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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Erstarren in der Gegen-Konvention: Jan Krügers 'Auf der Suche' und Elke Haucks 'Der Preis'
Von Ekkehard Knörer, 17.02.2011, 11:00

Stumm und starr stehen im Osten und in Marseille deutsche Menschen. Hingestellt sind sie, die Wörter sind karg in den Mündern, von Regisseurinnen und Regisseure, von denen wir schon Großartiges sahen und weiter Großes erhoffen. Blickt man jedoch auf die aktuelle Berlinale-Bilanz jenes deutschen Filmschaffens, das oft zu pauschal unter den Begriff der "Berliner Schule" gefasst wird, dann muss das Urteil ausgesprochen gemischt ausfallen.
Kein Meisterwerk, aber als Schritt in den inneren euro-afro-thailändischen Dschungel eine klug gemachte und souverän inszenierte Sache ist Ulrich Köhlers unter viel Mediokrem aus dem Wettbewerb nicht hoch, aber deutlich ragende "Schlafkrankheit". Das mit viel Spannung erwartete, von seinem Ausgangspotenzial her höchst sympathische und perspektivenreiche "Dreileben"-Projekt ist ein anderer Fall. Während Dominik Graf die Aufgabe mit großer Lässigkeit meistert und beweist, dass er einfach sehr vieles und dann auch noch ziemlich meisterhaft kann, wirken die (Rück-)Annäherungen Christian Petzolds und Christoph Hochhäuslers an Fernseherzählen und Fernsehästhetik seltsam erstarrt. In Konventionen befangen, aus denen sie sich nur jeweils für Momente befreien. Es sind Genre- und Plot-Konventionen (vor allem in Hochhäuslers Beitrag), aber es sind auch die selbstgeschaffenen Konventionen eines Kinos, das einst aufbrach, etwas ganz anderes als mittelprächtiges Fernsehen zu sein.
Der gemeinsame Nenner der "Berliner Schule" war und ist vor allem diese negative Widerstandsgeste gegen konfektionierte Dramaturgien, gegen Musik als emotionalen Geschmacksverstärker, gegen Bilder, die bloß dies und das illustrieren. Ins Positive brach dann jede und jeder nach ganz eigenen ästhetischen Gesetzen auf, Christoph Hochhäuslers jüngstes Kinowerk "Unter dir die Stadt" ist denn auch ein Film, in dem ein Regisseur sich mit klaren Konturen endgültig zu einer sehr eigenständigen Position im Weltkino befreit. An seinem "Dreileben"-Beitrag "Eine Minute Dunkel" jedoch kleben die Eierschalen einer Fernsehgeschichte, die wird der Film nie wirklich los.
Ein ziemlich sensationelles Spielfilmdebüt hatte 2007 Elke Hauck hingelegt, die für "Karger" großartige Arbeit mit Laiendarstellern in ihrer eigenen Heimatstadt Riesa leistete und das Porträt einer Stadt, einer Situation und sehr stimmiger Charaktere schuf, in dem der Ort und die Sprache, die Körper und die Atmosphäre sich zu einem in sich geschlossenen Ganzen verbanden. Ihr neuer Film "Der Preis" (Perspektive Deutsches Kino) ist nun eine Auftragsarbeit, in die das Fernsehen massiv hineinregierte, nach fremdem Drehbuch (von Peggy Lehmann, Elke Hauck schrieb es in Richtung ihr näher liegender Vorstellungen um). Das Drehbuch ist, man muss das umstandslos sagen, so oder so schlecht, die Dialoge sind hölzern und die Geschichte vom Mann, der im Westen Erfolg hat und nun in die Plattenbauten und Verstrickungen seiner Kindheit zurückkehrt, ist bis ins letzte Detail arg schematisch.
Hauck hatte also eine ganze Menge Aneignungsarbeit zu leisten, gegen das Buch, gegen die DDR-Klischees, die es auf dem engen Raum einer von einer Fernsehredaktion bestimmten Produktion eifrig versammelt. Jedoch erweist sich dagegen die Ästhetik der Langsamkeit, des Stehenlassens der Bilder, der eher tonlosen Dialoge, der Künstlichkeit der Ausstattung und der Starrheit der Kamera als erschreckend hilflos. Alles bleibt auf halber Strecke und man fragt sich, auch im Vergleich mit Christian Petzolds gar nicht unähnlich scheiterndem "Dreileben"-Beitrag "Etwas besseres als der Tod", ob nicht da, wo sich etwas wie eine "Berliner Schule"-Ästhetik nur noch in ihrer erbleichtesten Form zeigt, eine nicht so erfreuliche Wahrheit zutage tritt: Eine aus großer Kenntnis möglicher Fallstricke im Widerstand gegen viel Dummes, Hohles, Frivoles geborene filmische Sicht auf die Welt verliert da, wo sie den Kompromiss mit dem Fernsehen, das in Deutschland alles regiert, machen muss, ihre Kraft. Statt aufbruchsbereiter lebendiger Wesen stehen plötzlich Skelette im Raum, die man gegen die Vorwürfe, die der "Berliner Schule" oft sehr zu unrecht gemacht werden, kaum mehr verteidigen kann.
Einen anderen, eigenen, oft faszinierenden Weg ging bislang auch der Regisseur Jan Krüger. Mit seinem extrem niedrig budgetieren letzten Film "Rückenwind" schien er eine Freiheit des atmosphärischen Erzählens, des Sich-Überlassens an Eigenbewegungen seiner Figuren im offenen Raum gefunden zu haben. Der Nachfolger "Auf der Suche" (Forum) ist im Vergleich dazu leider ebenfalls ein halbgarer Rückschritt. Eine Mutter reist nach Marseille, weil sie glaubt, dass ihrem schwulen Sohn dort etwas zugestößen sein könnte. Mit dessen Ex-Liebhaber fährt sie durch die Stadt, lernt Bekannnte des verschwundenen Sohnes kennen, sucht nach Spuren des Mannes, der ihr Kind ist und den sie doch in mancher Hinsicht kaum kannte.
Von den Voraussetzungen her ein wunderbares Krüger-Projekt. Eine Geschichte, die etwas selten Thematisiertes verhandelt, die sich aus den eigenen Biotopen in eine Fremde begibt, bei Angela Schanelecs "Marseille" hatte das noch großartig funktioniert. "Auf der Suche" aber kommt niemals in Gang, läuft kaum jemals rund. Das Unglück beginnt schon mit der Besetzung von Corinna Harfouch als Mutter. Viel zu schauspielerhaft präzise arbeitet sie, ist ein Fremdkörper im schön Diffusen, das Krügers Filme im besseren Fall auszeichnet. Jedes Mal, wenn der Film loslassen könnte, zerren Dialoge ihn ins Überdeutliche zurück. Jeder Versuch eines glücklichen Stillstands der Geschichte scheitert, wieder muss die Suche und der Plot weiter voran: eine weitere Figur wird eingeführt, noch etwas Unbekanntes wird erhellt, dies und das wird geklärt.
Im Endeffekt scheinen so fast alle der erwähnten Filme von einer ähnlichen Malaise befallen: Sie sind gescheiterte Kompromissversuche. Die Filmemacher, deren ganz eigene Handschrift ihr größtes Gut ist, sehen sich - unfreiwillig eher als freiwillig, nach Lage der Finanzierungs- und Förderungsdinge - vom Weg, der der ihre wäre, weggedrängt. Gewiss: nur so halb, man handelt den waltenden Kräften diesen Eigensinn und jene kleine Signatur ab. Das Ergebnis sind dann oft aber nicht etwas schlechtere Filme, sondern solche, die scheitern. Und zu allem Unglück werfen die durch halbgares und hilfloses Annähern an konventionellere Ästhetik missratenen Werke ein ungutes und, das ist ja klar, durchaus verfälschendes Licht zurück noch auf zuvor schon viel besser Gelungenes: Was eine eigene, vielfältige, auf sehr unterschiedlichen Wegen spannende Bewegung war, erscheint in dieser Momentaufnahme verdammt und beunruhigend nah daran, selbst zu einer Gegen-Konvention zu erstarren.
"Auf der Suche". Regie: Jan Krüger. Darsteller: Corinna Harfouch, Nico Rogner, Valerie Leroy, Mehdi Dehbi. Deutschland, Frankreich 2011, 89 Minuten (Forum, Vorführtermine)
"Der Preis". Regie: Elke Hauck. Darsteller: Florian Panzner, Sven Gielnik, Vincent Krüger, Vanessa Krüger, Anne Kanis. Deutschland 2011, 90 Minuten (Perspektive Deutsches Kino, Vorführtermine)
P.S. Ich habe den zweiten Absatz mit einigen Korrekturen im Vergleich zur ersten Fassung dieses Textes umgeschrieben. Da waren in der Eile Dinge über einen Kamm geschoren, die nicht über diesen selben Kamm geschoren gehören. Ergänzt und differenziert habe ich auch ein paar Angaben zu Elke Haucks Film "Der Preis".
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