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Porträt eines Jugendgefängnisses: Florin Serbans 'If I Want to Whistle, I Whistle'

Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 18:22

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Silviu Chiscan ist 19 Jahre alt und Insasse eines rumänischen Jugendgefängnisses. Kurzrasierte Haare, bullig, eine Narbe auf der Stirn. Die anderen Insassen sehen mehr oder weniger genauso aus. Gemeinsam nehmen sie Mahlzeiten ein, spielen dazwischen Fußball oder arbeiten, handeln untereinander mit Zigaretten und prügeln sich. Silviu steht kurz vor seiner Entlassung. Der Oberwärter, der ihn im ersten Filmdrittel zu sich zitiert, scheint ihm keine Steine in den Weg legen zu wollen. Vor der Entlassung soll er einen Fragebogen ausfüllen, der seine psychosoziale Befindlichkeit betrifft. Er interessiert sich weniger für den Bogen, als für die Praktikantin, die ihm beim Ausfüllen helfen soll. Aus der Bahn werfen wird ihn aber nicht das Mädchen, sondern der Besuch seines Bruders.

"If I Want to Whistle, I Whistle" ist unzweifelhaft ein Produkt des neuen rumänischen Kinos. Schon die Textur seiner grobkörnigen Bilder verrät ihn. Oft sehr lange Einstellungen, die in ihrer Länge aber nie aufdringlich sind. Eine frühe, großartige Sequenz zeigt Silviu, wie er den Hof der Strafanstalt durchmisst. Die Kamera bleibt meist nah bei ihm, in seinem Rücken, lässt ihn auch mal ein paar Meter voraus, stößt dann aber mit ihm an die Grenzen, die seine Welt von ihrem Außen abschneidet.

Der Film ist ein Porträt des Ortes, an dem er spielt. Bis auf die letzte Szene bleibt er innerhalb der Mauern - beziehungsweise des Stacheldrahts - des Jugendgefängnisses. Dieses Gefängnis interessiert den Regisseur Florin Serban weniger als Institution in einem größeren sozialen Kontext - der bleibt konsequent außen vor - denn als einen konkreten, physischen und sozialen Raum; für dessen Wände und Sichtbeschränkungen, aber auch für die Blickwechsel, die in ihm stattfinden, die Bewegungsmöglichkeiten und -beschränkungen, die in ihn eingeschrieben sind.

Wie Serban sich auf diesen Raum einlässt, das ist durchaus beeindruckend. Wenige, in schneller Abfolge wiederkehrende Räumlichkeiten, oft in identischen Einstellungen eingefangen: der Schlafsaal, der Gefängnishof, das Speisezimmer. In letzterem laufen laut aufgedrehte Popsongs aus einem Ghettoblaster, wahrscheinlich, um laute Gespräche der Gefangenen untereinander zu unterbinden. Einmal sind die Gefangenen bei der Arbeit auf einem Feld. Einer rennt weg, springt über den niedrigen Zaun, läuft über den Acker und ist verschwunden. So schwierig sieht das nicht aus.

Serban wählt nie das naheliegendes Bild: Als sein Wächter seinen Schlagstock zückt, springt der ganz und gar nicht voyeuristische Film zurück in die Totale. Im letzten Drittel zieht sich der Film auf einen noch enger umgrenzten Raum zusammen. Ganz am Ende sitzen sich dann zwei gegenüber, schauen sich in die Augen und haben sich nichts zu sagen.

Wenn "If I Want to Whistle, I Whistle" dann aber doch nicht so recht funktioniert, dann aus einem einfachen Grund: Das Drehbuch taugt nichts. Schon allein handwerklich: Man versteht einfach nicht, warum Silviu am Ende aufbegehrt. Obwohl der Film sich sichtlich Mühe gibt; denn ein kommunikativer Film ist "If I want to Whistle, I Whistle" durchaus. Er würde gerne aus dem großen Potential, das in seinen Bildern steckt, mehr machen als nur angewandte Soziologie. Das ist natürlich ein ehrenwertes Anliegen, aber der moralische Konflikt Silvius wirkt doch allzu konstruiert - und wird, das ist das eigentliche Problem des Drehbuchs, als Familiendrama ausagiert. Dieses Familiendrama biegt nicht nur das Soziologische in die grundfalsche Richtung, nämlich ins Privatistische um, daneben importiert es unnötigen Ballast: Eine traumatische Vergangenheit, einen Vater im Krankenhaus, einen kleinen Bruder samt Beschützerinstinkt, eine im Gegensatz zum restlichen Cast wenig überzeugend schauspielernde Blondine als Mutter Silvius.

Gerne hätte man statt dessen einfach weiter mit Silviu und den Jungs im rumänischen Jugendknast abgehangen.

Florin Serban: "If I Want To Whistle, I Whistle". Mit George Pistereanu, Ada Condeescu, Clara Voda, Mihai Constantin, Marian Bratu. Rumänien, Schweden, 2009, 94 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)


1 Kommentar

Stichwörter: 13. februar 2010, florin serban, if i want to whistle, i whistle, rumänien, wettbewerb 2010

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Ekkehard Knörer

13.02.2010 um 19:25:48 Uhr

Ich finde auch, dass da noch zu viel Drehbuch steckt in dem Film. Aber es geht ihm doch um einen sehr präzisen Zustand, eine Situation: Silviu ist sehr klug und er ist sehr machtlos. Zwei Dinge will er: verhindern, dass es seinem Bruder ergeht, wie ihm selbst. Und das hübsche Mädchen kennenlernen. Die Konstruktion des Buchs: null Chancen, hier wie da. Diese Machtlosigkeit ist zwar melodramatisch erzeugt, aber geht doch letztlich ganz real aus der Situation hervor. Wie kann er sich ermächtigen? Was er tut, verdankt sich einem klaren Kalkül. Dass es nur bedingt aufgeht, verdankt sich, kann man vielleicht sagen, einem Mangel an Lebenserfahrung. (Nochmal wird er das nicht so anstellen.)

Etwas allgemeiner gesagt: Es geht Serban nicht nur um einen Ort (und ich bin völlig Deiner Meinung, dass er den brillant filmt), sondern auch um eine Situation. Das Familiendrama scheint mir da eher das Medium, um diese Situation in der Zuspitzung darzustellen.

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