Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Blog - Im Ententeich

Found Footage: No Time Left

Von Thomas Groh, 09.02.2010, 15:10

Im Jahr 2000 einigten sich 191 Regierungen darauf, die Weltarmut bis 2015 zu halbieren. NoTimeLeft ist eine Kampagne, den Verantwortlichen in Erinnerung zu rufen, dass die Frist in fünf Jahren abläuft. Acht namhafte Arthouse- und World-Cinema-Regisseure haben zu diesem Zweck Kurzfilme beigesteuert, um auf durch Armut verursachte Missstände hinzuweisen. Die Filme sind im YouTube-Channel des Projekts zu sehen. (via)

Hier eine Auswahl:


Gus van Sant: Mansion on the Hill


Gaspar Noe: Aids


Jan Kounen: The Story of Panshin Beka.

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In der Ententeich-Rubrik Found Footage stellt Thomas Groh Netzvideo-Trouvaillen vor.

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Stichwörter: found footage, Gaspar Noe, Gus van Sant, Jan Kounen

Found Footage: Oscars!

Von Thomas Groh, 02.02.2010, 18:30

Die heute bekannt gegebenen Oscarnominierungen (hier die Aufzeichnung der Bekanntgabe) waren, abgesehen vielleicht von der Nominierung von Oben in der Rubrik "Bestes Drehbuch", im wesentlichen überraschungsfrei. Rasch in Blogosphäre und auf Twitter kommentiert war freilich der "Rosenkrieg" zwischen Kathryn Bigelow und James Cameron, den geschiedenen Eheleuten, deren Filme in zahlreichen zentralen Rubriken miteinander konkurrieren.

Eine der schönsten Kategorien, "Bester animierter Kurzfilm", geht bei solchen Boulevardgeschichten schnell unter. Was auch insofern bedauerlich ist, da sie es als einzige gestattet, zumindest einige der Wettbewerbsbeiträge umgehend im Netz zu begutachten: Nicht wenige Künstler und Rechteinhaber stellen ihre animierten Kurzfilme mittlerweile bei den einschlägigen Videoportale ein.

Zum Beispiel Granny O'Grimm's Sleeping Beauty von Nicky Phelan, produziert von Brown Bag Films:



Der französische Beitrag French Roast war auf YouTube leider nicht in einer autorisierten Fassung aufzufinden. Auf der Website zum Film kann man ihn sich aber ansehen: Einfach hier entlang.

Vom spanischen Beitrag The Lady and the Reaper von Javier Recio Gracia gibt ... mehr lesen

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Stichwörter: found footage

Found Footage: Sundance.

Von Thomas Groh, 25.01.2010, 15:49

Als "middlebrow-Festival" ist das derzeit stattfindende Sundance Festival zwar nicht unumstritten, sehr schön ist deren Onlinepolitik aber doch: Neben viel Unerheblichem (ein Gitarrespieler in einem Café? Also gut.) und üblichem Festival-Chitchat (wichtig aussehende Leute sagen wichtig Klingendes in wichtig aussehende Kameras) finden sich im YouTube-Channel des Festivals auch Beiträge aus dessen Kurzfilmprogramm. Zwar muss man dabei ein bisschen Rosinen-Picken spielen (warum das Festival sich nicht auf einen tag einigt, der einem auf einen Blick alle Filme präsentiert, ist schon schleierhaft), doch zeigt dieser Testballon auch die ungefähre Richtung an, die internationale Filmfestivals im Zeitalter von Digitalisierung und Medienkonvergenz einschlagen könnten. Ich für meinen Teil hoffe, dass z.B. die Berlinale solche Möglichkeiten ebenfalls in Betracht zieht (oder aber vielleicht sogar über eine Art "Online-Festivalsektion" nachdenkt, die von und für das Netz produzierte Filme unter einem entsprechenden Label kuratiert).

Jedenfalls, ein paar Fundstücke:

"Old Fangs" von Adrien Merigeau (der über die Produktion hier gebloggt hat) handelt von der ersten Begegnung nach Jahren zwischen einem jungen Wolf und dessen Vater:

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Stichwörter: found footage

Found Footage: Gesperrtes Netz

Von Thomas Groh, 23.01.2010, 18:31

Das National Film Board of Canada gehört, was die Netzpräsenz betrifft, zu den vorbildlichsten Filminstitutionen weltweit. Gerade erst wurde der High Definition Channel um einige wunderbare Schätze der Animationsfilmkunst bereichert: Hochauflösend, weltweit abrufbar und embeddable.

Der sehr zurecht 2007 oscarnominierte Madame Tutli-Putli etwa ist ein auf bezaubernde Weise abgründiger Stopmotion-Film:



Ryan von Chris Landreth hingegen trug drei Jahre zuvor die Trophäe siegreich davon. Sein Film befasst sich mit dem Leben des kanadischen Animationsfilmers Ryan Larkin, der 30 Jahre zuvor auf seinem Gebiet Wegweisendes leistete.



Eine Auswahl von Larkins Filmen, zum Beispiel sein oscarnominierter En Marchant, an dem Larkin zwei Jahre gearbeitet hat, findet sich im übrigen ebenfalls im Archiv des NFB.

(den Hinweis verdanke ich dem Blog Drawn)

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Zwar nicht embeddable, aber deswegen nicht weniger ... mehr lesen

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Stichwörter: found footage

Zu Hilal Sezgins Vorwürfen gegen den Perlentaucher

Von Anja Seeliger, 20.01.2010, 21:01

Hilal Sezgin beschwert sich heute in der Zeit unter der Überschrift "Ihr Feiglinge" unter anderem darüber, dass die Feuilletonrundschau des Perlentauchers nicht namentlich gezeichnet ist und wir gewissermaßen nur rudelartig und anonym auftreten. Dazu folgendes: Die Feuilletonrundschau wird jeden morgen von den drei Perlentaucherredakteuren und einem freien Autor erstellt. Die einzelnen Beiträge sind nicht namentlich gekennzeichnet, weil die Feuilletonrundschau buchstäblich ein Gemeinschaftsprojekt ist. Wir sitzen zwischen sieben und neun in einem Raum, lesen uns vor, redigieren uns gegenseitig, diskutieren, ergänzen, tauschen Zitate aus etc. Die Redaktion ist überschaubar - Thierry Chervel, Thekla Dannenberg, Anja Seeliger - und steht mit Kurzbio im Impressum.
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Found Footage: A Letter to Uncle Boonmee - und anderes.

Von Thomas Groh, 19.01.2010, 21:55

Zwar kann man das Video nicht einbetten und eine (ratzfatz erledigte) Registrierung bei der Online-Cinémathèque "The Auteurs" ist obendrein nötig (so ganz im übrigen: die schlechteste Sache nicht), einen Hinweis aber ist dies unbedingt wert: Dort, bei "The Auteurs", kann man sich derzeit A Letter to Uncle Boonmee, den neuen Kurzfilm des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul, anschauen - weltweit ohne Geoblocking, kostenfrei und in hervorragender Qualität. Nehmen Sie sich die 17 Minuten Zeit!

Bild zum Artikel

(Bei unseren Freunden von "Cargo" finden Sie übrigens auch ein sehenswertes Videointerview mit dem Regisseur)

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Ganz andere Geschichte: Die folgenden dreieinhalb Minuten sind ein ganz vergnüglicher königlicher Alptraum, in der alle paar Sekunden mit fast schon meditativer Konsequenz Unvorhergesehens und doch lange Vorbereitetes geschieht. Minimalistisch mit Flashsoftware von Alex Budovsky (hier sein YouTube-Kanal) animiert und nicht zu Unrecht auf zahlreichen Animationsfilmfestivals gezeigt:



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Weniger vergnüglich, dafür umso morbider geht's in dem Kurzanimationsfilm Homunculus zu. Hier entspringen die Menschlein dekadenten ... mehr lesen

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Stichwörter: found footage

Das Behagen an der Unkultur

Von Thierry Chervel, 18.01.2010, 14:01

Henryk Broder ist ein Riese! Ganz allein ist er in der Mehrheit gegenüber all den kleinen Feuilletons. Die tapfere kleinere Minderheit aus Freitag, taz, Zeit, Süddeutsche, FAZ und FAS hat in den letzten Wochen ihren ganzen Mut zusammengenommen, um hinter dem anarchistischen Witz Broders den dunkel schimmernden "Fundamentalismus der Aufklärung" bloßzulegen. In einer ganzen Flut von Artikeln zurren sie ihn fest und pieken ihn, wie das Zwergenvölkchen bei Swift. Broder, schrieb Thomas Assheuer in der Zeit, "gibt sich stets Mühe, lustig zu schreiben, aber er meint es bitterernst". Das ist der Unterschied: Seine Gegner sind nicht mal lustig.

Es begann schon mit dem Klimagipfel in Kopenhagen, der die taz über Climategate und "Achse des Blöden" stöhnen ließ. Es kulminierte nach dem Schweizer Minarettverbot (seitdem ist Broder für den Freitag ein Rechtspopulist, mehr hier). Und es ging weiter nach dem Mordanschlag auf Westergaard. Held der Helden ist seit neuestem Claudius Seidl: Er versprach in der FAZ am Sonntag hoch und heilig, sein Leben hinzugeben, falls Henryk B. und seine fundamentalistischen Konsorten den muslimischen Frauen das Recht aufs Kopftuch erfolgreich streitig machen sollten. Zugegeben: Das ist unwahrscheinlich, aber wer weiß - am Ende ... mehr lesen

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Stichwörter: Ayaan Hirsi Ali, Feuilleton, Henryk Broder, Islam, Karikaturenstreit, Necla Kelek, Seyran Ates

Found Footage: Tilda Swinton.

Von Thomas Groh, 17.01.2010, 11:46

Tilda Swinton. An der schottischen Küste, in schottischen Wäldern, in einer schottischen Ruine. Barfuß. Als neues Gesicht für Pringle of Scotland. Ein Werbevideo - wenn man es denn so nennen kann - für die kommende Sommerkollektion, gedreht von Ryan McGinley.



(gefunden bei proletkult)

In der Ententeich-Rubrik Found Footage stellt Thomas Groh Netzvideo-Trouvaillen vor.
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Stichwörter: found footage

Scholl-Latour: Kristina Köhler ist ein Skandal

Von Thierry Chervel, 05.01.2010, 09:01

Peter Scholl-Latour war immer schon berühmt als Experte für alles und für tiefen Einblicke in die Seelen der Völker. Hier ein weiterer Beweise für das Ausmaß seiner Völkerverständigung, ein FAZ-Interview, das wir (dank Cora Stephan) erst jetzt entdecken:

"Scholl-Latour: Dass wir jetzt eine Familienministerin mit Zuständigkeit für den Islam benennen von 32 Jahren, die nicht verheiratet ist, keine Kinder hat - was die Familie betrifft, ist mir das egal, aber dass sie sich um den Islam kümmert, ist ein Skandal.

Frage: Was ist daran skandalös?

Scholl-Latour: Weil Sie keine Ahnung hat. Und man muss auch Rücksicht nehmen auf die Mentalität dieser Völker. Für die ist eine 32 Jahre alte ledige Frau, die in wilder Ehe lebt, wie man früher sagte, inakzeptabel." mehr lesen

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Stichwörter: Islam, Peter Scholl-Latour

Iran: Demonstranten verhindern Hinrichtung

Von Thierry Chervel, 30.12.2009, 14:12

Eine geradezu unglaubliche, aber durch ein Video belegte Szene erzählt Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime auf der Website des Humanistischen Pressedienstes. Demonstranten haben in der iranischen Stadt Sirjan eine Hinrichtung verhindert und die beiden (bereits bewusstlosen) Delinquenten vom Galgen abgeschnitten: "Um neun Uhr bekomme ich dann diese Nachricht: Mina, die Menschen waren sehr entsetzt, von Anfang an gab es eine Demonstration und schließlich haben einige diese Jugendlichen gerettet und mitgenommen. Ich bin überglücklich, denke aber zugleich, das ist nicht wahr, wie haben sie das gemacht? Ich bin skeptisch und warte auf andere und genaue Informationen. Ja, aber alles ist wahr. Schauen Sie selbst an, wie die Menschen die Henker mit Steinen verjagten, mehrere Fahrzeuge der Sicherheitskräfte sowie den Galgen anzündeten, die Seile mit Messer durchschnitten und die zwei Jugendlichen mitnahmen!"
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Stichwörter: Iran

Godard Antisemit? Material

Von Thierry Chervel, 17.12.2009, 12:12

Ist Jean-Luc Godard Antisemit?, fragt die FAZ heute. Nun ja, 1977 war er es jedenfalls, wenn man diese Passage aus einem hier dokumentierten Brief an den palästinensischen Lyriker Elias Sanbar liest. Godard denkt über das Foto eines "Muselmanen" nach. So nannte man in den KZ verhungernde Insassen im letzten Stadium. Auf französisch ist das Wort absolut identisch mit dem Wort für "Muslim" – nämlich "musulman". Nach einer dunklen Passage über ein "Urbild des jüdischen Volkes" schreibt Godard:

"Darüber spricht Israel nie, dass es ein zweites furchtbares Bild brauchte, ein Bild vom deutschen Wahnsinn, um das Recht auf eine Heimat zu erobern, eine Heimat im vollen Sinne, und dass das ein schweres Erbe ist.

Aber das kann man auf jedem Bild aus den deutschen Lagern sehen, außer wenn man oberflächlich guckt und es zu schrecklich zu sehen ist, zu schrecklich vor allem, dass man nur aus dem Hass des anderen heraus existiert.

Niemand weiß, wie es genau im Nahen Osten ausgehen wird, aber man weiß ein bisschen darüber, wo und wann es begonnen hat.

Es war hier, in Europa (es ist also auch unser Krieg, wenn es nicht unser Krieg wäre, würde
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Stichwörter: Antisemitismus, Jean-Luc Godard

Hamburger Abendblatt - bezahlen trotz freien Zugangs?

Von Peer Skrzypek, 16.12.2009, 20:00

Seit vorgestern sind einige regionale Inhalte des Onlineauftritts des Hamburger Abendblattes nur noch für zahlendes Publikum einsehbar. Über dieses Thema hat bereits Stefan Niggemeier in seinem Blog berichtet.

Wer sich den Internetauftritt des Hamburger Abenblatts näher ansieht, stellt aber schnell fest, dass die Bezahlschranke nur zum Schein errichtet wurde. In Wirklichkeit waren am 16. Dezember sämtliche Artikel frei zugänglich.

Als Beispiel nehmen wir den Artikel "Stadt investiert so viel Geld wie noch nie" beim Abendblatt.

Wer den Artikel einfach so annklickt, bekommt folgende Seite zu sehen:

Bild zum Artikel

Aber das Hamburger Abendblatt fährt eine Doppelstrategie: Der Leser soll zahlen, bei Google aber möchte man trotzdem vorkommen. Für Google sind die Bezahlinhalte weiter einsehbar, schließlich sollen die Artikel weiterhin gut gefunden werden. Von google kommend ist zumindest der erste Artikel ohne Barriere anklickbar. Siehe auch Carta: "Die Hintertür ist, wie der Verlag bestätigt, ein Feature: Die Leser, die 'vorne' bei abendblatt.de reinkommen, sollen ein Abo lösen. Zugleich soll der Traffic über Google nicht abgeschnitten werden. Es handele sich um den bewussten Einsatz eines 'Der erste Klick ist entgeltfrei”-Modells ... mehr lesen

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Stichwörter: Google, Hamburger Abendblatt

Willi Winkler und der Mann der Tat

Von Thierry Chervel, 02.12.2009, 12:12

Dass es linken Antisemitismus gibt, hat sich inzwischen sogar bis in die Linke herumgesprochen. Und doch ist es bis heute bestürzend, wie asymmetrisch die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist. Gerät eine Institution wie die Kirche in Verdacht, dann ist das Rauschen in den Blättern groß: Aber so empörend Benedikts XVI. Abwiegeln ist – wen repräsentieren schon die Piusbrüder? Weit weniger Interesse erregte fast gleichzeitig der postkoloniale Stand-up-Comedian Dieudonné, der vor einem johlenden Massenpublikum den Holocaustleurgner Robert Faurisson mit einem selbstgeschaffenen Pres für political incorrectness auszeichnete.

Kommt der Pesthauch aus der eigenen Ecke, hat es damit immer eine Bewandtnis. Dann muss man erklären, verstehen und es auch mal ganz anders sehen. So heute auch Willi Winkler in der SZ in einer Besprechung von Aribert Reimanns Biografie des Kommunarden: Dieter Kunzelmann war Antisemit, Winkler will es ja gar nicht leugnen. Aber Kunzelmann war eben auch hochsympathischer "Großkasperl", der die Verhältnisse im Sinne Winklers zum Tanzen brachte und den man sich von Aufklärern wie Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen oder Götz Aly nicht kaputtmachen lassen will. So ein Mann der Tat lässt einen Mann des Wortes wie Winkler stets schon knieweich werden. Der "letzte deutsche Bohemien" sei Kunzelmann gewesen, schwärmt Winkler. ... mehr lesen

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Stichwörter: Dieter Kunzelmann, linker Antisemitismus, Willi Winkler

Das Zentraleuropäische Forum in Bratislava

Von Thierry Chervel, 20.11.2009, 15:11

Eine solche Liebe dürfte einem ausländischen Staatsmann kaum je entgegenschlagen. Obama vielleicht. Aber der Jubel für Obama wirkt angesichts der Szene im ausverkauften Stadttheater von Bratislava wie kindische Verliebtheit. Denn dies hier ist Liebe, dauerhafte innige Dankbarkeit für einen, der wusste loszulassen. Vaclav Havel verbeugt sich in einer Reihe von Diskussionspartnern und nimmt den stehend dargebrachten Applaus mit Geduld und Bescheidenheit entgegen. Die Diskussion handelte von einem gewissen Gefühl der Ernüchterung nach zwanzig Jahren errungener Demokratie. Der Perlentaucher war eingeladen, weil er mit seiner englischsprachigen Seite signandsight.com immer wieder auch versuchte, europäische Debatten zu lancieren – und dabei in den mittel- und osteuropäischen Ländern auf größere Resonanz stieß als in Deutschland oder Westeuropa.

Havel sprach ruhig und ein bisschen stockend. Er wirkte gegenüber alten Fotografien ein bisschen gealtert und geschrumpft, zugleich hellwach und elegant. Er beklagte die Parteienherrschaft und kam gleich auf das Ursprungsereignis der Slowakischen Republik zu sprechen – die Teilung der Tschechoslowakei. Sie sei zuerst von Parteifunktionären als Verhandlungsergebnis von Parteien verkündet worden, und nicht von Parlament und Regierung, beklagte er. Auf dem Podium saßen berühmte Intellektuelle aus Mittel- und Osteuropa, der slowakische Politologe und Mitunterzeichner der Charta 77 Miroslav Kusy, die ungarische, seit Jahren ... mehr lesen

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Stichwörter: Mitteleuropa

Google books paradox

Von Thierry Chervel, 15.11.2009, 20:11

Google wird nach der neuen Version des Google Book Settlement nur noch amerikanische Bücher online verfügbar machen, heißt es (mehr zu den Details des neuen Google Book Settlement bei irights.info). Der ehemalige Direktor der Bibliothèque, Jean-Noël Jeanneney, hatte vor ein paar Jahren die Horrorvorstellung verbreitet, Google Books würde durch Bevorzugung der eigenen Sphäre die amerikanische Hegemonie steigern. Europäische Politiker nickten ernst und versprachen Abhilfe. Nun ist Jeanneneys Horrorvision wahr geworden - durch den Widerstand der Europäer.

Thierry Chervel

Twitter.com/chervel
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Stichwörter: Google Book Settlement

Schutzlos ausgeliefert im Internet?

Von Ilja Braun, 15.11.2009, 19:11

Am Montag und Dienstag werden Pflöcke eingeschlagen. Am Montag und Dienstag finden die VDZ Zeitschriftentage statt. Der Dienstag ist ganz dem Thema Leistungsschutzrecht gewidmet. Zuerst redet Hubert Burda, die keynote speech kommt dann von Angela Merkel. Die CDU hat bereits mehrfach bekundet, dass sie ein Leistungsschutzrecht einführen will – jetzt kommt's also drauf an.

Auch das Kräftegleichgewicht zwischen Urhebern und Verwertern droht sich durch die Einführung eines Leistungsschutzrechts für Verleger zu verschieben. Zu diesem Ergebnis kommt ein im Auftrag des Bayerischen Journalistenverbands verfasstes Gutachten, das am 3. Dezember 2009 in der Zeitschrift Kommunikation und Recht  erscheinen und ab dem 14. Dezember auch online zur Verfügung stehen wird.
 

Urheber und Verwerter, also Verleger und Journalisten, haben nicht dieselben Interessen, stellen die Autoren Timo Ehmann und Emese Szilagyi zu Beginn ihrer Arbeit fest. Während Verleger das Internet als Konkurrenz zu ihren Printprodukten fürchten müssten, hätten Autoren ein Interesse daran, dass ihre Texte möglichst umfassend verbreitet werden.

Zudem müsse die Einführung eines neuen Schutzrechts für geistiges Eigentum sich durch einen Nutzen für das Allgemeinwohl rechtfertigen lassen. Allein die Tatsache, dass das Verlegen von Printprodukten eine wirtschaftliche Investition bedeute, rechtfertige noch kein weitreichendes Schutzrecht, so ... mehr lesen

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Stichwörter: Leistungsschutzrecht, Urheberrecht

Schirrmachers Payback kommt über Bande

Von Thierry Chervel, 06.11.2009, 09:11

Es wetterleuchtet am Horizont. Frank Schirrmacher hat ein neues Buch geschrieben, und anders als die allermeisten Journalisten seiner Generation hat er ja die Kapazität, Debatten auszulösen. Früher lancierte er seine Bücher per Vorabdrucken in Bild (was ja auch jetzt noch nicht ausgeschlossen ist). Diesmal aber spielt er zunächst über Bande: In Edge diskutieren einige bekannte Namen der von Schirrmacher vor zehn Jahren (wäre das nicht eine Gedenkausgabe wert?) ausgelobten "Dritten Kultur". "Payback" heißt das Buch - Randomhouse hat noch keine Leseprobe online gestellt. Es kommt noch im November. Die These lautet: Information Overload, Aufmerksamkeitsdefizitstörung, das Internet macht uns gaga (auch Nicolas Carr hatte das vor gut einem Jahr in Atlantic Monthly beklagt). Und "wie gewinnen wir die Kontrolle über unser Denken zurück?"

Die Mitstreiter von Edge.org durften das Buch (englisch: "The age of the Informavore") - oder zumindest einen darauf basierenden Vortrag Schirrmachers - offensichtlich schon zur Kenntnis nehmen: "We are apparently now in a situation where modern technology is changing the way people behave, people talk, people react, people think, and people remember. And you encounter this not only in a theoretical way, but when you meet people, when suddenly people ... mehr lesen

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Stichwörter: ADD, Frank Schirrmacher, Information Overload

Wir erinnern uns zu Tode

Von Thierry Chervel, 02.11.2009, 11:11

Gehen wir mal die Feuilletons der letzten Tage durch. Fünfzig Jahre Asterix. Dreißig Jahre Billy-Regal. Richard Serra wird siebzig. Vor vierzig Jahren starb Jack Kerouac. 25 Jahre Architekturmuseum Frankfurt. Zwanzig Jahre Mauerfall, klar. Helmut Kohl schaut zurück. Siebzig Jahre Herlinde Koelbl. Achtzig Jahre Bud Spencer. Sechzig Jahre FAZ. Schily, Ströbele, Mahler: Drei alte Herren plaudern aus dem Anwaltskollektiv. Wie Schabowski sich mit seinem Zettel verhaspelte. Hebung des Grabes von Federico Garcia Lorca. Frankreich sorgt sich um seine nationale Identität. Prächtige Dokumente aus der Familiengeschichte der Fugger. Was hat Angela Merkel am 11. November in Paris zu suchen? Die Titanen sterben aus - jungen Dirigenten fehlt das Charisma. Geschichte des Überlebens der Frankfurter Schule im schweizerischen und amerikanischen Exil. Georg-Elser-Denkmal enthüllt. 400 Jahre Shakespeare-Sonette. Heinz Czechowski ist tot. Heinz-Klaus Metzger ist tot. John Cleese siebzig. Zehn Jahre Lyrikline. Die Kindersendungen der siebziger Jahre sind nur noch auf Youtube zu sehen. Rappelkiste!

Die Rappelkiste sind wir heute noch. Nur rappeln darin unsere morschen Gebeine. Unsere Feuilletons - aber ist es im Fernsehen so viel anders? - bestehen aus Rückblicken. Der Jahrestag ist der cache-sexe der Ideenlosigkeit. Das Publikum summt mit: "Auf Matrosen, ohe / Einmal muss es vorbei sein..." In den ... mehr lesen

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Filmemacher fordern Freilassung Polanskis

Von Thierry Chervel, 28.09.2009, 10:09

Am Samstag ist Roman Polanski, der zu einer Preisverleihung angereist war, von der Schweizer Polizei festgenommen worden. Ihm droht die Auslieferung in die USA, wo er 1978 wegen angeblicher Vergewaltigung einer 13-Jährigen angeklagt war. Dem Prozess in Los Angeles entzog er sich seinerzeit durch Flucht.

Gegen die Festnahme Polanskis wendet sich eine in Le Monde heute veröffentlichte Petition von Filmemachern und -institutionen. Zu den Unterzeichnern gehören Wong Kar-wai, Fanny Ardant, Ettore Scola, Marco Bellocchio, Giuseppe Tornatore, Monica Bellucci, Abderrahmane Sissako, Tony Gatlif, Pierre Jolivet, Jean-Jacques Beineix, Paolo Sorrentino, Michele Placido, Barbet Schroeder, Gilles Jacob und Bertrand Tavernier. Sie fordern, ohne auf die Vorwürfe gegen Polanski näher einzugehen, eine sofortige Freilassung der Regisseurs.

Le Monde meldet auch, dass sich der französische Außenminister Bernard Kouchner und sein polnischer Kollege Radoslaw Sikorski an Hillary Clinton wandten, um in Sachen Polanski eine Gnadenverfügung durch Barack Obama zu erlangen. mehr lesen

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Stichwörter: Roman Polanksi

Islam ist nicht Islamismus

Von Thierry Chervel, 15.09.2009, 07:09

Früher hieß es: Die Rechte verteidigt "die Kultur", die Linke kämpft für "die Zivilisation". Die Rechte akzeptiert Ungleichheit als etwas natürlich Gewachsenes. Die Linke kämpft für Universalia wie zum Beispiel auch die Gleichheit der Menschen. Die Rechte befürwortet ein traditionelles Frauenbild, die Linke kämpft für Emanzipation. Aber so ist es nicht, vielleicht war es ja noch nie so: In Wirklichkeit ist sich die Linke mit der Rechten einig.

Im Blick auf die berühmten "anderen Kulturen" zeigt sich: Eigentlich ist es die Linke – und besonders die einst von Bourdieu beschworene "linke Linke" die an den verlorenen Gewissheiten der Rechten festhält: Kultur, Tradition, Sitte, Kopftuch, Religion, Unterwerfung. Die Rechte war dabei ehrlicher, weil sie diese Werte und die daraus resultierenden Zwänge auch fürs eigene Milieu einforderte. Die Linke aber hat für die "anderen Kulturen" ein anderes Programm als für die eigene. Sie ist also nicht nur reaktionär, sondern rassistisch.

György Dalos, Dietmar Dath, Gretchen Dutschke-Klotz, Jürgen Flimm, Peter Hamm, Christoph Hein, Elfriede Jelinek,Thomas Ostermeier, Tim Renner, Harry Rowohlt, Horst Eberhard Richter, Charlotte Roche, Friedrich Schorlemmer, Katharina Thalbach, Martin Walser, Roger Willemsen, Feridun Zaimoglu und einige weitere Prominente aus dem linken juste milieu rufen im Freitag zum ... mehr lesen

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Stichwörter: Freitag-Aufruf, Islam, Islamismus

Das Gift der Selbstzensur

Von Thierry Chervel, 18.08.2009, 11:08

Bild zum ArtikelDie meisten Zeitungen in Deutschland haben das Thema nicht aufgegriffen, dabei ist es fast eine Woche alt. Die New York Times brachte es zuerst, am 12. August. In Deutschland hat dann nicht eine Zeitung, sondern ein Blog, die Achse des Guten, ein informatives Dossier zum Thema zusammengestellt. Die Süddeutsche Zeitung hat am 14. August eine winzige Meldung abgedruckt (die dem Perlentaucher entgangen ist). Der Perlentaucher wurde am 15. durch eine Meldung in der NZZ aufmerksam. Die FAZ brachte an diesem Montag einen kleinen Artikel. In anderen Zeitungen haben wir nichts gefunden – vor allem, mit Ausnahme der FAZ, keinen Kommentar. (Aktualisierung vom 19. August: Jens Balzer griff die Geschichte gestern in der Berliner Zeitung ausführlich auf.)

Man kann sich die Redaktionskonferenzen förmlich vorstellen: Ach, nicht schon wieder dieses Thema. Aber ist es wirklich zum Abwinken? Jytte Klausen, Politologin an der Brandeis-Universität hat den Karikaturenstreit wissenschaftlich aufgearbeitet. "The Cartoons that Shook the World" , das erst im November herauskommt, wird nun ein Buch über Bilder ohne Bilder. Offensichtlich versucht Klausen darin zu zeigen, dass die gewalttätigen Proteste ... mehr lesen

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Stichwörter: Jytte Klausen, Karikaturenstreit, Mohammed-Karikaturen, Yale University Press

Der Ammann Verlag hört auf

Von Thierry Chervel, 10.08.2009, 10:08

Der Ammann Verlag hört auf. In einer brieflich verschickten Pressemitteilung mit dem Datum vom 10. August informiert der Zürcher Verleger Egon Amman, dass sein Verlag seine "publizistische Arbeit" am 30. Juni nächsten Jahres einstellen will. "Für das Frühjahr 2010 bereite ich unser letztes Programm vor" heißt es in dem Schreiben. Als Grund für diesen Entschluss nennt Ammann "das fortgeschrittene Alter der Verleger" und "eine Marktsituation, die für die Literatur zunehmend schwieriger wird". Nach der Edition Urs Engeler kündigt mit Ammann der zweite wichtige Schweizer Verlag sein Ende an.

Blickt man auf das Programm des Verlags, so scheint der Verlust fast noch schwerer zu ertragen. Ammann hat unter der Leitung von Ralph Dutli eine mustergültige Ausgabe der Werke Ossip Mandelstams herausgebracht. Bei Ammann erschienen die viel gefeierten Übersetzungen der großen Romane von Dostojewski durch Swetlana Geier. Zu den weiteren internationalen Autoren des Verlags gehören Ismael Kadaré, Ralph Ellison, Georges-Arthur Goldschmidt und Abraham Sutzkever.

Der prominenteste deutschsprachige Autor des Verlags ist Thomas Hürlimann. Ammann hatte auch einige große Bestseller wie Thomas Hürlimanns "Fräulein Stark" und Eric-Emmanuel Schmitts "Monsieur Ibrahim".

Telefonisch erläutert der Pressesprecher des Verlags, Simon Rüttimann, zur Meldung, dass auch alle Mitarbeiter des Verlags und die Autoren ... mehr lesen

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Stichwörter: Ammann Verlag

Rupert Murdoch - die Kapitulation

Von Thierry Chervel, 07.08.2009, 11:08

So so, Rupert Murdoch will also die Online-Angebote seiner Printmedien wieder kostenpflichtig machen, hört man. Andere Zeitungen wie die New York Times denken darüber nach. Verleger wie Mathias Döpfner sekundieren: Der Gratis-Kultur im Netz müsse ein Ende gemacht werden.

Vor einigen Jahren hätte mich die Meldung, dass Zeitungen im Netz nicht mehr gratis zu lesen sind, betroffen gemacht. Bei der New York Times würde es mir auch heute noch wehtun. Sie hat die beste Website einer Zeitung weltweit. Sie wäre vielleicht die einzige Zeitung, bei der ich überlegen würde, ein Online-Abo zu beziehen.

Allerdings muss man auch überlegen, dass die New York Times im Netz deshalb so gut ist, weil sie – wie sonst fast nur der Guardian – Online und Print so unglaublich sinnvoll und so synergiereich verknüpft hat. Aus der Print-Times las man die Buchkritik – und online stellt die Leseprobe hinzu. Am grandiosesten war die Verknüfpung in dem Blog The Lede bei den iranischen Unruhen: In diesem Blog las man alles, was neu war – die Tweets aus dem Iran einerseits, und die Berichte und Einschätzungen der Redaktion andererseits.

Durch eine Abtrennung des zahlbaren Bereichs werden diese neuen journalistischen Formate ... mehr lesen

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Stichwörter: Rupert Murdoch, Zeitungskrise

Die Schlangenhüften von George Raft

Von Anja Seeliger, 28.07.2009, 12:07

Ich habe gerade Walter Satterwaiths Krimi "Miss Lizzie kehrt zurück" gelesen. Er spielt im New York der Zwanziger und eine Menge "echtes Personal" taucht auf: Lizzie Borden, Mae West, Dorothy Parker und George Raft, der 1932 in "Scarface" den melancholischsten verliebten Gangster spielen würde, den die Welt je gesehen hatte. Gangster sollte er von da an bleiben. Im Buch aber hat er einen Auftritt als Tänzer! Fred Astaire erzählt in seiner Autobiografie, Raft habe den schnellsten Charleston getanzt, den er je gesehen habe. Schnell war Raft 1965 nicht mehr. Aber sonst hatte der Siebzigjährige noch alles: Figur, Timing, Eleganz und Schlangenhüften. Ab Minute 6.42 (Einbetten war leider nicht erlaubt)

Angefangen hat George Raft übrigens als Eintänzer, im El Fey Club, zusammen mit Rudolfo Valentino. Dass er selbst neben Valentino ein Hit gewesen sein muss, wissen wir aus diesem Bolero. Absolut pre-Code. Ab Minute 1.15



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Stichwörter: George Raft

Wunschtraum eines Apokalyptikers

Von Thierry Chervel, 27.07.2009, 16:07

Timothy Garton Ash tut in seinem neuesten Buch etwas, das Intellektuelle seines Kalibers selten tun: Er zieht einen Begriff zurück. Leichthin hatte er in einem Artikel für die New York Review of Books die niederländische, jetzt in den USA lebende Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali eine "Fundamentalistin der Aufklärung" genannt. Er hatte eine Symmetrie zwischen dem Islamismus und einer bestimmten Fraktion der westlichen Öffentlichkeit konstruiert und damit eine riesige Debatte ausgelöst, die von Perlentaucher und signandsight.com angeregt wurde und an der sich Intellektuelle wie Pascal Bruckner oder Necla Kelek beteiligten. Die Debatte fand ein großes Echo in der internationalen Presse. Von dieser Konstruktion hat sich Garton Ash nun also in einer Fußnote zu dem besagten Artikel in seiner neuen Essaysammlung "Facts are Subversive" verabschiedet (Ort und Teilnehmer der Debatte nennt Garton Ash in seinem Buch nicht).

Und kaum hat TGA das getan, steht John Gray auf, der dunkle Prinz der jüngeren britischen Philosophie, und macht ihm das zum Vorwurf: "Garton Ash mag zögern, den Begriff des Fundamentalismus der Aufklärung zu verwenden, weil dieser Begriff nahe legt, dass wir in einen unbeherrschbaren Konflikt abdriften. Aber genau diese Gefahr eines Clash der Fundamentalismen ist real", schreibt ... mehr lesen

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Stichwörter: Islam in Europe, John Gray, Timothy Garton Ash

Nachgezählt

Von Thekla Dannenberg, 27.07.2009, 12:07

Das waren Zeiten, als man Magazinen verbieten musste, mehr als 49 Prozent Anzeigen pro Heft zu bringen! Die aktuelle Ausgabe des Spiegels kommt bei 146 Seiten auf ganze 15 Seiten Werbung und eine Sonderveröffentlichung. Ist das nur das Sommerloch? Oder die Strukturkrise?
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Stichwörter: Anzeigen, Spiegel

Cary Grant und die Peitsche

Von Anja Seeliger, 27.07.2009, 09:07

Statt ein gutes Buch zu lesen, habe ich mir am Wochenende alte Filme bei Youtube angeguckt und bin dabei auf diese Szene gestoßen: Cary Grant, als er noch aussah wie Sylvester Stallone, in einer (nach zwei Minuten) schockierenden Gewaltszene:



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Stichwörter: Cary Grant

Bericht Frankfurter Tagung im Literaturcafé

Von Thierry Chervel, 16.07.2009, 10:07

Im Literaturcafé berichtet Wolfgang Tischer über die gestrige Tagung in Frankfurt - auch über den Schirmherren: "Dass gerade die FAZ einen Urheberrechtskongress unterstützt, obwohl sie unlängst selbst zeigte, dass sie mit den ihr übertragenen Autorenrechten nicht sonderlich sorgfältig umgeht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ebenso konnte wer wollte diese Ironie aus der Begrüßung von Hannes Hintermeier heraushören, der tatsächlich davon sprach, dass Journalisten in dieser Sache seriös berichten müssten und keine Lobbyarbeit betreiben sollten. Im Publikum lachte jedoch niemand." mehr lesen

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Stichwörter: FAZ, Heidelberger Appell

Die Früchte des Internets

Von Thierry Chervel, 15.07.2009, 23:07

Am Ende durfte auf einem dichtbesetzten Podium kurz auch mal die Dame von Google sprechen. Sie sehe gar nicht, wo das Problem sei, sagte Anabella Weisl, die bei Google Deutschland für die Buchsuche zuständig ist: Zwischen den Interessen von Google und den Interessen der Unterzeichner des Heidelberger Appells bestehe doch gar kein Widerspruch. Herzliches Gelächter.

Weisl hatte es wirklich nicht leicht. Das Kräfteverhältnis von Befürwortern des Appells zu Google war auf dieser Veranstaltung ungefähr so ungleich wie das Kräfteverhältnis von Google zu den Appellierenden im Internet. Ausgerichtet war sie ja gerade von den Initiatoren des Appells. Das Frankfurter Literaturhaus hatte seine Räume geboten. Die Schirmherrschaft (und auch das viel zu knapp bemessene Büffet?) hatte ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine Zeitung übernommen. Frank Schirrmacher höchstselbst hatte die Einführungsworte sprechen sollen hielt sich aber interessanter Weise fern - vielleicht möchte er nicht, wie jüngst Hubert Burda, den Zorn der doch konsistenter werdenden Blogosphäre auf sich ziehen? Statt dessen schickte er Hannes Hintermeier an die Front.

Hintermeier ist zuständig für die Berichterstattung über den Buchmarkt im FAZ-Feuilleton und bekräftigte die Position seiner Zeitung, die fest an der Seite der Urheber steht, sofern es die eigene Vertragsfreiheit nicht berührt. Auf den umstrittenen ... mehr lesen

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Stichwörter: Google Book Settlement, Heidelberger Appell, open access, Urheberrecht

Kein Buch gegen Heidenreichs Willen

Von Thierry Chervel, 13.07.2009, 10:07

Wir berichteten: die "Deutsche Literaturgesellschaft", ein Zuschussverlag, der Autoren Geld für die Publikation minderer Gedichte abknöpft, hatte als Lockvogelbuch ein Buch mit Texten von Elke Heidenreich veröffentlicht. Heidenreichs Texte hatte man einfach im FAZ-Archiv "gekauft" - völlig legal. Nun hat der Verlag, vielleicht um einer Klage Heidenreichs aus dem Weg zu gehen, das Buch zurückgezogen. Das Literaturcafe, das die Geschichte aufgebracht hatte, zitiert aus der Begründung der Literaturgesellschaft: "Nachdem bekannt wurde, dass die FAZ die Rechte an Texten von Elke Heidenreich gegen Ihren Willen veräußert hat, hat sich die Deutsche Literaturgesellschaft dazu entschlossen, das Buch 'Bücher könnte ich lassen, Oper nie!' freiwillig vom Markt zu nehmen."

Schade!, kann man hier nur rufen, denn so ist natürlich auch die FAZ fein raus, deren Politik mit den Rechten der Autoren (mehr hier und hier und hier: "FAZ enteignet Papst") weder von Elke Heidenreich noch vom Literaturcafé kritisch aufgegriffen wird. Aber klar, da hängt der Hammer. mehr lesen

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Stichwörter: Elke Heidenreich, Urheberrecht

Das Leben ist schön

Von Thierry Chervel, 08.07.2009, 18:07

Rewe hat meinen Supermarkt umgebaut. Bisher waren die Regale längs gestellt. Immer mal wieder erblickte ich beim Einkauf die Kassen. Am Ende aller Herrlichkeiten stand der Preis, den man zahlen muss. Nun sind die Regale quer gestellt. Auf der einen Seite erblickt man Obst und Gemüse, auf der anderen die Tiefkühlkost, das Paradies und das ewige Leben. mehr lesen

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Hört nicht auf die Heidelberger Bocksgesänge

Von Thierry Chervel, 05.07.2009, 19:07

Neulich habe ich einen Artikel von Alain Finkielkraut über eines seiner Idole, den großen Schriftsteller Milan Kundera gelesen. Kundera hat in Frankreich einen Band mit neuen Aufsätzen publiziert, "Une rencontre". Dazu gehört ein Aufsatz über einen längst vergessenen Roman von Anatole France, "Les dieux ont soif", der von einem Maler zur Zeit der französischen Revolution handelt. Dieser Maler identifiziert sich mit dem Terror - und wird sich schuldig machen.

Nun weiß man, dass Kundera kürzlich selbst ins Gerede kam, weil er auf einem - unbezweifelbar echten - tschechischen Polizeidokument als Verräter eines jungen Kuriers der Amerikaner aufgeführt ist, der bei einer Freundin übernachtete (mehr hier). Kundera hat sich dazu nicht geäußert. Die Affäre wurde begraben. Aber natürlich wäre es interessant, den Essay über den Roman von France zu lesen, denn vielleicht äußert sich Kundera darin indirekt.

Und natürlich wäre es interessant, den Roman von Anatole France zu lesen, der die überzeitliche Relevanz von Kunderas Thema Verrat und Selbstverrat illustriert. Aber wie?

Zumindest das Kundera-Buch hätte ich auch über Amazon bestellen können, aber ein französisches Buch über Amazon Deutschland - das dauert. Und ein französisches Buch über Amazon Frankreich - das bedeutet hohe Versandkosten. ... mehr lesen

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Stichwörter: Google Book Settlement, Google Buchsuche, Heidelberger Appell

Google Book Settlement wird überprüft

Von Thierry Chervel, 03.07.2009, 10:07

(Via turi2) Die New York Times meldet, dass das Google Book Settlement im amerikanischen Justizministerium kartellrechtlich überprüft werden soll. Das Justizministerium hat dies in einem Brief an die Richter mitgeteilt, die über das Google Book Settlement befinden sollen: "Antitrust experts said the letter was the latest indication that the Justice Department is seriously examining complaints that the agreement would grant Google the exclusive right to profit from millions of so-called'“orphan works,' books that are out of print and whose authors or rights holders are unknown or cannot be found." 

Auch das Blog Techcrunch bringt einen interessanten Beitrag zum Thema: Michael Arrington interviewt den Kartellrechtsexperten Garry Reback, der das Google Book Settlement ebenfalls bedenklich findet (ab Minute 30 im Video). mehr lesen

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Stichwörter: Google Book Settlement

Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz

Von Anja Seeliger, 01.07.2009, 09:05

Der Verleger Hubert Burda bezeichnete gestern in der FAZ die Presse als "vierte Gewalt" und behauptete, sie sei unverzichtbar für die Demokratie. Das ist Unsinn. In Sachen Berichterstattung über das Internet ist die Presse weithin keine vierte Gewalt mehr, sondern ein Lobbyist, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus dem Staat andient.

Burdas Text in der FAZ, in dem er Leistungsschutzrechte und noch eine ganze Menge anderer Rechte für die Zeitungsverlage verlangte, ist völlig unverständlich, wenn man nicht die Rede kennt, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann vor zwei Wochen auf der Jahreskonferenz der "Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft" hielt.

Neumann versprach kleine Geschenke für verschiedene Kreative: so sollen die Schutzfristen ausübender Künstler von 50 auf 70 Jahre verlängert werden und die Mitarbeiter bei Film und Fernsehen leichter Zugang zu Arbeitslosengeld I erhalten.

Aber die fettesten Versprechungen machte er den Zeitungsverlagen. Zum Beispiel: "In der nächsten Legislaturperiode muss das Thema Leistungsschutzrecht für Presseverlage auf die Agenda. Sie sind bislang mangels ausreichender Rechte an ihren Presseerzeugnissen in weiten Teilen der Verwertungskette nicht in der Lage, ihre Rechtsposition angemessen zu schützen. Das wollen wir ändern."

Zwei Wochen später findet Hubert Burda das in ... mehr lesen

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Stichwörter: Bernd Neumann, Hubert Burda, Leistungsschutzrecht, Urheberrechte

FAZ enteignet Päpstin. Elke Heidenreich empört

Von Thierry Chervel, 25.06.2009, 12:06

Bild zum ArtikelElke Heidenreich ist empört. Ein sogenannter Zuschussverlag hat ein Buch von ihr publiziert, ohne sie zu fragen. Zuschussverlage kassieren bei Autoren, die es nötig haben, richtig ab, um ihre Bücher, die sonst niemand haben will, herauszubringen. Von Elke Heidenreich hat die "Deutsche Literaturgesellschaft" aber sicher kein Geld kassiert: Der ominöse Verlag scheint das Buch mit dem Titel "Bücher könnte ich lassen, Oper nie!" als Köder für seine Bauernfängerei produziert zu haben. Das Literaturcafé hat die Geschichte schon vor einiger Zeit aufgebracht und berichtet in einem Nachtrag von gestern, dass es das Buch bei Amazon bestellen konnte. Elke Heidenreich sagt dazu, ebenfalls laut Literaturcafé:

"Ich bin über die Machenschaften der sogenannten Deutschen Literaturgesellschaft empört und habe damit nichts zu tun. Im Gegenteil, die Opfer solcher Zuschussverlage beklagen sich oft bei mir, dass sie sich betrogen fühlen. Meine Verlage werden juristische Schritte einleiten und prüfen, wie man gegen die Verwendung meines Photos und meiner Texte vorgehen kann."

Da wendet sich Elke Heidenreich aber offensichtlich an den falschen Adressaten, denn es scheint, dass die "Deutsche Lieteraturgesellschaft" die Texte rechtmäßig erworben hat - und zwar ... mehr lesen

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Stichwörter: Elke Heidenreich, Faz, Faz-Archiv, Genios, Urheberrecht

Hilft Siemens den iranischen Zensoren?

Von Thierry Chervel, 22.06.2009, 09:06


Aktualisiert um 17 Uhr.

Das Nokia Siemens Network reagiert in einem Blogeintrag auf den unten zitierten Artikel des Wall Street Journal: Das Konsortium habe das iranische Telekommunikationsnetz lediglich mit einer "Lawful Intercept capability" ausgestattet, die internationalen Standards entspreche. Die Technologie betreffe allein das Mobilfunknetz und umfasse keine Techniken zu "data monitoring, internet monitoring, deep packet inspection, international call monitoring or speech recognition".

___

Das Wall Street Journal beschuldigt in einem Artikel in seiner heutigen Ausgabe den Siemens-Konzern, das iranische Regime mit Internetzensur-Technologie beliefert zu haben. Ähnliche Vorwürfe erhebt die New Yorker Zeitung gegen Nokia. "In Reaktion auf den politischen Tumult", so die Zeitung, "scheint die iranische Regierung zur Praxis der sogenannten 'deep packet inspection' gegriffen zu haben, die es den Behörden erlaubt, Kommunikation nicht nur zu blockieren, sondern auch zu überwachen, um Information über einzelne Internetnutzer einzuholen. Auch zur Desinformation wird diese Technik eingesetzt." Die Zeitung beruft sich in ihrem Artikel auf iranische Experten, mit denen sie gesprochen hat. Diese Überwachungstechnologie soll den iranischen Behörden von einem joint venture von Siemens und Nokia geliefert worden sein. Die Technologie soll bei den jüngsten Unruhen erstmals intensiv eingesetzt worden sein. Die ... mehr lesen

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Stichwörter: Iran, Siemens

Neue Bilder und Links zu den Demos im Iran

Von Thierry Chervel, 17.06.2009, 18:06

Es ist immer noch völlig irre, welche Informationen einerseits über den Twitter-Hashtag #IranElection, aber auch über das ausgezeichnete und minütlich aktualisierte Blog des Guardian über die Proteste im Iran kommen. Im Guardian scheint man jetzt in 24-Stunden-Schichten zu arbeiten: Gegen 3 Uhr Nachmittags wurde gemeldet, dass nun ein Kollege aus Washington übernimmt.

Der Guardian verlinkt auf dieses Fotos eines iranischen Twitterers, das die heutgie Demonstation in Teheran zeigt:

Bild zum Artikel



Über #IranElection sind wir auf dieses Bild und einen Blogeintrag bei DailyKos gestoßen. Die Grafik weist nach, dass das iranische Regierung ein Foto von einer Pro-Achmadinedschad-Demo mit Photoshop aufgehübscht hat. Bestimmte Bildelemente wiederholen sich:

Bild zum Artikel


Größer und mit erläuterndem Kommentar findet sich das Bild bei Dailykos.

Über den Guardian fanden wir auch einen, leider wohl realistischen, Kommentar des Journalisten Robert Dreyfuss, der in einem Blog für die linke Wochenzeitschrift The Nation berichtet. Er ist am Montag aus dem Iran zurückgekommen, hat mit vielen Demonstranten gesprochen und macht keine allzu großen Hoffnungen: "The ... mehr lesen

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Stichwörter: #IranElection, Iran, Wahlen Iran 2009

Demos im Iran - aktuelle Links

Von Thierry Chervel, 16.06.2009, 09:06

"Live-Tweeting The Revolution" - ohne Twitter geht gar nichts mehr, auch keine Revolution. Gawker meldet: "Twitter kündigte gestern an, dass es einen angekündigten Termin für Instandsetzungsarbeiten verschoben habe, damit die Demonstranten im Iran den Service nutzen können, um sich zu organisieren und mit der Welt zu kommunizieren." Die New York Times erklärt in einem ausführlichen Artikel, welche Rolle Twitter, Facebook etc. für die Demonstranten spielen.

Hier der Twitter-Realtime-Link zum Thema #Iranelection.

Diese Forderungen sind auf Twitterlinks, etwa hier, immer wieder zu lesen:

"What do we want?

   1. Remove Khamenei from supreme leader
   2. Remove Ahmadinejad because he took it forcefully and unlawfully
   3. Put Ayatollah Monazeri as supreme leader until a review of the constitution is set up
   4. Recognize Mousavi as official president
   5. Let Mousavi rule as the constitution is reformed
   6. Free all political prisoners, immediately
   7. Call off all secret militia and offices"

Während die Zeitungen noch von zehntausend Demonstranten sprachen, tummelten sich auf den Blogs schon die Handyvideos, die hunderttausende Demonstranten zeigen. Andrew Sullivan, der konservative Schwulenehenbefürworter und Atlantic-Monthly-Alphablogger, verfolgt die iranischen Ereignisse ... mehr lesen

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Stichwörter: Iran

Der Unmenschenrat

Von Thierry Chervel, 30.05.2009, 07:05

Am Mittwoch wollten die westlichen Nationen erreichen, dass der UN-Menschenrechtsrat die Kriegsführung beider srilankischen Bürgerkriegsparteien in der letzten Phase untersucht. Der Rat ließ sich nicht lumpen: Menschenrechtsverletzungen durch die Tamil Tigers will er untersuchen. Solche des Regimes aber nicht. Die betrachtet er wohl als innere Angelegenheit. Vertreter westlicher Nationen äußerten sich enttäuscht.

Nun präsentiert die britische Times ein Video. Offensichtlich hatten die Tigers ihre Stellungen inmitten von Flüchtlingslagern voller Zivilisten aufgebaut. Und offensichtlich haben die Regierungstruppen diese Lager einfach bombardiert. Zynismus der Verzweifung. Zynismus des Siegesrauschs. Die srilankische Regierung bestreitet. Die Times zeigt ein Video mit Hunderten frisch ausgehobenen Massengräbern und spricht von 20.000 Toten in den letzten Wochen des Krieges.



Gegen eine Untersuchung der srilankischen Kriegsführung stimmten unter anderem Russland, China, Kuba – und leider auch Indien.

Der Rat scheint sich vor allem für das Menschenrecht zu interessieren, Holocaustleugner als Keynote Speaker zu Rassismuskonferenzen einzuladen. Die Demokratien sollten ihn dabei allein lassen.

Thierry Chervel mehr lesen

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Stichwörter: Sri Lanka, UN Menschenrechtsrat

Die CDU profiliert sich als Anti-Internetpartei

Von Thierry Chervel, 27.05.2009, 14:05

Die CDU hat sich modernisiert. Sie ist wählbar geworden – auch weil sie gelernt hat, nicht mehr mit potenziell rechtspopulistischen Themen Wähler gewinnen zu wollen. Heilsam war da Roland Kochs Scheitern bei der letzten Hessenwahl. Die Wähler haben ihm seinen Versuch, die gute alte Ausländerfeindlichkeit zu mobilisieren, geradezu übel genommen. Das sitzt. Angela Merkel lässt sich mit derartigem chauvinistischen Piefketum ohnehin nicht identifizieren.

Nun scheint die CDU auf der Suche nach populistischen Themen und Ängsten, die man ausbeuten kann, aber ganz woanders fündig geworden zu sein. Das Internet ist jetzt das Reich des Bösen. Es ist ja ohnehin deprimierend, welche Abgründe in der Diskussion über das Netz zwischen Amerika und dem alten Europa klaffen. In den USA wird das Netz bei allen Problemen – etwa dem Zeitungssterben – als Reich einer neuen Freiheit begrüßt. Im alten Europa ist es das Reich des Bösen. Es untergräbt nicht nur alles Bestehende. Es ist die Sphäre aller dunklen unbeherrschbaren Kräfte in der Gesellschaft. Im Netz findet der Kannibale seine willige Nahrung. Mit treuem Augenaufschlag verlesen die Nachrichtensprecher der Tagesschau über das Netz ausschließlich Nachrichten, die von Kinderpornos, chattenden Amokläufern und bombenbastelnden Terroristen handeln.

Nach Winnenden wurde ein Fake mit angeblichen ... mehr lesen

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Stichwörter: CDU, Internet, Wahlkampf 2009

Die Anhörung von Sachverständigen zu Sperren im Internet

Von Anja Seeliger, 27.05.2009, 11:05

Seit 11 Uhr bis etwa 12.55 Uhr kann man hier im Netz live die Anhörung von Sachverständigen zur Internetsperren mit anhören. Die Übertragung wird um 19 Uhr wiederholt. Mehr Infos und vor allem weitere Links zum Thema findet man bei Carta und bei Netzpolitik.
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Stichwörter: Internetsperren

Die Akademie als Ort der Urheberrechtsdebatte?

Von Thierry Chervel, 12.05.2009, 12:05

Gerade hat die Akademie der Künste in Berlin Klaus Staeck neu zum Präsidenten gewählt. Er ist mit seinen 71 Jahren erstaunlich offen für Internetthemen. Unter seiner Ägide hat die Akademie eine Erklärung zur aktuellen Urheberrechtsdebatte veröffentlicht, die immerhin ein klein bisschen offener ist als der arg vernagelte, auf die Interessen der traditionellen Verwerterindustrien fokussierte "Heidelberger Appell". Im Eingangsstatement heißt es bei der Akademie:

"Zwei grundsätzliche Interessen stoßen aufeinander:
– die Forderung nach freier Verfügbarkeit über alle kulturellen Güter sowie nach ungehindertem öffentlichen Zugang zu Online-Archiven
– der Kampf der Kreativen gegen eine großangelegte Enteignung geistigen Eigentums, gegen die fortschreitende Aushöhlung der Urheberrechte im Zeitalter des Digitalkopierens"

Der Text der Akademie wirkt auffällig zwiespältig. Der "Erklärung" sind zudem "Anmerkungen" beigesellt, die darauf hindeuten, dass man von einer abschließenden Position zu den offenen Fragen noch entfernt ist. Nicht zu Unrecht spricht der Appell von der "drohenden Monopolisierung des Weltliteraturerbes" durch Google. Dann folgt wieder die übliche Rhetorik von "Enteignung" und "Freibeutertum", und es klafft der blinde Fleck, der auch den "Heidelberger Appell" kennzeichnet: In gespielter Unschuld tut man so, als stünde der wehrlose Urheber dem Moloch des Internets gegenüber. Dass zwischen den beiden die traditionellen ... mehr lesen

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Stichwörter: Akademie der Künste, Heidelberger Appell, Urheberrecht

Wir alle sind auf dem Weg nach Tycho

Von Richard Stallman, 04.05.2009, 10:05

Richard Stallman hat Dan Halberts Geschichte im Jahr 1997 geschrieben. Sie war schon damals keine reine Science fiction. In diesem Nachtrag aus dem Jahr 2007 zeigt Stallman, einer der Pioniere der Freien-Software-Bewegung, welche Zensurmechanismen inzwischen von Industrie und Regierungen verwirklicht wurden. Dan Halbert ist immer noch auf dem Weg nach Tycho. D.Red.

Nachtrag des Autors zu "Dan Halberts Weg nach Tycho"

Der Kampf um das Recht zu lesen wird schon heute geführt. Es wird vielleicht noch 50 Jahre dauern, bis unsere heutige Lebensweise in Vergessenheit geraten ist, doch die meisten der oben beschriebenen Gesetze und Praktiken wurden bereits zur Diskussion gestellt; zum Teil sind sie in den USA und anderen Ländern schon heute geltendes Recht. In den USA hat der 1998 verabschiedete Digital Millenium Copyright Act (DMCA) die gesetzlichen Grundlagen dafür gelegt, das Lesen und Verleihen von digital verfügbaren Büchern (und anderen Werken) einzuschränken. Die Europäische Union hat mit einer 2001 verabschiedeten Copyright-Direktive ähnliche Einschränkungen ermöglicht. In Frankreich ist es aufgrund des 2006 beschlossenen DADVSI-Gesetzes bereits ein Verbrechen, das freie Programm DeCSS, das das Entschlüsseln von DVD-Videos ermöglicht, auch nur zu besitzen.

Im Jahr 2001 hat der von Disney geförderte US-Senator Hollings eine Gesetzesinitiative (SSSCA ... mehr lesen

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Stichwörter: Internetzensur, Richard Stallman

Dan Halberts Weg nach Tycho

Von Richard Stallman, 29.04.2009, 11:04

Für Dan Halbert begann der Weg nach Tycho in der Hochschule – als Lissa Lenz ihn bat, ihr seinen Computer zu leihen. Ihrer war defekt, und sie hatte keine Chance, ihr Semesterprojekt erfolgreich abzuschließen, wenn sie sich keinen anderen leihen konnte. Es gab niemand, den sie zu fragen wagte, außer Dan. Das brachte Dan in ein Dilemma. Er musste ihr helfen – aber wenn er ihren seinen Computer lieh, hätte sie vielleicht seine Bücher gelesen. Nicht nur, dass es viele Jahre Gefängnis bedeuten konnte, jemanden seine Bücher lesen zu lassen – die Idee selbst entsetzte ihn zuerst. Wie jedermann war ihm seit der Grundschule beigebracht worden, dass Bücher mit anderen zu teilen abscheulich und falsch war – das war etwas, das nur Piraten tun. Und es war wenig wahrscheinlich, dass es der SPA, der Softwareprotektions-Aufsichtsbehörde, entgehen würde.

Im Software-Unterricht hatte Dan gelernt, dass jedes Buch einen Copyright-Überwacher hatte, der der Zentralen Lizenzierungsstelle berichtete, wann und wo es gelesen wurde und von wem. (Diese Informationen dienten zum Aufsprüen von Lesepiraten, aber auch zum Verkauf von persönlichen Interessenprofilen an den Handel.) Sobald sein Computer das nächste Mal ins Netz ging, würde die Zentrale Lizenzierungsstelle alles herausfinden. Als Besitzer des Computers ... mehr lesen

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Stichwörter: Open Access, Richard Stallman, Urheberrecht

Bücher warm wie Toast

Von Thekla Dannenberg, 24.04.2009, 15:04

Wurde heute in London schon wieder der Buchdruck revolutioniert? Der Guardian hält dies für möglich und stellt aufgeregt die Espresso Buchmaschine der Firma On Demand Books vor, die die Buchhandelskette Blackwell's heute in ihrer Filiale an der Charing Cross Road in Betrieb genommen hat. Der Apparat, der wie ein monströser Kopierer aussieht, kann seltene oder vergriffene Bücher auf Bestellung ausdrucken und binden - und zwar innerhalb von fünf Minuten:

"Die Maschine in Aktion klickte und surrte, wobei sie mehr als 100 Seiten die Minute druckte, festklemmte, band, köpfte und das fertige Stück ausspuckte - warm wie Toast. Die Qualität der Paperbacks ist unstrittig: Der Text ist klar, unverschmiert und gut ausgerichtet, das Papier ist dick, der Umschlag schick, wenn auch zunächst ein bisschen klebrig."

Bisher hat Blackwell's dem Bericht des Guardian zufolge eine halbe Million Titel im Angebot, vor allem solche, für die das Copyright abgelaufen ist. Der Buchhändler will aber mit den Verlagen ins Gespräch, um auch Copyright-geschützte Bücher in das Angebot aufzunehmen. Die Buchhändler können damit vor allem Platz sparen: Eine Million Titel würden 23,6 Meilen Regale füllen!

Die Times ist nach ersten Tests nicht ganz so ... mehr lesen

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Stichwörter: Books On Demand, Espresso Buchmaschine, Jason Epstein

Nicht der Perlentaucher, die FAZ schweigt

Von Anja Seeliger, 21.04.2009, 10:03

Unter der Dachzeile "Medienkritik" und der Überschrift "Die Redaktion antwortet nicht" erklärt Nils Minkmar den Lesern der letzten Sonntags-FAZ, dass der Perlentaucher gern die Verträge der Zeitungen mit ihren Autoren kritisiert, aber selbst seine Autoren ausbeutet. Der Rest des Artikels sind lange Zitate von "branchenkundigen" Lesern, die in Kommentaren auf unserer Seite die "neokapitalistische Doppelmoral" des Perlentauchers geißeln.

Der FAZ-Leser erfährt wie üblich nicht, worum es geht. Der Grund meines Artikels im Perlentaucher – kein Wort. Dass alle Kommentare (es gab insgesamt acht) von zwei Lesern, "Thomas 09" und "Johannes 09", verfasst wurden – keine Erwähnung wert. Dass ich sehr wohl geantwortet habe – erfährt man zwar im Text, aber in der Überschrift wird erst mal das Gegenteil behauptet.

Nicht der Perlentaucher schweigt, die FAZ schweigt: über die Aushöhlung der Urheberrechte, die durch die Zeitungen schon betrieben wurde, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. Dieses Schweigen zu überdecken ist der ganze Sinn und Zweck von Minkmars Zitatkompilation.
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Stichwörter: FAZ

Der sechste Sinn

Von Anja Seeliger, 16.04.2009, 12:10

(Via John Battelle) Stellen Sie sich vor, Sie könnten jede Information, die Sie gerade brauchen, egal wo Sie stehen, einfach mit einer Handbewegung produzieren - sei es eine Telefonnummmer, Informationen über ein Produkt in Ihrem Supermarktregal oder einfach die Uhrzeit. Pattie Maes und Pranav Mistry vom MIT Media Lab arbeiten genau daran. Am 4. Februar hat Maes das Projekt zur Entwicklung eines sechsten Sinns auf der TED Conference vorgestellt. Es ist phantastisch!

Hier das Video:





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Stichwörter: MIT, Pattie Maes, Pranav Mistry, sechster Sinn

Aushöhlung des Urheberrechts

Von Anja Seeliger, 11.04.2009, 17:50

Am Donnerstag veröffentlichte der Rechtsanwalt Jan Hegemann im politischen Teil der FAZ einen Artikel, in dem er ein eigenes Leistungsschutzrecht für Presseverleger forderte. Denn bisher, so der Titel seines Artikels, sind Zeitungen "schutzlos ausgeliefert im Internet". Wie soll so ein Leistungsschutzrecht aussehen? "Der Autor hielte dann das Recht am einzelnen Beitrag, der Verwerter am gesamten Werk, also etwa einer Zeitschrift", so erklärte es kürzlich VDZ-Justiziar Dirk Platte in der Financial Times. Für Robin Meyer-Lucht, der bei Carta zu Hegemanns Artikel Stellung genommen hat, läuft diese Forderung auf eine "Zitier-Gema für Inhalte" hinaus.

Dem kann man nur zustimmen. Aber ich glaube auch, es geht noch um viel mehr: Ein Leistungsschutzrecht würde die langsame Aushöhlung des Urheberrechts durch die Zeitungen gesetzlich zementieren.

Hegemann nennt folgende Gründe für die Notwendigkeit eines eigenen Leistungsschutzrechts für Verlage:

1. "Der Verleger organisiert und finanziert das Entstehen des Artikels, ermöglicht durch Druck und Vertrieb die Verbreitung. Schließlich adelt er den einzelnen Beitrag allein dadurch, dass dieser unter der Marke einer bestimmten Zeitung oder Zeitschrift mit der daran geknüpften Qualitätserwartung erscheint."

Im Ernst? Wenn Günter Grass einen Artikel in der FAZ veröffentlicht, wird dadurch ... mehr lesen

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Stichwörter: Google, Leistungsschutzgesetz, Presseverlage, Urheberrecht, Zeitungen

Lettre ouverte aux spectateurs citoyens

Von Thierry Chervel, 08.04.2009, 10:04

Eine Reihe von Filmleuten, darunter Catherine Deneuve und Chantal Akerman wendet sich in Liberation gegen das französische Gesetzesprojekt, das unter dem Namen "Création et Internet" läuft und Internetsperren für Nutzer vorsieht, die beim Herunterladen von Filmen oder Musik erwischt wurden: "Dieses - demagogische, technisch unanwendbare, bloß repressive - Gesetz ist eine verpasste Chance... Es stellt einen letzten und vergeblichen Versuch dar, die Piraterie durch Sanktionen zu beseitigen, und macht sich keine Gedanken um legale, kostengünstige und internetgemäße Downloadmöglichkeiten."

In der Süddeutschen vom Samstag hatte der Musiker John Mellencamp eine ähnliche Auffassung vertreten.
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Stichwörter: Internetpiraterie, Internetsperre

FAZ enteignet den Papst

Von Anja Seeliger, 02.04.2009, 17:23

"Enteignet die Enteigner" schallte es uns neulich aus den Zeitungen entgegen. Böse ist immer das Internet. Die Enteigner sind Schüler, die ein Musikstück downloaden. Oder Google. Oder auch der Perlentaucher. Oder ruft da jemand "Haltet den Dieb"? Zeitungen spielen sich gerne als Hüter des Urheberrechts auf, das vom Internet ausgehöhlt werde. Die eigentliche Enteignung der Urheber findet aber in Zeitungen statt. Nach der Sache mit dem Hürlimann-Zitat habe ich noch ein bisschen bei Genios recherchiert. Genios ist eine Online-Datenbank, gegründet von FAZ und Handelsblatt, die unter anderem ein zahlungspflichtiges Archiv für die deutsche und internationale Tages- und Wochenpresse anbietet. Hier werden Artikel aus den Archiven der FAZ, Süddeutschen, Zeit, taz, Guardian etc. gegen Entgelt zum Lesen angeboten.

Das Angebot enthält zum Beispiel die Artikel von Thomas Hürlimann (FAZ: 3,75 Euro), Alex Capus (Süddeutsche: 3,21 Euro) und Urs Widmer (FAZ: 3,75 Euro) über den Streit Schweiz vs. Steinbrück, Martin Mosebachs Büchnerpreisrede (FAZ: 3,75 Euro), Ralf Rothmanns Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung (FAZ: 3,75 Euro), George-Arthur Goldschmidts Polemik gegen die Aufnahme Ernst Jüngers in die Pleiade (Frankfurter Rundschau: 2,38 Euro), Thomas Brussigs Artikel über den Schießbefehl (Tagesspiegel: 2,38 Euro), ... mehr lesen

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Stichwörter: FAZ, Genios, Medien, Urheberrecht, Zeitungen

Thomas Hürlimann: Mein Copyright

Von Anja Seeliger, 01.04.2009, 14:45

Aktualisiert am Mittwoch-Nachmittag:

Die FAZ teilt uns mit, dass sie die Sache nicht weiter verfolgt und auf eine Rechnung verzichtet. Was für ein 1. April!

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Gerade hat Thomas Hürlimann angerufen und uns versichert, dass wir seinen Artikel gern zitieren dürfen. Die FAZ hatte uns dafür 590 Euro in Rechnung gestellt. Er habe keinen Verwertungsvertrag unterschrieben. In einer Mail bestätigte er das dann noch mal.

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Nachtrag 2. April: Gerade erhalte ich eine Mail von Thomas Hürlimann, der uns mitteilt, dass er 2004 doch einen Vertrag unterschrieben hat, worin er die Rechte seiner für die FAZ geschriebenen Texte an diese abgetreten hat. Wir hatten seine Mail im Wortlaut zitiert und löschen sie jetzt auf seinen Wunsch.
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Und Monika Maron schrieb uns vorsorglich: "Hiermit gestatte ich dem Perlentaucher, aus Artikeln und Büchern von mir jederzeit ausführlich zu zitieren. Die Rechteabtretungsklausel der FAZ habe ich nicht unterschrieben.
Mit herzlichen Grüßen
Monika"

Der Perlentaucher bedankt sich sehr herzlich!
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Stichwörter: FAZ, Monika Maron, Thomas Hürlimann

Kurze Geschichte meines Urheberrechts

Von Thierry Chervel, 01.04.2009, 11:04

Als ich noch Redakteur bei der taz war, lief das mit Übernahmen eines Artikels von mir noch so. Ein Drittmedium rief im Archiv der taz an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Das Archiv hat dann an mich verwiesen. Und ich habe das Honorar ausgehandelt und in voller Höhe bekommen. Die Zeitung war nicht beteiligt.

Als ich Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris war, lief es so: Ein Drittmedium rief im Archiv der SZ an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Dann rief mich das Archiv der SZ an, und wir machten halbe halbe.

Als ich nur noch sporadisch, für ein dürftiges Zeilenhonorar und ohne jeden Vertrag in der SZ und anderen Zeitungen schrieb, lief es so. Ein Drittmedium rief in den Archiven an und fragte: "Wir würden gern einen bestimmten Artikel von Thierry Chervel nachdrucken. Dürfen wir das?" Die sagen "klar!", streichen das Honorar ein und informieren mich nicht. mehr lesen

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Stichwörter: Freie Journalisten, Urheberrecht

Zitieren Sie nicht die FAZ!

Von Anja Seeliger, 01.04.2009, 07:04

Vor einer Woche haben wir einen Artikel Thomas Hürlimanns aus der FAZ zitiert, so wie wir ja im Grunde seit bald zehn Jahren in unserer Feuilletonrundschau Artikel zitieren und Links auf sie setzen, auch aus der FAZ.

Aber nun haben wir einen Brief der FAZ bekommen, wonach wir Urheberrechte verletzt hätten. Für das "Bereitstellen" des Hürlimann-Artikels im Perlentaucher und bei Spiegel Online stellt uns die FAZ insgesamt 590 Euro in Rechnung. Wobei wir wie gesagt nur zitiert und verlinkt haben.

Hier der Brief (zum Vergrößern bitte aufs Bild klicken):

Bild zum Artikel

Wir haben das Hürlimann-Zitat erst mal gestrichen - aber für interessierte Blogger, die gern sicher gehen möchten, dass sie keinen ähnlichen Brief von der FAZ bekommen, hier die Information: das Zitat ging von "Nur an der Urne hat unser Staat etwas Hehres" bis zu "Mit Mundgeruch. Widerlich." Insgesamt 1.102 von 16.424 Zeichen. Blogger sollten sich künftig sehr genau überlegen, wieviel Zeichen FAZ sie zitieren.

Ob wir die 590 Euro zahlen müssen, wissen wir noch nicht. Wenn ja, dann wollen wir aber gern sicherstellen, dass Thomas Hürlimann seinen Anteil von der ... mehr lesen

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Stichwörter: FAZ, Thomas Hürlimann

Wer ist jetzt der Spießer?

Von Sascha Josuweit, 30.03.2009, 15:06

Vor zwanzig Jahren starb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard an Herzversagen. Achtzehnjährig hatte er mit Tuberkulose bereits im Sterbezimmer gelegen und die Sakramente erhalten. In den vierzig Jahren danach entstand sein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk unter dem Eindruck der Todeskrankheit.

Die einen schätzten seine Texte für ihren seriellen Stil, ihre Unnachsichtigkeit gesellschaftliche Zustände betreffend und ihre Komik. Wenige, darunter Elfriede Jelinek und Hanns Dieter Hüsch, begriffen Bernhard intuitiv. Andere wünschten, die letzte Ölung wäre nicht umsonst gewesen. Österreichs Politiker und Kulturverweser, vom Bürgermeister bis zum Bundespräsidenten, agitierten parteiübergreifend. Die geschäftsmäßig skandalisierende Kronen-Zeitung wiegelte ihre Leser gegen den "Nestbeschmutzer" auf. Bernhards Zwangseinweisung wurde gefordert oder direkt seine Ausbürgerung. In Wien wurde der Autor auf der Straße mit dem Tod bedroht.

Zwanzig Jahre später hat Österreich seinen Bernhard fest im großmütterlichen Würgegriff. Bernhards Verfügung eines Publikations- und Aufführungsverbotes seiner Texte innerhalb Österreichs sowie "jeder Annäherung des österreichischen Staates, meine Person und meine Arbeit betreffend, in alle Zukunft" wurde längst aufgeweicht. In die sogenannte Thomas-Bernhard-Privatstiftung, initiiert vom Halbbruder und Universalerben des Autors, fließen Mittel gleich aus mehreren Bundesministerien. Die Wiener Burg, unter Claus Peymann einst Schauplatz der Bernhardschen Theatereklats, begeht das 20. Todesjahr mit ... mehr lesen

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Stichwörter: Thomas Bernhard

Was die Zeitungen mit Urheberrecht meinen

Von Ernst Piper, 30.03.2009, 14:03

Am Samstag schrieb der Konzertveranstalter Marek Lieberberg in einem Artikel für die SZ:

"Die Website perlentaucher wirft die gesamte feuilletonistische Print-Tagesausbeute auf den Markt, natürlich kostenlos; und nicht nur, dass der Staat hier nicht eingreift, er förderte die Übersetzung dieser 'Auswertungen' ins Englische auch noch jahrelang durch die bundeseigene Kulturstiftung: frech, wie man Zeitungen, die eigentlich Anspruch auf Urheberrechte haben, über den Tisch ziehen kann." Wir haben bereits darauf geantwortet, dass wir niemals irgendwelche Texte "auf den Markt geworfen" haben, ohne Rechte einzuholen.

Der Historiker und Publizist Ernst Piper schickte uns außerdem folgende Mail zur Erläuterung des Begriffs Urheberrecht, die wir mit seiner Einwilligung online stellen:

Marek Lieberberg spricht in der SZ von "Zeitungen, die eigentlich Anspruch auf Urheberrechte haben". Dazu ist zu sagen, dass Zeitungen niemals Anspruch auf Urheberrechte haben. Urheberrechte haben nur Urheber, deshalb heißen sie so. Und Urheberrechte sind unveräußerlich, so steht es im Gesetz. Ein Verlag oder eine Zeitung kann vom Urheber ein Verwertungsrecht erwerben, wobei die Verwertungsrechte, die Zeitungen erwerben, in aller Regel nichtexklusiv sind. Was ich heute in der SZ veröffentliche, kann ich morgen woanders veröffentlichen, ohne dass ich die SZ auch nur ... mehr lesen

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NYT kündigt Gehaltskürzung an

Von Anja Seeliger, 27.03.2009, 18:03

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(Via Gawker.) Die New York Times hat ihren Mitarbeitern in einem Memo eine fünfprozentige Kürzung der Gehälter ab April angekündigt, berichtet Nicholas Carlson im Silicon Alley Insider. Außerdem müssen sie in diesem Jahr 10 Tage unbezahlten Urlaub nehmen (vorausgesetzt, die Times einigt sich mit den Gewerkschaften). Er hat auch das Memo von "Arthur" [Sulzberger] und "Janet" [Robinson] veröffentlicht. In einem zweiten Memo, das Gawker veröffentlicht hat, informieren "Scott, Bill, Martin & Andy" die Redaktion außerdem, dass 100 Angestellte auf der Verlagsseite der Times entlassen werden. Nach Ansicht von Carlson ist das bei weitem nicht genug: Die Times müsste ihre Redaktion um 30 Prozent reduzieren, um wenigstens eine Weile kostendeckend arbeiten zu können. Aber wie lange? Wenn man sich die finanzielle Entwicklung der NYT anguckt und die Entwicklung ihrer Aktien (siehe Grafik), wird einem richtig schlecht. Das ist kein Niedergang, das ist ein Sturzflug. Der Times gönnt man das wirklich nicht. Während die Medien hierzulande den Kopf in den Kopf in den Sand stecken, und das Thema Internet ignorieren, hat die NYT wirklich was ausprobiert im Netz, auch wenn ... mehr lesen

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Stichwörter: Medien, New York Times, Zeitungen

Europa mit zwei Lungen

Von Thekla Dannenberg, 19.03.2009, 10:03

Der Kongress "Die Freiheit im Blick", den die Zeitschrift Osteuropa gerade zusammen mit dem Goethe-Institut und der polnischen Botschaft in Berlin ausrichtet, dürfte wohl zu den spannendsten Veranstaltungen des gesamten Gedenkjahres gehören: Versammelt hat sich die halbe mitteleuropäische Intelligenzija, um über Aufbruch, Freiheit und die Verheißung Europa zu diskutieren. Rita Süßmuth seufzte in ihrem ansonsten etwas pastoralen Statement hübsch lakonisch: "Geist - davon kann es ruhig mehr geben". Der polnische Botschafter Marek Prawda warb sehr überzeugend für die unruhestiftenden Qualitäten der Polen. Und der große Adam Michnik, unerschütterlicher Dissident und Herausgeber der Gazeta Wyborcza, blickte in seiner Eröffnungsrede auf die Zeit des großen Aufbruchs und ihre hässliche Kehrseite, die Jugoslawienkriege, zurück und schloss daran ein flammendes Plädoyer auf Europa, das nun endlich mit zwei Lungen atme. Der Text, der der Rede zugrunde liegt, ist nur im Print - in Osteuropa nachzulesen:

"Was bedroht Europa heute? Auf der einen Seite ein zu Schwäche führender Zynismus, der jede Wertelehre und jedes Wertesystem aushöhlt, auf der anderen Seite alle autoritären oder gar totalitären Projekte. Wir sprechen über ein multikulturelles Europa, was natürlich gut ist. Dennoch - wenn wir in Europa einen großen Anteil von Bürgern aus der Welt ... mehr lesen

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Stichwörter: Adam Michnik, Mauerfall, Wende

Lest Eisenstein!

Von Anja Seeliger, 17.03.2009, 15:29

Wie fühlt sich Revolution an? Ich meine nicht den Vergleich zwischen dem Zustand davor und danach, sondern den Moment, wenn man mittendrin steckt? Chaotisch! Elisabeth Eisenstein hat das wunderbar beschrieben in ihrem 1979 erstmals erschienenen Buch "The Printing Press as an Agent of Change" (hier ein Auszug auf Deutsch) über die Erfindung des Buchdrucks. Clay Shirky hat in seinem Blog noch einmal darauf hingewiesen und Parallelen zur jetzigen Revolution gezogen:

"Während des dramatischen Übergangs zum Druck stellten sich Experimente erst im nachhinein als Wendepunkte heraus. Aldus Manutius, der venezianische Drucker und Verleger, erfand das kleinere Octav-Format und die Kursivschrift. Was wie eine kleine Neuerung aussah - nimm ein Buch und mach es kleiner - war rückblickend eine Schlüsselerfindung für die Demokratisierung des gedruckten Worts. Als Bücher immer billiger und tragbarer wurden und darum begehrenswerter, erweiterte sich der Markt für Verleger und erhöhte den Wert der Lesefähigkeit noch mehr. So sehen echte Revolutionen aus: das alte wird schneller zerstört, als neues entstehen kann. Die Bedeutung eines Experiments ist in dem Moment, in dem es gemacht wird, nicht offensichtlich. Große Veränderungen stocken, kleine Veränderungen breiten sich aus. Sogar die Revolutionäre können nicht vorhersagen, was ... mehr lesen

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Stichwörter: Buchdruck, Medien, Presse

Wolframs schöne neue Antwortenwelt

Von Frauke Fentloh, 17.03.2009, 09:03

In zwei Monaten, verkündet Stephen Wolfram, werden wir das Wissen der Menschheit im Internet erfragen können. Die Vorstellung erscheint gleichermaßen verlockend und gruselig - praktisch jedenfalls und bequem, aber auch irgendwie eindimensional. Wolfram zumindest ist sich sicher: Das ist es, wovon der Mensch träumte, vor fünfzig Jahren, als die Computer groß wurden.

Mit dem Search Engine "Wolfram Alpha" soll es künftig möglich sein, einer Suchmaschine konkrete Fragen zu stellen, statt, wie etwa bei Google, im Netz publizierte Schriften mithilfe von Schlagworten zu durchsuchen. "Die Menschen kommunizieren normalerweise über natürliche Sprache. Und wenn man es mit dem gesamten Spektrum des Wissens zu tun hat, denke ich, dass dies auch die einzige realistische Option ist, um mit Computern zu kommunizieren", schreibt Wolfram in seinem Blog. Bisher könne man nur Antworten auf Fragen finden, die irgendwann, irgendwo schon einmal gestellt worden sind. Das soll sich mit "Wolfram Alpha" ändern: Statt nachzuschlagen, werde das System Wissen neu "berechnen". Möglich soll dies werden mit den Algorithmen aus Wolframs Software "Mathematica".

Der Internet-Unternehmer Nova Spivack durfte bereits einen Blick auf die ambitionierte Suchmaschine erhaschen und ist begeistert. "Das ist der nächste Schritt zur weltweiten Verteilung von ... mehr lesen

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Stichwörter: Google, Stephen Wolfram, Suchmaschine, Wolfram Alpha

Wie albern waren die Mohammed-Karikaturen?

Von Thierry Chervel, 10.03.2009, 11:03

Als die Zeitungen vor vier Wochen über die Fatwa gegen Salman Rushdie vor 20 Jahren und ihre Folgen bis heute nachdachten, kamen sie selbstverständlich auch auf den Karikaturenstreit vor drei Jahren zu sprechen.

"Nein, man soll auch gläubigen Muslimen nicht die Begegnung mit der westlichen Kultur ersparen, alberne Karikaturen eingeschlossen", konzediert zum Beispiel Thomas Steinfeld in seinem Artikel für die SZ zum Jahrestag der Fatwa am 14. Februar. Es ist auch ein Plädoyer für eine Mäßigung des Westens im Umgang mit anderen Kulturen. Der Westen solle sich klar machen, "wie totalitär selbst seine Glücksideale" seien.

Wie "albern" waren die Karikaturen denn? Mit dem Wörtchen wischt Steinfeld noch im Jahr 2009 das, worum es in dem Streit doch angeblich ging - die Karikaturen selbst - mit lässiger Bewegung aus dem Blick wie ein lästiges Stäubchen vom wohlgeordneten Redakteursschreibtisch. Das "albern" ist ein Dekret, noch im Nachhinein, denn die Leser der SZ konnten sich auf dem Höhepunkt des Streits, soweit wir das nachrecherchieren konnten, und auch bis heute kein Bild von den Karikaturen machen.

Da war die SZ nicht allein. Fast alle westlichen Zeitungen waren sehr schüchtern mit den Karikaturen. Der Streit ... mehr lesen

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Stichwörter: Karikaturenstreit, Mohammed-Karikaturen

Börsenverein hackt Kindle?

Von Ilja Braun, 02.03.2009, 11:03

Ist es noch vor der deutschen Markteinführung des Amazon Kindle gelungen, das von dem US-amerikanischen Online-Buchhändler entwickelte E-Book-Lesegerät zu hacken? Das könnte man bei der Lektüre einer in der FAZ veröffentlichten dpa-Meldung meinen. Auf der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierten Online-Plattform libreka, so heißt es dort, sollen ab März 2009 100.000 Bücher zur Verfügung stehen, welche "direkt auf die gängigen E-Book-Lesegeräte 'Kindle' oder 'Reader' heruntergeladen werden können. Welcher "Reader" auch immer gemeint sein mag (der Adobe Reader? Sonys Reader Digital Book, das erst im März erhältlich sein soll?) - das "Kindle" ist jedenfalls dafür bekannt, dass darauf bislang nur solche E-Books angezeigt werden können, die der Kunde bei Amazon gekauft hat - ein Geschäftsmodell, das wegen seiner quasi-monopolistischen Struktur vielfach kritisiert worden ist (siehe auch). Sollte es den libreka-Machern etwa gelungen sein, das Amazon-Gerät zu hacken? Das wäre erstaunlich, setzt der Börsenverein sich sonst doch für ein "zivilisiertes Internet" ein, bekundet Sympathien für das französische Olivennes-Modell und verklagt gerade die Universität Würzburg, weil diese ihren Studierenden Lehrmaterial an Leseplätzen zugänglich gemacht hat. Oder strebt man mit Amazon, immerhin einem der größten Konkurrenten des ... mehr lesen

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Stichwörter: Amazon, Börsenverein, E-Book, Kindle

Zeitungskrise und kein Ende

Von Anja Seeliger, 27.02.2009, 14:10

Droht den Zeitungen eine Knebelung durch Amazon wie die Musikindustrie sie durch Apple hinnehmen musste? Ausgelöst durch die Horrormeldungen über bankrotte Zeitungen kochte in den USA in den letzten zwei Monaten die Debatte um die Zukunft des Journalismus hoch. Den Anfang machte Joel Brinkley von der Stanford University, der vorschlug, die Zeitungskonzerne sollten sich zusammenschließen und alle für ihre Inhalte Geld verlangen. Hier die wesentlichen Argumente und Vorschläge in der Debatte (eine detailliertere Zusammenfassung mit Links zu allen Artikeln findet man bei Printed Matters):

1. Walter Isaacson plädierte im Time Magazine für Micropayment.
Dagegen spricht:
- Ich zahle nicht im voraus für einen Artikel, denn ich weiß erst nach dem Lesen, ob er mir etwas wert ist
- Ich richte nicht dutzende verschiedene Micropayment-Accounts ein, für all die Quellen, die ich benutze
- Micro ist nur die Kaufsumme für einen Artikel. Ich habe keine Lust, jedesmal im Kopf zusammenzurechnen, wie macro die Gesamtsumme meiner Micropayments in diesem Monat schon ist
- Einen bezahlten Artikel kann ich nicht weitermailen an Freunde, die sich auch für das Thema interessieren.
- Einen kostenpflichtigen Artikel kann ich gar nicht bezahlen, weil ich nie von ... mehr lesen

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Stichwörter: Amazon, iTunes, Kindle, Medien, Presse

Warnung vor dem Artikel

Von Frauke Fentloh, 26.02.2009, 14:02

Ob im Archiv der FAZ wohl noch mit Karteikarte und Zettelkasten gearbeitet wird? Wert gelegt wird hier jedenfalls auf ursprüngliche Erzeugnisse aus Papier und Tinte: Wer im (digitalen) Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  einen alten Artikel lesen möchte und auch noch bereit ist hierfür zu bezahlen, hat noch lange nicht das Recht den Text auch auf seinem Rechner abzuspeichern. Gemäß der Geschäftsbedingungen darf der Nutzer den Artikel nämlich nur ausdrucken. Auf der Festplatte sichern hingegen ist verboten. (Gut also, dass sich das E-Book bisher als Rohrkrepierer erwiesen hat, es würde ja alles aus dem Ruder laufen!)

Ungemütlich kann es schließlich werden, wenn die Inhalte nicht nur zum privaten Vergnügen gekauft, sondern zur Weiterverbreitung etwa auf der eigenen Internetseite erstanden werden. Dann muss der Kunde gar fürchten, dass ihm nach Ablauf des Nutzungsrechts von der Zeitung beauftragte "Sachverständiger" auf die Pelle rücken, um zu kontrollieren, ob die Artikel wirklich ordnungsgemäß vom Rechner entfernt wurden: "In jedem Fall hat der Kunde unmittelbar nach Erlöschen des Nutzungsrechts sämtliche etwa bei ihm noch gespeicherten Informationen zu vernichten bzw. von den entsprechenden Datenträgern zu löschen. Sollten der FAZ begründete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass der Kunde der vorstehenden Verpflichtung nicht ... mehr lesen

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Stichwörter: FAZ, Medien, Presse, Zeitungsarchive

Rettet den Journalismus, nicht die Presse

Von Anja Seeliger, 26.02.2009, 10:05

Der Journalist und Hochschullehrer Daniel Sinker ist nicht beeindruckt von den Vorschlägen zur Rettung des Journalismus, die er auf einer Konferenz in Chicago zu hören bekam. Vor allem, weil es dabei nicht um die Zukunft des Journalismus, sondern um die Zukunft des verlegerischen Establishments ging, schreibt er in der Huffington Post. Dieses Establishment will sich mit einem an iTunes angelehnten Modell für Zeitungsartikel retten. Sinker findet das zum Lachen: Denn wer hasst iTunes? Die großen Musiklabels! "iTunes bedroht die etablierte Ordnung: Es beweist, dass die Labels nicht so mächtig sind, wie sie behaupten. Noch bedrohlicher ist, dass es den Weg in eine Zukunft markiert, in der die großen Plattenfirmen immer unwichtiger werden. Deshalb erscheint es ziemlich albern, wenn die großen Zeitungen auf iTunes blicken: Sie steuern sehenden Auges in ihr Verderben."

Vielleicht. Aber im Augenblick ist die deutsche Presse vor allem wild entschlossen, die Fehler der Musikindustrie noch zu toppen:

- Eine Ausgabe der FAZ kostet am Kiosk 1,90 Euro. Ein einziger Artikel aus dem Bezahlarchiv kostet 2 Euro. Für diesen Preis darf man den Beitrag "24 Stunden nutzen".

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Stichwörter: iTunes, Medien, Presse, Zeitungsarchive

Börse für Copyrights

Von Anja Seeliger, 25.02.2009, 11:02

Paul Spinrad, zur Zeit Gastblogger bei BoingBoing, hat eine interessante Idee zum Copyright. Er schlägt eine Börse vor, an der die Rechte an Kulturprodukten gehandelt werden: "Eine Rechte-Börse würde es nicht nur erleichtern, Rechte für die aktuelle Nutzung zu erwerben, sie würde auch die Spekulation unterstützen. Wenn ihr ein vergessenes, aber aufregendes Musikstück oder einen Film kennt, von dem ihr überzeugt seid, dass andere Leute es wiederveröffentlichen, sampeln oder was auch immer wollen - bestens, kauft es oder bildet einen Einkaufspool mit anderen, die ein Stück davon wollen. Das gilt auch für Sachen, die nicht so toll sind, von denen ihr aber glaubt, dass viele andere sie haben können wollten. Spekuliert!" mehr lesen

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Stichwörter: copyright

Damals gab es gar keine Berliner Zeitung!

Von Thierry Chervel, 12.02.2009, 09:02

Mit einem bedauernswerten Mangel an Subtilität nimmt Henryk Broder in der Achse des Guten Stellung zu einem Einwand des bekannten Kulturkritikers Rudolf Walther gegen Necla Kelek, welche gerade Frank Schirrmacher (denn er ist der einzige Journalist, bei dem jedes Mal eine neue Ära anbricht, wenn er einen Artikel schreibt) mit dem Börne-Preis bedachte. Die Islamkritikerin Kelek, so Walther in der Berliner Zeitung, vergesse darauf hinzuweisen, dass auch der europäische Hochadel jahrhundertelang Zwangsheirat und Ehrenmord praktiziert habe. Broder meint dazu: "der europäische Hochadel hat nicht nur lange vor den Moslems den 'Ehrenmord' praktiziert, er hat auch Jahrhunderte lang in die Ecken geschissen und zum Abwischen kulturkritische Texte von RW genommen." Das kann doch gar nicht sein! mehr lesen

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Stichwörter: Broder, Henryk, Kelek, Necla, Schirrmacher, Frank, Walther, Rudolf

Vorauseilende Unterwerfung

Von Thierry Chervel, 09.02.2009, 09:02

"Es war ein fliegender Wechsel. Als der eine Totalitarismus mit leisem Rülpser kollabierte, erhob der andere schon sein bärtiges Haupt. Wer im Jahr 2009 nur an den Mauerfall erinnert, erzählt nur die halbe Geschichte. Mit dem Bannstrahl der Morddrohung gegen Rushdie zielte der Islamismus, der vielen zuvor als ein finsterer Folklorismus in weit entfernten Ländern erschienen war, direkt in den Westen, um ihn von nun an mitzuregieren." Weiter im Tagesspiegel
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Stichwörter: Islamismus, Rushdie, Salman

Die Negationisten und der Papst - französische Journalistinnen dementieren

Von Thierry Chervel, 05.02.2009, 11:02

Wie kam es eigentlich dazu, dass das schwedische Fernsehen die negationistischen Äußerungen des Lefebvre-Bischofs Williamson genau an dem Tag sendete, an dem bekannt wurde, dass Papst Benedikt die Exkommunikation der vier Bischöfe aufhebt, dem 21. Januar (hier das Video)? Im Vatikan, berichtet heute die FAZ unter Berufung auf die NZZ (hier, noch genauer ist aber ein Artikel in der katholischen Tagespost), kursiert ein Papier, das die Journalistinnen Caroline Fourest und ihre Lebensgefährtin Fiammetta Venner beschuldigt, die Abfolge der Ereignisse mit konspirativer Energie arrangiert zu haben.

Die beiden Journalistinnen haben im letzten Herbst ein Buch über den konservativen Rollback unter Benedikt herausgebracht, "Les nouveaux soldats du Pape - Légion du Christ, Opus Dei, traditionnalistes" (Editions du Panama), um das sich deutsche Verlage jetzt sicherlich reißen. Dort haben sie auch über die Pius-Brüder und ihre zum Teil rechtsextremen und negationistischen Tendenzen recherchiert. Nun sollen sie also dafür gesorgt haben, dass das schwedische Interview mit Williamson, das schon im November geführt wurde und zu dem sie vom schwedischen Fernsehen befragt wurden, erst im Januar gesendet wurde. Jürg Altwegg kommentiert in der FAZ: "Das Timing war perfekt. So funktionieren Politik und Medien: ein zynisches ... mehr lesen

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Stichwörter: Dieudonné, Fourest, Caroline, Integrismus, Negationismus, Venner, Fiammetta

Woraus wir leben

Von Thierry Chervel, 04.02.2009, 17:02

"Wie gut, dass es im allgemeinen Drunter und Drüber des aus allen Fugen geratenen Medienbetriebs noch aufmerksame Beobachter gibt, die unverzichtbare Standards öffentlicher 'Diskurskultur' auch dann noch verteidigen, wenn deren Protagonisten sie leichthin aufgeben", schreibt Heribert Seifert in Eigentümlich frei über den bedeutendsten Hort journalistischer Ethik in Deutschland, das FAZ-Feuilleton. Streng objektiv berichtet es zum Beispiel über die Präsientschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan. Mindestens so streng wie Jürgen Kocka im Merkur über Doktorarbeiten, die er selbst betreute... mehr lesen

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Stichwörter: Gesine Schwan, Journalismus, Jürgen Kocka

Evolutionäre Konzeptkunst

Von Thekla Dannenberg, 30.01.2009, 10:01

Via 3quarksdaily. Helfen Beethovens Streichquartette beim Überleben? Hätten Höhlenmenschen Jane Austen lieben konnen? Oder haben Künstler einfach mehr Sex? Denis Dutton mit seinem Buch über die Kunst in der Evolution "The Art Instinct" bei Colbertnation:


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Stichwörter: Denis Dutton, Evolution, Kunst

Badiou, c'est moi!

Von Thierry Chervel, 28.01.2009, 15:01

Liberation ist so stolz auf ihr Interview mit dem Philosophen Alain Badiou, dass sie es nur auf Papier, nicht online publiziert. Die gestrige Liberation ist reinstes 19. Jahrhundert! Badiou plädiert für und gegen das Übliche - gegen die Demokratie mit ihren Schwatzbuden, gegen Amerika, gegen den Kapitalismus und für die "kommunistische Hypothese". Und das mit dem 19. Jahrhundert trifft nach seiner messerscharfen Analyse tatsächlich zu: "Wir leben in einer Situation, die den 1840er Jahren vergleichbar ist. Die Revolution liegt lange hinter uns, der Kapitalismus hat sich zur Gänze entfaltet, die Idee von Revolution erscheint endgültig beerdigt - über Mao und Lenin spricht man wie seinerzeit über 'Robespierre und Saint-Just. Die Republikaner jener Zeit sind wie die Linke heutzutage ins parlamentarische Spiel verstrickt, und man wird 1848 sehen, wie sie sich ihren scheinbaren Sieg von Napoleon III. wird entwenden lassen. Aber was wichtig war zu der Zeit, das war der intellektuelle Wiederaufbau, der stattfand und der genährt wurde verschiedenen isolierten Erfahrungen der Arbeiterschaft, das 'Manifest' von Marx, und so weiter." Naja, und heute eben der Badiou. mehr lesen

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Stichwörter: Alain Badiou

Multipolareis

Von Thierry Chervel, 27.01.2009, 09:01

Zwei ausgemachte Intellektuelle, die sich garantiert nicht riechen können, nämlich Timothy Garton Ash und Bernard-Henri Lévy, kommen in ihren Kolumnen auf die gleiche Passage in der Inauguration Speech Barack Obamas zurück.

1. BHO in seiner Rede: "Und somit sage ich allen Völkern und Regierungen, die heute zusehen, von den größten Hauptstädten bis zu dem kleinen Dorf, in dem mein Vater geboren wurde: Ihr sollt wissen, dass Amerika ein Freund jeder Nation und jedes Mannes, jeder Frau, jedes Kindes ist, die eine Zukunft in Frieden und Würde suchen, und wir sind von neuem bereit zu führen..."

2. TGA sagt dazu: "Toller Stoff, aber der Haken kommt am Ende. Amerika mag ja bereit sein, von neuem zu führen, aber was ist, wenn die Welt nicht folgen will? Was ist, wenn die Welt glaubt, dass Amerika in den letzten acht Jahren viel von seinem moralischen Recht auf Führung verloren hat und dass es auch nicht mehr die Macht dazu hat? Und dass wir uns sowieso auf ein multipolares System zu bewegen, wie es der National Intelligence Council in Washington selber sagt? Ich bin erstaunt, mit wie wenig Wenns und Abers die Willkommensworte der Politiker der Welt abgesichert ... mehr lesen

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Stichwörter: Barack Obama, Bernard-Henri Levy, Timothy Garton Ash

Das Schicksal alternder Diven

Von Thierry Chervel, 26.01.2009, 14:01

(Via Nerdcore und via worth1000.com) Jetzt verstehe ich, warum Michelle Pfeiffer kaum noch Rollen kriegt!

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Stichwörter: Michelle Pfeiffer

Trojanows Darfurkrise

Von Thierry Chervel, 22.01.2009, 11:01

Hat sich Ilija Trojanow gestern in der taz zum Sprachrohr der sudanesischen Regierung gemacht und ihre Version über die Geschehnisse in Darfur verbreitet?

Der Autor des "Weltensammler" und Mekka-Pilger brachte gestern gute Nachrichten aus dem Sudan: Der Völkermord in Darfur ist gar keiner, und es sind auch viel weniger Menschen gestorben als angenommen, jedenfalls nicht 300.000, wie die UNO sagt - wieviel es nun genau sind, weiß er aber auch nicht und versucht es auch nicht herauszufinden.

Trojanow macht sich in seinem taz-Artikel über Clooney, Jolie und "Geldoof" lustig, denen er vorwirft, dass sie auf dem Rücken der Opfer ihr Selbstbild pflegen. Und er spricht im Namen einer höheren Wahrheit, denn er hat sich nach Khartum begeben und hat dort auf einem Dach einige Gewährsleute getroffen, die das Bild vom Völkermord in Darfur in Frage stellen.

Unter anderem spricht er mit einem nicht namhaft gemachten Mitarbeiter des Amel Centers, einer Menschenrechtsorganisation, die sich um Opfer des Konflikts kümmert: Diesen Mann stellt Trojanow als besonders glaubwürdig vor, weil George Clooney dem Center in einer Gottschalk-Show Geld gespendet hatte. Der Mann sagt, dass "die Kämpfe keineswegs zwischen Schwarzen und Arabern stattfinden, sondern zwischen Menschen, ... mehr lesen

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Stichwörter: Darfur, Genozid, Ilija Trojanow, Sudan, Völkermord

Archiv: Presseschauen

Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles

09.02.2010. England, nicht Nigeria gehört auf eine Liste mit Terrorstaaten, ruft der nigerianische Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka, in The Daily Beast. In Prospect bittet Tim Berners-Lee: Spielt mit unseren Daten! In Rue 89 erklärt Beppe Grillo, warum er Sarkozy gefährlicher findet als Berlusconi. In Tygodnik Powszechny trauert Stefan Chwin um die polnischen Idealisten. In The Nation erklärt Lawrence Lessig blitzklar, warum Großspenden den Parlamentarismus zerstören. Polityka erzählt, an wen ein Pole sich wendet, wenn er nicht heiraten darf. In Salon spaziert Olga Tokarczuk mit einem Weichselzopf durch Amsterdam. Der Guardian denkt an armenische Frauen, die ihre nackten weichen Brüste an einem Stein reiben. Mehr lesen

Notschrei eines blutjungen Originalgenies

09.02.2010. Das Wall Street Journal attackiert das "German Cultural Appeasement". Das Chinese Law Prof Blog bringt Liu Xiaobos Rede vor dem Gericht, das ihn zu elf Jahren verurteilte: eine Weigerung zu hassen. Die FR bejubelt das Comeback des Gil Scott-Heron. Die FAZ bringt: Hegemann - Hermeneutik und Kritik. Die NZZ bilanziert die Auswirkungen des Erdbebens auf die Kulturlandschaft Haitis.  Und die Welt fragt: Was machen Niall Ferguson und Ayaan Hirsi Ali denn da? Schmusen die? Mehr lesen

Ceterum Censeo

09.02.2010. Wolfram Schütte: Was in einer hessischen Schlangengrube alles möglich ist - Endgültiges Aus für Zensursula-Justiz: Koalition kippt Internet-Sperrgesetz - Christoph Schlingensiefs Zusammenführung von Leben und Kunst in Laogo - Martin Walsers Jenseits: "Sterbehilfe ist die Avantgarde", ein Interview - Theaterkritik online: Koltes, Schiller, Euripides und die Beatles - Irrt die Bibel? Das Alte Testament auf dem Prüfstand. Mehr lesen

Karikaturen und Cartoons

09.02.2010. Mondsüchtige Vollbeschäftigung.
Mehr lesen

Archiv: Bücher

Das Gegenglück, der Geist

09.02.2010. Großer Bahnhof für J.M. Coetzee: Zu seinem Siebzigsten preisen FAZ, FR, NZZ und SZ den neuen autobiografischen Roman "Sommer des Lebens" als "grandios", "raffiniert" und "wahrste, kühnste und unterhaltsamste Literatur". Sehr lieb ist der NZZ die Anti-Hysterie von Arno Geigers Eheroman "Alles über Sally". Die taz feiert Amir Hassan Cheheltans großartigen Roman "Teheran Revolutionsstraße". Mehr lesen

Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

08.02.2010. Großartig erzählt Christopher Isherwood in "Löwen und Schatten" von seiner Schul- und Studienzeit in London und Cambridge in den zwanziger Jahren, von seinen ersten Schreibversuchen und seinen ersten Freunden und Liebhabern. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen

Mein Hymen gehört mir!

03.02.2010. Joachim Sartorius nimmt uns mit auf die Prinzeninseln. Alma Guillermoprieto schickt uns ins Kuba der Siebziger. Alek Popov füttert uns mit Erzählungen für Fortgeschrittene. Helene Hegemann und Seyran Ates lassen Rezensentenschläfen pochen. Und Barbara Vine serviert eine bildschöne Leiche. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats. Mehr lesen

Emotional labiler Federfetisch

19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Offener Brief von Liao Yiwu an Angela Merkel

09.02.2010. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, Autor von "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser", darf China nicht verlassen, um zur lit.cologne zu reisen. In einem Offenen Brief wendet er sich an die Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Lassen Sie es nicht zu, dass die Literatur erneut von der Macht gedemütigt wird!" Mehr lesen

Achtzig Prozent Gut: Moses, der iPad und ich.

09.02.2010. Plötzlich ist die universale digitale Weltbühne nur noch von diversen Kaisern mit ihren Allmachtsansprüchen besetzt, und Steve Jobs führt die Truppen der Gegenreformation. Für alle anderen bleibt nur noch Platz in den Ritzen. Mehr lesen

Wo sind die deutschen Meinungsführer?

06.02.2010. Von Vaclav Havel bis zum amerikanischen PEN: Viele unterstützen die Nominierung Liu Xiaobos für den Friedensnobelpreis. In Deutschland aber bisher nur Herta Müller. Und sonst regt sich kaum ein Hauch.
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12 Sekunden

17.11.2009. In Istanbul fand das Internationale Tanpinar Literaturfestival statt. Es war ein privat organisierter Kraftakt des guten Willens in einem Land, dessen Präsident einst dekretiert hatte, dass Prosa unnötig und sinnlos sei. Mehr lesen