Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Ententeich: Redaktionsblog

Pamphlet für den Ernst

Von Rainald Goetz

11.04.2013. Rainald Goetz gibt uns seinen dringenden Aufruf aus der heutigen Print-Zeit: Joachim Bessing, UNTITLED, Roman!

Rainald Goetz gibt uns seinen dringenden Aufruf aus der heutigen Print-Zeit: Joachim Bessing, UNTITLED, Roman!

====

Freund ist der, vor dem man erschrickt. Der einen erkennt, sieht, selbst erschreckt zurückstößt und sagt: »Was ist denn aus dir geworden!«

    Es war in Tutzing, bei Maxim Billers Todestagung über Pop und Literatur, irgendwann vor hundert Jahren, wir sprangen auf der Wiese vor dem Tutzinger Tagungsschloss aufgeregt voreinander und umeinander herum, besonders aufgeregt war Joachim Bessing, er hatte einen weichen Pulli in rosaner Farbe an, quirlte und funkelte und schrie mich plötzlich an: »Ih! Wie riechst du denn? Aramis! So hat mein Großvater gerochen!« Und ich zuckte zusammen und schämte mich.

    Gestern sagte Joachim Bessing dem Magazin DE:BUG: »Ich mag Parfüme, eigentlich Düfte generell. Ich finde es wichtig, dass alles gut riecht. Damit meine ich nicht unbedingt parfümiert, aber ich bin für Wohlgerüche empfänglich.«

    Das sinnliche Erfahren der Welt, eine hochgereizte Nervosität für Körper und für die von dort ausgesendeten Signale: Ekel, Weltabscheu und Sehnsucht nach Schönem, nach schönen Dingen, schönen Menschen, nach »Beauty«, wie Joachim Bessing in UNTITLED immer wieder schreibt: vielleicht ist diese Art Fundamental- und Extrem-Erotik, das Besessensein von Körpern, gerade für die hochabstrakte Kunst, mit Worten der Schrift die Welt zu erfassen und zu erzählen, die wichtigste Voraussetzung, wichtiger als Denken, Sprache, Interesse, Wissen.

    Joachim Bessing hat mit UNTITLED eine glühende Streitschrift für die Nervosität geschrieben, nicht nur für die Liebe, das auch, ein hysterisches Pamphlet für den Ernst, so durchgeknallt und eigenartig, dass ich täglich nachgucke auf Google News: wo bleiben die Hymnen, die großen Rezensionen?

    Der Roman hat eine unfassbar simple, nichtssagende Story: Mann liebt Frau. Die Frau ist verheiratet und will es bleiben. Der Mann, – ein Icherzähler, so angenehm nah am Autorich Bessing dran, dass man vernünftig über Stilisierung und Erfindung, über parareale Fiktionalisierung nachdenken kann, dauernd auf diesen Gedanken nebenher beim Lesen gestoßen ist: was ist da wirklich geschehen? – dieser Mann will aber von der Liebe zu der Frau, die ihn auch, auf Distanz und in selbstbestimmter Dosierung, zurückliebt, keinesfalls lassen, denn in dieser Liebe erfährt er erstmals etwas über DIE Liebe, über Liebe an sich, darin über sich selbst.

    UNTITLED ist das radikalste Icherforschungsbuch, nahe am Irrsinn, kann man sagen, seit Strindberg die Liebe dazu benützt hat, sich von ihr zerreißen, zerstückeln zu lassen, um so, im Ichruin, Erkenntnis zu finden über das, was man ist als Mensch. Dabei ist Bessings Buch der Kaputtheit heiter und hell, verdrogt, abgerissen und verkommen und, am allerschönsten, unfassbar zeitgenössisch. Endlich wieder mal ein Buch von heute, für heute. Endlich wieder mal ein echter Poproman. Was auch heißt: das Buch klingt gut, weil Sound und Sprachaufmerksamkeit und Sprache stimmen.

    Als einziger von uns früheren Popautoren hat Joachim Bessing es auf sich genommen, weiterhin ein Leben in der Gegenwart zu leben. Mit den Neuheiten der Dinge, der Mode, der Kontaktools und Gadgets, auch der Musik. Die Gewalt dieser Dinge hält man nur aus, wenn man selber, naturgegeben von der Frühe des Lebensmoments, von Jugend und Aufbruch ins Dasein, gewaltbereit und kraftberstend diesen Gewalten des Neuen begeistert entgegentritt. Auf quasi jeder Seite dieses Romans wird man mit Informationen beballert, von denen man noch nie gehört hat, hochinteressant alle, denen man im Internet vielleicht genauer nachgehen wird, ein vor Innerlichkeit bebendes Buch, gespickt mit einem irrwitzigen Reichtum an Weltdaten und Äußerlichkeiten.

    Alles, was Joachim Bessing über die Liebe sagt und denkt, ist kompletter Unsinn. Auch das erhöht sehr die Freude beim Lesen, dass man mit diesem Buch und seinem Autor dabei dauernd streitet. Die Heftigkeit des Vortrags, die Monomanie, die Egozentrik: falsch! Grandios! Weit hinten, auf Seite 237, nimmt das Buch im Kapitel ON DARLING STREET eine extrem unerwartete, alles aufreißende Wendung, die hier nicht verraten werden soll. Twittert und sendet es aus, hinaus in die Welt: Joachim Bessing, UNTITLED, Roman!

Rainald Goetz

Erschienen in der Zeit vom 11. April 2013, mit freundlicher Genehmigung von Rainald Goetz.

Archiv - Im Ententeich

Newsletter abonnieren

Möchten Sie über unsere neuen Artikel, die Feuilletons und die besten Bücher informiert sein? Abonnieren Sie unsere Newsletter!
Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Glaubt nicht alles, was in den Zeitungen steht

22.08.2014. In der FAZ erklärt Rüdiger Safranski, weshalb er Biografien schreibt. Das Blog It's Nice That testet Keramik aus 3D-Druckern. Der Tagesspiegel taucht in die außerirdischen Landschaften russischer Farbfotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert. Nachtkritik begibt sich mit der Neuköllner Oper auf den Taksim-Platz. Und in der Welt fragt sich Christian Holtzhauer: Was bedeutet heute eigentlich Kulturnation?
Mehr lesen

Von göttlichen Quellen inspiriert

22.08.2014. Der Streit um Amazon geht weiter, unter anderem im Perlentaucher. In der taz, die heute ein ganzes Dossier zum Thema bringt, erklärt Sonja Vogel, warum Ebooks teuer sein müssen. In der Berliner Zeitung bekennt sich Juli Zeh zum Anti-Amazon-Aufruf. SZ und FAZ beklagen, dass die Digitale Agenda der Bundesregierung mit keinem Wort auf die fatale Rolle der Geheimdienste eingeht. In der NZZ wendet sich Roland Reuß gegen die smarten Technikgeräte.
Mehr lesen

Pressefreiheit definiert der Verleger

22.08.2014. Nachrichten-Websites: Die AGOF-News-Top-50 - Grob illoyal: Was der Verleger Ippen darunter versteht - Jeff Bezos: Ein Rüpel auf dem Weg zur Weltherrschaft - Der Buchmarkt geht an der eigenen Arroganz zugrunde oder Warum Stefan Weidner die Amazon-Petition nicht unterschreibt - Der smarte Mensch: David Streit über eine unzumutbare Dystopie - Wer kann Spiegel? Die (fast) unmögliche Chef-Debatte + Rückblick auf einen traurigen Fürsten: Über Truman Capote, der vor 30 Jahren starb. Mehr lesen

Düster, aber gesund

19.08.2014. In Wired erklärt Edward Snowden, wie die besten Absichten direkt in die Hölle führen. Nepszabadsag fragt: Soll Imre Kertesz den selben Orden annehmen wie Göring? In Film Comment  will Alexander Sokurow dem Kino mit Literatur aus den Kinderschuhen helfen. Soziale Mobilität gibt es nicht, verkündet der Soziologe Jules Naudet in Les inrockuptibles. The Dissolve freut sich auf den Pepys aus Hollywood. Mehr lesen

Archiv: Bücher

Schwermutslaute aus untraurigen Kehlen

22.08.2014. Traumverloren wandelt die FAZ mit Esther Kinsky "Am Fluss" entlang und berauscht sich an Naturbeschreibungen von Goethescher Kraft. (Hier: Vorgeblättert) Die FR lauscht amüsiert den Eskapaden, die Zeitgenossen aus "Truman Capotes turbulentem Leben" erzählen. Und die SZ liest bei Sally Nicholls ungeschönte Schilderungen der Pest im 14. Jahrhundert.
Mehr lesen

Gabriele Weingartner: Die Hunde im Souterrain

18.08.2014. Die Geschichte von Felice und Ulrich, ein junges ambitioniertes Paar, das in den siebziger Jahren in Amerika lebt und forscht. Dann jedoch geschieht etwas, was Ulrich verändert, und er setzt seinem Leben ein Ende. Felice versucht schließlich nach Jahren das Geheimnis zu lüften. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Die Hunde im Souterrain" von Gabriele Weingartner.
Mehr lesen

Szenenschnittmonster

04.08.2014. Guillermo Saccomannos führt uns in die apokalyptische Welt der Angestellten. Elif Shafak erzählt die Geschichte eines Ehrenmords. Anne Goldmann beobachtet einen Mord von der Dachterrasse eines Wiener Mietshauses. Rüdiger Görner erforscht die dunkelsten Geheimnisse Georg Trakls. Und Wolfgang Matz analysiert die Kunst des Ehebruchs. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats August.
Mehr lesen

Blitzschach gegen sich selbst

23.07.2014. Oliver Bottini erzählt in seinem Politthriller "Ein paar Tage Licht" vom deutsch-algerischen Waffenhandel und dem Kampf gegen alte Mächte in Algier und Berlin. Olen Steinhauers  Spionageroman "Die Kairo-Affäre" untersucht, wer eigentlich Gaddafis Sturz vorbereitet hat: Die CIA, die Ägypter oder doch die Serben? Mehr lesen

Archiv: Magazin

Die Buchkultur und der leere Stuhl

21.08.2014. Der Streit um Amazon in den USA und Deutschland ist Symptom einer säkularen Veränderung der Buchbranche. Der Appell an den Staat gegen die Internetgiganten wird nicht weiterhelfen: Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen. Manifest für eine soziale Marktwirtschaft im Buch-Business.
Mehr lesen

Du sollst mich töten

30.07.2014. Die Diskussion über Sterbehilfe in den Niederlanden in den letzten dreißig Jahren zeigt, dass eine Grenze immer schwieriger zu finden ist: Wie weit reicht die Liberaliserung? Mehr lesen

Adieu Spätaffäre, Willkommen Stichwörter

10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

Flirt mit dem chinesischen Modell

06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

Blogtags