Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Ententeich: Redaktionsblog

Auf dem Rücken des Nachbarn

04.04.2013. Spätestens nach dem Zeit-Gespräch mit Nico Hofmann, dem Produzenten von "Unsere Mütter, unsere Väter", müssen beim ZDF Alarmglocken geläutet haben, dass es mit der Darstellung der polnischen Partisanen als endemische Antisemiten beim Nachbarn Ärger geben könnte. Zur Schadensbegrenzung schob der Sender nach der dritten Folge hastig einen Dokumentarfilm über eine polnische Familie nach, die Juden versteckt hatte und dafür von Deutschen ermordet wurde. Die Reaktion in Polen war jedoch nicht mehr aufzuhalten.

Spätestens nach dem Zeit-Gespräch mit Nico Hofmann, dem Produzenten von "Unsere Mütter, unsere Väter", müssen beim ZDF Alarmglocken geläutet haben, dass es mit der Darstellung der polnischen Partisanen als endemische Antisemiten beim Nachbarn Ärger geben könnte. Zur Schadensbegrenzung schob der Sender nach der dritten Folge hastig einen Dokumentarfilm über eine polnische Familie nach, die Juden versteckt hatte und dafür von Deutschen ermordet wurde. Die Reaktion in Polen war jedoch nicht mehr aufzuhalten.

Außenminister Radosław Sikorski twitterte, empörte Polen sollten sich nicht an ihn, sondern direkt ans ZDF wenden. Der Chef des polnischen Fernsehens, Juliusz Braun, schrieb an seinen Amtskollegen in Mainz einen vorwurfsvollen Brief. Der neue polnische Botschafter in Berlin Jerzy Margański, breitete auf der Homepage der Botschaft aus, was alles in dem verzerrten Bild der Armia Krajowa (immerhin die größte Untergrundarmee im deutschbesetzten Europa, die der Exilregierung in London unterstand) unterschlagen wurde. Und die liberale Gazeta Wyborcza, die daheim im Dauerclinch mit den national-konservativen Pappenheimern im Lande liegt, titelte treffsicher: "Wer bringt den Deutschen bei, dass die AK keine SS war"?

Und damit ist man mitten im alten deutsch-polnischen Psychodrama einer Relativierung der Nazi-Verbrechen durch den pauschalisierenden Hinweis, dass die Polen auch nicht besser waren. Das ZDF wies obligat die Kritik zurück und holte sich einen Professor vor die Kamera, der dem Zuschauer versicherte, dass es für jede im Film dargestellte Form des "polnischen Antisemitismus" verbriefte Belege gebe. Und der Medien-Kommentator der FAZ meinte, der Film müsse doch gut sein, wenn er "mit seiner ebenso differenzierten wie schonungslosen Darstellung der Verbrechen im Krieg und der Schuld des Einzelnen" auch in Polen einen offenen Nerv getroffen habe.

Ein zynischer Unfug. Denn das Bild der AK-Partisanen im ZDF-Dreiteiler ist etwa so differenziert wie das Bild der polnischen Soldaten in der berüchtigten "Heimkehr" (1941) mit Paula Vessely - nur dass diesmal die hassverzerrten Gesichter nicht auf drangsalierte Volksdeutsche, sondern auf todgeweihte Juden blicken. Der in Westernmanier idiotisch durchgeführte Überfall auf einen Zug, in dem Juden transportiert werden, hat im Film keine andere Funktion als unterschwellig die Schuld an den Gaskammern mit Polen teilen zu wollen. Der militärisch widersinnige Befehl des AK-Kommandanten, die Viehwaggons mit den darin eingepferchten Juden wieder zu schließen, verwandelt sie ja in Gaskammern auf Rädern.

Auf solche ins Bild gegossene Suggestionen reagieren polnische Stellen nach dem Prinzip einer Antidiffamations League, zumal es nicht nur Barack Obama, sondern auch manchen deutschen Medien unterläuft, Auschwitz ein "polnisches Vernichtungslager" zu nennen. Die nachträgliche Entschuldigung der Redaktionen verfängt in Polen kaum, da man immer wieder auch mit pauschalisierenden Urteilen über die "polnische Schuldfrage" konfrontiert wird.

In polnischen Medien beschränkte sich die Kritik auf kurze Informationen über den ZDF-Film und zwei-drei Kommentare, wenn man einmal von dem üblichen friendly fire der beiden Springer-Boulevardblätter, der deutschen Bild und des polnischen Fakt absieht. Die Kritik galt dabei nicht allein der plump gestrickten Polenpassage, sonden auch der Tatsache, dass die tendenziösen Versatzstücke dieses Polenbildes fast keinem deutschen Rezensenten auffielen. So beklagt der Herausgeber der FAZ zwar in seinem neuesten Bestseller die narzistische Ego-Gesellschaft, lädt aber zugleich die deutsche Familie zu einer Psychotherapie vor dem Bildschirm ein, ohne zu bemerken, dass sie im Film zum Teil auf dem Rücken des Nachbarn ausgetragen wird.

Der polnische Botschafter schlug im ZDF-Morgenmagazin vor, zur Auswetzung der Scharte eine gemeinsame Film-Produktion in Angriff zu nehmen. Ein Tipp wäre dann, zuerst einen Spielfilm "Warschau 1944" und dann vielleicht auch "Breslau 1945" zu drehen... Aber mit allem Drum und Dran. Kein Comic Strip mehr...

Adam Krzeminski

Adam Krzeminski hat bereits auf sueddeutsche.de einen kritischen Beitrag zu der Serie "Unsere Mütter Unsere Väter" veröffentlicht.

Archiv - Im Ententeich

Newsletter abonnieren

Möchten Sie über unsere neuen Artikel, die Feuilletons und die besten Bücher informiert sein? Abonnieren Sie unsere Newsletter!
Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Rühr mich nicht an, Baumgarten!

28.07.2014. Die Welt feiert die Fotografie als Gegenstand und Körper. Die Jungle World fragt, ob Kritik heute eigentlich noch was anderes kennt als Top oder Flop. Die FAZ besucht das Filmfestival in Ruanda. Die taz meditiert über die Kunst, das Leben und die Werbebotschaft von Friedrich Liechtenstein. Die weiße Haut einiger Japanerinnen inspiriert Leopold Federmair im Blog Begleitschreiben zu einem Lob der Helligkeit. Musik- und Theaterkritiker schwitzen gepflegt in Bayreuth, Salzburg und Avignon. Mehr lesen

Fünf Euro je Student

28.07.2014. In der FR erinnert Jürgen Osterhammel daran, dass Hunderttausende von Soldaten aus den Kolonien im Ersten Weltkrieg kämpften. Spanien besteuert jetzt Hyperlinks, berichtet Heise.de. Europa ist nicht die Schweiz, ruft Adam Michnik In Le Monde. Überall wird weiter über Israel und die Hamas und den neuen Antisemitismus gestritten.
Mehr lesen

Zwischen allen Stühlen

28.07.2014. Aktualisiert: New Yorker: Die digitale Transformation - Bild vs. BamS: Nicolaus Fests Anti-Islam-Kommentar - Folgeschäden: FAZ schließt Druckerei im Süden & Rachel Salamander beendet Mitarbeit bei der Frankfurter Anthologie - Prekäre Situation: Wilhelm Genanzinos erotischer Reinhard - Holzwege: Otto A. Böhmer über Blaise Pascal - Design des kreativen Protests. Objekte der Rebellion + Heute: Vor 40 Jahre starb Erich Kästner & Vor 100 Jahren: Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Mehr lesen

Karikaturen und Cartoons

25.07.2014. Wenn du dich harpunieren lässt - besser nicht in Arizona.
Mehr lesen

Archiv: Bücher

Der Kitzel der Vitalität

28.07.2014. Die taz lernt mit dem Band "Dinge drucken", die Hochleistungen der 3D-Drucker zu schätzen und den billigen Kunststoffkram zu verachten. Die SZ liest Christoph Poschmanns Roman über den Ersten Weltkrieg "Das Sandkorn". Die FAZ hört gebannt zu, wenn Dieter Wellershoff über das Altern und Sterben erzählt. Sehr empfehlen kann sie auch die Hörbuch-Produktionen zu Jennifer Egans "Black Box" und Franz Hessels "Spazieren in Berlin". Mehr lesen

Blitzschach gegen sich selbst

23.07.2014. Oliver Bottini erzählt in seinem Politthriller "Ein paar Tage Licht" vom deutsch-algerischen Waffenhandel und dem Kampf gegen alte Mächte in Algier und Berlin. Olen Steinhauers  Spionageroman "Die Kairo-Affäre" untersucht, wer eigentlich Gaddafis Sturz vorbereitet hat: Die CIA, die Ägypter oder doch die Serben? Mehr lesen

Linda Le: Flutwelle

21.07.2014. Ein Tag, vier Personen, eine Geschichte, vier Blickwinkel. Van ist soeben in Bobigny zu Grabe getragen worden. Seine Frau Lou hat ihn vielleicht absichtlich, vielleicht unabsichtlich überfahren. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Flutwelle" der vietnamesisch-französischen Schriftstellerin Linda Lê. Mehr lesen

Hörnerschwung

12.07.2014. Walliser Schwarzhalsziegen, ein Melklied, Clarice Lispector und "fremd sprechen" - Beobachtungen vom 19. Internationalen Literaturfestival im Walliser Leukerbad. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Adieu Spätaffäre, Willkommen Stichwörter

10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

Fesselt Euch nicht

10.04.2014. Bilder nackter Kinder haben gerade einen ganz schweren Stand. Sie sind zur politischen Obsession geworden. Plädoyer gegen ein Denkverbot. Mehr lesen

Flirt mit dem chinesischen Modell

06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

Ein Platzhirsch bricht zusammen

13.01.2014. Ein mögliches Ende mit Schrecken für den Weltbild-Konzern bedeutet für die Branche nicht unbedingt das Ende des Schreckens ohne Ende. Mehr lesen