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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Eher gescheitert, mit einer Ausnahme: 'Drei Leben' von Christian Petzold, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler

Von Lukas Foerster, 17.02.2011, 09:00

"Die Grenzen zwischen Kino und Fernsehen aufweichen" möchte die ARD, wenn sie das Fernsehprojekt "Dreileben" im Forum der Berlinale präsentiert. Das sagt zumindest ihr Vetreter vor der Pressevorstellung. Wenn das ausliegende Presseheft der Fernsehanstalt dann stolz offenlegt, dass fast alle größeren deutschen Filme des Festivals mit ihren Geldern (wenigstens) koproduziert wurden, darf man sich schon fragen, ob diese Grenze, soweit sie überhaupt noch existiert, nicht schon vor "Dreileben" ziemlich windelweich war.

Die mit Spannung erwartete Prestigeunternehmung vereinigt drei der interessantesten deutschen Regisseure und ein ambitioniertes Konzept: Christian Petzolds "Etwas besseres als den Tod", Dominik Grafs "Komm mir nicht nach" und Christoph Hochhäuslers "Eine Minute Dunkel" erzählen Geschichten, die sich um einen gemeinsamen Kern - das Provinznest Dreileben, einen gemächlichen Sommer, eine Flucht und ein Verbrechen, das vielleicht gar nicht stattfinden wird - herum anlagern, aber in ganz unterschiedliche Richtungen ausgreifen. Man kann das Projekt auch mit einem Email-Wechsel (hier ein Ausschnitt) in Verbindung bringen, den die Regisseure anlässlich eines Symposiums zur Berliner Schule vor einigen Jahren erst führten und dann öffentlich machten - man muss das aber nicht tun, schon deshalb nicht, weil man zwei der drei Beteiligten damit leicht Unrecht tun könnte.

In seiner Gesamtheit muss man das Projekt, soviel vorweg, leider eher als gescheitert betrachten. Das Verhältnis der drei Filme zueinander bleibt auf eher uninteressante Art unklar: Einerseits gehen sie nicht perfekt ineinander auf, nicht nur, was die filmästhetische Gestaltung betrifft, sondern auch ganz einfach mit Blick auf ihre Erzählungen. Mal gibt es zwischenfilmische Anschlussfehler, mal passieren in einem Beitrag Dinge, die in den anderen registriert werden müssten, aber nicht registriert werden. Vor allem die Welten der Filme Hochhäuslers und Grafs scheinen nicht wirklich miteinander kompatibel. An den Stellen, an denen die einzelnen Segmente auseinander treten, geschieht das dann andererseits auf nicht besonders interessante Art (nicht zum Beispiel in der Manier eines modernistischen Rätselfilms), bei vielen Irritationen bleibt unklar, was dem Konzept und was unzureichender Kommunikation zwischen den drei Filmteams geschuldet war. Es scheint deshalb legitim und sinnvoll, die Einzelteile wieder aus dem "Dreileben"-Verbund zu lösen und getrennt zu betrachten. Übrig bleiben dann zwei nicht wirklich runde Arbeiten, die wohl eher Nebenwerke in ihren jeweiligen Filmografien bleiben werden - und ein wunderschöner Film von Dominik Graf.

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Christians Petzold Beitrag ist vielleicht, gerade nach seinem herausragenden "Jerichow", die größte Enttäuschung. Die allzu routiniert anmutende Romanze, die "Etwas besseres als der Tod" ausführlich ausbreitet, bleibt trotz der tollen Hauptdarstellerin Luna Mijovic gefangen in überkontrollierten Einstellungen, auf die Petzolds Faszination für Überwachungsbilder durchweg etwas zu stark durchgedrückt zu haben scheint. Horrorfilmfragmente funken gelegentlich dazwischen, das ist durchaus angenehm, bleibt aber insgesamt sehr zeichenhaft, in Bewegung gesetzt wird da wenig.

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"Eine Minute Dunkel" ist etwas interessanter, weil Christoph Hochhäusler mehr wagt und weil Reinhold Vorschneiders Kamera gelegentlich die Grenzen dessen auszuloten versucht, was im ästhetischen Regime Fernsehen möglich ist, aber die Geschichte des entflohenen und eventuell unschuldigen Strafgefangenen Frank Molesch verliert sich schnell in wirren Naturbegegnungen und der wie von außen drangeklebt wirkenden Suche nach dem wahren Täter.

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Vielleicht ist es bezeichnend für die konzeptuellen Probleme des gesamten Projekts, dass der schönste der drei Filme - einer der schönsten dieser Berlinale, vermutlich - sich am wenigsten um das "Dreileben"-Scharnier selbst schert. Dominik Grafs "Komm mir nicht nach" stellt die Polizeipsychologin Johanna (Jeanette Hain) ins Zentrum, eine toughe Blondine mittleren Alters, die bei der Suche nach Molesch helfen soll. In Dreileben wohnt sie bei ihrer Freundin Vera und deren Mann Bruno (Misel Maticevic, ein Lieblingsschauspieler Grafs, den man in diesem bärtigen, narzisstischen, hyperaktiven Schriftsteller kaum wiedererkennt, erst recht nicht, wenn man ihn noch als wortkargen Gangster Dragan aus Thomas Arslans "Im Schatten" in Erinnerung hat). Die Kriminalgeschichte läuft eher so nebenher und ohne größere Komplikationen, Jeanette Hain trägt einen sehr eleganten gelben Regenmantel spazieren, absolviert die ihr gestellten Aufgaben mit links und legt zwischendrin noch einen Ring korrupter Polizisten lahm.

Weitaus wichtiger sind dem Film die Gespräche, Streitereien, erotischen Spielchen zwischen Vera, Bruno und ihrem Gast. Obwohl man in der tiefsten, mitteldeutschen Provinz gelandet ist und obwohl Johannas Kind zu Hause auf den täglichen Anruf wartet, erinnern das Treiben im renovierungsbedürftigen, unfertig wirkenden Haus Veras ein wenig an Truffauts "Jules et Jim" und andere französische Filme der sechziger Jahre: die Art, wie Selbstverständlichkeiten im Beziehungsleben plötzlich in Frage gestellt werden, die Leichtigkeit, mit der man Avancen machen und im gleichen Moment wieder zurückziehen kann; auch die scheinbare Unverhältnismäßigkeit, mit der die bloße Erinnerung an einen Mann aus der Vergangenheit (dessen Stimme die des Regisseurs selbst ist) Johanna und Vera ziemlich nachhaltig aus der Bahn wirft; die dynamische, abschweifende Montage, die sich nicht nur für die kleinen, nervösen Gesten der Menschen interessiert, sondern auch für Räume ohne Menschen, für die Möbel, Bücher und Pflanzen; schließlich die sich fast überschlagenden Dialoge, die sich nie auf eine Informationsökonomie reduzieren lassen.

Ein fürs deutsche Kino wie Fernsehen außergewöhnlicher Film: beweglich, souverän und inklusorisch. Da ist Platz für Fußball und Skisprungschanzen, für afrikanische Holzschnitzereien und einen urdeutschen Wurzelsepp, für Trashliteratur und gealterte Pornostars.

"Etwas besseres als den Tod". Regie: Christian Petzold. Darsteller: Jakob Matschenz, Luna Mijovic u.a., Deutschland 2011, 88 Minuten. (Forum, Vorführtermine)
"Komm mir nicht nach". Regie: Dominik Graf. Darsteller: Jeanette Hain, Mi?el Matičević, Susanne Wolff u.a., Deutschland 2011, 89 Minuten. (Forum, Vorführtermine)
"Eine Minute Dunkel". Regie: Christoph Hochhäusler. Darstller: Stefan Kurt, Eberhard Kirchberg u.a., Deutschland 2011, 90 Minuten. (Forum, Vorführtermine)





Stichwörter: christian petzold, christoph hochhäusler, dominik graf, dreileben, forum 2011

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