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Essay
Ein Klassiker als Plagiator
Von Felix Philipp Ingold
20.11.2010. Inhaltlich sind Lew Tolstojs späte Lesebücher obsolet. Literarisch aber weisen sie als Textcollagen, in denen der Autor wonnevoll untergeht, weit in die Zukunft.
Über Erwarten zahlreich sind die Publikationen, mit denen Lew Tolstoj (1828-1910) unlängst aus Anlass - und auch schon im Vorfeld ‒ seines hundertsten Todestags hierzulande gewürdigt wurde. Lebensbilder und Werkmonografien, wissenschaftliche Einzelstudien und publizistische Belobigungen, dazu diverse Erst- und Nachübersetzungen bestätigen Tolstojs Rang als Großschriftsteller, bezeugen aber in erster Linie ein aktuelles Interesse an seiner "Philosophie", seiner "Spiritualität", seinem "Mystizismus" sowie an seinen reformpädagogischen, pazifistischen, anarchistischen oder kirchenkritischen Schriften. Von den spezifisch literarischen Leistungen, die Tolstoj mit seinem Erzählwerk erbringt, ist demgegenüber kaum die Rede; auch die großen Romane ‒ "Krieg und Frieden", "Anna Karenina", "Auferstehung" ‒ werden mit Vorliebe nach Ideen, Glaubenssätzen und privaten Meinungen abgefragt, die angeblich sein "Denken", wenn nicht gar seine "Weisheit" ausmachen.
Tatsächlich kann sich Lew Tolstoj durch seine zahlreichen einschlägigen Schriften als vielseitig engagierter "Denker" ausweisen: Die gegenwärtig in hundert Bänden erscheinende russische Werkausgabe wird weit mehr publizistische denn belletristische Texte enthalten, darunter Abhandlungen, Aufsätze, Aufrufe, Streit- und Programmschriften zu Fragen der Ethik, der Religion, der Erziehung, der Kunst, der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie allgemein (und vorzugsweise) der richtigen, will heißen: der gottgefälligen Lebensführung. Den "Sinn des Lebens" - nicht des Lebens generell, vielmehr des jeweils eigenen Lebenswegs und Lebensziels - versucht Tolstoj zu ergründen, aufzuarbeiten und mit didaktischer, oft rechthaberischer Rhetorik an seine Leserschaft zu vermitteln.
Diese bald auf Werbung und Heilsversprechen, bald auf Warnung oder Drohung angelegte Rhetorik hat sich als äußerst effizient erwiesen. Einerseits förderte sie die globale Verbreitung des "Tolstojanertums", anderseits rief sie eine mächtige Gegnerschaft auf den Plan, die sich aus großrussischen Nationalisten, aus kirchentreuen Christen, aus progressiven Wirtschafts- und Künstlerkreisen rekrutierte. Die Effizienz von Tolstojs "Lehren" war allerdings erkauft durch plakative Vereinfachungen und Verallgemeinerungen, die zumeist nicht argumentativ vorgetragen, sondern als blosse Behauptungen oder apodiktische Glaubenssätze provokant eingesetzt wurden. Die dafür charakteristischen rhetorischen Figuren treten denn auch häufig in Form von Geboten und Verboten auf: du sollst; man muss; man darf nicht; es ist notwendig; es kann nicht sein ... Formeln also, wie sie vorab von Schulmeistern oder Predigern verwendet werden.
Tolstojs weltanschauliche und lebensphilosophische Traktate - "Religion und Sittlichkeit", "Was ist Religion?", "Was ist Kunst?", "Über das Leben", "Du sollst nicht töten", "Krieg und Vernunft", "Wessen sind wir?", "Worin besteht mein Glaube?" u.a.m. - sind auch heute noch in vielen Sprachen greifbar und gelten unter Friedensaktivisten, Naturschützern oder Vegetariern nach wie vor als wegweisende, wenn nicht prophetische Botschaften. Und ebensolche Botschaften sind durchweg auch Tolstojs literarischen Werken zu entnehmen - man denke nur an die epischen Lebensweisheiten des Bauernsoldaten Platon Karatajew in "Krieg und Frieden" oder an die Apologie des trauten, naturnahen Familienlebens in "Anna Karenina".
Weitgehend unbekannt ist demgegenüber die Tatsache, dass Lew Tolstoj für die Aufbereitung und Verbreitung seiner Lehren auch eine eigene Textsorte entwickelt hat, die noch in seine letzten Buchpublikationen eingegangen ist und die formal manches präfiguriert, was erst viel später zu einem literarischen Faktum werden sollte. Es handelt sich dabei um drei umfangreiche Lesebücher, auf die der Autor seine letzten Lebensjahre verwendet hat und die zwischen 1904 und 1910 im Druck erschienen sind: "Lesekreis", "Für alle Tage" (vollständige Fassung deutsch bei C.H.Beck, München 2010), "Lebensgang" (kommentierte Teilübersetzung bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010).
Was sich hier auf insgesamt rund 1500 Seiten unter reichlich unbedarften Titeln als Lebenshilfe anbietet, ist in Wirklichkeit eine ingeniös angelegte Summa westöstlichen Denkens, wie es sich in religiösen, philosophischen und literarischen Texten "von den Anfängen bis zur Gegenwart" niedergeschlagen hat. Im Unterschied zu vergleichbaren Textsammlungen, die gemeinhin um "anthologische" Objektivität und Ausgewogenheit bemüht sind, geht Tolstoj bei der Auswahl wie auch bei der Präsentation der Texte dezidiert eigenmächtig vor, indem er seine Vorlagen nach Gutdünken bearbeitet, kürzt, umschreibt oder resümierend aus fremden Sprachen übersetzt; und mehr als dies - er untermischt die Fremdtexte mit selbstverfassten Kommentaren, Aphorismen, Essays und Erzählungen, bis sie gleichsam ineinander überfliessen und sich auf solche Weise zu einem "neuen", bemerkenswert homogenen Textganzen zusammenfügen.
Unter diesem Gesichtspunkt wird man wohl auch hinnehmen müssen, dass Tolstoj auf Quellen- und Übersetzungsbelege ebenso souverän verzichtet wie auf die Nennung von Autoren, deren Namen er angeblich vergessen und deren "Gedanken" er eingestandenermaßen "vollständig mit eigenen Worten ausgedrückt" hat. Bei den von Tolstoj selbst übersetzten Texten handelt es sich in aller Regel um "Aneignungen", die das Original in seinem Sinn und Geist paraphrasieren und damit notwenigerweise auch verfälschen. Bisweilen geht er so weit, eigene Texte als Übersetzungen oder - umgekehrt ‒ Übersetzungen als eigene Texte auszugeben. Kaum noch erstaunlich also, dass er die von ihm kompilierten Lesebücher nicht bloss als Herausgeber, sondern als Autor für sich beansprucht. In dieser ambivalenten Rolle spricht er sich aus über Alltagsphänomene wie "Geschlechtslust" und "Völlerei", "Gewalt" und "Stolz" sowie sonstige "Sünden, Verlockungen, Aberglauben" aller Art, aber auch über erhabene Gegenstände wie "Seele", "Glaube", "Sprache", "Tod", "Gott".
Das Einzugsgebiet von Lew Tolstojs Aneignungsinteresse reicht - quer durch alle Epochen und Kulturen - vom Talmud und den Vorsokratikern über arabische Sprichwörter und indische Weisheiten bis in die europäische Moderne: Anton Tschechow und William Butler Yeats stehen als Zeitgenossen am Ende einer langen Reihe von Beiträgern, zu denen u.a. Luther, Emerson, Thoreau, Seneca, Konfizius, Amiel, Gogol, Epiktet, Saadi, Pascal gehören. Fremdes Gedankengut amalgamiert Tolstoj bedenkenlos mit eigenen Ideen und Meinungen, Fremdzitat und Selbstaussage werden bis zur Ununterscheidbarkeit verschliffen, das Arrangement vorgefundener Texte wird aufgewertet zu einer auktorialen Geste, die nun also nicht mehr auf Diskursbegründung, vielmehr auf Diskursverschmelzung angelegt ist. Damit führt Lew Tolstoj ein intertextuelles Schreibverfahren vor, das erst viel später zur gängigen literarischen Praxis werden sollte und das heute wieder - angesichts von Plagiaten und Imitaten aller Art - weithin zu reden gibt.
Mit dem international erfolgreichen Band "Love's Body" (1966) hat ein halbes Jahrhundert nach Tolstojs Tod der US-Amerikaner Norman O'Brown erstmals dessen Lesebuchkonzept reaktiviert. Auch Brown legt unter seinem eigenen Namen eine umfängliche Komposition von Fremdtexten vor, die er, ohne auf deren Chronologie oder Herkunftszusammenhang zu achten, bestimmten Themenbereichen zuordnet. Zu einer Zeit, da in Westeuropa wortreich der "Tod des Autors" proklamiert wird, nimmt Brown als Autor tatsächlich demonstrativ den Abschied, um sich hinter lauter Zitate, also hinter andere, mehrheitlich verstorbene Autoren zurückzuziehen, denen er gleichsam das Wort gibt und die er nun an seiner Stelle sprechen lässt. Dabei geht er allerdings weit weniger radikal zu Werk als der alte Tolstoj, denn in "Love's Body" sind sämtliche Textauszüge im originalen Wortlaut und mit genauer Quellenangabe abgedruckt.
In unmittelbare Nähe zu Lew Tolstoj begibt sich neuerdings David Shields mit seinem vielbeachteten, in den USA zum Bestseller mutierten Manifest "Reality Hunger" (2010), das nebst Dutzenden von direkten und indirekten (auch fingierten und gefälschten) Zitaten zahlreiche eigene Texte enthält, die allesamt darauf verweisen, dass es "eigene" Texte gar nicht gibt, nicht geben kann; dass "neue" Texte nur als Auszug, Nachschrift, Variation, Übersetzung aus dem Hypertext aller jemals verfassten Schriftwerke gewonnen werden können. Für Shields - bei dem Tolstoj übrigens ebenso ungenannt bleibt wie bei Norman O. Brown - ist "Eigenes" und ist "Neues" auch in der ausserliterarischen Welt heute nicht mehr zu haben, nicht mehr zu schaffen, allem Innovations- und Originalitätsdruck zum Trotz: "All unsre Geschichten sind ein und die selbe." - "Es ist der Job des Künstlers, Fragmente (aus vorhandenem Material) zusammenzumixen und nötigenfalls neue Fragmente zu generieren, um die verbliebenen Löcher zu stopfen."
Manche deutsche Erfolgsliteraten - man erinnert sich noch an die "Fälle" Hegemann, Tellkamp, Zaimoglu u.a.m. - haben sich dieses Verfahren mehr oder minder bedenkenlos und unreflektiert zueigen gemacht, nur wenigen gelingt es allerdings (Alexander Kluge, Friederike Mayröcker oder ‒ im Medium des Videofilms ‒ Jean-Luc Godard sind Beispiele dafür), die jeweils vorgefundenen Materialien so ingeniös einzuschmelzen, dass sie sich, gleichsam organisch, zu einer dann doch unverwechselbar persönlichen "Handschrift" verbinden, bei der das Wesentliche die Verbindungen und nicht die Materialien sind. Unter denen, welche dafür die entsprechende autorlose Rhetorik eingespurt haben, gehörte - noch vor James Joyce, T. S. Eliot und dem französischen Meisterplagiator Louis-Rene des Forêts - der alte Lew Tolstoj mit seinen "Lesebüchern", deren einstige Botschaft weitgehend obsolet geworden ist, die aber in ihrer Machart vorbildlich sein können für die als "Rewriting" oder "Überschreibung" praktizierte Verarbeitung fremder Texte, wie sie heute gang und gäbe ist.
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