Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Von Lesern empfohlene Bücher

Petur Gunnarsson: punkt punkt komma strich

Moti Kfir, Ram Oren: Sylvia Rafael

Mord und Ratschlag
Die Farbe von Kopfweh
Von Thekla Dannenberg
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein.
Murray Watson lehrt Literaturwissenschaft an der Universität von Glasgow, er hat einen Doktortitel und eine feste Stelle, aber noch ist nicht entschieden, ob all die Kränkungen, die sein Ego in letzter Zeit wegstecken musste, seiner Karriere dienlich sein werden. Oder ob sie ihn im Kreis der Fachbereichsalkoholiker werden enden lassen, den er bisher nur sporadisch besucht hat. Privat läuft es auch nicht rund: Sein Verhältnis zur Frau des Dekans ist gerade aufgeflogen, aber die Dame hätte ihm auch ohne peinliche Entdeckung den Laufpass gegeben. Und seine Magnifizienz hatte Murray eh nie ernst genommen, weder als Person noch als Wissenschaftler.
Murrays Leidenschaft gehört Archie Lunan, einem unbekannten, vielleicht auch unbedeutenden Hippie-Dichter der siebziger Jahre. Das Bild des jungen schlaksigen Mannes hatte Murray in den Bann geschlagen, auch wenn der Antiquar lästerte, der sehe aus wie ein Kindermörder. Nach einem kurzen, heftigen Leben voller Sex, Alkohol und Drogen hatte sich das Jungtalent das Leben genommen, mehr als einen Gedichtband sollte es von ihm nicht geben. Über diesen Archie Lunan nun will Murray eine Biografie schreiben, vielleicht entdeckt er in den Archiven doch noch Nennenswertes und wird berühmt. Doch selbst bei Archies alten Weggefährten erntet er nur Spott für sein Vorhaben: "Ein großes dickes Buch über einen kleinen, dünnen Dichter."
Aber natürlich wird Murray bei seinen Nachforschungen nicht nur auf die kümmerlichen Notate in der National Library stoßen, sondern auf die ganze Tragik eines verlorenen Lebens, auf enttäuschte Liebe, Drogenexzesse und verleugnete Schuld.
Die Schottin Louise Welsh ist seit ihrem düsteren Debüt "Dunkelkammer" und ihrem Christopher-Marlowe-Thriller "Tambourlaine muss sterben" auf den dunkel-schillernden Grenzbereich abonniert, in dem Begierde, Gewalt und literarische Leidenschaft aufeinanderstoßen. Im "Alphabet der Knochen" lässt sie sich Zeit. Bevor sie Murray in die Sumpflandschaften der Insel Lismore schickt, die Archie Lunan und seine Kumpane einst zum "Zentrum für Poesie und Orgiastisches" machen wollten, lotet sie recht maliziös die Untiefen des akademischen Betriebs aus. Wozu sind Menschen fähig, die ihr Leben der Literatur verschreiben wollten, aber im Unibetrieb stranden? Wozu ein Dekan, der seine Talare maßschneidern lässt? Wozu Kollegen, die anderen sehr verständnisvoll und sehr gern beim Scheitern zusehen. Und wozu all die anderen Zyniker, Karrieristen und Kantinenschwadronierer.
Mitunter überzeichnet Welsh, mitunter sind ihre Pointen auch zu naheliegend. Geschickt arbeitet sie aber dann, wenn es darum geht, die biografischen und kriminalistischen Nachforschungen ineinander übergehen zu lassen und in ihr Gegenteil zu verkehren. Und am Ende wird sich herausstellen, wie einnehmend ein Kindermörder wirklich aussieht und dass die Arbeit des Biografen gar nicht der eines Detektivs gleicht. Denn bei Literaturwissenschaftlern steht mitunter am Anfang die Aufklärung und am Ende der Wille zu töten.
***
In Christopher Nolans SciFi-Film "Inception" soll ein Team, das sonst nur Wirtschaftsgeheimnisse aus den Träumen gegnerischer Unternehmer raubt, etwas unmögliches versuchen: Es soll einem Unternehmenserben eine Idee einpflanzen. Leonardo DiCaprio und sein Alphateam von Extraktoren müssen sich dafür zweieinhalb Stunden lang durch vier höchst aufwändig konstruierte Traumebenen kämpfen. Erstaunlicherweise kommt bei Jedediah Berry genau die gleiche versponnene Idee vor, auch hier wird - allerdings gleich einer ganzen Stadt - eine Idee ins Unterbewusstsein eingepflanzt. Von all dem Ernst, der Verbissenheit und der dramaturgischen Akkuratesse, mit der Nolan seine Traumwelten erst konstruiert, um ihre inneren Tresore dann vom Panzerknacker-Kommando Sigmund Freud öffnen zu lassen, ist bei Berry nichts zu spüren. Die Circe Cleo Greenwood bewerkstelligt dies sanft singend, und Berry flicht dies auch nur ganz beiläufig in seine Geschichte mit ein, in der dabei unzählige Traumebenen durchquert werden, ohne dass man der Realität näher kommt. Eher bewegt man sich wie auf einer unendlichen Treppe stetig vorwärts und gerät mit jedem Aufwachen in einen neuen Traum.
Charles Unwin ist Schreiber in einer großen Detektivagentur und trägt seinen Namen nicht ganz zu Unrecht. Zu den größten Erfolgen seines Lebens zählt eine ausgefeilte Technik, im Regen mit Schirm Fahrrad zu fahren. Zugegeben eine nützliche Fertigkeit, denn in der namenlosen Stadt, in der diese Geschichte spielt, regnet es immer. Obwohl die Angestellten der Agentur Bowler-Hüte tragen, sollte man sich eher eine amerikanische Hafenstadt wie New York oder Baltimore vorstellen als London, vielleicht auch Buenos Aires. Eines Morgens ist der Stardetektiv der Agentur, Travis Sivart, für den Schreiber Unwin in den vergangenen zwanzig Jahren ebenso beflissen wie ergeben die Berichte verfasst hat, verschwunden. Sein Aufpasser ist ermordet worden, und der unglückselige Unwin muss gegen jeden eigenen Antrieb als Detektiv einspringen.
Ihm zur Seite stehen dabei ein vergesslicher Museumswächter, seine falsche Assistentin Emily Doppel und das Handbuch für Detektive, mit dem es seine sehr mysteriöse Bewandtnis hat, das ihn aber in achtzehn Kapiteln mit dem Grundwissen über Indizien, Verdächtige, Verhöre, etcetera versorgt. Über Spuren lernt er etwa: "Folgen Sie ihnen, damit sie nicht Ihnen folgen". Über das Bluffen den immer anwendbaren Grundsatz: "Beantworten Sie Fragen mit Gegenfragen." Natürlich hat er auch einen großen Gegenspieler, denn - auch das erfährt er aus dem Handbuch - es gibt nichts Besseres, um sich selbst zu verstehen.
Der Erzfeind ist Enoch Hoffmann, König der Unterwelt. Er hat nicht nur Detektiv Sivart in seine Gewalt gebracht, sondern die halbe Stadt in einen Dämmerschlaf versetzt und ... Tatsächlich wird es von hier an unmöglich, noch einen halbwegs logischen Satz über den weiteren Verlauf der Geschichte zu schreiben. Ein Rolle spielen jedenfalls die schurkischen Rook-Zwillinge, ein Wanderzirkus, eine Riesin, ein Ungeheuer, das die Farbe von Kopfweh hat, und eine rätselhafte Frau im karierten Regenmantel, der Unwin auf den ersten Blick verfällt. Von einer Unwahrscheinlichkeit stolpert der arme Unwin in die nächste. Er weiß nicht, wen er sucht und warum, er will eigentlich nur seinen alten Posten als Schreiber zurück.
Ohne dass Unwin viel dafür tut, stellt sich bald heraus, dass all die sensationellen Fälle, die der Superdetektiv Travis gelöst haben soll - "Das älteste Mordopfer der Welt", "Die drei Tode des Colonel Baker" oder ganz wichtig: Der Fall vom "Mann, der den elften November stahl" - entweder nicht so sensationell oder nicht gelöst waren. Außerdem tun sich an der Spitze der Agentur ausgesprochen zweifelhafte Dinge und auch in ihren Kellern.
Berry bedient sich für seine Geschichte nach Herzenslust und Baukastenprinzip aus dem Fundus der Krimigeschichte. Jede Szene, jeder Dialog und jede Wendung des Plots sind Standardsituationen. Vom großmäuligen Detektiv über die falsche Schönheit bis zum Putzmann entstammt das Personal dem festen Ensemble des Kriminalromans und sie sagen Sätze wie: "Das Schlimmste kann passieren, und das andere Schlimme auch noch." Dieses Spiel mit dem Vorhandenen, die Überblendungen von Traum und Realität haben Berry in der Verlagswerbung die Referenzgrößen Borges und Kafka eingebracht. Abgesehen davon, wie hoch gegriffen der Vergleich ist, scheint auch fraglich, ob die beiden Matadore der modernen Literatur jemals solche Retro-Fiction geschrieben hätten. Trotzdem hat Berry hier keinen Professorenkrimi vorgelegt, bei dem derjenige gewinnt, der die meisten Anspielungen und Zitate erkennt. Dafür erzählt er seine Geschichte viel zu unbekümmert, lässt hier und da mal einen Faden fallen oder ändert komplett die Richtung. Und wenn einem die Geschichte anfangs etwas papieren erscheint, dann liegt das daran, dass nicht einmal ihr Held selbst weiß, ob er in seine Akten gefallen ist oder seine Akten in sein Leben.
Louise Welsh: Das Alphabet der Knochen. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Antje Kunstmann Verlag, München 2010, gebunden, 432 Seiten, 22 Euro. (Bestellen)
Jedediah Berry: Handbuch für Detektive. Roman. Aus dem Amerikanischen von Judith Schwab. C. H. Beck Verlag, München 2010, gebunden, 383 Seiten, 19,95 Euro. (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen
Siegelringzellen-Krebs
12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen
Gehobene Koks-Klasse
07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen
Emotional labiler Federfetisch
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen
Kein Schlaf, nur Albträume
02.12.2009. In seinem Roman "Tokio im Jahr Null" lässt David Peace neben allen anderen Untätern auch noch einen Serienmörder umgehen. Das ergibt einen einzigen Albtraum. Die Frage ist allerdings: wessen? Mehr lesen





