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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Die Bären sind vergeben
20.02.2010, 20:02
Die Bären sind vergeben. Der Goldene Bär geht an "Bal" (Honey) von Semih Kaplanoglu. "Vielleicht ist auch "Bal", wie mindestens auch "Süt" und eventuell schon der erste Teil der Trilogie "Yumurta", ein Film über die Dunkelheit", meinte unser Kritiker Lukas Foerster in unserer Koumne zu dem Film.
Der Silberne Bär für die Beste Regie an Roman Polanski. Thierry Chervel besprach den Film für Außer Atem: "Der Unbehausteste".
Der Silberne Bär (Großer Preis der Jury) geht an den rumänischen Film "If I Want To Whistle, I Whistle" von Florin Serban. Unsere Kritik.
Der Silberne Bär für die beste Darstellerin geht an Shinobu Terajima in "Caterpillar" von Koji Wakamatsu. Unsere Kritik.
Der Silberne Bär für den besten Darsteller geht ex aequo an Grigori Dobrygin und Sergei Puskepalis für ihre Rollen in "How I Ended This Summer" von Alexei Popogrebsky. Auch der Kameramann dieses Film Pavel Kostomarov, erhielt einen Silbernen Bären für seine künstlerische Leistung. "Es ist wie eine 'Lost'-Folge ohne Rätsel", schrieb unser verzweifelter Kritiker Ekkehard Knörer in einer Randbemerkung zu diesem Film. Ganz nach unten scrollen!
Der Silberne Bär für das beste Drehbuch geht an Wang Quan'an
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bären 2010, berlinale 2010
Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens
Von Ekkehard Knörer, 19.02.2010, 15:44
Der Berlinale-Wettbewerb bewegt sich schnurstracks in den Abgrund. Die letzten Jahre waren schlimm genug, in diesem ist die Katastrophe monumental. Unter den zwanzig zur Bärenvergabe präsentierten Filmen gab es, bei großzügiger Betrachtung, vielleicht eine Handvoll, die im Wettbewerb eines A-Festivals etwas verloren haben. (Bei Lichte betrachtet ist die Berlinale keins mehr.) Der Rest sind nicht etwa Werke, die Nobles im Gemüt gehabt hätten, das ihnen leider misslang. Sondern es ist konzeptuell, ästhetisch, intellektuell minderwertige Ware, für den Zustand des Weltkinos von vorneherein ohne jede Bedeutung.
Wenn ein Cannes- oder Venedig-Jahrgang einmal wenig zufriedenstellend ausfüllt, sagt man: Kein gutes Jahr für das Kino. Zwar steckt auch da eine gewaltige Hybris drin, aber niemand, der bei Verstand ist, glaubt, nach Ansicht eines Berlinale-Wettbewerbsjahrgangs auf den Zustand von irgendetwas anderem als dem Kunstverstand seiner Auswahlkommission schließen zu dürfen. Es ist nicht transparent, wie genau dessen Entscheidungswege verlaufen - in jedem Fall hat der Spielleiter Dieter Kosslick aber noch immer entscheidenden Einfluss. Man liegt wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass er das Dumm-Erbauliche (exemplarisch in diesem Jahr: "Shahada", Kritik) und das Zynisch-"Komische" ("En ganske snill Man", Kritik) in offenbar gleichem Maß liebt, mit intellektuell und ästhetisch satisfaktionsfähigen Filmen
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abschlusstext, angela schanelec, benjamin heisenberg, der räuber, dieter kosslick, im schatten, kamera, orly, reinhold vorschneider, thomas arslan, wettbewerb 2010
Falsche Bärte und eine Blondine: Jerzy Skolimowskis Meisterwerk 'Le depart'
Von Lukas Foerster, 19.02.2010, 09:41
Mit einem Standbild beginnt der Film: ein dunkles, statueskes Etwas in einem Zimmer. Sobald sich das Bild in Bewegung setzt, wird das Etwas zu Jean-Pierre Leaud. Der Pullover, den er sich gerade über den Kopf zieht, hat ihn im Standbild enthumanisiert. Jetzt ist Leaud Mensch geworden, schick angezogen und bereit, loszulegen. Er zögert nicht, wie überhaupt der Film nie auch nur einen Moment zögert.
1967 hatte "Le depart" auf der Berlinale den goldenen Bären gewonnen. Die diesjährige Retrospektive "Play It again..." gräbt den Film wieder aus und alleine diese Ausgrabung ist dazu angetan, einen mit der auf den ersten Blick wenig originellen Konzeption zu versöhnen. "Le depart" ist Jerzy Skolimowskis vierter Langfilm und der erste, den er außerhalb seiner Heimat Polen realisierte, als Beginn einer nicht immer glücklichen Exilkarriere. Skolimowski blieb, anders als seinem Landsmann Roman Polanski, der große Durchbruch sowohl in den USA als auch in Europa versagt und bereits in den frühen Achtziger Jahren kehrte er wieder nach Polen zurück, wo er auch heute noch (nach einer langen Pause zwischendrin, allerdings) Filme dreht. Vielleicht liegt es daran,
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belgien, jerzy skolimowski, le depart, polen, retrospektive 2010, videos
Hommage.
Von Thomas Groh, 19.02.2010, 00:02
"... und diese letzte Strophe sing' ich nur für Dich, Rainer:
Aus dem stillen Raume,
Aus der Erde Grund,
Hebt mich wie im Traume
Dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel dreh'n,
Werd' ich bei der Laterne steh'n
Wie einst, Lili Marleen."
Für eine Minute lang kann man im vollgepackten Kino International zwischen den papieren gehauchten Wörtern Stecknadeln fallen hören. Am Abend hat Hanna Schygulla hier den Goldenen Ehrenbären erhalten. mehr lesen
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deutschland, dies und das, hanna schygulla, hommage 2010, r.w. fassbinder
Ein Monstrum, aber ein amüsantes: Oskar Roehlers 'Jud Süß - Film ohne Gewissen'
Von Thomas Groh, 18.02.2010, 21:00

Wie umgehen mit diesem Film? Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" mangelt es an eben diesem ganz gehörig und dies, aber nur vielleicht, zum Glück. Ein Monstrum ist dieser Film, zwischen deutsch-mehlspeisigem Melodram aus Opas Kino, bizarrer Clownerie und einer den Produzenten, wenn auch nur sacht, untergejubelten Prise Punk.
Dass Roehler wahrscheinlich selbst nicht ganz genau weiß, was er mit dem Stoff des Theater- und Filmschauspielers Ferdinand Marian (Tobias Moretti) anfangen soll, den Goebbels zur Darstellung des Joseph Süß Oppenheimer in Harlans Propaganda-Melodram "Jud Süß" vermutlich zwang (der Film spitzt hier drastisch zu, was wohl zahmer abgelaufen ist) und diesen Jud Süß fortan nicht mehr los wurde, ist vielleicht das beste, was ihm, dem Film, geschehen konnte. Was als Stoff einlädt zur zweiten Runde "Untergang" und Herumhitlern (oder eben: -goebbeln), zu einem weiteren pathosschwangeren Spiel mit der so gerne beschriebenen "Diabolik" des Dritten Reiches, gerinnt bei Roehler zur absurden Komödie, der man allzu leicht auf den Leim geht, weil sie die eigene Absurdheit vermutlich selbst nicht ganz im Blick hat.
Beispiel Moritz Bleibtreu, Goebbels. Bleibtreu spielt ihn aasig mit einer Extraportion Schmiere, mit einer zwei Nuancen zu
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deutschland, drittes reich, jud süß - film ohne gewissen, oskar roehler, wettbewerb 2010
Risikoloser Thesenfilm: Jasmina Zbanics 'Na putu'
Von Lukas Foerster, 18.02.2010, 17:54
Be careful what you wish for... Gestern hatte ich mich angesichts des noch in seinen didaktischsten Momenten unbeholfenen "Shahada" nach einem echten Thesenfilm gesehnt. Heute habe ich einen bekommen und habe mir prompt Burhan Qurbanis wirre Dialektik zurück gewünscht. Die hat auf ihre Art wenigstens ein klein wenig riskiert. Jasmila Zbanics "Na putu" geht nicht das geringste Risiko ein.
Der originellste Einfall steht gleich am Beginn: Über den Anfangstiteln läuft pumpender Balkan-Pop ("Roll With It, Roll With It"), dann folgt ein abrupter Schnitt in die Stille und auf das Gesicht Lunas, der Hauptfigur des Films. Luna (Mirjana Karanovic) ist Stewardess, schätzungsweise Mitte Zwanzig, ihr Freund Amar ist Pilot. Bei einem Autounfall - das schimpfe nochmal jemand über die konstruierten Plots Hollywoods - treffen die beiden auf Amars alten Kumpel aus der Armee, Bahrija. Der trägt seinen Bart lang und hat eine Frau in einer Niqab auf dem Beifahrersitz. Luna meint zu Amar, diese Frau sehe ja aus wie ein Ninja. Das ist dann auch schon der lustigste Satz, der in diesem Film fällt. Wenig später trifft Amar Bahrija wieder. Die beiden reden über den Bosnienkrieg, der hinter ihnen und die mühselige
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bosnien-herzegowina, islam, Jasmina Zbanic, Na putu, wettbewerb 2010
Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'
Von Ekkehard Knörer, 18.02.2010, 09:59

Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.
Gestern hatte ich mir erspart, über dies für jeden als solches doch sicher erkennbare Machwerk ein Wort zu verlieren. Nun, da der Film auch unter hoch geschätzten Kolleginnen und Kollegen seine Freunde gefunden hat, möchte ich doch noch erklären, was mich empört. "Shekarchi" erzählt die Geschichte eines Mannes. Der kommt aus dem Gefängnis, arbeitet als Nachtwächter in einer Fabrik. Seine
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alexei popogrebsky, how i ended this summer, iran, rafi pitts, russland, shekarchi, wettbewerb 2010
Szenen einer Ehe: 'The Kids are All Right' von Lisa Cholodenko
Von Thomas Groh, 17.02.2010, 22:25

Eine Standardszene: Die Eltern mit dem Sohn am Tisch, unausgesprochen liegt die Frage in der Luft: "Sag' mal, bist Du eigentlich schwul?" Eine solche Szene gibt es in "The Kids Are All Right" auch, doch with a twist: Die Eltern sind in diesem Fall ein lesbisches Paar. Und weil diese nicht recht herauskommen wollen mit ihrer Frage, kommt es zum Missverständnis: Ja, er habe eine Beziehung zu einem anderen aufgebaut. Zu seinem biologischen Vater, einem Samenspender.
Die lesbische Traumfamilie - Sohn und Tochter von je einer Mutter, beide vom selben Samenspender - gerät ins Wanken, denn der Samenspender-turned-Vater Paul (Mark Ruffalo) wird zusehends zum Satelliten der Familie. Mit den Kindern versteht er sich prächtig, mit Mutter Jules (Julianne Moore) baut er bald den Garten hinter seinem Haus um - und landet schließlich mit ihr im Bett. 
"The Kids Are All Right" erzählt im gelassenen Tonfall desjenigen, der eine Utopie gar nicht formulieren will, von einer fast utopischen Welt: Lesbisch verheiratete Paare sind ein Ding der Normalität, die Kinder geraten proper und Paul verdient mit einem herzensgut geführten Bio-Restaurant
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homosexualität, lisa cholodenko, the kids are all right, usa, wettbewerb 2010
Hat es Dir gefallen? Es ist verboten!: Burhan Qurbanis 'Shahada' im Wettbewerb
Von Lukas Foerster, 17.02.2010, 17:20
Jetzt hat Dieter Kosslick mich also doch erwischt, es war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Bisher hatte ich wenig Grund, mich über den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb zu ärgern. Teilweise deshalb, weil ich einigem, vor allem den Alterswerken Polanskis und Scorseses, mehr abgewinnen konnte als meine Mitstreiter Thomas Groh und Ekkehard Knörer. Vor allem aber, weil ich dank unserer internen Arbeitsteilung verschont geblieben bin von dänischer Miserabilismuspornografie, norwegischer Zynik und ähnlichem. Burhan Qurbanis Debütfilm "Shahada" aber konnte ich leider nicht entgehen.
Das "Shahada" ist das muslimische Glaubensbekenntnis. Vor Zeugen ausgesprochen genügt es, einen Ungläubigen in einen Muslim zu verwandeln. In Qurbanis Film gibt es eine Szene, in der zwei Muslime einen Nicht-Muslim zwingen wollen, das Bekenntnis aufzusagen. Doch als Samir über Daniel kniet und ihm am Boden festhält, greift er plötzlich dessen Hand. Samir und Daniel sind schwul und ineinander verliebt, Begehren kollidiert mit Religion (wie alles andere im Film ganz buchstäblich: "hat es Dir gefallen?" - "es ist verboten!"), bis zum bitteren Ende. Die Szene mit Daniel und Samir sieht aus, wie dem trashigsten Camp-Melodram seit John Waters "Desperate Living" entsprungen - ist allerdings voll und ganz ernst gemeint.
Samir
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Nur Geduld: Jean-Claude Caissys 'La Belle Visite'
Von Ekkehard Knörer, 17.02.2010, 14:18
Kein Grand Hotel, aber ein Ex-Motel Abgrund ist das Altersheim, das Jean-Claude Caissy in seinem Dokumentarfilmdebüt "La Belle Visite" porträtiert. Der Abgrund, an dem es steht, ist so tief nicht, der Blick, den man hat, geht sehr großzügig sogar ins Weite, hinaus aufs Meer. Im Sommer können die Bewohner des Heims direkt vor ihrer Tür sitzen, die Sonne im Gesicht, nichts als den Ozean zwischen sich und dem, was hinterm Horizont kommt. Im Film ist allerdings das Wetter die meiste Zeit schlecht. Und so richtig Augen für Naturschönheiten haben die hier lebenden Menschen, dies der Eindruck, den Caissys Film vermittelt, ohnehin nicht. 
Früh im Film eine Einstellung, die mich auf einen Schlag vom Können des Regisseurs überzeugt. Eine alte Frau betritt schweren und langsamen Schritts einen Gang. Sie schlurft, die Kamera folgt ihr. Sie schlurft weiter, die Kamera folgt ihr weiter. So lange eben, wie es für diese alte Frau dauert, den Gang hinunterzuschlurfen. Dann setzt sie sich, da hält die Kamera inne. Diese Einstellung ist eine Setzung: unmittelbare Verwandlung eines realen Vorgangs in eine diesem angemessene Beobachtungsform. Geduld, sagt der Film, ich mache hier nicht zu früh
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Welt am Draht: Mamoru Hosadas 'Summer Wars'
Von Thomas Groh, 17.02.2010, 11:35

Nach einigen Festivaljahrgängen hat man auf der Berlinale geheime Freundschaften geschlossen: Im Fall des Hongkong-Kinos sind es einige Straßen, die mit hoher Regelmäßigkeit auftauchen, im Fall des japanischen Kinos sind es die Zikaden, die bei Außenaufnahmen vernehmlich schnattern und spotten. Die typische Rhythmik des Zikadenschnatterns steht meist für den Sommer, mitunter für eine gewisse Angespanntheit, sehr häufig: Für die Provinz und das Landleben.
"Summer Wars" beginnt gar nicht wie ein japanischer Provinzfilm: OZ heißt die angesagte virtuelle Welt, eine Art Meta-Web, das Facebook mit Second Life verbindet, eine bonbonfarbene, räumlich repräsentierte Utopie eines von seiner Glückseligkeit felsenfest überzeugten Konsum- und Differenzkapitalismus, die Individualität mit Avatardesign übersetzt und für alle persönlichen Interessen die passenden virtuellen Waren vorrätig hält - Zutritt per Handy, Internet, Fernsehen. In der Welt von "Summer Wars" trifft die Welt sich umfassend in ihrer Spiegelung an, ein Leben im total gewordenen Vergnügungspark ohne Schließungszeiten.
So umfassend ist OZ für die Welt in "Summer Wars" geworden, dass darüber Steuererklärungen, das Verkehrsnetz, ja, schlicht alles geregelt wird. So erklärt sich auch das verbindliche Verhältnis, dass die Leute in "Summer Wars" zu
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Minimalster Minimalismus: 'Fin' von Luis Sampieri
Von Thomas Groh, 17.02.2010, 11:26
Wenn es so etwas wie einen identifizierbaren "Sundance-Stil" gibt, dann gibt es sicher ebenso "den Forumsfilm" (und diese geflissentlich neutrale Bezeichnung meint nicht immer positives). Ein "Forumsfilm" ist langsam und spröde, nicht sonderlich um herkömmliche Strategien des Erzählens bemüht, eher diffus oder naturalistisch ausgeleuchtet und schließlich auf der Tonspur dem akustischen Ambiente seines Drehorts offen zugewandt (im Gegensatz zur zugerichteten, komplex manipulierten Tonspur eines Hollywoodfilms). Es steht völlig außer Zweifel, dass eine solche Filmkonzeption großartig sein kann (nur ein Beispiel: "Los Muertos" von Lisandro Alonso). Auf der anderen Seite gerinnen solche Merkmale auch schnell zur Zugehörigkeitsbehauptung.
"Fin" ist, leider, "ein Forumsfilm". Und das ist ärgerlich, denn die erste, lange Einstellung ist ziemlich großartig: Sie beginnt auf der Tonspur (angestrengtes Atmen) bei Schwarzblende, dann kommt das Bild: Ein Mädchen läuft einen Straße bergauf. Sie trifft auf einen Jungen, der sie umkreist und von oben herab behandelt. Die Kamera dreht sich mit, der Junge entfernt sich wieder, zum Rand der Straße: Erst hier sehen wir, dass da noch ein Mädchen ist - alle drei sind im Bild, trotz Handkamera im Schwung sorgfältig komponiert. So schön wie in diesem Beginn wird der Film an keiner Stelle mehr.
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Unsichtbare Kriege, sichtbare Vögel: Philip Scheffners 'Der Tag des Spatzen'
Von Lukas Foerster, 17.02.2010, 10:55

"Ich find's schwierig", meint Philip Scheffner in der einzigen Szene, in der er selbst im Bild auftaucht zu einem Freund, einem Antikriegsaktivisten, der gemeinsam mit zwei Mitstreitern vor Gericht steht, weil sie militärisches Gerät der Bundeswehr sabotiert haben sollen. Schwierig findet Scheffner, eine Antwort darauf zu geben, wann und vor allem wie man ein vages oder auch ein sehr spezifisches Unbehagen an den Verhältnissen - in diesem Fall an der Tatsache, dass Deutschland einen Krieg führt und niemand etwas davon wissen zu wollen scheint - in politisches Handeln übersetzen kann. Sein Freund hat diesen Schritt gewagt und sitzt inzwischen nach einem in mancher Hinsicht fragwürdigen Prozess im Gefängnis.
Philip Scheffner hat statt dessen mit der "Tag des Spatzen" einen sonderbaren, faszinierenden Film gedreht. Während er mit seinem Freund spricht, machen die beiden, gemeinsam mit dem Sohn des Freundes, das, was der Film auch sonst die ganze Zeit über macht: Sie beobachten Vögel. In dieser Szene sind es Greifvögel, ansonsten aber meistens Spatzen. Spatzen, nichts als Spatzen. In Bäumen, auf Wiesen, in Pfützen, auf Panzern. Eigentlich gibt es, so erfährt man an einer Stelle, gar nicht mehr so viele
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Führt in die Dunkelheit: Semih Kaplanoglus 'Bal'
Von Lukas Foerster, 16.02.2010, 17:02
Ein Mann läuft durch den Wald und nähert sich der Kamera. An der Hand führt er einen Lastesel. Im Bildvordergrund angekommen, beginnt er, auf einen Baum zu klettern. Dort oben, auf dem Baum, möchte er, das wird man allerdings erst in der Mitte des Films erfahren, Bienenstöcke aufhängen. Als er schon einige Meter über dem Boden schwebt, beginnt der Ast, an dem er sein Kletterseil befestigt hat, verdächtig zu knacken. Bald hängt er frei in der Luft. Während er verzweifelt um sich blickt, kommt die erste von mehreren Bienen in den Film gesummt.
Der Mann ist Bauer und Imker in einem kleinen türkischen Bergdorf, vermutlich im Norden des Landes, in der Nähe der Schwarzmeerküste. Seine Familie lebt etwas abseits einer kleinen Ortschaft: er selbst, seine Frau und Yusuf, ihr gemeinsamer Sohn. Der steht im Zentrum des Films. Er geht in die Grundschule, lernt dort - mühsam - lesen und blickt in den Pausen durch die Fensterscheibe auf seine spielenden Klassenkameraden. Mit dem etwas eigenbrödlerischen und verschrobenen Vater unterhält sich Yusuf mit Vorliebe flüsternd, über Tiere und Pflanzen meist, nur selten über Menschen. Die Mutter scheint ihrerseits nicht allzuviel mit dem ebenfalls
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Bewältigt Kindheitstraumata: Tamara Trampes 'Wiegenlieder' im Panorama
Von Anna Steinbauer, 16.02.2010, 14:02
Was haben ein trockener Alkoholiker, ein Knasti und ein Flüchtling aus Tschetschenien gemeinsam? Sie können keine Wiegenlieder singen! Und das bedeutet, dass sie keine schöne Kindheit hatten, zumindest, wenn man dem Film "Wiegenlieder" glaubt.
Zu Beginn des Dokumentarfilms fragt die Regisseurin Tamara Trampe verschiedene Menschen auf der Straße, ob sie ein Wiegenlied kennen und ob sie dies singen wollen. Einige singen, was meist wenig angenehm ist, andere nicht, einige erzählen viel von sich und ihrer Kindheit, andere schweigen - mit Tränen in den Augen. Es ergibt sich ein Potpourri aus Porträts und Einzelschicksalen rund um das Thema Kindheit. Inklusive Liebeserklärung an die Stadt Berlin.
Der Film steht und fällt mit seinen Protagonisten, unter denen einige besondere Originale hervorstechen. Wie zum Beispiel die kleine Mila, die sehr selbstbewusst und altklug erklärt, warum es ihr peinlich ist, wenn ihre Mutter singt. Oder die frischgebackene Mutter, die bemerkt, dass ihr Leben vor der Geburt ihres Sohnes auch nicht schlecht war. Jedoch ist es eine nicht zu bewältigende Fülle von Gesichtern und Geschichten, mit der der Zuschauer konfrontiert wird, einzelne Erzählstränge werden, wenn überhaupt, nur sehr unterbrochen weitergeführt. Ziemlich wahllos und wirr ist die
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Post-Berlinale: Shimazu im Arsenal.
Von Thomas Groh, 16.02.2010, 11:02

"Wer auf der diesjährigen Berlinale nur drei Filme sehen möchte: der sollte exakt diese drei auswählen", schreibt Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster in seiner einführenden Forumsschau. Gemeint sind die drei Filme von Yasujiro Shimazu, die im Forum als eine Art "Mini-Hommage" laufen. Fraglich bleibt dabei, ob ein Festival - mit seinem Stress, seinen blank liegenden Nerven, dem Geschubse an Eingängen und Transiträumen - wirklich die passende Umgebung für die kleinen Alltagsdramen (shomingeki) des japanischen Regisseurs darstellt (wenn man denn überhaupt Karten bekommen hat).
Man kann die Filme, wie das Kino Arsenal gerade mitteilte, auch in entspannterer Atmosphäre genießen: Vom 23. bis 25. Februar werden sie dort wiederholt.
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Gott auf zwei Rädern: Koji Wakamatsus 'Caterpillar'
Von Ekkehard Knörer, 16.02.2010, 09:40

So abspannhaft nüchtern ist noch selten ein Vorspann über die Anfangsbilder eines Spielfilms getickert. Die Bilder, über die die Schriftzeichen laufen, sind Dokumentaraufnahmen von Kämpfen und Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg, allerdings nachträglich mit Kriegskampfkrach und Kriegsfeuerlärm synchronisiert. Vom Dokumentarfilmkriegsfeuerlärm schneidet in einer Art trockenem Match Cut Koji Wakamatsu dann hinüber ins Spielfilmbild. Man sieht: eine Vergewaltigung hinter mit billigem Digitaleffekt in die Bilder kopiertem Feuer. Der Effekt und das Geschehen gehen eine Verbindung ein, aber sie ist sichtlich künstlich. In diesem extrem sachlich dissoziierten Dokumentarbild-Spielfilmübergang setzt Koji Wakamatsu die Parameter, an die er sich fortan konsequent hält.
Der billige Digitaleffekt ist Absicht, wie der alles andere als slicke Digitalvideolook des Films überhaupt. Kein ästhetisches Jota geht Wakamatsu über das hinaus, was er für seinen Film braucht. Mit Historienfilmen, die Geschehenes für ihr Publikum in Illusionismus packen, hat "Caterpillar" absolut nichts gemein; vielmehr ist er das Nonplusultra des Widerspruchs zu dieser Form von erbaulichem Nacherlebenskitsch. Hier wird nicht nacherlebt. Hier wird nicht eingefühlt. Hier wird dem geneigten Publikum, so klar zutage liegt, was der Film sagt, auch keine Botschaft überbracht. "Caterpillar" ist vielmehr ein Vorschlaghammer, den Wakamatsu
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Trash-Sex im Kellerloch: Hans Peter Mollands 'En Ganske Snill Mann'
Von Thomas Groh, 16.02.2010, 09:32
An obskurem Sex ist dieser Wettbewerb gewiss nicht arm. Im begähnenswerten "Greenberg" geht Ben Stiller Greta Garwig sehr unvermittelt an die Wäsche und bricht ebenso unvermittelt wieder ab. Im sehr großartigen "Caterpillar" gibt es mehrfach Amputiertensex. Dass in "En Ganske Snill Mann" dann eine Frau fortgeschrittenen Alters mit deutlich ins Bild gesetzten schwieligen Beinen plötzlich ihre ranzige Unterhose auszieht, sich flach aufs Bett legt und den in ihrem Kellerloch untergebrachten Ex-Knasti mit traurig-fahlem Altherrenhintern anfährt, ob er denn zum Beischlaf noch eine Einladung benötige, um anschließend, bei erfolgter mechanischer Bebeischlafung, auf wildes "Jesus Christus"-Schreien zu verfallen, hat dann aber doch eine sehr eigene Qualität. Die erstgenannten Filme verhalten sich in der Zwischenzone von Hinsehen und Distanzwahren. "En Ganske Snill Mann" verfolgt nur ein Projekt: Die konsequente Desavouierung jeder seiner Figuren. Dass dabei plump um die Komplizenschaft eines amüsierwilligen Publikums gebuhlt wird, ist das eigentlich Unappetitliche.
Um was geht's? Genannter Ex-Knasti, Ulrik (Stellan Skarsgard), kommt nach 12 Jahren Haft wieder frei. Mord, irgendwas Mafiöses und Eifersucht war auch im Spiel. Draußen erwartet ihn sein schmerbäuchiger Provinz-Pate, dessen kriminellen Umtriebe auch schon bessere Zeiten gesehen haben.
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Bleibt immer trocken: Benjamin Heisenbergs 'Der Räuber'
Von Lukas Foerster, 15.02.2010, 19:55

Der erste Schnitt ist gleich einer in die Bewegung: Johann Rettenberger (Andreas Lust) rennt, mit beachtlicher Geschwindigkeit in Sportkleidung. Um ihn herum sind Menschen, Alltagslärm vermischt sich mit seinem Atemgeräusch. Erst als Rettenberger zu rennen aufhört, erkennt man, dass er sich auf einem Gefängnishof befindet. Er sitzt ein wegen versuchtem Bankraub und steht kurz vor seiner Entlassung. Die freie Zeit im Knast nutzt er fürs Lauftraining. Auch in seiner wenige Quadratmeter großen Zelle kann er kilometerweit laufen: ein wohlmeinender Wächter hat ein Laufband installiert. Dieser wohlmeinende Wächter ist es auch, der Rettenberger noch einmal vor der Entlassung ins Gewissen redet. Dass Rettenberger sich draußen Mühe geben müsse. Sonst könne er schnell wieder im Gefängnis landen. Rettenberger antwortet, das glaube er nicht, er werde sicherlich nicht wieder im Gefängnis landen. Sehr sicher scheint er seiner Sache in diesem Moment zu sein. Nur wenige Einstellungen später steht er mit gezückter Pumpgun in einer Bank.
Benjamin Heisenbergs zweiter Spielfilm "Der Räuber" basiert auf einer wahren Begebenheit. Rettenberger hieß in Wirklichkeit Kastenberger und hielt in den Achtziger Jahren mit einer spektakulären Bankraubserie Österreich in Atem. Heisenberg änderte nicht nur den Namen, er verlegte den Plot
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Passport!
Von Anja Seeliger, 15.02.2010, 19:50

Rein publikumsmäßig gesehen ist die Berlinale auch in diesem Jahr ein voller Erfolg. Saal 8 im Cubix-Kino am Alexanderplatz ist fast ausverkauft, nur in den ersten zwei Reihen bleiben ein paar Plätze frei. Gezeigt wird ein russischer Film, und die russische Community ist gut sichtbar vertreten: viele pelzgefütterte Ledermäntel, in der Luft hängt mehr als nur ein Hauch Chanel. Anna Fenchenkos Film "Missing Man" ist ein sehr ruhiger Film über einen russischen Webdesigner - man sieht ihn in einer Szene kurz vor zwei großen Apple-Bildschirmen sitzen - der plötzlich aus seinem Leben gestoßen wird. Das Mietshaus, in dem er wohnt, wird abgerissen, seine Schwester verschwindet spurlos und seine Sachen ebenfalls. Er soll in eine andere Stadt ziehen und sich dort in der Behörde melden.
Kurze Zeit später ist der Mann, dessen Namen man erst fast am Ende des Films erfährt, auf der Flucht. Nicht wegen eines Verbrechens, sondern weil er in der falschen Stadt gefahren ist und deshalb verhaftet werden soll. Zusammen mit dem jungen Daniel, den er in der Behörde kennengelernt hat, kommt er in einem illegalen Wohnheim unter. Als das aufgespürt wird, fährt er er mit dem Heimbetreiber, dessen
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anna fenchenko, china, debra granik, forum 2010, missing man, ozarks, panorama 2010, russland, usa, zhang yimou
Patrone für Patrone: Thomas Arslans 'Im Schatten'
Von Lukas Foerster, 15.02.2010, 15:12
Die Titelsequenz liegt über einem Straßenzug in Berlin Mitte. Ampeln und Leuchtreklamen dominieren das Bild und werfen bunte Schlieren, die nahelegen, dass die Kamera hinter einer Glasscheibe positioniert ist. Danach, in kurzer Folge, drei Einstellungen von Trojan (großartig in seiner körperlichen Präsenz: Misel Maticevic, zuletzt unter anderem in den beiden tollen Dominik-Graf-Filmen "Eine Stadt wird erpresst" und "Das Gelübde" und auf der Berlinale außerdem in Grafs sehnsüchtig erwarteter Serie "Im Angesicht des Verbrechens" zu sehen). Er steht an einer Häuserfassade, blickt sich um und macht sich schließlich auf den Weg in einen Berliner Gangsterfilm. Trojan, gerade aus dem Gefängnis entlassen, betritt zunächst einen Hausflur, dann eine Wohnung, bald darauf eine weitere, er wartet in Straßencafes, er besorgt sich ein Auto, ist damit auf Berliner Straßen und in Berliner Parkhäusern unterwegs, bezieht ein Hotelzimmer mit denkbar unglamouröser Aussicht, funktionalisiert sein Leben wie der Film ihn und die Stadt funktionalisiert. Ziel der Funktionalisierung ist ein Geldtransporter, den Trojan mit einem alten Kollegen gemeinsam ausrauben will. Kriminalität als Handwerk, in Autowerkstätten, Straßencafes und unter Autobahnbrücken: Wie Can in Arslans erstem Genrefilm "Dealer" seine Drogenbriefchen verpackt hat, so lädt Trojan seine Waffe und die Kamera beobachtet ihn dabei: Patrone für Patrone. Und genau wie
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Der Ungeehrte
Von Anja Seeliger, 15.02.2010, 11:20

Nach der Vorführung des Films fragt eine Zuhörerin die Regisseurin Ilona Ziok sichtlich genervt, warum sie diese schrecklich dräuende Musik für ihren Film benutzt hat. Und für den Abspann dann auch noch Frank Sinatras "My way" herhalten musste. Ziok nimmt die Frage übel: "Das ist halt mein Stil. Das kann man mögen oder nicht", pampt sie zurück Als sich einige Zuschauer mit dieser Antwort nicht zufrieden geben, erklärt der Cutter Pawel Kocambasi: "Wir wollten unsere Sympathie für Fritz Bauer ausdrücken."
Das war nicht nötig. Außer alten und jungen Nazis bringt heute wohl jeder Sympathie auf für den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der sich in den 50er und 60er Jahren für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen einsetzte und damit fast alleine stand. Vielleicht hat Ziok die Musik für ihren Dokumentarfilm aber auch benutzt, um ein Befremden zu übermalen, dass den Zuschauer befällt, wenn er feststellt, dass Bauer in genau dem abgehackten, pathetischen Tonfall spricht, den man mit den 30er Jahren verbindet. Das Befremden löst sich nach einer Weile ganz von selbst auf, man muss Bauer nur lange genug zuhören.
Fritz Bauer, der als Jude während der Nazizeit emigrieren musste, wurde in
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Total kommensurabel: Banksys 'Exit Through the Gift Shop' im Wettbewerb
Von Ekkehard Knörer, 15.02.2010, 08:55
Banksy was here. Na, vielleicht auch nicht. Wer da ist, vor Start des Films, ist die Berlinale-Pressechefin Frauke Greiner. Sie kündigt eine kurze Filmbotschaft des englischen Künstlers an. Ton ab, Bild ab. Er sitzt da, mit Kapuzenjacke und schwarzem Gesicht und spricht mit technisch verzerrter Stimme zu uns. Macht Scherze und teilt mit, dass der nun folgende Film erstens durch und durch die Wahrheit erzählt und zweitens ganz gut sei, jedenfalls, wenn man die Erwartungen niedrig hält. 
Was den ersten Punkt angeht: schwer zu sagen. Möglicherweise ist die Unklarheit zwischen Mocku- und Documentary ein bisschen die Pointe des Films. "Möglicherweise" deshalb, weil man an keiner Stelle den Eindruck gewinnt, dass "Exit Through the Gift Shop" da irgendwas im Ernst oder im Scherz wirklich zuende denkt. Sicher ist aber dies: Es ist keine Doku über den Künstler, der sich Banksy nennt und der, wie Thomas Pynchon, Peter Licht und, äh, Airen prominent gesichtslos ist und auch bleiben will. Vielmehr ist es eine Doku über erstens die Street-Art-Szene im allgemeinen, und dies wiederum vor allem anhand einer Figur namens Thierry Guetta. Auch als Mr. Brainwash bekannt, den Eingeweihten zumindest.
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Innenleben einer Äffin: Nicolas Philiberts 'Nenette' im Forum
Von Anna Steinbauer, 15.02.2010, 08:45
Angeblich reden Orang-Utans nur deshalb nicht, damit sie nicht arbeiten müssen. Ob sie nun nicht können oder nicht wollen - auf jeden Fall traut man den Menschenaffen eine gehörige Portion Klugheit zu. Umso mehr, wenn man Nenette, die Orang-Utan-Dame aus der Pariser Menagerie im Jardin des Plantes so betrachtet. Die Äffin verfügt durchaus über ein gewisses Maß an Lebenserfahrung, im Vergleich zu ihren Artgenossen hat sie schon ziemlich viele Jahre auf dem haarigen, rötlich-schimmernden Buckel. Nenettes 40. Geburtstag nahm der Dokumentarfilmer Nicolas Philibert zum Anlass, ihr Leben in dem Pariser Affenhaus zu porträtieren.
Geboren in der Freiheit der tropischen Regenwälder Südostasiens lebt Nenette mit ihren drei Kindern nun schon seit 37 Jahren im Pariser Affenhaus - gefangen in einer kleinen Welt hinter Glas und Gitter. Drei Orang-Utan-Männer und eine schwere Krankheit hat sie überlebt und fristet nun ihr Dasein mit einer Mischung aus Lethargie und Ironie - so hat es den Anschein. Zumindest für den Zoobesucher, dessen Blick in das Gehege zugleich auch der des Zuschauers ist. Das Affenhaus wird zum Raum der Betrachtung, wobei man nie ganz sicher ist, wer hier wen durch die Glasscheibe betrachtet. Und der
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Kaputt in Indiewood: Greenberg von Noah Baumbach (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 14.02.2010, 23:16
Wenn man für ein Festival akkreditiert ist und von Auftrags wegen auf eine Schiene des Festivals abonniert ist, ergeben sich manchmal hübsche Überraschungen: Da ich sowieso die Wettbewerbsvorführungen um 12 Uhr besuche, schaue ich (meist) im Vorfeld gar nicht erst näher hin, was mich erwartet. Entsprechend erstaunt war ich, als sich in "Greenberg" plötzlich Ben Stiller (in der der Titelrolle) mit verwuschelter Frisur ins Bild dreht und - er hatte kurz zuvor einen Nervenzusammenbruch - verstört ins Telefon flüstert: "Da sind Leute im Pool." An dieser Stelle ist der Film schon einige Minuten alt und hat bis dahin seine Signale deutlich gesendet: Indiewood. Ein lose verbandelter ästhetischer, motivischer, vor allem aber distributorischer Nischenzusammenhang des amerikanischen Kinos, der mittlerweile ein fester Bestandteil im Verwertungskalkulationen der "Großen" ist. Stiller erwartet man in solchen Filmen dennoch nicht unbedingt.
Für Indiewood-Filme sind einige Zutaten fast obligatorisch: Ein bisschen slice of life, leicht nerdige, zumindest aber überforderte Protagonisten mit gebrochenen Biografien oder zumindest kontra-intuitiver Lebensgestaltung, ein skurriler, leicht lakonischer Humor, ein mit alten Songs durchsetzter Soundtrack und wenigstens gelegentliche Tabubrüche, die, als solche ausgestellt, fast schon wieder gekittet sind. Wie sehr dieser Mix derzeit zur festen
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Postmodernisiert: Zhang Yimous 'A Woman, a Gun and a Noodle Shop'
Von Lukas Foerster, 14.02.2010, 16:17

Das Titelbild ist altmodisch. Dann drei Schüsse und durch drei Risse im Bild dringen Lichtstrahlen. Mehrmals wird der Film dieses Motiv spiegeln: die Risse in einer zerbrechlichen Oberfläche, durch die Licht eindringt. Am Anfang kommt hinter dem Riss die Welt zum Vorschein. Oder das, was der neue Film von Zhang Yimou als die Welt ausgibt. Farbenfroh ist sie und völlig artifiziell. Rot-weiß gestreifte, pittoresk zerklüftete Hügellandschaften, über die bald schwarze Soldaten mit blauen Fahnen geritten kommen werden. Doch zunächst macht die Welt, die durch den Riss in der Oberfläche bricht, Krawall. Wir sind im Nudelrestaurant, das Wang gemeinsam mit seiner deutlich jüngeren Frau betreibt. Jetzt werden erst einmal Pistolen und Kanonen eingeführt. Zumindest in diesem einsamen, hinterwäldlerischen Fleckchen Erde (wer soll hier eigentlich ein Nudelrestaurant frequentieren? Uninteressant, nächste Frage) sind Schusswaffen noch unbekannt. Das Personal des Restaurants, insbesondere ein tumber Riese mit überdimensionierten Vorderzähnen, staunt und sieht im Übrigen aus, wie einem albernen Hongkongfilm der Siebziger entsprungen. Subtil ist was anderes. Man darf dieses Personal wenige Szenen später bei der virtuosen Zubereitung von Nudelteig bewundern. Einen virtuos zubereiteter Nudelteig von einem Film: das zustande gebracht zu haben, könnte man Zhang Yimou gerade
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Miserabilismusporno erster Kajüte
Von Ekkehard Knörer, 14.02.2010, 10:40
Ich gebe, bevor ich hier als der Berliner Schlechte-Laune-Bär abgestempelt werde, zu Protokoll, dass mir die beiden Wettbewerbsfilme "My Name is Khan" (warum der außer Konkurrenz läuft, weiß der Kosslick) und "If I Want to Whistle, I Whistle" von Florin Serban auf ihre sehr unterschiedliche Weise jeweils sehr imponiert haben.

"Submarino" von Thomas Vinterberg allerdings hat das nicht. Der Film ist eine Zumutung, was noch kein Werturteil ist. Aber er ist mächtig stolz darauf, eine Zumutung zu sein, darauf, seine Figuren und seine Zuschauer so richtig tief in die Scheiße tunken zu können. Und dieser Stolz ist zum Kotzen. Dieser Stolz, und mehr noch die Tatsache, dass er dem Film aus jeder Pore entströmt, machen diese Geschichte zweier Brüder, denen "das Leben" (in Wahrheit natürlich das Drehbuch) nichts erspart, zum Miserabilismusporno erster Kajüte. Kurze, unvollständige Aufzählung des Elends, das sie und wir mit ihnen durchwaten: trunksüchtige Mutter, "Schuld" am Tod des kleinen Bruders, erst kaputte, dann abbe Hand, Drogensucht, lautes Radio des Nachbarn, Taufname per Telefonbuch, schwer pathologischer fetter bester Freund, Geldsorgen sowieso, Vollbart, Ex-Frau jetzt mit Baby eines anderen Mannes, Tod der Mutter, schwermütige Indie-Musik, Höllenfahrt mit Frauenchören, überfahrene
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Das Arthauskino wird man nicht so einfach los: 'Plein sud' von Sebastien Lifshitz im Panorama
Von Lukas Foerster, 14.02.2010, 10:30

Zur Titelsequenz und laut aufgedrehter Musik tanzt Lea (Lea Seydoux) verführerisch und zieht sich dabei aus. Für die Kamera, der sie sehr dicht zu Leibe rückt, und für Sam (Yannick Renier). Der ist für ihre Reize unempfänglich. Sam ist schwul, genau wie Leas Bruder Mathieu. Die drei sind gemeinsam im Auto unterwegs, in Richtung Süden und vorerst reagiert Sam auf Mathieus Avancen nicht anders als auf die Leas. In einem Einkaufszentrum treibt Lea einen brünett gelockten vierten Reisegefährten auf, was dem erotischen Gleichgewicht zumindest mittelfristig guttun wird.
Genau so lange, wie das Reiseziel unklar bleibt, kann man darauf hoffen, dass "Plein sud", der neue Film des Franzosen Sebastien Lifshitz, dessen letzter Film "Wild Side" vor fünf Jahren ebenfalls im Panorama zu sehen war und zumindest Lust machte auf weitere Arbeiten seines Regisseurs, auf der richtigen Spur ist mit den Bildern, die er sucht. Wie in der Titelsequenz rückt Lifshitz mit seiner nervösen, agitierten Kamera seinen Figuren und der Welt, durch die sie sich bewegen, immer wieder ganz nahe auf den Leib, so nahe manchmal, dass da auf der Leinwand nur noch Texturen sind und pulsierendes Fleisch. So nahe,
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Unglaublich nah heran: 'The Oath' von Laura Poitras im Forum
Von Lukas Foerster, 14.02.2010, 10:01

Abu Jandal war einst Osama bin Ladens Leibwächter. Die Attentäter des 11. September kannte er allesamt persönlich, aus ihrer Zeit in Al-Qaida-Trainingscamps in Afghanistan. Jandal selbst saß im Jemen im Gefängnis, als das World Trade Center kollabierte. Ob er mit in eines der Flugzeuge gestiegen wäre, wenn bin Laden ihn gefragt hätte, will Regisseurin Laura Poitras an einer Stelle von ihm wissen. Er sagt nein, aber man darf da, angesichts seiner sonstigen Aussagen, als Zuschauer durchaus Zweifel anmelden. Nach 9/11 wurde Abu Jandal dann von der CIA verhört und war schnell geständig. Seine Aussagen erwiesen sich im Zug des Afghanistanfeldzugs als äußerst hilfreich für die USA. Zwei Jahre darauf wurde er aus der Haft entlassen, im Rahmen des jemenitischen Al-Qaida-Aussteigerprogramms, das erst kürzlich für Schlagzeilen sorgte, weil an der Vorbereitung des gescheiterten Attentats auf den Flughafen Detroit zwei Absolventen des Programms beteiligt gewesen sein sollen. Dass der Jemen nicht gerade der perfekte Ort ist, um islamistische Terroristen zu rehabilitieren: auch das zeigt dieser Film. Vor allem aber ist "The Oath" ein Porträt, das schon ob seiner bloßen Existenz erstaunt. Unglaublich nah heran kommt Laura Poitras an Abu Jandal, der nach seiner Entlassung begonnen
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Videos: Trockener Sommer, Schanelec
Von Thomas Groh, 13.02.2010, 22:02
Zum eigenen 60. Geburtstag hält die Berlinale allenthalben Rückschau. Eine (sacht sinnbefreite) DVD-Edition versammelt vornehmlich Filme aus dem Wettbewerb, die es ohnedies schon auf DVD gab, die tendenziell ähnlich konservativ kuratierte Retro ist davon nicht weit entfernt. Ein in Vergessenheit geratener Wettbewerbsgewinner findet auch hier keine Erwähnung: Der türkische Film "Trockener Sommer" von Metin Erksan aus dem Festivaljahrgang 1964. Unser Kritiker Ekkehard Knörer zeigt sich im Cargo-Blog begeistert.
Das Schöne: "Trockener Sommer" kann man gratis im Netz sehen - legal und in hervorragender Qualität (eine passable Internetverbindung ist freilich Voraussetzung). Möglich macht dies die Online-Cinematheque "The Auteurs", die den auf Martin Scorseses Initiative hin von der "World Cinema Foundation" restaurierten Film noch bis Mai 2010 (neben einigen anderen) in einem eigens eingerichteten "Online-Cinema" zeigt. Einzige Hürde: Eine (kostenfreie) Registrierung. Die allerdings ist, auch angesichts des kostenpflichtigen, aber leistbaren und vor allem exquisiten Angebots, unbedingt zu empfehlen. 
===
Noch mehr Videomaterial: Über Angela Schanelecs "Orly" (Forum) kann man trefflich geteilter Meinung sein. Anja Seeliger verließ den Saal,
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Im Kabinett des Dr. Scorsese: 'Shutter Island'
Von Thomas Groh, 13.02.2010, 20:00
"Vernunft ist keine Option, für die man sich frei entscheidet", sagt Dr. Cawley (Ben Kingsley) an einer Stelle. Die Patientin, über die er spricht, lebt, seit sie ihren Nachwuchs ertränkt hat, in einer fiktiven eigenen Welt, in der Psychologen Postboten, Ärzte Milchmänner und die Kinder in der Schule sind. Im Verlauf von "Shutter Island", Martin Scorseses Rückkehr zum Psychothriller mit Gothic-Horroreinschlag, beschleicht einen zunehmend das Gefühl, dass es dem Regisseur mitunter ähnlich ergeht. Die Karnickel, die er mit großer Geste aus dem Hut zieht, die Tricks aus den Schubladen der Filmgeschichte, die Scorsese hier zur Anwendung bringt, stehen einem als solche lange schon vor Auge, während der Regisseur noch von der Virtuosität seines Treibens völlig überzeugt ist. 
"Auf dieser Insel ist was faul", hört man immer wieder aus dem Mund Teddy Daniels' (Leonardo di Caprio), der als US-Marshall wegen Ermittlungsangelegenheiten auf die entlegene, festungsgleiche Insel kommt, wo zahlreiche psychopathische Gewaltverbrecher hinter dickem Mauerwerk vergleichsweise idyllisch leben: Cawley ist, was die psychiatrische Behandlung betrifft, progressiv und Humanist. Am Film hingegen ist einiges faul: Kein Gatter wird geöffnet, ohne dass einem der Soundtrack Warnsignale im erhöhten Dezibelbereich um die Ohren schmettert, kein
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Porträt eines Jugendgefängnisses: Florin Serbans 'If I Want to Whistle, I Whistle'
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 18:22

Silviu Chiscan ist 19 Jahre alt und Insasse eines rumänischen Jugendgefängnisses. Kurzrasierte Haare, bullig, eine Narbe auf der Stirn. Die anderen Insassen sehen mehr oder weniger genauso aus. Gemeinsam nehmen sie Mahlzeiten ein, spielen dazwischen Fußball oder arbeiten, handeln untereinander mit Zigaretten und prügeln sich. Silviu steht kurz vor seiner Entlassung. Der Oberwärter, der ihn im ersten Filmdrittel zu sich zitiert, scheint ihm keine Steine in den Weg legen zu wollen. Vor der Entlassung soll er einen Fragebogen ausfüllen, der seine psychosoziale Befindlichkeit betrifft. Er interessiert sich weniger für den Bogen, als für die Praktikantin, die ihm beim Ausfüllen helfen soll. Aus der Bahn werfen wird ihn aber nicht das Mädchen, sondern der Besuch seines Bruders.
"If I Want to Whistle, I Whistle" ist unzweifelhaft ein Produkt des neuen rumänischen Kinos. Schon die Textur seiner grobkörnigen Bilder verrät ihn. Oft sehr lange Einstellungen, die in ihrer Länge aber nie aufdringlich sind. Eine frühe, großartige Sequenz zeigt Silviu, wie er den Hof der Strafanstalt durchmisst. Die Kamera bleibt meist nah bei ihm, in seinem Rücken, lässt ihn auch mal ein paar Meter voraus, stößt dann aber mit ihm an die Grenzen, die
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Glamour im Berlinale Palast.
Von Thomas Groh, 13.02.2010, 15:53
Der journalistischen Transparenz wegen: Wir berichten live aus dem Innern des Berlinale Palast:
Wir Festivalblogger, glamour be our second name...
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The Dorks Shall Overcome: 'Gentlemen Broncos' von Jared Hess in Generation 14plus
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 14:00

Benjamin verkauft Nachthemden im Textilgeschäft seiner Mutter in der örtlichen Mall. In einer großartigen Sequenz bekommt er Besuch von Tabatha (Halley Feiffer). Während hinter ihm die bunten, langen Nachthemden adrett nebeneinander geordnet sind, sieht man hinter Tabatha die Schusswaffen des Nachbargeschäfts. Benjamin wird bei Tabatha keine Chance haben. Er schreibt ohnehin lieber Science-Fiction-Romane, als Nachthemden zu verkaufen. Und auch seine Mutter designt in ihrer Freizeit lieber Kleider, die gut in die Romane ihres Sohnes passen würden. Außerdem backt sie bizarre Kugeln aus Popkorn, die sich wie eine Seuche im Film verbreiten und überall kleben zu bleiben drohen. Mutter und Sohn wohnen irgendwo in der amerikanischen Provonz, vielleicht in Utah, dem Heimatstaat des Regisseurs Jared Hess. Eigentlich wohnen die beiden natürlich zuallererst in Jared-Hess-Country. Einem Ort, den man in "Napoleon Dynamite", Hess' vorzüglichem Erstling, ausführlich kennengelernt hat. Einige Details scheinen direkt aus diesem Erstling übernommen, wie etwa der Zaun hinter dem Haus der Familie, von dem aus Benjamin und Dusty, der neue Freund der Mutter, ekelhafte Pfeile mit einem Blasrohr verschießen. In "Napoleon Dynamite" stand hinter dem Zaun ein Lama.
Benjamin hat allerdings im Film nicht viel Zeit für
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Ibrahim liegt hier nicht: Mohamed Al-Daradjis 'Son Of Babylon'
Von Anja Seeliger, 13.02.2010, 11:44

In "Son of Babylon" reisen eine alte Frau und ihr 12-jähriger Enkel Ahmed durch den Irak, um den Vater des Jungen zu suchen, den Musiker Ibrahim, der 1991 von der Republikanischen Garde verschleppt worden war. Die beiden sind Kurden und ihre Reise führt vom Nordirak über Bagdad in den Süden Babylons, nach Nasiriya. Hier soll Ibrahim im Gefängnis sitzen. Doch die Gefängnisse sind leer. Männer mit langen Listen sitzen heute davor, die versuchen, den Angehörigen bei der Suche nach Verschollenen zu helfen. Ibrahim steht auf keiner Liste. Und irgendwann begreift die Großmutter: nicht in den Gefängnissen, in den Massengräbern muss sie suchen, die überall im Land ausgehoben werden.
Die Pressevorführung gestern abend war eine hochoffizielle Angelegenheit. Nach der Vorführung wurde noch ein 3-minütiges filmisches Grußwort gezeigt, in dem ein Politiker - wenn ich recht verstanden habe, war es der irakische Ministerpräsident Nuri al Maliki - seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass sich bald mehr Künstler "verantwortungsbewusst" der Aufklärung der jüngeren irakischen Geschichte widmen. Und die leibhaftig anwesende irakische Ministerin für Menschenrechte Wijdan Salim berichtet engagiert von einer neuen Kampagne zur Identifizierung der Toten, die in den 2.500 Massengräbern liegen, die
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Zeitgeschichte als Melodram: Karan Johars 'My Name Is Khan'
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 10:00
Nicht "Kaan", sondern "Chraan" spricht man den Nachnamen des größten lebenden Filmstars unserer Zeit aus. Das lernt man in aller Ausführlichkeit in Shah Rukh Khans neuem Film "My Name is Khan", in dem er die anderen Charaktere immer wieder zurechtweist: "Chraan, from the epiglottis, the epiglottis". Der Name ist nicht die einzige Gemeinsamkeit von Filmfigur und Schauspieler. Der gesamte Film hat eine starke autobiografische Note. Genauer gesagt: Er geht vom Autobiografischem aus und extrapoliert dasselbe ganz unverschämt ins Quasimythologische und Geopolitische.
Wie der echte Khan ist der Film-Khan, der allerdings mit Vornamen Rizwan heißt, ein indischer Moslem. Und wie der echte heiratet der Film-Khan eine Hindu-Frau, nämlich die allein erziehende Mutter Mandira. Allerdings nicht in Indien, sondern, da endet die Autobiografie, in den USA. Dorthin wandert Rizwan nach dem Tod seiner Mutter aus, weil er es ihr versprochen hat. Nur ein kurzer Prolog spielt in Indien, schnell landet der Film in den USA, erst in San Francisco, dann in einer prototypischen kalifornischen Kleinstadt und schließlich im ganzen Rest.
Aber zunächst ist alles noch behaglich. Die Liebesgeschichte entwickelt sich genregerecht albern. Auf die Hochzeitsnacht bereitet Khan sich mit einem
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Eine weitere Möglichkeitsdimension: Angela Schanelecs Orly
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 09:02
Nach der Godardistischen Titelsequenz beginnt der Film "Orly" in den Straßen von Paris. Ein nicht enden wollender Schwenk begleitet eine Frau durch einen Pariser Straßenzug. Gefilmt ist diese Einstellung - wie ein Großteil des restilichen Films - mit einem Teleobjektiv, einem Objektiv mit langer Brennweite und geringer Schärfentiefe, das dazu benutzt wird, Objekte zu filmen, die weit von der Kamera entfernt positioniert sind. Die Bilder des Teleobjektivs haben oft etwas Suchendes, Investigatives, in der Filmgeschichte prägten sie unter anderem die paranoiden Politthriller der siebziger Jahre. Manchmal haben sie auch ganz im Gegenteil etwas Zurückhaltendes, dezidiert Unaufdringliches, wie in den Filmen Hou Hsiao-hsiens, der ganze Melodramen aus weiter Entfernung und durch enge Türöffnungen hindurch gefilmt hat. Angela Schanelec nutzt das Teleobjektiv in ihrem neuen Film wiederum völlig anders. 
Nach zwei kurzen, einführenden Szenen gelangt der Film nach Paris-Orly, auf den zweitgrößten Flughafen der französischen Hauptstadt. Mit Ausnahme von zwei kurzen Autofahrten - hin zum Flughafen, weg vom Flughafen, nicht mehr und noch nicht wieder richtig in der Stadt, die Kamera schwebt mit Leichtigkeit neben dem Auto, das nicht richtig am Boden zu haften scheint - spielt der
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Aufforderung zu metaphyischer Bescheidenheit: So Sang-mins 'I'm in Trouble!'
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 09:01

Schon der englische Titel ist toll: "I'm in Trouble!". Eine simple, nachvollziehbare Feststellung, eine Feststellung, die durchs nachgesetzte Ausrufezeichen verstärkt, aber nicht qualitativ erweitert wird. "In Trouble" ist jeder manchmal, in Filmen geht es aber meist eher darum, wie man "in trouble" gerät und wie man demselben wieder entkommt. Trouble als Problem, das gelöst werden will. So Sang-mins Film geht es eben gerade nicht um Eskalation und Bewältigung, aus deren Perspektive Trouble immer nur Mittel zum Zweck und Antriebsmotor einer dramaturgischen Konstellation ist. Eine Konstellation, die selber ganz und gar nicht auf Trouble aus ist. Sondern auf das harmonische Ineinandergreifen von Plotpoints und story arcs. So Sang-min geht es ganz im Gegenteil um eine Phänomenologie des Trouble. Um einen sanft zerrütteten Zustand der Welt, der sich im sanft zerrütteten Zustand des Protagonisten spiegelt und umgekehrt. Um ein prekäres In-der-Welt-sein und gleichzeitig um eine Welt, die selber schon immer prekär ist - auch wenn das außer der Hauptfigur nicht viele mit bekommen. Das ist das Besondere an diesem Film: Er kennt keine Perspektive außerhalb des Troubles.
Oft sieht "I'm in Trouble!" dabei ganz einfach aus. Simple digitale Schwarzweiß-Bilder, wenig Montage, kaum
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Schiere Erstreckung: Constantin Popescus 'Portrait of the Fighter as a Young Man'
Von Ekkehard Knörer, 13.02.2010, 09:00
Ein Historienfilm in den Bergen, in den Wäldern, in Dörfern, im Gras, in den Feldern. Rumänien im Nachkrieg. Darum, dass dieser Nachkrieg nicht enden darf, dass eine Fahne hochzuhalten ist gegen das neue kommunistische Regime, darum geht es dem Fähnlein der bis an die Zähne bewaffneten Aufrechten, die den Guerillakampf in den Bergen bis zum letzten Tropfen ihres eigenen Bluts kämpfen. "Portrait of the Fighter as a Young Man", das Langfilm-Debüt des Regisseurs Constantin Popescu, beruht auf historischen Tatsachen. Die Guerilla-Truppen, von denen er erzählt, gab es tatsächlich und den Helden, dem der Film gewidmet ist, Ion Gavrila-Ogoranu, Anführer einer zusehends dezimierten Kämpfergruppe, gab es auch. Als seine Geschichte stellt sich der Film im Nachhinein dar, weil er nämlich als einziger bis ins Jahr 1976 (!) durchhielt.
Die Konzentration auf diese Figur ist jedoch eine perspektivische Täuschung, die sich einzig vom Ende her einstellt. Die wahre und eigentliche Pointe des Films ist das Gegenteil einer Pointe, also einer Zuspitzung auf eine These, einen Punkt, die Pointe ist nämlich, dass Popescu die Konzentration auf dramaturgische wichtige Momente gerade vermeidet. (Wenngleich nicht ganz kompromisslos genug). Die Pointe des Films ist die schiere Erstreckung,
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Der Unbehausteste: Roman Polanskis 'The Ghost Writer'
Von Thierry Chervel, 12.02.2010, 21:00
Am gnadenlosesten schnappen immer die Fallen zu, in die man sehenden Auges lief. Polanski ist der Filmemacher der bösen Ahnung, einer uranfänglichen Unbehaglichkeit, aus der man wie im Alptraum nicht zurück kann. Noch bevor irgendetwas passiert ist, spürt der amerikanische Arzt Richard Walker in "Frantic", dass Paris ihn nicht willkommen heißt. Er fährt trotzdem, mit der geliebten Frau. So wie Trelkovsky in "Der Mieter" die Wohnung der Selbstmörderin mietet, vor der es ihn graust und in der er seine einsame Emigrantenexistenz dann doch zu Ende fristet, und wie der Assistent des Vampirologen im "Tanz der Vampire" seinem gesunden Widerwillen hätte nachgeben sollen. Aber zu spät, die Falle schnappt zu, weil der Held zu höflich war, oder egoistisch oder neugierig oder bedürftig und weil er durch seine eigenen kleinen menschlichen Fehler den grausamen Mechanismus des Räderwerks nach Kräften schmiert.
Auch in "Ghost Writer" gibt es ein böses Haus, das nur der Unbehausteste unter den Filmemachern so in Szene setzen kann, einen hocheleganten Bunker, aus Sichtbeton und unbehauten Quadern vollgehängt mit erstklassiger Kunst, verkleidet mit grob gehobelten Edelhölzern, vollgestellt mit massivem Kunsthandwerk und erstklassigen Schnäpsen, die allein diesen Architektenterror lebbar machen dürften. Das
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Hipsterköpfiger Breloer: 'Howl' von Robert Epstein und Jeffrey Friedman im Wettbewerb
Von Ekkehard Knörer, 12.02.2010, 15:02

"Howl", der Film, ist natürlich totaler Quatsch, aber er hat ein, zwei Attraktionen. Quatsch ist er, weil nicht mehr als ein hochgepimpter Fernseh-Schulfilm, kleines ABC der Beat Generation, hipsterköpfiger Breloer. Ursprünglich als Doku gedacht, nun aber mit Spielszenen, die soviel Leben versprühen wie tote Katzen auf den Blechdächern von New York. Illustrationen für Bildstutzige: Der Dichter spricht und sein Gedicht kommt vor Gericht. Erklärungen für Literaturstutzige: Poesie lässt sich nicht in Prosa übersetzen, darum ist es Poesie. Szenenapplaus im Berlinale-Palast (echt!). Dazwischen, auch mal Schwarzweiß, die Liebe, die Fünfziger, aber alles mitgeschnitten aus Interviews und Protokollen. Quellenfetischismus, Geschichtsdummheit.
In jeder Sekunde des Vorspanns der TV-Serie "Mad Men" steckt mehr Intelligenz und Stilgefühl als in diesen Sequenzen. Gewiss, ein unfairer Vergleich; "Mad Men" ist so ziemlich das Beste, was wir derzeit überhaupt haben, aber "Howl" fordert ihn überdeutlich heraus. Denn vor Gericht sitzt, als Anwalt von Ginsbergs wegen Verbreitung obszönen Materials angeklagtem Verleger Lawrence Ferlinghetti, Jon Hamm, verehrungswürdig als Ambivalenzdarsteller Don Draper - und, gute Nachricht, man sieht ihn selten, und er macht seinen wohl verdient ikonischen Status durchs Herumsitzen und Aufstehen auch nicht kaputt. Sogar der
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In der Krabbenhölle: 'Kanikosen' von Hiroyuki Tanaka aka Sabu (Forum)
Von Lukas Foerster, 12.02.2010, 14:30
Eine Klappe öffnet sich, ein Mann schaut heraus, blickt nach oben. Der Himmel verdunkelt sich. Dunkle Wolken mit Greifzangen an beiden Seiten fliegen auf ihn zu. Er schließt den Verschlag wieder. Mit diesem Mini-Prolog beginnt "Kanikosen", der neue Film des japanischen Regisseurs Hiroyuki Tanaka. Hiroyuki Tanaka aka Sabu, der bis Anfang des Jahrzehnts in schneller Folge eine Serie kleiner, kreativer Genrefilme vorgelegt hatte und durch sie mindestens zum Geheimtipp unter den jungen japanischen Regisseuren avanciert war, hatte vor diesem Film eine kreative Pause eingelegt. Nun ist er zurück, mit einem ziemlich sonderbaren Film.
"Kanikosen" basiert auf dem gleichnamigen Roman des marxistischen Autors Takiji Kobayashis aus dem Jahr 1929. Kobayashis Aufruf zur Revolution hat in seinem Heimatland eine vielschichtige Rezeptionsgeschichte, wurde 1953 schon einmal verfilmt, 2006 als Manga adaptiert und machte, wie Mark Shilling in The Japan Times zu berichten weiß, zuletzt 2008 aufgrund eines Werbeplakats von sich reden, das Motive der Erzählung aufgriff. Sabus Film ist wahrscheinlich mit dem Begriff "Literaturverfilmung" nicht ganz richtig beschrieben. Eher schreibt der Regisseur in sein Werk die gesamte Rezeptionsgeschichte des sozialrevolutionären Klassikers ein; das Ergebnis ist eine
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Home movies aus Nordkorea: 'Sona, the Other Myself' von Yang Yong-hi (Forum)
Von Lukas Foerster, 12.02.2010, 12:02
Vor vier Jahren präsentierte das Forum "Dear Pyongjang" (hier mehr in einem pdf-Dokument), einen kleinen Dokumentarfilm über einen Besuch der Regisseurin Yang Yong-hi und ihrer exilkoreanischen Familie bei der Verwandtschaft in Nordkorea. Eindrucksvolle Bilder aus einer im Allgemeinen hermetisch abgeriegelten Welt, aber auch die tragische Familiengeschichte, die hinter diesen Bildern zum Vorschein kam, machten den Film zu einem der stärksten seines Berlinalejahrgangs.
"Sona, the Other Myself", der zweite Film Yang Yong-his, ist dieses Jahr im Programm; leider kann er Dear Pyongjang nicht allzu viel hinzufügen. Die interessantesten Elemente des Films wirken wie ein Nachhall des ersten Films: Wieder sind das zunächst einfach nur die Bilder aus Nordkorea. Nordkorea findet ins mediale Bildregister ansonsten nur Einlass über Militärparaden, die von Kim Jong-il abgenommen werden. Angesichts der bizarren, deswegen aber noch lange nicht unrealistischen Horrorgeschichten, die über dieses fast unsichtbare Land kursieren, muss man sich fast wundern, dass seine Straßen und Häuser in Yang Yong-his Bildern zwar sozialistisch-trist, aber doch gleichzeitig ziemlich gewöhnlich aussehen. Und dass der Alltag zwar von Mangelerfahrungen geprägt ist, aber durchaus existiert. Auch über einige Kleinigkeiten: etwa darüber, dass Sona, das kleine Mädchen, das im Zentrum des Films steht,
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Shimazu-Videos
Von Anja Seeliger, 12.02.2010, 09:35
Bei Youtube gibt's zwei Ausschnitte aus Shimazu-Filmen. Der erste, aus "The Trio's Engagement", ist nicht untertitelt. Man guckt trotzdem fasziniert zu, weil der Boss - es scheint um ein Einstellungsgespräch zu gehen - ausgiebig an seinem Adolphe-Menjou-Bärtchen zupft. Die Männer tragen alle westliche - und sehr schick taillierte - Anzüge.
Das zweite Video ist ein Ausschnitt aus Shimazus "Our Neighbor, Miss Yae". Mit englischen Untertiteln! Es gibt einen wunderbaren Moment, in dem zwei junge Frauen sich zurückziehen und reden, wie junge Frauen beim Umkleiden eben reden - "Du hast hübsche Brüste" - während der Held sich nebenan mit etwas Nudelartigem vollstopft. Als eine von ihnen ins Wohnzimmer zurückkommt, versteht sie überhaupt nicht, worüber er sich beschwert: "Wir sind beide Mädchen, kein Grund, sich zu genieren ... Sei nicht so prüde." Eine japanische Ginger Rogers!
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Momente der Freiheit: Drei Filme von Yasujiro Shimazu (Forum)
Von Lukas Foerster, 12.02.2010, 09:02
Ein Mann in seinem Appartment, vor einem Fenster, durch das man weit in die Stadt blicken kann. Ein Blick nach draußen; ein Zug fährt von rechts nach links durchs Bild. Ein zweiter Blick; ein zweiter Zug, diesmal von links nach rechts. Ein dritter Blick; ein dritter Zug, jetzt wieder von rechts nach links. Ein vierter Blick; diesmal zwei Züge, einer von rechts, einer von links. Mit einer spielerisch kontemplativen Situation, in die sich unter die Züge noch ein Frauenbademantel mischt, beginnt "The Trio's Engagement", einer von drei Filmen des japanischen Regisseurs Yasujiro Shimazu, die das Forum dieses Jahr in einem Spezialprogramm präsentiert. Die Szene ist zweideutig: Auf die falsche Fährte führt sie, weil das, was folgt, kein ruhiges Familiendrama mit antidramatischen pillow shots ist, wie man es von Shimazus eisenbahnversessenem Zeitgenossen Yasujiro Ozu kennt, sondern eine schwungvolle romantische Komödie. Auf die richtige Fährte führt sie, weil auch der Rest des Films einem spielerischen Impuls gehorcht und Shimazus Kino seinen Figuren immer wieder Momente der Freiheit gönnt.
Es ist so eine Sache mit den Regisseuren des klassischen japanischen Kinos; man kennt ohnehin nur wenige und neben den Fixsternen
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Essen, Singen, Scheiden, Regen: Wang Quan'ans 'Eröffnungsfilm 'Tuan Yuan' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 11.02.2010, 21:00
Eine pikante Situation: 50 Jahre nach der Trennung von China und Taiwan, die zahllose Familien zerriss, kehrt der einstige Soldat Liu zu seiner Ex-Frau Yu-E aus dem taiwanesischen Exil zurück. Seine taiwanesische Frau ist vor kurzem gestorben, Yu-E wiederum ist mittlerweile Großmutter einer ansehnlichen chinesischen Familie. Was als Wiedersehen beginnt, scheint bald eine Zerreißprobe in Aussicht zu stellen: Liu ist entschlossen, Yu-E nach Taiwan mitzunehmen.
Dass Wang Quan'an die Geschichte seines Berlinale-Eröffnungsfilms "Tuan Yuan" nicht als Drama erzählt, sondern als mit lakonischem Humor durchzogene Alltagsgroteske, gehört zur größten Überraschung. Die für kurze Zeit als "Ehe zu dritt" laufende Konstellation funktioniert nicht als Melodram unvereinbarer, biografisch bedingter Ansprüche, sondern als hinnehmendes Sich-Einrichten, ohnedies ist Yu-E, ob beim Kochen, sich Artikulieren oder für zukünftigen Ehepartner Entscheiden, eher quasi-existenzialistische Beobachterin ihres Daseins. Ihr chinesischer Ehemann etwa ist mit fast schon verwirrendem Enthusiasmus dabei, seine Großfamilie der Auflösung zu überantworten.

Was Wang Quan'an fast schon beiläufig, in langen, selten (wenn, dann aber effizient) durch Schnitte unterbrochenen Einstellungen erzählt, ist nicht so sehr ein Clash, sondern ein Nebeneinander von Tradition und Modernisierung: Liu besucht die Familie gerade zu dem Zeitpunkt, da
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Vom Gehen im Eis
Von Thomas Groh, 11.02.2010, 17:35
"Vom Gehen im Eis" lautet der erhabene Titel von Werner Herzogs Tagebuch über seine legendäre Wanderschaft per pedes von München nach Paris, mit der der Regisseur die kranke Lotte Eisner heilen wollte. Kein Opfer, eine Erlaubnisverweigerung sah er darin: "Der Eisnerin wird mit physischem Nachdruck die Erlaubnis entzogen, zu sterben.", sagt er vor kurzem im Interview mit der Zeit, das mit "Herr der Schmerzen" passend pathetisch überschrieben war. In der Berliner Zeitung macht Harald Jähner das deutsche Grimmig-Schöne als Ursache für Herzogs jüngste Popularität in den Staaten aus. Mit Kinski machte Herzog Filmemachen zum Gewaltakt, das berühmte Schiff-über-den-Berg findet allüberall Erwähnung - keine Frage: Ein Wahnsinniger steht der Jury vor.
Und dann das: Herzog zeigt sich auf der eröffnenden Pressekonferenz als versöhnlich väterliche Figur. Er freue sich sehr auf die Berlinale und jedem Film begegnet er, begegnet die Jury mit zugewandter Sympathie. Dass sie vorab schon was gesehen haben - Michael Winterbottoms "The Killer Inside Me" - erläutert er erklärend, präzise, knapp, fast schon entschuldigend: Die letzten Filme des Wettbewerbs müssen sie zuerst sehen, damit am Ende Zeit zum Überlegen bleibt. An anderer Stelle steht er Jurorin Renée
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Laboratorium für den Mainstream
Von Lukas Foerster, 11.02.2010, 16:02

40 Jahre ist das Forum alt und damit zwar zwanzig Jahre jünger als die große Berlinale, aber doch auch selbst ein wenig in die Jahre gekommen. Als politisch engagiertes Gegenfestival war man 1970 angetreten, inzwischen ist das Internationale Forum des jungen Films fest in die Berlinale integriert. Es sucht auch nicht mehr das Gegenkino, sondern begreift sich als "Laboratorium für den Mainstream". Und doch: Die besten (neuen wie alten) Filme der Berlinale laufen auch dieses Jahr aller Voraussicht nach wieder im Forum.
Die große Stärke des bis 2000 von Erika und Ulrich Gregor geprägten Forums war, dass es sich zur Aufgabe gemacht hatte, minoritäre Positionen im Weltkino in ihrer ganzen Komplexität abzubilden: das historische sozialrevolutionäre "dritte Kino" Lateinamerikas und Afrikas etwa, die Kinematografien der ehemaligen Ostblockstaaten, den deutschen Experimentalfilm, aber auch beispielsweise das populäre Kino Hongkongs. Derartige Missionen sucht sich das inzwischen von Christoph Terhechte geleitete Forum heute nur noch selten. Das liegt sicherlich zum Teil daran, dass sich das Kino selbst weiter ausdifferenziert hat und nicht mehr so leicht abbilden lässt. Hinzu kommen aber auch strukturelle Probleme des Forums selbst. Bis heute ist beispielsweise nicht wirklich
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Der Wettbewerb: eine tiefinnere Liebe zum Kompromiss
Von Ekkehard Knörer, 11.02.2010, 10:00

Ein Filmfestival von der Größe der Berlinale ist immer vieles auf einmal. Ein Wirtschaftsunternehmen zuerst, das auf die Gunst von staatlichen Geldgebern und privaten Sponsoren angewiesen und von beiden darum zu einem gewissen Grad abhängig ist. Den Gönnern hat es etwas zu bieten, ein Renommee, das sich Stars auf roten Teppichen sehr viel eher als großer Filmkunst verdankt. Ein A-Festival wie die Berlinale ist zugleich ein Ereignis, auf das die machtvollen Interessen der nationalen Filmproduktion starken Druck ausüben. Man will eine Leistungsschau des im eigenen Land produzierten Kinos, also möglichst viele "eigene" Filme im Wettbewerb. Die Granden der Industrie, die in Deutschland gar keine, sondern ein stark fernsehgestützter Subventionsbetrieb ist, sitzen dem Festivalleiter unweigerlich im Genick. Dazu kommt ein längst globalisierter Verkaufsbetrieb mit den Filmverkäufern als einflussreichen Figuren, die jedes Festival in die Knie zwingen könnten, das sich den in Euro und Cent artikulierten Absichten allzu deutlich verweigert. Damit ist nicht der separat stattfindende Markt angesprochen, sondern insbesondere der Wettbewerb als Börse, die Aufmerksamkeitswerte handelt.
Ein Medienauftrieb großen Stils sind die Filmfestspiele überdies; tausende akkreditierte Journalisten müssen den Blättern und Stationen, für die sie berichten, Bilder und Storys liefern. Außerdem
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