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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Teilchenbeschleuniger: Das Forum Expanded

Von Elena Meilicke

07.02.2013.
Lucy Raven: "RP 31"


Lucy Raven: "RP 31"

Wenn der Film das Kino verlässt, dann wird es unübersichtlich. Diese Unübersichtlichkeit hat sich das Forum Expanded programmatisch auf die Fahnen geschrieben. Es will das Kino verstreuen, es wuchern lassen, über die Kinosäle hinaus, in die Stadt, in immer neue Orte und Kontexte. So beherbergt in diesem Jahr ein ausgedientes Krematorium im Wedding die Hauptausstellung "Waves vs. Particles", weiterer Höhepunkt des Programms ist die Filminstallation des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica im Kreuzberger Wellness-Tempel Liquidrom. Das Publikum soll Badesachen mitbringen. Andere Räume und spektakuläre Orte also, deren Auswahl zum Teil der überspannten Aufmerksamkeitsökonomie eines Mega-Festivals geschuldet sein mag. Darüber hinaus aber werfen diese Orte Fragen auf zum Thema "Kino, quo vadis?" Ist etwa das Ex-Krematorium als Spielort experimenteller Filmkunst ein lakonischer Kommentar auf die ewige Rede vom Tod des Kinos? Wird hier gar Wiederauferstehung gefeiert? Es scheint so: "Das Kinos stirbt nicht, es verändert sich nur massiv, tritt aus dem Kinosaal heraus – so dass man einen anderen Kinobegriff entwickeln muss und nicht vom Tod des Kinos sprechen sollte. Eine bestimmte Funktion des Kinos als gesellschaftlicher Ort existiert immer weniger. Aber das Kino kann in anderen Formen weiterleben", erklärt die Leiterin des Forum Expanded Stefanie Schulte Strathaus in einem Interview.

Was genau passiert, wenn man das Heraustreten des Kinos aus dem Kinosaal forciert, bleibt eine offene Frage. Welchen Effekt hat etwa eine vom Pool aus zu betrachtende Filmkunst-Projektion in Zeiten, da jede bessere Saunalandschaft eine "Wave-Dream Installation" zur Entspannung vorweisen kann? Wie werden Film und Ort interagieren, interferieren, sich in die Quere kommen? Wollte man die Wellen-und-Teilchen-Metaphorik der KuratorInnen weiterspinnen, dann könnte man das Forum Expanded einen Teilchenbeschleuniger nennen: Orte und Filme aufeinander loslassen und schauen, was passiert.


Lonnie van Brummelen, Siebren de Haan: "View from the Acropolis"

Nicht verschwiegen werden soll: das, was ich vom Forum Expanded in Pressevorführungen vorab zu sehen bekam (das war allerdings nicht viel, nur ein Bruchteil des Programms), fand ich oft anstrengend. Ermüdend. Unzugänglich. Von erklärenden Beitexten abhängig. Ein Beispiel ist der Kurzfilm "View from the Acropolis" von Lonnie van Brummelen und Siebren de Haan: 16 Minuten lang ein paar statische Einstellungen in Schwarz-Weiß, kommentarlos, menschenleer, karges Bergland, im Hintergrund eine Stadt. Erst die knappen Programmerläuterungen machen klar: die Bilder zeigten den Originalstandort des Pergamon, der Film setze sich kritisch mit dem türkischen Konzept einer "Kultur der Erde" auseinander. Aha. "Farther than the eye can see" von Basma Alsharif setzt den Zuschauer dagegen über 13 Minuten einem quälenden Flicker-Gewitter aus, attackiert die Sinne im rasenden Hell-Dunkel. Ein Großteil der anwesenden Journalisten verlässt die Vorführung vor ihrem Ende. Gefordert scheint hier die sich unbedingt einlassende Zuschauerin, wenn nicht die sich gänzlich hin- und ergebende Zuschauerin.


Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel: "Leviathan"

Bei mir weckt die Häufung radikaler und experimenteller Filmformen dagegen regressive Sehnsüchte, Sehnsüchte nach Erzählung, Plot, Figur. An die Hand genommen werden, erklärt bekommen. Für die Befriedigung solcher Gelüste ist im Forum Expanded Isabella Rossellini mit ihren Tierfilmen zuständig. Nach "Green Pornos" über das Sexualleben von Insekten erforscht Rossellini nun das Wesen des Muttertums, in filmischen Miniaturen mit dem Titel "Mammas": fantasievolle Kostüme und ein Star, der sich nicht zu schade ist, eine kopulierende Kröte zu mimen. Schön und smart ist, wie leicht und verspielt Rossellinis Tier-Werden Biologismen im Diskurs über angeblich angeborene Mutterinstinkte ad absurdum führt, und zwar mit Hilfe der Biologie selbst. Angesichts der Vielfalt von Befruchtungs-, Austragungs- und Brutpflegeszenarien im Tierreich kommt einem beim Zuschauen immer wieder der Gedanke: es könnte auch alles ganz anders sein, beim Menschen, bei der Menschen-Mutter.

Einem Tier-Werden anderer Art ist der Dokumentarfilm "Leviathan" von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel auf der Spur, ein Film, der Ende 2012 sämtliche Filmkritiker-Jahresbestenlisten dominierte. Über ein Jahr haben Castaing-Taylor und Paravel neuenglische Hochseefischer begleitet, die Kameras am Boot und an den Körpern der Fischer fixiert. Das Forum Expanded zeigt nun den Film in gleichsam verschiedenen Aggregatzuständen: als ganzes im Cinestar 8, als Einzelbild-Installation in der Ausstellung "Waves vs. Particles" sowie im Arsenal 2 über mehrere Tage verteilt. Manipulationen am Material, Verlangsamungen, die sichtbar machen.


Daniel Kötter: "Bühne"

Einem Zustandswechsel, unendlich langsam vollzogen und geduldig beobachtet, ist auch Daniel Kötters Film "Bühne" gewidmet. Der Film besteht aus einer einzigen Einstellung, die 18 Minuten lang ist und doch in keiner einzigen langweilt. Bis kurz vor Schluss habe ich gerätselt über das, was dort zu sehen war, mich gefragt, ob da Bewegung im Bild ist und wenn ja, welche. Bewegung der Kamera, Bewegung des Objekts? Ein Zustand nicht abzustellender Unsicherheit, der das Sehen in Schwingung bringt. Welle oder Teilchen?

Elena Meilicke


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