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Wie ein Wispern: Shane Carruthes 'Upstream Color' (Panorama)

Von Elena Meilicke, 11.02.2013, 15:02

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Es ist schon klar, dass "Upstream Color" von Shane Carruth in gewisser Hinsicht ein ziemlich meisterhafter Film ist: ein unendlich fluider Bilderstrom aus fragmentierten Bild- und Tonereignissen, organisiert durch eine sehr schnelle und elegante Montage, die gleichzeitig ganz organisch und rund ist. Alles passiert rasch und nah, in Bildern mit minimaler Tiefenschärfe. "Upstream Color" erlaubt, ermuntert, forciert ein Sehen, das zugleich hört und spürt, ein Sehen, das mitgeht und sich tragen lässt. Ein Film wie ein Wispern, das einen von allen Seiten, lauter und leiser werdend, umfasst.

Die Wirrungen des Filmplots sind nicht wirklich erzählbar, zu formidabel sind die Sprünge durch Raum und Zeit, zu groß klaffen die erzählerischen Lücken, die sich nur mit Hilfe des Wortes "irgendwie" zukleistern lassen. Kris (Indie-Star Amy Seimetz) ist eine junge Frau, unabhängig und erfolgreich, der eine Art Droge verabreicht wird, ein Trank, der sie mit einem Wurm infiziert und willenlos macht. Sie verliert ihr Vermögen und ihren Job. Irgendwie wird der Wurm auf ein Schwein übertragen oder sie wird in ein Schwein verwandelt oder es gibt irgendwie plötzlich zwei Kris' in zwei parallelen Welten, einmal im Schweinekoben in Vermont und einmal in einer gesichtslosen Großstadt, wo sie einen Gefährten mit ähnlichem Schicksal findet (gespielt von Shane Carruth selbst). Also irgendwie viel Raum für Spekulation und intuitives Verstehen.

Klar, "Upstream Color" ist ein Trip – aber ein sehr sauberer und geleckter. Transzendenz statt Transgression. Wenn Seimetz und Carruth mit ihren asketischen und fein gemeißelten Gesichtern über Hotelflure stolpern, wähnt man sich manchmal schlicht in einem perfekt gemachten Werbeclip. Da sind wenig Widerstände, wenig Reibung. Und letztlich ist "Upstream Color" eine Mischung altbekannter Zutaten: ein bisschen Body Horror à la Cronenberg, ein bisschen Mind Control wie aus Kalten-Kriegs-Tagen, ein bisschen Terrence Malicks "Tree of Life".

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Und über allem wabert "Walden". Immer noch und schon wieder treibt der amerikanische Transzendentalismus sein Unwesen, da wird Thoreau gelesen, handschriftlich kopiert und auswendig rezitiert – mit dem Herzen, "by heart", wie die Amerikaner sagen. Hand aufs Herz: das ist ein ziemlich schwurbeliger Mystizimus, den "Upstream Color" da mit sich führt. Ko(s)mische Kreisläufe aus Orchideen, Maden, Menschen und Schweinen. Gegen Ende des Films wird's richtig ärgerlich. In der letzten Viertelstunde nämlich überkommt den Film, der sich doch über 80 Minuten lang erfolgreich narrativer Kohärenz verweigert hatte, plötzlich die Sehnsucht nach einem Abschluss. Irgendwie erspürt Kris den Weg nach Vermont, findet den Schweinekoben, öffnet das Gatter, liebkost die Ferkel. Und sie öffnet anderen Menschen die Augen, führt die Staunenden vor ihre tierischen Alter Egos. Gute alte Tante Aufklärung: Austritt aus der (hier eigentlich nicht) selbst verschuldeten Unmündigkeit, raus aus dem Verblendungszusammenhang.

Aus dem Weg geräumt werden muss dafür der Schweinebauer, ein älterer Mann, der interessanterweise zugleich Komponist und Tonmann ist. Einer, der Geräusche macht, aufnimmt und manipuliert. Ein Foley Artist, ein Weltenmacher, ein Illusionskünstler. "Upstream Color", könnte man vielleicht sagen, ist ein sehr platonischer Film. Wider die Sinne und die trügerischen Bilder. Warum erzählt man solche Geschichten eigentlich ausgerechnet im Kino?

Elena Meilicke

"Upstream Color". Regie: Shane Carruth. Mit Amy Seimetz, Shane Carruth, Andrew Sensenig, Thiago Martins, Kathy Carruth u.a., USA 2013, 96 Minuten (alle Vorführtermine)





Stichwörter: panorama 2013, shane carruth, upstream color, usa

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