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Wie tot ist das Web?
Von Anja Seeliger, 19.08.2010, 17:08
Die amerikanischen Medien haben in den letzten Jahren so viele Leichen aus den eigenen Reihen beerdigt, dass eine Zeitschrift jetzt den Spieß umdreht: "Das Web ist tot", titelt Wired und führt damit total in die Irre. Gemeint ist nämlich: Für die Medien ist das Web gestorben. Michael Wolff, als Vanity-Fair-Autor, Murdoch-Biograf und Gründer des Internetmagazins Newser mit reichlich eigener Erfahrung ausgestattet, nennt den Grund, den jeder kennt: Im offenen Web zählt nur Masse in der Größenordnung von Googlenutzern. Die Werbung scheißt nur auf den ganz großen Haufen, und nur dort summieren sich die Pfennige zu Milliarden. Den traditionellen Medien im Netz hat sie kaum etwas gebracht, während Google fett wurde. Nur Unternehmen, die sich aus dem von Google kontrollierten offenen Web absetzen konnten, waren erfolgreich: Facebook und Apple, die Paralleluniversen schufen. Alle anderen sind dem Untergang geweiht oder setzen auf Steve Jobs. (Wolffs Artikel ist der im roten Balken)
In einem zweiten Artikel (weißer Balken) versucht Wired-Chefredakteur Chris Anderson ("Free"!), dies dem Leser schmackhaft zu machen: Wir nutzen doch jetzt schon immer öfter geschlossene Systeme, schreibt er: Apps. Streamingdienste wie Pandora oder Netflix. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Mediendienste wie Itunes oder Videospiele. "Schiebt es auf die menschliche Natur. So sehr wir intellektuell für Offenheit sind, am Ende wählen wir den leichteren Weg. Wir zahlen für Bequemlichkeit und Verlässlichkeit. Darum kann Itunes für 99 Cent Songs verkaufen, die es irgendwo in irgendeiner Form auch gratis gibt. Wenn man jung ist, hat man mehr Zeit als Geld und macht sich die Mühe, einen Filesharing-Dienst zu nutzen. Wenn man älter wird, hat man mehr Geld als Zeit. Bei Itunes ist der Preis dafür, dass ich problemlos bekomme, was ich will, niedrig."
Wolff nennt es das "Erwachsenwerden" des Webs: "Die Kontrolle, die das Web den vertikal gebildeten hierarchischen Medien weggenommen hat, kann mit ein bisschen Nachdenken über die Natur und den Gebrauch des Internets zurückgewonnen werden."
Man kann ja mal träumen. Die Realität sieht anders aus:
1. Das Web ist nicht tot, es boomt. Wired belegt seine These mit einer Grafik, die Rob Beschizza in BoingBoing auseinandernimmt. 
Die absteigende Kurve bei Wired entsteht, weil Videos nicht als Teil des Webs aufgenommen sind und der Internet-Traffic nicht in seiner Gesamtheit dargestellt wird. Sonst sähe die Grafik nämlich so aus:
2. Wolff und Anderson verwechseln das Web mit Google. Facebook kann zwar von Google nur rudimentär indexiert werden, aber es ist unzweifelbar im Web. Facebookseiten haben eine URL. Twitter ist ohne das Web gar nicht denkbar: Eine seiner Hauptfunktionen besteht darin, URLs zu interessanten Webseiten auszutauschen.
3. Keine App kann einen Artikel verbreiten wie das Web. Wired liefert gewissermaßen den Beleg dafür: Es hat eine App. Dennoch wurde die Titelgeschichte auf der Webseite des Magazins veröffentlicht. Und nur weil sie dort stand, konnte sie von vielen gelesen, verlinkt und diskutiert werden.
4. Werber lieben das Web nicht, das ist richtig. Html-Seiten sehen einfach unattraktiv aus. Der grafische Eindruck lässt sich nicht hundertprozentig steuern: Je nach Browser, Bildschirm oder Betriebssystem sieht der eine perlgrau, wo der andere mausgrau sieht. Aber Werbung im Netz ist nicht erfolgreich, weil sie schön, sondern weil sie nützlich ist. Facebook fängt gerade damit an, die lokalen Anzeigenmärkte aufzurollen: Sein neuer Lokalisierungsdienst Places (mehr hier) erlaubt es Nutzern, anderen mitzuteilen, wo sie gerade sind. Restaurants, Geschäfte, Dienstleister am jeweiligen Ort können eigene Places-Seiten kreieren und so Kunden anziehen:
"Places creates a presence for your business's physical store locations - encouraging your customers to share that they've visited your business by 'checking in' to your Place. When your customer checks into your Place, these check-in stories can generate powerful, organic impressions in friends' News Feeds, extending your brand's reach to new customers", zitiert Techcrunch aus Facebooks "how-to guide" für die Unternehmer.
Chanel wird nicht bei Places schalten. Aber Chanel wird auch nicht auf dem Ipad schalten, weil Jobs mitbestimmen will, wie die Anzeige aussehen soll.
5. Das Netz hat das Leserverhalten verändert. Kein Mogul kann das zurückdrehen, auch Steve Jobs nicht. Wie Evan Hansen, ebenfalls in Wired, schreibt: "Reading, it turns out, is not a passive, solitary enterprise; it is deeply tied to social activities. Thanks to the web, readers are no longer just consumers - they are participants and creators in their own right, and they are empowered."
6. Warum vergeuden Medienunternehmen ihre Zeit mit dem Versuch, das Rad zurückzudrehen? Nicht mal Wolff glaubt wirklich daran. Zeitungen und Zeitschriften werden nie wieder Alleinherrscher über ihre Leser und Anzeigenmärkte sein. Auch nicht bei Apple. Wolff beschreibt es doch selbst: "Es ist nicht überraschend, dass die Zukunft der Medien in Jobs' vom Ipad befeuerter Vision ihrer Vergangenheit gleicht. In diesem Szenario ist Jobs ein Mogul, der direkt dem Studiosystem entsprungen ist. Während Google Traffic und Werbung kontrolliert, kontrolliert Apple die Inhalte. Tatsächlich behält es das absolute Genehmigungsrecht für alle Apps, die von Dritten entwickelt werden. Apple kontrolliert, wie die Inhalte aussehen, wie sie sich anfühlen, wie man sie erlebt. Mehr noch, es kontrolliert sowohl den Vertriebsweg für Inhalte (Itunes) wie auch die Geräte (Ipods, Iphones und Ipads), mit denen man den Inhalt konsumiert." Man muss die Liste noch ergänzen: Jobs nimmt Einfluss auf die Inhalte der Medien und sogar noch auf die Werbung, die die Medien in ihren Apps präsentieren. Und er kassiert mit. Und er verwaltet die Bankdaten der Kunden. Das ist keine Rückkehr in die alten Zeiten, das sind die alten Zeiten als Alptraum.
7. Der Hauptpunkt in Wolffs Diagnose ist richtig: Google frisst alles. Nur wer sich außerhalb des von Google verwalteten Netzes bewegt, konnte ihm die Stirn bieten. Aber sich deshalb aus dem Netz zu verabschieden, ist Wahnsinn. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sind auf Verbreitung angewiesen. Das ist ihr Sinn und Zweck. Der Internetveteran Rusty Coats hat einmal gefragt: "Print is about stories. Digital is about search. So what will that mean for journalism?" Wie wäre es damit: eine gemeinsame, webbasierte, durchsuchbare, Google klug ausspielende, kostenpflichtige Plattform für Medien.
Dafür müssten die Medien ihren eigenen Steve Jobs oder Mark Zuckerberg hervorbringen. Aber der ist nirgends in Sicht. Medienbesitzer wollen nicht mehr Mogul sein. Sie wollen sich einem Mogul unterwerfen. Die alten Zeiten sind wirklich tot.
Anja Seeliger
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Vom Verenden des Verstehens
26.05.2012. Pfingstereignis Feuilleton! In der FAZ überlegt Durs Grünbein, warum Dichtung unerlässlich ist. In der SZ schreibt Günter Grass ein erlässliches Gedicht. In der NZZ beschreibt Botho Strauss den Idioten als freien Geist. In der Welt droht der Künstler Gregor Schneider Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mit Kunst. Im Tagesspiegel wünscht sich Johannes Schneider etwas mehr Ehrlichkeit in der Urheberrechtsdebatte. In der taz schlägt Ulrich Kühne vor: Nur noch sechs Prozent für die Verwerter. Mehr lesen
Einen Jux will er sich machen
25.05.2012. Cent um Cent: Zuckerberg, Zauberer, Zocker - Studie: Wie sich Buchkritiken auf den Verkauf auswirken - Apps im Kreuzfeuer der Kritik: Stiftung Warentest und Zapp warnen - Nachrichten-Websites: Rote Zahlen überall nur Zeit und FAZ trotzen dem Negativ-Trend - Groteske Pointe: Murdoch und News of the World + Wenn sich die Sprache Gedanken macht: Vor 150 Jahren starb Johann Nestroy und wenn der Kretschmann den Richling macht. Mehr lesen
Liebe, Revolution und Verrat
22.05.2012. Die Tscherkessen möchten 2014 keine Olympischen Winterspiele in Sotschi: Man könnte auf den Knochen ihrer ermordeten Vorfahren Ski fahren, berichtet Newsweek. Die Italiener müssen verstehen, dass Demokratie auch ohne Spektakel eine interessante Sache ist, meint Roberto Saviano im Espresso. Museen, fürchtet die türkische Regierung, ruft der Economist. Die LRB reist nach Syrien. Der New Yorker porträtiert Fidel Castros "Nacht-und-Nebel-Mann" William Alexander Morgan. Das Smithsonian Magazine steht staunend vor dem größten Salzsee der Welt. Mehr lesen
Karikaturen und Cartoons
22.05.2012. Heute: Wer wird Milionär?
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Archiv: Bücher
Krisen des modernen Ichs
26.05.2012. FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
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Das ist also Reichtum
14.05.2012. Oliver Harris holt mit "London Killing" den englischen Krimi zurück in die Metropole und lässt seinen Detective Belsey sehr riskant, aber vornehm gegen die City zocken. Giancarlo de Cataldo und Mimmo Rafele decken in "Zeit der Wut" den Plan zur Abschaffung Italiens auf. Mehr lesen
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Nerv für klare Worte
07.05.2012. Matthias Nawrat erzählt von einem schwer verliebten Gemüsefahrer. Helene Bessette erzählt von einem besessenen Pfarrer. Ketil Bjoernstadt erzählt von der Sandwich-Generation, Nedim Gürsel von Allahs Töchtern. Außerdem reisen wir mit Stephen Greenblatt in die Renaissance und mit David van Reybrouck in den Kongo. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai. Mehr lesen
Archiv: Magazin
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21.05.2012. Den Begriff "Geistiges Eigentum" halte ich für tendenziös und wenig fruchtbar. Meine Fragen sind andere, mich interessieren weniger meine Befürchtungen als die Hoffnungen und Freuden, die sich mit dem Netz für mich verknüpfen. Über das Schreiben im digitalen Zeitalter. Mehr lesen
Auf den Kopf gestellter Zauberlehrling
17.04.2012. Wie konnte es geschehen, dass eine so abstrakte wie randständige Materie wie das Urheberrecht solch massive politische Wirkung entfaltet, mit Hebeln, die von den Rändern bis ins ideologische Zentrum der Gesellschaft einhaken? Ein Plädoyer für pragmatische Lösungen Mehr lesen
Medienticker und Teletaucher
31.03.2012. Medienticker und Teletaucher fallen wegen Krankheit mindestens noch bis zum 23. April aus. Mehr lesen
Mundtot gemacht
21.03.2012. Mit der Pressefreiheit ist es in der Türkei nicht gut bestellt. Journalisten werden verhaftet und auf der Grundlage schwammiger Gesetze angeklagt. Es wird immer schwieriger, kritisch über die Regierung Erdogan zu berichten. Mehr lesen








