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Die Filmfestspiele in Venedig - 9. Tag
Von Robert Mattheis
06.09.2002. Audrey Tautou spielt in Stephen Frears' "Dirty Pretty Things" eine Türkin mit zwei Nieren - noch. Papa war ein KGB-Agent! Piergiorgio Gay erzählt in seinem Wettbewerbsbeitrag von "La forza del passato", der Macht der Vergangenheit. Herausgekommen ist dabei ein leiser antiproustischer Film. Und Bruno Ganz spielt auch mit.
Nierenerleichterung - Stephen Frears' Film"Dirty Pretty Things" ist ein Kandidat für den Goldenen Löwen.
Jede Oberwelt, sonnig und ziemlich schick, verlangt nach einer Unterwelt, die sie trägt. Von dieser schlichten und fundamentalen Wahrheit handelt Stephen Frears' Festivalbeitrag "Dirty Pretty Things".
Der Film spielt in den kalten Unterwelten des heutigen London, zwischen der Pathologie eines Krankenhauses, der Nachtportiersloge des "Baltic Hotel" und der skrupellosen sexuellen Ausbeutung durch die nicht mehr ganz so Armen, nicht mehr ganz so arm dran Seienden. Durch diese finsteren Gefilde schlägt sich Okwe (Chiwetel Ejiofor), ein nigerianischer Exilant, hindurch, mit Hilfe zweier Jobs und vieler Aufputschmittel. Eigentlich ist Okwe Arzt. Seine Initiation in den Hades erlebt er, als er nachts in einem Hotelzimmer versucht, die Verstopfung einer Toilette zu beseitigen. Blut steigt ihm entgegen. Dann zieht er ein menschliches Herz aus dem Abfluss.
Diese Szene ist mehr als symbolisch - das "Baltic Hotel" ist die Stätte eines florierenden Organhandels. Die ganz Armen, Illegalen lassen sich hier ihre Nieren aus dem Leib schneiden. Um in ihrem Elend zu überleben, helfen sie den Reichen beim Überleben in ihrem Luxus. Der Impresario dieses Zirkus des Grauens ist ein Mann namens "Senor Juan" (Sergi Lopez). Dieser schlägt der jungen Türkin Senay, gespielt von Audrey "Amelie" Tautou (die von der wunderbaren in die entsetzliche Welt übergewechselt hat), einen höllischen Deal vor: sie gibt ihm eine Niere und ihre Jungfräulichkeit, und dafür ermöglicht er ihr, ihren Traum zu verwirklichen und mit einem gefälschten Pass nach New York zu gelangen.
Senay geht auf diesen Deal ein, und dies ist der Moment, in dem Okwe aus seiner verzweifelten Lethargie erwacht. Denn nicht nur Senay liebt Okwe, Okwe liebt auch Senay. Darum erklärt er sich bereit, die Niere aus der jungen Türkin herauszuoperieren. Nur so könne er garantieren, erklärt er Senor Juan, dass sie den Eingriff überlebt. Am Ende ist es dann jedoch Senor Juan, der Federn lassen muss. Frisch in Eis verpackt, macht sich seine Niere auf den Weg durch London. Senay fliegt, einigermaßen unversehrt, nach New York. Und Okwe ruft seine kleine Tochter in Lagos an: "Ich komme." Seine Zeit in der Hölle ist vorbei.
Stephen Frears, der auf Welterfolge wie "Mein wunderbarer Waschsalon" und "Gefährliche Liebschaften" zurückblicken kann, inszeniert diese Fabel aus der großstädtischen Unterwelt mit kühler Einfühlung, gibt den distanzierten Blick keine Sekunde auf und schafft doch Momente von Gefühl und sogar von Humor in diesem inneren Polarhöllenkreis. Etwa wenn am Ende, nachdem Senor Juan um eine Niere erleichtert worden ist, der Fahrer des Fluchtwagens, Guo Yi (Benedict Wong), der in der Pathologie arbeitet und sein Möglichstes tut, um seinem Freund Okwe zu helfen, auf Okwes Feststellung, seine Hände zitterten, antwortet: "Meine auch. Ich habe nämlich keinen Führerschein." Zugleich gibt Frears dem Verlangen, Grauen zu erregen, nicht mehr nach als nötig.
Mit "Dirty Pretty Things" fügt Stephen Frears den heißen Kandidaten für den Goldenen Löwen einen weiteren hinzu.
"Dirty Pretty Things", USA 2002, Regie: Stephen Frears, mit: Chiwetel Ejiofor, Audrey Tautou, Sergi Lopez u.a.
Antiproustisch: Piergiorgio Gays Film "La Forza del Passato"
Gianni Orzan erzählt am Ende des neuen Films von Piergiorgio Gay eine Geschichte über "La forza del passato", die Macht der Vergangenheit - und über ihre Ohnmacht. Als er in seiner Wohnung einen scheußlichen Kamin abgebaut habe, den sein Vorgänger dort hatte errichten lassen, erzählt er seiner Mutter (Valeria Moriconi), habe er hinter den Steinen etwas gefunden: "Ein vertrocknetes Stück Scheiße, in eine Zeitung aus dem Jahre 1953 gewickelt", hinterlassen seinerzeit wohl von dem Maurer des Kamins. "Der Besitzer der Wohnung hat also die besten Momente seines Lebens vor einem Stück Scheiße verbracht", sagt Gianni. Und dann stellt er seiner Mutter die entscheidende Frage: "Hättest du es ihm gesagt?"
Gleich nach dem Tod seines Vaters erhält Gianni Orzan (Sergio Rubini, der in "The Talented Mr. Ripley" mitgespielt hat und auch mit einem eigenen Film, "L'anima gemella", bei den Filmfestspielen vertreten ist) Besuch von Gianni Bogliasco alias Gianni Fusco alias Gianni Costante (Bruno Ganz). Der Namenspluralismus hat seinen Grund: Bogliasco ist Geheimagent. KGB. Genau wie Gianni Orzans Vater, sagt Bogliasco, gleichsam das Stück Scheiße auspackend, vor dem Gianni sein bisheriges Leben gesessen hat. Gianni glaubt Bogliasco zuerst kein Wort. Sein Vater war doch General der italienischen Armee! Und da soll er KGB-Agent gewesen sein? Genau das sei ja die Pointe, erklärt Bogliasco. Giannis Vater sei vom KGB für den Fall eines Krieges eingeschleust worden. Nur sei der Kriegsfall eben nie eingetreten.

Das ist schon die ganze Geschichte des Agentenfilms "La forza del passato". Mehr ist nicht, keine Verfolgungsjagden, keine explodierenden Hotelzimmer. Der Kriegsfall tritt nicht ein. Gianni erfährt bloß, dass sein Vater nicht der war, der er zu sein schien, all die Jahre lang. Daran schließt sich für ihn die Frage an, wer er selbst überhaupt ist, was aus ihm wurde mit den Jahren, inwieweit er ein Bourgeois geworden oder immer noch ein Rebell ist?
Gianni ist Autor von Kinderbüchern, deren Held "Qwerty Uiop" heißt (die Buchstaben stammen aus der obersten Reihe der italienischen Schreibmaschinentastatur, von links nach rechts), und so pendelt der Film zwischen zwei Realitäten: Auf der einen Seite steht die reale Realität, in der sich ein schleichender Realitätsverlust ereignet, der mit dem Auftreten von Bogliasco beginnt und mit dem Geständnis von Anna (Sandra Ceccarelli), Giannis Frau, endet, eine Affäre gehabt zu haben. Auf der anderen Seite ist da die infantil-phantastische Welt des Qwerty Uiop, in der eine Annäherung an den gestorbenen Vater, eine Aussöhnung mit der nicht mehr einzuholenden Vergangenheit stattfindet.
"La forza del passato" ist so gewissermaßen ein antiproustischer Film geworden. Denn er artikuliert die Überzeugung, dass man die Vergangenheit eben nicht zurückholen kann. Das Vergangene ist vergangen, und wenn man es dabei belässt, verliert es auch seine Macht. Man muss seinen Frieden mit dem machen, was hinter einem liegt, uneinholbar, und in der Gegenwart leben - eine sehr italienische, venezianische Einstellung. "Ich werde jetzt ein bisschen schlafen", sagt Gianni am Ende zu seiner Frau, "und wenn ich wieder aufwache, werde ich in das Leben zurückkehren, an das ich gewöhnt war."
Man muss ein paar Worte auch über Bruno Ganz sagen. Ganz fügt dem Filmbild gewissermaßen die dritte Dimension hinzu. Zugleich bringt er etwas ausgesprochen Menschliches, Nachvollziehbares auf die Leinwand. Anstatt einen der gewöhnlichen KGB-Hollywoodhampelmänner zu mimen, die wie aus Eis geschnitzt erscheinen und nicht mehr sind als ein harter Mund, aus dem harte Sätze fallen, stellt er einen Menschen vor uns hin. Einen, der blutet, wenn wir ihn stechen.
"Ich möchte einen leisen Film machen", muss sich Piergiorgio Gay gesagt haben, nachdem er den Roman "La forza del passato" von Sandro Veronesi gelesen hatte, "einen netten, intelligenten Film. Und ich möchte Bruno Ganz darin haben." Gay hat einen leisen, intelligenten Film gemacht, und er hat Bruno Ganz darin.
"La forza del passato", Italien 2002, Regie: Piergiorgio Gay, mit: Sergio Rubini, Bruno Ganz, Sandra Ceccarelli u.a.
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