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Bille Augusts 'Nachtzug nach Lissabon' (Wettbewerb)

Von Thekla Dannenberg, 14.02.2013, 08:02

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Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" erzählt die Geschichte des Berner Lateinlehrers Raimund Gregorius, der über all seinen Büchern den Anschluss an das Leben verloren hat. Eines verregneten Morgens gelangt er durch eine junge Frau, die sich wahrscheinlich von der Brücke stürzen möchte, an das Buch des geheimnisumwitterten portugiesischen Autors Amadeu Prado. Völlig in den Bann gezogen von der Frau, dem Buch und seiner Poesie, bricht er aus seinem Lateinlehrer-Leben aus und auf nach Lissabon, um der Geschichte dieses Schriftstellers, Arztes und Widerstandskämpfers gegen Salazar nachzuspüren. Aus dem - fiktivem - Werk zitiert der Roman seitenweise die Prado'schen Ausführungen, was durchaus etwas Peinliches hatte: "Kein Ernst ist so ernst wie der poetische Ernst", heißt es darin zum Beispiel und ganz ohne Ironie lässt Mercier dann Gregorius tief ergriffen ausrufen: Welch Brillanz! Welch Wucht! Welch stilistische Eleganz!

Bille August versteht sich auf die starbesetzte Verfilmung von gehobenen Bestsellern. Beim "Nachtzug auf Lissabon" verzichtet er auf Merciers philosophische Ausführungen, womit er dem Roman nicht unbedingt Unrecht tut. Aber sein Melodram funktioniert im Grunde ähnlich: In der im Vergleich zum Roman deutlich aufgewerteten Rahmenhandlung erklärt Gregorius immer wieder, wie bedeutungsvoll das Geschehen ist, dem er auf der Spur ist. In Rückblenden erfahren wir, wie Amadeus Prado und seine Mitstreiter für die Freiheit und gegen die faschistische Diktatur stritten, aber im Kampf um Liebe, Freundschaft und die Poesie im Leben fielen. Naja, zumindest ein bisschen, wirklich entscheiden kann sich Bille August nicht, welches der vielen Dramen ihn eigentlich interessiert, die er hier anschneidet. Amadeu rettet als Arzt einem Salazar-Schergen das Leben und droht, seine Freunde zu verlieren, seiner Schwester rettet er per Luftröhrenschnitt mit dem Fischmesser vor dem Ersticken und brüskiert damit irgendwie seinen Vater, den regimetreuen Richter. Je schwerer die Prüfungen sind, die der Quasi-Heilige Amadeu Prado auszuhalten hat, umso leichter nimmt man sie. Wenn er Jeremy Irons durch das wunderschöne Lissabon führt, dann allein durch all die Gassen und Plätze, die jeder Tourist an seinem ersten Tag kennen lernt: Kabelbahn, Zitadelle, Barrio Alto.

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Bleibt die Riege großer Schauspieler, die für diese Euro-Produktion aufgebracht wurde und die seltsamerweise alle fließend Englisch sprechen, egal ob in Bern oder Lissabon. Jeremy Irons sprengt seine Rolle als weltabgewandter Lateinlehrer, der unter der Sonne Lissabon und im Schatten der Vergangenheit wieder ein wenig Bedeutung für sein Leben gewinnt. Bruno Ganz fordert ihn in einer Szene zwar zu einem schauspielerischen Kräftemessen heraus, aber letztendlich stemmen die beiden mit all ihrer Gravitas nur ein Fliegengewicht: Gibt es die Liebe? Oder gibt es nur Begehren, Wohlgefallen und Geborgenheit? Mitunter setzt die immer zarter werdende Martina Gedeck als portugiesische Ärztin ein Gegenwicht, während Charlotte Rampling absurd viel alteuropäische Noblesse in ihre Rolle als Schwester des toten Schriftstellers legt: "Bern is in Switzerland, is it not?" oder "Tea, Clothilde!" Außerdem haben Melanie Laurent und August Diehl ihren Auftritt, Jack Huston und Lena Olin.

Nichts gegen ein ordentliches Melodram, in dem zwei Männer um dieselbe Frau und gegen die faschistische Diktatur kämpfen. Und schon gar nicht, wenn dies mit einem Großaufgebot europäischer Schauspieler geschieht. "Casablanca" läuft in der Retrospektive.

Thekla Dannenberg

"Nachtzug nach Lissabon" (Night Train to Lisbon). Regie: Bille August. Mit Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay u.a., Deutschland / Schweiz / Portugal 2013, 110 Minuten (alle Vorführtermine)





Stichwörter: bille august, nachtzug nach lissabon, night train to lisbon, wettbewerb 2013

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