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Verrückte Welt
Von Rüdiger Wischenbart
29.09.2002. Paul Virilio sagt den Weltuntergang an. Eine junge Frau protestiert. Eine gehackte Geheimsoftware produziert abstrakte Bildchen. Und Vivendi verkauft seine Verlage, um Spielschulden zu begleichen.
Kürzlich, beim Ars Electronica Festival in Linz, wurde eine gehackte Version der amerikanischen militärischen Überwachungssoftware "Carnivore" vorgestellt (und zum freien download angeboten), mit der man sich des digitalen Schnüffelwunderwerks bedienen kann, um beispielsweise irgendwelche Datenströme des Internet in Echtzeit in bunte, sich dem Rhythmus der Datenströme entsprechend verändernde abstrakte Bilder auf den Monitor zu zaubern.
Umgekehrt produzierte die amerikanische Navy unlängst mit Megaaufwand ein Bild, das im Grunde der Logik rasch hingesprühter politischer Parolen auf meist abblätterndem Mauerwerk nachempfunden war: Auf dem Deck eines Flugzeugträgers hatten Besatzungsmitglieder den Schriftzug "Let's Roll" nachgestellt, das Losungswort, auf das hin sich offenbar einige Passagiere der vierten am 11. September 2001 gekaperten Maschine auf die sie entführenden Terroristen stürzten und das Flugzeug letztlich über einem Feld in Pennsylvania zum Absturz brachten. Aus der Luft fotografiert wurde die Rollbahn des Flugzeugträgers so zum patriotischen Graffiti-Memorial.
Jetzt erst, beim zweiten Nachdenken über dieses merkwürdige Foto, fällt mir auf, dass die Perspektive dieser Luftaufnahme den Blickwinkel simuliert, den japanische Kamikaze-Piloten auf die amerikanischen Kriegsschiffe bei ihrem Angriff auf Pearl Harbour 1941 gehabt haben müssen. Und umgekehrt erinnere ich mich an Fotos aus Belgrad, wo sich zu Zeiten der Nato-Bombardements Tausende Bewohner Zielscheiben aufs Gesicht oder aufs T-Shirt gemalt hatten, als würden sie sich als Opfer anbieten - während ein Gespräch über die serbischen Untaten gegen Bosnier und Albaner in Belgrad kaum möglich war.
Es ist geradezu verrückt, wie sich die Codes und Symbole verwirren, wie jedermann nach überraschenden, fremden Rollen zu schielen scheint, wenn der eigene Text nicht mehr tauglich zu sein scheint.
Am vorletzten Tag der Ars Electronica gab es, mittels Video-Konferenz, ein ebenso denkwürdiges wie überraschendes Gespräch mit dem französischen Philosophen Paul Virilio, der ohne Umschweife den aktuellen Zustand der Welt mit dem geradezu zwanghaften Ablauf einer klassischen griechischen Tragödie verglich. Virilio entwickelte streng nach den Regeln der altgriechischen Dramaturgie die Zwangsläufigkeit, wie sich Figur um Figur - aktualisiert um W. Bush und Saddam -, Detail um Detail - von den Zweifeln an der Wahl und damit am Mandat des Präsidenten bis zur sich immer enger drehenden Spirale der Eskalation und zum letztlich minimalen, doch entscheidenden Fehler, der die finale Katastrophe auslöst, das Unglück vollzieht.
Am Ende, in der Wirklichkeit des Konferenzraumes in Linz, brach sich dann plötzlich eine junge Frau, eine Französin übrigens, die in Berlin lebt, ihre Bahn hin zu Virilios Gesprächspartner, dem kanadischen Medienvordenker Derrick de Kerckhove, und machte, durchaus fasziniert vom hohen Diskurs der Philosophen, ihrer tiefen Wut Luft: Bei allem Respekt, all diese Sätze alternder Männer, die nur auf den Tod zueilen, wolle sie nicht mehr hinnehmen. Denn sie wolle leben!
Die gehackte Version von Carnivore, wurde mir mit einem Schlag klar, war wie diese Frau. Ich hatte mir aufgrund der Werbetexte erwartet, ich könne damit wie die top-geheime National Security Agency, irgendwas Ernsthaftes anstellen, und ich war erst enttäuscht, als es nur bunte bewegliche Bilder gab. Doch gerade diese Volte ins scheinbar Beliebige entzog sich der Katastrophenlogik des originalen Überwachungssystem besonders überzeugend.
Eine andere Installation trug indessen den Titel "Embracing the Swarm" - "Den Schwarm umfangen", verwies also, mit ähnlicher Ironie, auf eine weitere Unmöglichkeit.
Vielleicht ist es diese Unwägbarkeit, die den "Zeitgeist" im Augenblick am besten charakterisiert. Was aber passiert, wenn alle beginnen, sich wie ein Schwarm auszubreiten, zu schwirren, einander zu umfliegen und zu durchdringen? Dann gibt es vielleicht keine griechischen Tragödien mehr, aber gemütlicher wird deshalb auch nicht.
Bertelsmann kauft die von Millionen Menschen benutzte Musiktauschbörse Napster, doch unter dem Strich, nach teuren Umbau-Versuchen, die länger dauerten als die reale Lebenszeit von Napster, blieben nur Schulden und eine für Bertelsmann wohl unbrauchbare Software.
An der Frankfurter Börse wird der Nemax abgeschafft. Im Buchland Frankreich bietet der fast kollabierte Medienkonzern Vivendi, neben anderem Tafelsilber, seine Verlage zum Kauf an. Die machen mehr als ein Viertel des Buchmarktes aus. Das ist, also würden in Deutschland Holtzbrinck, Brockhaus, Hoffmann und Campe, Westermann und noch ein paar weitere Verlage, bereits als Paket verschnürt, an den Bestbietenden zum Abbau von Spielschulden feilgeboten. Da bleibt dann wenig offener Luftraum fürs Schwärmen.
Es ist eine verrückte Welt, in der allerdings vielleicht weniger die strengen Formgesetze der Griechen regieren, als Francisco Goyas ebenfalls in bedrängenden Zeiten des Umbruchs entstandene Vision, wonach die Träume Angst und Ungeheuer gebären.
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