Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Die Beschneidungsdebatte: im Perlentaucher und in anderen Medien
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Außer Atem: Das Berlinaleblog
Beängstigender Wald: Andreas Bolms 'Die Wiedergänge' (Perspektive Deutsches Kino)
Von Lukas Foerster, 14.02.2013, 13:02

Wohin man auch blickt, überall Bäume auf dieser Berlinale: Besonders im Wettbewerb jagt ein Waldfilm den nächsten. Nina Hoss schlägt sich bei Thomas Arslan als Teil einer exildeutschen Reisetruppe durchs unwirtliche, grenzmystische Nadelholz. Tendenziell mindestens ebenso aggressiv (genauer gesagt: mindestens eine Bärenfalle aggressiver) gebärt sich der - gleichfalls kanadische - Wald, in dem Vic und Flo bei Denis Côté abhängen. Von der freundlichen Seite zeigt sich die Pflanzenwelt bei David Gordon Green: Obwohl er gleich zu Filmanfang abbrennt, bietet ein (wieder aufgeforsteter und dezent verzauberter) Wald Paul Rudd und Emile Hirsch Unterschlupf, hilft ihnen beim bonding und beim Verarbeiten von Liebesproblemen. Den Waldfilm to end all Waldfilme hat, wen wundert’s, James Benning gedreht: Gut zwei Stunden lang steht im Forumsfilm "Stemple Pass" eine Hütte im Wald herum; die Jahreszeiten wechseln, die Lichtverhältnisse aus, manchmal werden Texte des Unabombers Theodore Kaczynski verlesen, der sich jahrelang in einer ähnlichen Hütte verkrochen hatte, dann herrscht wieder minutenlang, viertelstundenlang Stille, gelegentlich tritt Rauch aus dem Schornstein der Hütte - aber der Wald, der bleibt.
Der vielleicht eigentümlichste Waldfilm aber läuft in der Nebensektion "Perspektive Deutsches Kino". Andreas Bolms einstündiger "Die Wiedergänger" zeigt drei Menschen - nicht nur, aber sehr oft - im Wald, irgendwo in Norddeutschland: Ein älteres Paar, das sich in einem Haus eingerichtet hat, das von allen Seiten von Bäumen umgeben ist und das sein (langsam, ereignisarmes) Alltagsleben am Wald auszurichten scheint, Holz hackt, Äste zersägt, Blätter sammelt. Und einen jungen Mann, der alleine die Natur durchstreift, die Kamera dabei meist vor ihm positioniert (es gibt jedoch auch Einstellungen aus seiner Subjektiven), mit unlesbarem Blick ins Leere starrt, schließlich in einer Grube zwischen den Bäumen einen Unterschlupf, vielleicht auch eine provisorische Festung zu errichten versucht.
Der Wald hat etwas Destruktives an sich in "Die Wiedergänger", sein Wuchern hat nichts mit organischer Lebendigkeit zu tun, sondern zeigt eher an, dass es mit den anderen Formen des Lebens dem Ende entgegen geht. Pflanzenüberwachsene Computergehäuse liegen auf dem Boden, vage giftig wirkende Pflanzen strecken ihre Blüten der Kamera entgegen, einmal tut sich eine kreisrunde Lichtung aus, wie die Kultstätte einer längst vergangenen Zivilisation ausschaut. Auch die Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten, blank polierten Garagentoren, an die die Kamera einmal langsam vorbeigleitet, vermitteln nichts mehr vom Leben, das sich in sie zurückgezogen hat: die Vorhänge sind zugezogen, der Schlüssel zweimal herumgedreht.
Der Film zeigt die Menschen und den Wald so weit es geht unzugerichtet: Keine ausgefallene Bildbearbeitung täuscht über die Defizite der digitalen Aufnahmen hinweg, keine Erzählung, noch nicht einmal Dialoge brechen das stumpfe Schweigen im Walde auf. Statt dessen tritt eine zweite Ebene neben die ungeschönten, unbehauenen Waldaufnahmen: gelegentlich melden sich Voice-Over-Stimmen zu Wort, mal in Form von Radiomeldungen, mal in Form von Tagebucheinträgen, die von einer Katastrophe berichten, von einer Krise, die gleichzeitig ökologische und militärische Komponenten zu besitzen scheint: Es ist von bestimmten Pflanzensorten die Rede, die nicht mehr angebaut werden dürfen, außerdem von Militärflugzeugen, Männern in weißen Anzügen mit Gasmasken; später von einer Familiengeschichte, von den Eltern Ada und Volker, ihrem Sohn Fabian und einem Unglück, das mindestens einem Familienmitglied zustößt.
Man kommt dann bald darauf, dass die drei Menschen, die man im Wald begleitet hat, die Akteure eben dieser Familiengeschichte sind; und wenn Andreas Bolm, der Regisseur, dann plötzlich selbst in seinem Film auftaucht, Gitarre spielt und ein lakonisches Lied über verflossene Lieben singt, wendet sich die gesamte Anordnung ins Autobiografische. Diese (in sich widersprüchlichen) Wendungen hin zum Narrativen schließen den Film jedoch nicht auf, machen ihn im Gegenteil noch rätselhafter. Spiegelt sich da eine kaputte Familienpsyche nach außen, als brutale, alles verschlingende Natur? Oder ist doch die Natur das Vorgängige und sind die verschiedenen Katastrophen, die im Film ihre kryptischen Spuren hinterlassen, nichts als gespenstische Nachbilder - Wiedergänger ohne eigentliche Existenzgrundlage?
Man bekommt das alles nicht auseinander, nicht einmal ansatzweise. "Die Wiedergänger" ist gleichzeitig mindestens: ein melancholischer Geister- und Familienfilm, ein maximal abstrakter Science-Fiction-Endzeit-Thriller, ein visueller Essay über die herbe Tristesse Norddeutschlands. Auf jeden Fall: Einer der faszinierendsten Filme des Festivals, ein Film, der zumindest momenthaft, in einzelnen Einstellungen eine umwerfende Schönheit entfaltet.
Lukas Foerster
"Die Wiedergänger". Regie: Andreas Bolm. Mit Edda Bolm, Joachim Rüdig, Dominic Stermann u.a., Deutschland 2013, 62 Minuten (alle Vorführtermine)
Stichwörter:
andreas bolm, die wiedergänger, james benning, perspektive deutsches kino 2013
Blogroll
- Kritikerspiegel von critic.de und perlentaucher.de
- Lukas Foerster
- Thomas Groh
- Nikolaus Perneczky
- cargo
- critic.de: berlinale im dialog
- epdFilm Berlinaleblog
- Keyframe Daily
Blogtags
11. september 2001, 12 sisters, 3d, 80er, a batalha de tabato, a dream of iron, a long and happy life, a somewhat gentle man, a woman, a gun and a noodle shop, abschlusstext, actionfilm, afghanistan, afrika, al qaida, alain gomis, albanien, alexander mindadze, alexei popogrebsky, alkohol, all divided selves, allen ginsberg, altersheim, an einem samstag, an episode in the life of an iron picker, andreas baader, andreas bolm, andres veiel, andrew bujalski, angela schanelec, animationsfilm, anime, anja salomonowitz, anna fenchenko, annemarie jacir, antipsychiatrie, antonio banderas, apartheid, arbeitskultur, architektur, argentinien, Art History, asghar farhadi, asli özge, assistance mortelle, atomkatastrophe, atsushi funahashi, auf der suche, aujourd'hui, auschwitz-prozesse, australien, bal, bankraub, banksy, bären 2010, bären 2011, bären 2013, basma alsharif, bauern, before midnight, bela tarr, belgien, ben kingsley, ben stiller, bence fliegauf, benjamin heisenberg, benoit jacquot, berlin, berlinale 2010, berlinale 2011, berlinale 2013, berlinale special, berlinale special 2012, berlinale special 2013, berlinale-jury 2010, berliner schule, bernward vesper, bestiaire, beyond the hill, bildhauerei, bille august, billy bob thornton, biopic, bittorrent, blood simple, blutrache, bollywood, boris jelzin, bosnien-herzegowina, boven is het stil, brasilien, brian m. cassidy, bromance, bruno dumont, bühne, burhan qurbani, burkina faso, camille claudel, carter, caterpillar, catherine deneuve, Cave of Forgotten Dreams, chauvet-höhlen, cheonggyecheon, chile, china, christian petzold, christoph hochhäusler, christoph terhechte, ciudad juarez, claude lanzmann, clemence ancelin, close-up, closed curtain, cold bloom, come rain, come shine, computer, computer chess, constantin popescu, coriolanus, cruising, dänemark, daniel kötter, danis tanovic, dante lam, dark blood, das merkwürdige kätzchen, database cinema, david gordon green, david zellner, ddr, dear oyongjang, debra granik, denis cote, der preis, der räuber, der tag des spatzen, deutschland, diane krüger, diät-camp, die wiedergänger, dies und das, dieter kosslick, dogma, dokumentarfilm, dolgaya schastlivaya zhizn, dominik graf, dreileben, drittes reich, drogen, drogenkrieg, ehre, el premio, elelwani, elke hauck, emigranten, emin alper, emir baigazin, emmanuelle bercot, entwicklungshilfe, epizoda u zivotu beraca zeljeza, erdbeben, erika und ulrich gregor, ernst jünger, eröffnungsartikel, espoir voyage, ethan coen, eva sussman, everybody in our family, ewan mcgregor, exit through the gift shop, familie, farewell to dream, fernsehen, film noir, film on demand, fin, finanzkrise, finnland, florin serban, folter, forum, forum 2010, forum 2011, forum 2012, forum 2013, forum expanded 2012, forum expanded 2013, frances ha, francine, frankreich, französische revolution, fritz bauer, fukushima, funahashi atsushi, futaba, fynbos, gangster, gangsterfilm, gaza, gedeck, martina, geister, generation 14plus, generation 14plus 2010, gentlemen broncos, george sluizer, gerbrand brakker, gespenster, gina carano, glaube, liebe, tod, gloria, gold, goldrausch, greenberg, greta gerwig, griechenland, großbritannien, guantanamo, gudrun ensslin, guillaume nicloux, guinea-bissau, gus van sant, guy maddin, guy moquet, habiter/construire, haiti, halbschatten, hanna schygulla, hans peter molland, harmony lessons, harry patramanis, hausfilm, hayatboyu, headshot, heaven's story, heist-movie, hiroyuki tanaka, hoffnung, holocaust, hommage, hommage 2010, hommage 2013, homosexualität, hong sangsoo, hongkong, how i ended this summer, howl, i kori, if i want to whistle, i whistle, ilona ziok, im schatten, in the name of, Independent, indianer, indien, indiewood, interior. leather bar, internet, intifada, irak, iran, isabella rosselini, isabella rossellini, isabelle huppert, islam, israel, israelische armee, jafar panahi, jakow kuper, james benning, james franco, jan karski, jan krüger, jane birkin, japan, jared hess, Jasmina Zbanic, jaume collet-serra, jaures, Jazz, jean-francois caissy, jeff bridges, jeffrey friedman, jemen, jeroen willems, jerzy skolimowski, jin, joao viana, Joe Swanberg, joel coen, joel und ethan coen, johann feindt, john hurt, john wayne, jonathan sagall, jordanien, jose padilha, joshua marston, jud süß - film ohne gewissen, juliette binoche, just the wind, kambodscha, kambozia partovi, kamboziya partovi, kamera, kanada, kanikosen, kanun, karan johar, kasachstan, katastrophenhilfe, katholische kirche, kawashima yuzo, kazoku no kuni, keisuke kinoshita, kelvin kyung kun park, ken jacobs, ken loach, kernkraftwerk, kevin bacon, kid-thing, kiko goifman, kim sun, klaus lemke, koji wakamatsu, kommunismus, korea, krieg, kriegsverbrechen, kunst, kurden, L'enfant d'en haut, la belle visite, la demora, la plaga, la religieuse, labour, labourregierung, laura poitras, layla fourie, le depart, lea seydoux, lebenslang, lee tamahori, lee voon-ki, leonardo di caprio, Les contes de la nuit, Les Femmes du 6eme Etage, leviathan, leviathan, lucien castaing-taylor, liebe, lisa cholodenko, lonnie van brummelen, look at me again, louise bourgoin, lucien castaing-taylor, luis sampieri, luke fowler, ly lun yim, mad men, maladies, malgoska szumowska, mamadu baio, mammas, mamoru hosoda, mandinga, männerfilm, margaret thatcher, marseille, marten persiel, martin scorsese, maryam moghadan, maurice rossel, melanie shatzky, meryl streep, metin erksan, mexiko, michael douglas, michael fassbender, michail chodorkowski, michel ozelot, michel zongo, miguel gomes, miranda july, misel maticevic, missing man, mohamed al-daradji, montevideo, Mumblecore, musik, my name is khan, Na putu, nachtzug nach lissabon, nader and simin, nanouk leopold, narco cultura, narcos, nationalsozialismus, navajo, nazis, nenette, netzkultur, neus ballus, new york, nicolas philibert, nicolas wackerbarth, niederlande, night train to lisbon, nina hoss, noah baumbach, nordkorea, nordostpassage, norwegen, ntshavheni wa luruli, nuclear nation, nugu-ui ttal-do anin haewon, oben ist es still, odem, oligarchen, orang-utan, orly, ornette coleman, oskar roehler, österreich, our grand despair, our homeland, ozarks, palästina, panaroma 2011, panorama, panorama 2010, panorama 2011, panorama 2012, panorama 2013, paradies: hoffnung, parde, paris, paula markovitch, pen-ek ratanaruang, perspektive deutsches kino 2011, perspektive deutsches kino 2012, perspektive deutsches kino 2013, peter kern, pharmaindustrie, philip scheffner, philippe le guay, phyllida lloyd, pia marais, pillow shot, pina, pina bausch, plein sud, plo, polen, politisches kino, polizeifilm, porno, pornografie, portrait of jason, portrait of the fighter as a young man, portugal, prince avalanche, promised land, prostitution, protest, przemyslaw wojcieszek, psychiatrie, pulp, queer cinema, r.w. fassbinder, radu jude, raf, rafi pitts, ralph fiennes, ramon zürcher, raoul peck, reha erdem, reinhold vorschneider, retrospektive 2010, retrospektive 2012, retrospektive 2013, revision, revolution, richard linklater, river phoenix, robert duvall, robert epstein, rock the casbah, rodrigo moreno, rodrigo pla, roma, roman polanski, romuald karmakar, rosalind Nashashibi, roter teppich, rumänien, russland, sabu, sakura namiki no mankai no shita ni, schlafkrankheit, schwule priester, schwuler sex, sebastian lelio, sebastien lifshitz, secret, seeking the monkey king, self referential traverse, semih kaplanoglu, senegal, sex, seyfi teoman, shah ruhk khan, shahada, shakespeare, shane carruth, shaul schwarz, shekarchi, shibuya minoru, shirley clarke, shoah, shutter island, side effects, siebren de haan, siedlungspolitik, Silver Bullets, skater, so goes my love, so sang-min, sobibor, something in the way, son of babylon, sona, the other myself, spanien, stationendrama, sterben, steven soderbergh, stop motion, strafprozess, street-art, submarino, südafrika, südkorea, summer wars, tabu, taiwan, takahisa zeze, tamara trampe, tanz, tea lim koun, teddy soeriaatmadja, thailand, thaksin, thanos anastopoulos, the battle of tabato, the daughter, the forgiveness of blood, the future, the ghostwriter, the iron lady, the kids are all right, the lights of asakusa, the oath, the pirate bay, the plague, the snake man, the spirit of 1945, the stool pigeon, the terrorists, the turin horse, theresienstadt, this ain't california, thomas arslan, thomas vinterberg, thriller, thunska pansittivorakul, tiens moi droite, tiere, titus maumela, todesstrafe, trash, travis mathews, trockener sommer, trollsländor med faglar och orm, tropa de elite 2, true grit, tschernobyl, tuan yuan, türkei, Udai Hussein, udo kier, ufos, ulrich köhler, ulrich seidl, un mundo misteroso, ungarn, unknown, unter kontrolle, upstream color, urheberrecht, uroki garmonii, ursula meier, uruguay, usa, usa, forum, utopians, val lauren, venda, verena paravel, versailles, verstaatlichung, vic+flo haben einen bären gesehen, vic+flo ont vu un ours, video, video on demand, videos, vietnam, volker sattel, volker schlöndorff, w imie, wanderarbeiter, waves vs. particles, weimar touch, wer wenn nicht wir, werner herzog, western, wettbewerb, wettbewerb 2010, wettbewerb 2011, wettbewerb 2012, wettbewerb 2013, when i saw you, whiteonwhite:algorithmicnoir, wiegenlieder, william friedkin, wim wenders, wladimir putin, wladimir schnejderow, wolfgang lehman, wong kar-wai, yang yong-hi, yang yonghi, yariv horowitz, yasujiro shimazu, yehuda lerner, youtube, yuyake gumo, zbigniew bzymek, zeitgeist and engagement, zhang yimou, zoé chantre, zoo, zwei ozeane






