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Katastrophale Hilfe zeigt Raoul Peck in 'Assistance Mortelle' (Berlinale Special)

Von Thekla Dannenberg, 09.02.2013, 10:28

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Eine bittere Lektion in politischer Ökonomie erteilt Raoul Peck mit seinem Film "Assistance Mortelle" über die internationale Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, die keine Katastrophenhilfe war, sondern eine katastrophale Hilfe. Pecks Biografie ist sein filmisches Programm geworden: In Haiti geboren, in Zaire/Kongo aufgewachsen, hat er im Ost-Berlin der achtziger Jahre Wirtschaftswissenschaft studiert und in West-Berlin Film. Über den ermordeten kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba hat er gleich zwei Filme gedreht, im vorigen Jahr saß er in der Berlinale-Jury. Mit der ihm eigenen Mischung aus kommentierender Beobachtung und Zahlengewitter ist seine Dokumentation "Assistance Mortelle" eine wütende Abrechnung mit dem System internationaler Hilfe, das nicht in der Lage ist, guten Willen, Kompetenz und Gelder in zweistelliger Milliardenhöhe in sinnvolle Aufbauleistung umzuwandeln.

Bei dem verheerenden Erdbeben von 2010 wurden nach den ungefähren offiziellen Schätzungen 230.000 Menschen getötet, 300.000 verletzt und 500.000 obdachlos. Ein immense Welle der Hilfsbereitschaft ergriff die internationale Gemeinschaft. Von den USA und Europa, über IWF und Weltbank, bis zu Russland und Venezuela waren sich alle einig, dass diesem ärmsten und bedauernswertesten Land der Welt nun endlich und nachhaltig auf die Beine geholfen werden müsste. Bill Clinton wurde Leiter der Wiederaufbauorganisation IHRC. Dies sei "die größte Chance, die Haiti je hatte", sagt Clinton und der Satz klingt einem den ganzen Film über wie Hohn in den Ohren.

Denn elf Milliarden Dollar Hilfszusagen bedeuten nicht, dass Haiti elf Milliarden bekommt, ganz zu schweigen davon, dass die Haitianer das Geld bekommen, wie uns all die von Peck befragten NGO-Mitarbeiter und haitianischen Regierungsvertreter erklären. Das Geld geht an die NGOs, was sicherstellt, dass 60 Prozent der Gelder in den Geberländern bleiben. Schließlich müssen Konferenzzentren errichtet werden, es werden Wasserflaschen und Zelte eingeflogen, anstatt die Wasserversorgung vor Ort zu organisieren. NGOs wollen Häuser, Schulen oder Hospitäler bauen, auf denen ihre Fahne weht, nicht Schutt wegräumen oder Abwasserkanäle säubern. Und wenn, dann wollen es gleich vier auf einmal in derselben Straße tun. NGOs, das macht Peck sehr deutlich, sind keine neutralen Broker bei der Katastrophenhilfe, sie sind Auftragnehmer mit Eigeninteressen. Schade, dass wir nicht zu hören bekommen, wie sich Bill Clinton dieses Systemversagen erklärt.

Deutlich unschärfer bleibt die Verantwortung der haitianischen Regierung für das Desaster. Zwar zeigt Peck den damaligen Premierminister René Préval in seiner ganzen Hilflosigkeit, aber vielleicht hätte Peck klarer herausarbeiten können, ob diese Hilflosigkeit seiner Kaltstellung durch die internationale Gemeinschaft entspringt oder seiner eigenen Unfähigkeit. Denn darüber lässt Peck keinen Zweifel aufkommen, auch angesichts der verkorksten Wahlen ein Jahr nach dem Erdbeben: Am Unglück Haitis sind nicht nur die anderen Schuld.

Doch sein Thema bleibt der NGO-Zirkus, den er mit dem Beispiel des Camps Corail deutlich macht, in dem nach anfänglichen Plänen 7.000 Menschen untergebracht werden sollte und in dem am Ende 200.000 Menschen unter schrecklichsten Slum-Bedingungen hausten. Irgendwann zog das American Refugee Committee seine Gelder und seine Leute ab, die zum Abschied der lokalen Gemeinschaft aufmunternde Botschaften und ganze zwei Broschüren über das Camp daließen.

Thekla Dannenberg

"Assistance Mortelle – Fatal Assistance". Regie: Raoul Peck. Französisch/Englisch/ Kreol, 99 Minuten (Alle Vorführtermine)





Stichwörter: assistance mortelle, berlinale special 2013, dokumentarfilm, erdbeben, haiti, katastrophenhilfe, raoul peck

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