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Die Filmfestspiele in Venedig - 3. Tag
Von Robert Mattheis
31.08.2002. Heute morgen lief für die Presse "Road to Perdition" mit Tom Hanks. Ein Spielberg-Film, auch wenn er von Sam Mendes ist. Und Tom Hanks ist gar nicht böse...
Makellose kleine Fische - Tom Hanks in "Road to Perdition"
Im türkisgrünen Wasser an der Bootsanlegestelle des Lido flitzen Tausende von kleinen Fischen umher. Ausgehend von der Evolutionstheorie, darf man wohl annehmen, dass sie mit dem Überlebenskampf beschäftigt sind. Ein ebensolcher kleiner Fisch ist Michael Sullivan, gespielt von Tom Hanks, den man, beinahe unnötig, das zu sagen, am nachhaltigsten wohl als "Forrest Gump" in Erinnerung hat. Von den anderen kleinen Fischen um ihn herum unterscheidet ihn lediglich, dass er eine besonders ruppige Art des Überlebenskampfes pflegt: er ist Berufskiller.

Die eigentliche Handlung des Films beginnt mit einer typisch freudianischen Fragestellung: Sullivans Sohn, der auch Michael heißt (Tyler Hoechlin), will herausbekommen, was sein Vater nachts so treibt. Wie groß ist der Schock des Kleinen (wir sehen unseren Freudianer begeistert im Sessel wackeln), als er herausfinden muss, dass sein Vater tatsächlich eine Knarre einsetzt - und was für eine! Eine, die mächtig genug ist, um eine ganze Straße leerzufegen (aber das beweist sie erst am Ende des Films). Am Anfang war die Neugierde, das ist eine alte Geschichte, und sie brachte uns nichts Gutes ein.
"Road to Perdition" ist ein Spielberg-Film, in dem Sam Mendes Regie geführt hat. Das ist nicht nur in dem Sinne gemeint, dass Steven Spielberg an der Produktionsfirma, Dreamworks, beteiligt ist. Sondern der Film ist hervorragendes kineastisches Handwerk. Natürlich kennt man den Plot, wenn man den Trailer des Films gesehen hat. Das ist so berechnet. Es gibt nichts in dem Film, das nicht auf einige Entfernung schon vorhersehbar wäre. Auch das gehört wohl ins Kalkül. Nichts soll den Film daran hindern, großes Hollywoodunterhaltungskino zu zelebrieren. Man soll sich heimisch fühlen als Zuschauer. Die Inszenierung ist ausgesprochen well-made. Wenn man mit den beiden Michaels und Dutzenden von Oldtimers ins Chicago von 1931 einfährt, kann man schon mal eine Gänsehaut bekommen.

Die Darstellerleistungen sind makellos. Genau das, was man erwartet hat. Jude Law stellt als nekrophil-kauziger Gegenprofikiller wieder einmal seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Tom Hanks gibt routiniert Tom Hanks. Und Paul Newman als leicht vernuschelten irischen Godfather wiederzusehen, ist natürlich eine Freude.
Mit einem Mythos allerdings, dem unter anderen auch der Spiegel aufgesessen ist, muss man aufräumen. Mit dem Mythos nämlich, Tom Hanks spiele in "Road to Perdition" einen Bösewicht. Hanks ist ebenso wenig ein Schurke, wie Clint Eastwood in "Unforgiven" ein Böser war. Ein böser Bube, vielleicht. Aber kein Böser. Dafür schießen sowohl Eastwood als auch Hanks einfach zu gut.
In künstlerischer Hinsicht ist der Film natürlich eine Nummernrevue, und ihn etwa mit den "Magdalene Sisters" zu vergleichen, die gestern liefen, ist ein seltsam unergiebiges Unterfangen. Peter Mullen, Regisseur der "Magdalene Sisters", erklärte auf der Pressekonferenz, er habe mit seinem Film gesellschaftliche Missstände kritisieren wollen. Auf der "Road to Perdition" wird man nach derlei Anliegen vergeblich suchen. "The Magdalene Sisters" zeigte Gewalt, "Road to Perdition" zeigt, wie Gewalt perfekt inszeniert wird.
Sam Mendes, der Regisseur, ist für "American Beauty" bekannt geworden, einen Film, der für Hollywoodverhältnisse ganz außergewöhnlich war. Im Wesentlichen beruhte der Ruhm der "American Beauty" auf gewissen Unverschämtheiten, die der Film sich leistete: der Star, Kevin Spacey, sprach offenherzig von allmorgendlicher Onanie, nach der es mit dem Tag bergab ging, und war auf das Nachbarsmädel scharf. Und dann, ja, war da noch eine Plastiktüte, die, eingepackt in eine Windhose, minutenlang in der Luft stand. Einfach nur so. Das war alles sensationell für Hollywoodverhältnisse. Mit seinem Spielberg-Film tritt Mendes nun den Beweis an, dass er gerne in Hollywood und seinen Verhältnissen bleiben möchte.
Kein großer Film also, aber doch großes Unterhaltungskino. Der Beifall, den die aus dem Kino am Lido ins Licht hinaus flitzenden Journalistenfische spendeten, war voller Hochachtung und, ja, Dankbarkeit. Das Vorführzelt war übrigens bis auf den letzten Platz gefüllt.
"Road to Perdition", USA 2002, Regie: Sam Mendes, mit: Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law und andere.
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