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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Erzählt von einer Mordserie an Roma: Bence Fliegaufs 'Just the Wind' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 16.02.2012, 17:55

Ein Tag im Leben einer Familie ungarischer Roma in einem kleinen Dorf, ausgehend von den schlaftrunkenen, gemeinsamen, größtenteils sprachlosen Tagesvorbereitungen in der digitalen Dunkelheit des beginnenden Morgengrauens. Dann splittet der Film sich auf in drei Stränge und verfolgt: Mutter, Tochter, Sohn. "Verfolgt" ganz buchstäblich, denn die Kamera klebt oft am Rücken, im Nacken der Protagonisten, wie sie sich von einem Ort zum nächsten bewegen, wie sich voneinander trennen, wie sich ihre Wege gelegentlich überschneiden und wie sie schließlich wieder zusammenkommen. Die Mutter Mari versucht mit mehreren Jobs ihre Familie über Wasser zu halten und versinkt doch in Schulden (ihr Mann lebt in Kanada und hofft, seine Angehörigen bald nachholen zu können). Die Tochter Anna geht zur Schule, zeichnet auf dem Pausenhof dunkle Engel und tupft sich blaue Flecken auf die Fingernägel, später geht sie mit einem jungen Mädchen baden. ... mehr lesen
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bence fliegauf, just the wind, roma, ungarn, wettbewerb 2012
Bewegungskino reinster Form: Steven Soderberghs 'Haywire' (Wettbewerb, außer Konkurrenz)
Von Thomas Groh, 16.02.2012, 09:18

In gewisser Hinsicht holt Steven Soderbergh mit "Haywire" den Menschen ins zuletzt von bigger-than-life-Computeranimationen und verwackelten, hektisch montierten Handkamerabildern bestimmte Actionkino zurück: Kaum einmal, dass seine Kamera ins Geschehen eindringt, häufiger bleibt sie auf gut ein, zwei Schritte Abstand, filmt in verhältnismäßig langen Einstellungen den Kampf zwischen zwei Körpern in ihrer Gesamtheit, deren Wendigkeit, noch mehr aber deren brutale Wucht zum Spektakel wird: Wenn Gina Carano, hier in der Rolle der Mallory Kane, die im Auftrag einer der Regierung unterstellten Privatfirma weltweit die schmutzigen Jobs übernimmt, zuschlägt, tun die Knochen schon beim Hinsehen weh. Kein Wunder: Carano blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin zurück. Für "Haywire", für Soderbergh ist sie ein ungeheurer Gewinn: Kaum eine Viertelstunde vergeht, ohne dass Carano atemberaubend die Fäuste schwingt und noch ganz andere Stunts vollführt, um ihre Häscher zu erlegen.
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actionfilm, antonio banderas, ewan mcgregor, gina carano, michael douglas, michael fassbender, steven soderbergh, usa, wettbewerb 2012
Rein imaginär: Miguel Gomes' 'Tabu' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 15.02.2012, 13:30

Am Anfang steht ein vollbärtiger, traurig dreinblickender Mann im Dschungel, dann verwandelt er sich vielleicht in ein Krokodil, vielleicht wird er von einem gefressen. Dazu leise, verspielte Klaviermusik und eine sanft dröhnende Voice-Over-Stimme, die über die Möglichkeit eines melancholischen Krokodils nachdenkt. Dann Schnitt auf eine ältere Frau, die alleine im Kino sitzt, bald aufsteht und mit dem Auto nach Hause fährt. Der Film im Film, mit dem "Tabu" beginnt, ist zu Ende, aber gleichzeitig setzt er sich fort im kontrastarmen Schwarz-weiß und dem 1.37:1-Bildformat des klassischen Kinos, das Miguel Gomes' dritter Langfilm bis zum Ende durchhält. Auch die Klaviermusik weht noch ein paar Einstellungen lang nach. Das melancholische Krokodil wird schließlich ebenfalls wiederkehren, als fröhliches Babyreptil, das in einer afrikanischen Badewanne planscht.
Aber zunächst: Kapitel eins ("Das verlorene Paradies"), drei Frauen in Portugal. Pilar, die Frau aus dem ... mehr lesen
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afrika, miguel gomes, portugal, tabu, wettbewerb 2012
Duvall auf Acid: Billy Bob Thorntons 'Jayne Mansfield's Car' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 14.02.2012, 13:24

"Manchmal muss man einen Film eben etwas anders verpacken, um seine Botschaft an den Mann zu bringen", sagt Billy Bob Thornton in der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag "Jayne Mansfield's Car" und weiter: "Man könnte zwar einen Film gegen Krieg drehen und diesen dann "Anti-War" nennen, dann schauen ihn aber eben auch nur jene, die eh schon gegen Krieg sind."
So zeigt der Film, was Krieg mit zwei über einen Ehebruch verbundenen Familien macht - drei Generationen hat er im Blick: Die erste kämpfte im Ersten Weltkrieg, die zweite im Zweiteb , die dritte wird gerade Mann für Mann nach Vietnam eingezogen: Nichts wird angesprochen, bei jedem übersetzt sich das Trauma in eine andere Marotte. Die eine Familie lebt in Alabama, die andere in England: Jim Caldwell (Robert Duvall), als Großvater auf amerikanischer Seite, ist auf abgründige Weise von ... mehr lesen
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billy bob thornton, drogen, john hurt, kevin bacon, krieg, robert duvall, vietnam, wettbewerb 2012
Ein Film über kein Kind: Ursula Meiers 'L'enfant d'en haut' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 14.02.2012, 09:13

Kinder und Tiere sind beliebte Sujets des Festivalbetriebs. Das spricht nicht unbedingt gegen sie. Es lässt sich aus ihrem erhöhten Aufkommen aber ein gewisser Rechtfertigungsdruck ableiten: Weshalb braucht die Welt einen weiteren Film, der uns an die unausdrückliche Ausdruckskraft kindlicher und tierischer Akteure heranführt?
Auch in Ursula Meiers Wettbewerbsbeitrag "L'enfant d'en haut" ist es ein kleiner Junge, der den Gang der Erzählung anleitet. Simon lebt mit seiner Schwester in einer Sozialbausiedlung an der Talsohle eines Schweizer Skigebiets. Um sich und seiner Schwester, die keiner geregelten Arbeit nachgeht, den Unterhalt zu ermöglichen, begibt sich Simon auf kleine Raubzüge in die Berge, wo eine wohlhabende Après-Ski-Elite zunächst gar nicht merkt, wenn sie bestohlen wird: So saturiert sind die! Er lässt Skier, Brillen, Handschuhe mitgehen, und vertickt sie zu Schwarzmarktpreisen an Angehörige der Dienstleisterklasse. Die Eltern, so erzählt Simon einmal, ... mehr lesen
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L'enfant d'en haut, ursula meier, wettbewerb 2012
Am Meer ein Gefängnis: Christian Petzolds 'Barbara' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 12.02.2012, 14:30

"At last, I am free - I can hardly see in front of me!", singen Chic über die präzise gesetzte Schwarzblende mit der Christian Petzold "Barbara" enden lässt. Ein Auftakt übertönt das Schwarz, ein Knoten, auf den "Barbara" kontinuierlich hingearbeitet hat, ist mit einem Mal gelöst - der Film, der zwar unweit der Meeresküste spielt, aber eigentlich ein Gefängnis beschreibt, öffnet sich schlagartig zu der weltumarmenden Weite, die nur der Soul der 70er Jahre auf diese Weise in Klang gegossen hat. Es gehört viel Mut dazu, einen Film über latente Paranoia, angespannte Kiefermuskeln, suchende Blicke in leere Augen und, schlussendlich auch, ethische Dilemmata mit derart zärtlichem Schmelz ausklingen zu lassen. Petzold, mit "Barbara" in einer Meisterschaft seiner Kunst angelangt, die nichts mit Routine oder gar Abgeklärtheit zu tun hat, gelingt dies glatt.
Vom Soul der 70er, ... mehr lesen
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christian petzold, ddr, deutschland, nina hoss, wettbewerb 2012
Senegalesisches Stationendrama: Alain Gomis' 'Aujourd'hui' (Wettbewerb)
Von Nikolaus Perneczky, 11.02.2012, 19:52

Manche sagen, die gesamte Geschichte des Films lasse sich aus der Opposition von Louis Lumière und George Méliès, von Realitätsprinzip und Fantasietätigkeit extrapolieren. Übertragen auf das afrikanische, und darin insbesondere das senegalesische Kino, könnte man, ähnlich verkürzend, eine derartige Matrix zwischen dem Gründervater Ousmane Sembène und dem Vatermörder Djibril Diop Mambéty aufspannen, oder, in Erstlingsfilmen gesprochen, zwischen Sembènes "Borom Sarret" und Mambétys "Contra's City". In dieser etwas kruden Analogie wäre "Tey / Aujourd'hui" des franko-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis (übrigens der einzige afrikanische Bewerber um den goldenen Bären, sieht man von Kim Nguyens Kindersoldatenfilm "Rebelle" ab) genau zwischen den Stühlen zu verorten. Mit Sembène teilt er die geradlinige, bald didaktische Erzählhaltung und die gelegentliche Zuspitzung ins Satirische, so in einer Szene, in der eine Gruppe heuchlerischer Honoratioren auftritt, die nicht nur sozioökonomisch, ... mehr lesen
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alain gomis, aujourd'hui, senegal, stationendrama, wettbewerb 2012
Risse im Mädchentraum: Benoit Jacquots 'Les Adieux à la Reine' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 10.02.2012, 08:27

So nahe wie die junge Dienerin Sidonie (Léa Seydoux) kommt an Marie Antoinette (Diane Kruger) im Hofstaat von Versailles sonst nur Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen), die lesbische Maitresse der Königin. Wohl jeden Morgen, darf man mutmaßen, findet dieses intime, zärtlich alberne Spiel zwischen der Vorleserin Sidonie und der Monarchin statt: Die Dienerin um Form und Haltung bemüht, wie alles steif und zugerichtet ist an diesem Hof, Marie Antoinette, als erste und - beinahe - einzige in diesem Film, körperlich ausgelassen, verspielt, fast kindisch herumtollend, wenn Sidonie ausgesucht Frivoles aus der Königlichen Bibliothek vorliest. Dass Sidonie das Spiel genießt, die küssbar nahe Präsenz von Marie Antoinettes Gesicht an ihrem eigenen, die gelegentlichen Berührungen, ist ihr sichtlich an jeder Geste, jeder mimischen Regung abzulesen. Weit mehr ist da, von ihrer Seite wenigstens, im Spiel, wenn beide Liebesdialoge aus galanten Romanen ... mehr lesen
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benoit jacquot, diane krüger, französische revolution, lea seydoux, versailles, wettbewerb 2012
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