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Gedrosselte Ambitionen: Sebastian Lelios 'Gloria' (Wettbewerb)
Von Lukas Foerster, 10.02.2013, 12:02

Eine Kamerafahrt über zu fröhlichem Radiomainstream tanzende Menschen. An der Bar und am Ende der Kamerafahrt steht eine Frau fortgeschrittenen Alters, mit einem irgendwie nervösen, irgendwie auch verschmitzten Lächeln im Gesicht. Einige Momente verharrt sie noch am Tresen, dann stürzt sie sich ins Getümmel, in den Tanz, an dem sie sich, etwas linkisch und self-conscious, aber durchaus mutig beteiligt. Gloria, sagt einem der Film schon in der ersten Szene, ist eine Frau, die sich aufs Leben einlässt, auch dann, wenn einiges gegen sie zu sprechen scheint. Ihr Alter vor allem, ihre leicht, aber dann doch wieder nicht allzu sehr verfahrenen familiären Umstände außerdem: Sie lebt geschieden, der Ex hat längst eine andere, die Kinder halten mal mehr, öfters weniger Kontakt.
Gloria hat eigentlich die Dramen hinter sich; tatsächlich findet der Film dafür ein ganz schönes Bild: Der Nachbar in der Wohnung über ihr führt ein höchst melodramatisches Leben, an dessen Kollateralschäden Gloria unfreiwillig ein wenig partizipieren darf: nicht nur dringen wilde Streitgespräche durch die Decke, auch eine haarlose Katze und ein Drogenpaket fallen für sie ab; auf beides lässt sie sich ein, wie sie sich dann eben auch, eines Abends in einer Bar, auf den Blick eines Mannes einlässt. Dieser Mann ist ebenfalls geschieden, sagt er zumindest. Jedenfalls wird bald klar, dass seine familiären Umstände deutlich verfahrener sind als die Glorias.
Auch, wenn es in beiden Filmen um ältere Frauen geht, die alleine in der Großstadt leben: Mit Cassavetes' "Gloria" hat Lelios Film nichts zu tun. Lelios handelsüblicher psychologischer Realismus ist weit entfernt von jener filigranen Wucht, mit der in Cassavetes Film Gena Rowlands und New York City aufeinander treffen. Lelios "Gloria" ist ein Film der gedrosselten Ambitionen. Man hat sich bitte, sagt er, dafür zu interessieren, warum der Ex ein wenig zu viel trinkt bei der Familienwiederzusammenführung, man hat zu rätseln, warum der Neue bei derselben Veranstaltung urplötzlich verschwindet, man hat sich, vor allem, einzufühlen in das Leben einer Frau Ende Fünfzig, die sich alle Mühe gibt, aber es nicht leicht hat mit der Welt und auch nicht mit ihrem eigenen Hang zur Sentimentalität.
Wenn man sich darauf einlässt, also den Film als das nimmt, was er zuvorderst sein will, dann muss man zuzugeben, dass ihm genau das gelingt, dass man es also mit gut geöltem, gut gespieltem, unaufdringlich gefilmtem, was die Textur des Zwischenmenschlichen angeht sogar einigermaßen komplexem Wohlfühl-Arthauskino zu tun hat. Kurzum: Ein Film wie der fröhliche Radiomainstream vom Anfang. Der einem nur in den wenigen Momenten unehrlich vorkommt, in denen sein universalistischer soap-opera-Plot in kalkulierter Manier mit Zeitdiagnostischem aufgeladen wird, wenn zum Beispiel Gloria einmal an einer Demonstration gegen vermutlich irgendetwas Neoliberales vorbeiläuft, nur, damit auch einmal ein paar rote Fahnen und Parolen im Film vorkommen. Nein, da hätte der Film lieber zugeben sollen: Meine Geschichte könnte überall spielen und das Land, in dem ich spiele (for the record: Chile), interessiert mich nicht einmal ein bisschen, seltsamerweise nicht einmal als Kulisse. Und bei der Gelegenheit: Es wäre auch durchaus angenehm, wenn der Film nicht derart penetrant darauf bestehen würde, dass man sich sofort und vorbehaltslos in seine Protagonistin zu verlieben habe.
Lukas Foerster
"Gloria". Regie: Sebastián Lelio. Mit Paulina García, Sergio Hernández, Diego Fontecilla, Fabiola Zamora u.a., Chile / Spanien 2012, 105 Minuten (alle Vorführtermine)
Stichwörter:
chile, gloria, sebastian lelio, wettbewerb 2013
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