiermit darauf hingewiesen, dass die IT-Abteilung dazu berechtigt ist, im Rahmen dieser Überwachung gesammelte Beweise an die Universitätsverwaltung und/oder die zuständigen Polizeibehörden weiterzugeben, wenn die Überwachung Anzeichen für möglicherweise illegales oder gegen die Richtlinien der Universität verstoßendes Verhalten liefert."
Das ist ein interessanter Umgang mit dem vierten Verfassungszusatz der USA, dem Grundrecht auf Schutz vor willkürlicher Durchsuchung und Überwachung: fast jedermann im Voraus zu zwingen, auf die entsprechenden Rechte zu verzichten.
Richard Stallman
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Archiv: Presseschauen
Vom Verenden des Verstehens
26.05.2012. Pfingstereignis Feuilleton! In der FAZ überlegt Durs Grünbein, warum Dichtung unerlässlich ist. In der SZ schreibt Günter Grass ein erlässliches Gedicht. In der NZZ beschreibt Botho Strauss den Idioten als freien Geist. In der Welt droht der Künstler Gregor Schneider Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mit Kunst. Im Tagesspiegel wünscht sich Johannes Schneider etwas mehr Ehrlichkeit in der Urheberrechtsdebatte. In der taz schlägt Ulrich Kühne vor: Nur noch sechs Prozent für die Verwerter. Mehr lesen
Einen Jux will er sich machen
25.05.2012. Cent um Cent: Zuckerberg, Zauberer, Zocker - Studie: Wie sich Buchkritiken auf den Verkauf auswirken - Apps im Kreuzfeuer der Kritik: Stiftung Warentest und Zapp warnen - Nachrichten-Websites: Rote Zahlen überall nur Zeit und FAZ trotzen dem Negativ-Trend - Groteske Pointe: Murdoch und News of the World + Wenn sich die Sprache Gedanken macht: Vor 150 Jahren starb Johann Nestroy und wenn der Kretschmann den Richling macht. Mehr lesen
Liebe, Revolution und Verrat
22.05.2012. Die Tscherkessen möchten 2014 keine Olympischen Winterspiele in Sotschi: Man könnte auf den Knochen ihrer ermordeten Vorfahren Ski fahren, berichtet Newsweek. Die Italiener müssen verstehen, dass Demokratie auch ohne Spektakel eine interessante Sache ist, meint Roberto Saviano im Espresso. Museen, fürchtet die türkische Regierung, ruft der Economist. Die LRB reist nach Syrien. Der New Yorker porträtiert Fidel Castros "Nacht-und-Nebel-Mann" William Alexander Morgan. Das Smithsonian Magazine steht staunend vor dem größten Salzsee der Welt. Mehr lesen
Karikaturen und Cartoons
22.05.2012. Heute: Wer wird Milionär?
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Archiv: Bücher
Krisen des modernen Ichs
26.05.2012. FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
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Das ist also Reichtum
14.05.2012. Oliver Harris holt mit "London Killing" den englischen Krimi zurück in die Metropole und lässt seinen Detective Belsey sehr riskant, aber vornehm gegen die City zocken. Giancarlo de Cataldo und Mimmo Rafele decken in "Zeit der Wut" den Plan zur Abschaffung Italiens auf. Mehr lesen
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Nerv für klare Worte
07.05.2012. Matthias Nawrat erzählt von einem schwer verliebten Gemüsefahrer. Helene Bessette erzählt von einem besessenen Pfarrer. Ketil Bjoernstadt erzählt von der Sandwich-Generation, Nedim Gürsel von Allahs Töchtern. Außerdem reisen wir mit Stephen Greenblatt in die Renaissance und mit David van Reybrouck in den Kongo. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai. Mehr lesen
Archiv: Magazin
Texte teilen
21.05.2012. Den Begriff "Geistiges Eigentum" halte ich für tendenziös und wenig fruchtbar. Meine Fragen sind andere, mich interessieren weniger meine Befürchtungen als die Hoffnungen und Freuden, die sich mit dem Netz für mich verknüpfen. Über das Schreiben im digitalen Zeitalter. Mehr lesen
Auf den Kopf gestellter Zauberlehrling
17.04.2012. Wie konnte es geschehen, dass eine so abstrakte wie randständige Materie wie das Urheberrecht solch massive politische Wirkung entfaltet, mit Hebeln, die von den Rändern bis ins ideologische Zentrum der Gesellschaft einhaken? Ein Plädoyer für pragmatische Lösungen Mehr lesen
Medienticker und Teletaucher
31.03.2012. Medienticker und Teletaucher fallen wegen Krankheit mindestens noch bis zum 23. April aus. Mehr lesen
Mundtot gemacht
21.03.2012. Mit der Pressefreiheit ist es in der Türkei nicht gut bestellt. Journalisten werden verhaftet und auf der Grundlage schwammiger Gesetze angeklagt. Es wird immer schwieriger, kritisch über die Regierung Erdogan zu berichten. Mehr lesen








