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zuletzt aktualisiert 22.05.2012, 14.07 Uhr

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Post aus New York

Ist Gott schwarz?

Von Ute Thon

27.06.2003. In dem Film "Bruce Almighty" wird Gott von einem Schwarzen gespielt - ist das rassistisch?

"Race" ist ein Reizwort in Amerika. Wie sehr Rassenzugehörigkeit immer noch den amerikanischen Alltag bestimmt, zeigt sich gerade wieder in der heiß umstrittenen Entscheidung des Obersten Gerichtshof zu sogenannten "Affirmative Action"-Programmen in Hochschulen, die es US-Universitäten erlaubt, auch weiterhin ihre Bewerber anhand ihrer Hautfarbe auszuwählen.

Die Regelung wurde in den siebziger Jahren eingeführt, um Minderheiten bessere Ausbildungschancen zu gewährleisten. Die Argumentation der Affirmative-Action-Befürworter war damals wie heute, dass größere ethnische Vielfalt auf dem Campus nicht nur den Schwarzen und Latinos hilft, sondern dass auch die weiße Studentenschaft davon profitiert, wenn sie sich an die Gegenwart von farbigen Gesichter im Hörsaal gewöhnt.

Wie aufgeladen das Thema immer noch ist, und wie symbolträchtig ein simpler schwarz-weißer Rollentausch, zeigt sich aber auch an der aktuellen Kontroverse um einen albernen Kinofilm. "Bruce Almighty", eine populäre Hollywood-Komödie mit Jim Carrey und Morgan Freeman in den Hauptrollen, ist eigentlich ein ziemlich einfältiger Ulkstreifen im Stile früherer Jim-Carrey-Filme wie "Ace Ventura" oder "Liar, Liar" vom selben Regisseur (Tom Shadyac). Doch in dem neuen Film wird Gott als Schwarzer dargestellt. Freeman, ein preisgekrönter afroamerikanischer Schauspieler mit würdevoller Ausstrahlung, spielt den Allmächtigen als lockeren, humorvollen Typ im weißen Anzug, der manchmal in die Rolle eines Hausmeisters oder Obdachlosen schlüpft.

Diese Darstellung hat unter Amerikas Schwarzen sowohl Befriedigung als auch Skepsis ausgelöst. In US-Medien und Internet-Newsgroups wird darüber diskutiert, ob der Film zur Überwindung alter Rassenklischees beitragen kann oder bestehende Stereotypen eher noch verfestigt. "Der Gebrauch eines schwarzen Gottes zeigt, wie entspannt sich weiße Amerikaner inzwischen über Fragen der Rassenintegrierung geben können, vorausgesetzt, es greift ihre weiße Vormachtstellung nicht an", sagt Professor James H. Conean, ein einflussreicher schwarzer Theologe aus New York. Tatsächlich ist die Gegenwart eines schwarzen Gottes im weißen Mainstream-Kino eine Rarität. In einschlägigen Hollywood-Lexika findet sich nur ein einziger anderer Film, "Green Pastures", ein Musical aus dem Jahre 1936 mit komplett schwarzer Besetzung, wo Gott von einem schwarzen Schauspieler dargestellt wird. In jüngerer Zeit gab es da nur noch Kevin Smiths religiöse Komödie "Dogma" (1999), in der der schwarze Komiker Chris Rock einen Apostel spielt.

Unter gläubigen Schwarzen findet "Bruce Almighty" auch deshalb Beachtung, weil Freemans Gott mit seiner Sympathie für die Armen und Betrogenen Grundzüge der afroamerikanischen Theologie reflektiert, die eng mit der Bürgerrechtsbewegung und dem Kampf gegen Sklaverei verknüpft ist. Schwarze Kirchengemeinden interpretieren die christliche Lehre als konkrete Befreiungstheologie, Jesu Leidensgeschichte ist eine Metapher für das Leid der Sklaven und seine Auferstehung ein Heilsversprechen an die unterdrückten Massen. Bereits 1898 veröffentlichte ein schwarzer Pfarrer, Henry McNeal Turner, einen provozierenden Essay mit dem Titel "God is a Negro", auf den sich viele Theologen noch heute berufen. "Der Film zeigt die Spiritualität der Schwarzen und deutet an, dass sie auf höchster göttlicher Ebene vertreten sind", sagt Reverend Johnny Ray Youngblood, ein Pastor der Baptistenkirche St. Paul in Brooklyn.

Andere bezweifeln jedoch die emanzipatorische Botschaft der Hollywood-Komödie. Sie verweisen auf die klischeehafte Handlung und typische Rollenverteilung trotz aller schwarzer Herrlichkeit. In dem Film geht es um den frustrierten Fernsehreporter Bruce, gespielt von Jim Carrey, der Gott herausfordert, ihm aus seiner selbstverschuldeten Misere zu retten. Der Allmächtige verleiht ihm göttliche Macht, die Bruce sogleich zum eigenen Vorteil nutzt, nur um dann festzustellen, dass ihn Sportwagen und Topjobs auch nicht glücklicher machen. Erst als der schwarze Gott ihn mit der Nase darauf stößt, dass göttliche Macht nicht zur Selbstbefriedigung, sondern zur Linderung des Leids der Mitmenschen dient, fällt bei dem weißen Mann endlich der Groschen.

Für Gerald Early, einen Literaturwissenschaftler an der Washington University in St. Louis, verkörpert diese Drehbuchidee eine abgedroschene Hollywood-Formel vom weisen Afroamerikaner, der einem Weißen dabei hilft, seine eigene Humanität zu entdecken. "Das ist ein typisches Klischee in der amerikanischen Kultur, zu dem sich das Publikum hingezogen fühlt, besonders ein weißes Publikum, das die schwarzen Leute am liebsten als harmlos und hilfsbereit sieht." Typische Beispiele für solchen Schmuse-Rassismus sind nach Earlys Ansicht Bücher wie "Onkel Toms Hütte" oder Alfred Uhrys Theaterstück "Driving Miss Daisy", in dem ein schwarzer Chauffeur seiner zickigen weißen Arbeitgeberin moralische Erleuchtung bringt, eine Rolle, die in der Kinoverfilmung 1989 interessanter Weise ebenfalls an Morgan Freeman vergeben wurde.

Revolutionär oder reaktionär - für die Produzenten von "Bruce Almighty" hat sich die Story vom schwarzen Gott bereits bezahlt gemacht. Der Film, der Ende Mai startete, wurde sofort zum Nummer Eins-Hit an den Kinokassen und hat in Amerika inzwischen über 210 Millionen Dollar eingespielt. Eine göttliche Bilanz!

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