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Post aus New York
Kontroverse Koranlektüre
Von Ute Thon
31.08.2002. Sollen amerikanische Studenten den Koran lesen? In den USA ist eine heftige Debatte entbrannt um ein Sommerleseprogramm der University of North Carolina, das ein Buch über 35 frühe Suren des Korans empfiehlt.
Die University of North Carolina (UNC) in Chapel Hill ist eigentlich eine amerikanische Vorzeige-Institution. Die älteste öffentliche Universität des Landes wurde 1776 gegründet und gilt mit ihren historischen Gebäuden und weitläufigen Campusanlagen als nationale Sehenswürdigkeit. Dank eines liberalen und weitgefächerten Studienangebots genießt sie unter Professoren und Studenten einen hohen Ruf und wird in Hochschulranglisten seit Jahren ganz oben eingestuft. Diesen Sommer nun sieht sich die Musteruni plötzlich im Zentrum einer nationalen Kontroverse um Koranstudien und Verfassungstreue, Aufklärung oder Indoktrination und die Trennung zwischen Kirche und Staat.
Auslöser des Konflikts ist ein Einführungskurs zum Thema Islam. Nach den Attentaten vom 11. September registrierte die UNC-Verwaltung wie fast alle US-Hochschulen ein gesteigertes Interesse an islamischen Themen. Studenten, die bis dahin kaum einen Gedanken an die zweitgrößte Weltreligion verschwendet hatten, stürmten plötzlich Kurse zur Nahost-Politik und Islamwissenschaft und organisierten aktuelle Diskussionsrunden. In Chapel Hill trugen nach den Attentaten sogar Hunderte von Studenten einen Tag lang islamische Kleidung, um ihre Solidarität mit muslimischen Mitstudenten zu demonstrieren. Deshalb entschloss sich Hochschulpräsident James Moeser, im Rahmen eines traditionellen Sommerleseprogramms diesmal allen Erstsemestlern ein Buch über den Koran zur Lektüre zu empfehlen: "Approaching the Qur'an: The Early Revelations" von Michael Sells, einem vergleichenden Religionsprofessor vom Haverford College.
Die ausgewählten Bücher für das Sommerleseprogramm dienen als Diskussionsgrundlage für ein zweistündiges Orientierungsseminar am Anfang des Semesters und handelten in der Vergangenheit von Kindheitserlebnissen in einem Chicagoer Housing Project, dem amerikanischen Bürgerkrieg und Problemen von Immigranten mit Amerikas Gesundheitssystem. Gegen keines der vorangegangenen Themen gab es Proteste. Doch als Vertreter des "Family Policy Networks", einer konservativen christlichen Interessengruppe mit Sitz in Virginia, von der diesjährigen Leseauswahl erfuhren, protestierten sie lautstark gegen die "erzwungene islamische Indoktrination" und forderten eine sofortige Kursänderung. (Hier eine Begründung von Joe Glover, Präsident des Family Policy Networks in der Zeitschrift USA today).
In einer Klage vor dem Bezirksgericht von Chapel Hill argumentierten sie, dass der Koran-Kurs gegen die amerikanische Verfassung verstoße, weil er die darin verankerte Trennung von Kirche und Staat verletze und den Islam als lobenswerte Religion heraushebe. Die Klage wurde vor zwei Wochen zwar abgeschmettert, doch die Family Network-Anwälte gingen in die Berufung. Vergangene Woche Montag, eine Stunde vor Semesterbeginn, entschied nun auch das Berufungsgericht in Richmond, Virginia zu Gunsten der Universität und unterstützte deren akademische Meinungsfreiheit. Nun planen die konservativen Christen, den Fall vors oberste Verfassungsgericht zu bringen.
Der Angelegenheit machte internationale Schlagzeilen. New York Times-Kolumnist Thomas Friedman nannte es "einen der peinlichsten Momente für Amerika seit dem 11. September" und verglich die Engstirnigkeit konservativer Christen in North Carolina mit Osama Bin Ladens radikalem Anti-Amerikanismus. Zum Semesterbeginn wurden die Studenten auf dem Campus von Dutzenden aufgeregter TV-Reporter belagert. UNC-Präsident James Moeser kann sich schon seit Wochen nicht mehr vor Emails retten. Die meisten Reaktionen seien ermutigend und unterstützten den engagierten Lehrplan der Hochschule, sagt der Hochschulleiter. Doch es habe auch heftige Anschuldigungen gegeben, darunter auch solche, die behaupten, er unterstütze mit dem Leseprogramm "das Werk Satans". Bill O'Reilly, Fox-Moderator, nannte das Buch in seiner populären Polit-Talkshow "Feindesliteratur", die er persönlich niemals lesen würde.
Ebenso bedenklich sind die Reaktionen der General Assembly, North Carolinas Landesparlament. Parlamentsmitglieder diskutieren gerade eine Gesetzesänderung, die Universitäten die Finanzierung streichen würde, wenn sie in ihrem Lehrplänen nicht "allen bekannten Religionen" die gleiche Unterrichtszeit einräumen. Eine klare Attacke konservativer Politiker gegen eine liberale Bildungseinrichtung, die bei ihnen seit langen im Verdacht steht, eine marxistische Brutstätte zu sein. Schon einmal, in den sechziger Jahren nach der McCarthy-Ära verabschiedeten die Landesväter einen Erlass, der es vermeintlichen Kommunisten, sprich kritischen Intellektuellen, die sich gegen die antikommunistische Hetzjagd ausgesprochen hatten, untersagte, Vorlesungen an staatlichen Hochschulen zu halten. Die Universitätsleitung kämpfte damals erfolgreich für die Aufhebung dieses Maulkorberlasses.
Die heutigen UNC-Studenten verstehen dagegen die ganze Aufregung nicht. Wenn überhaupt, hat der Wirbel um das Leseprogramm ihr Interesse an islamischen Themen noch verstärkt. In einer Umfrage der New York Times zeigte sich die Mehrheit erfreut über die Aussicht, mehr über den Islam zu lernen. Kritik gab es eher darüber, dass das Buch, das 35 frühe Suren des Korans interpretiert, nicht weit genug geht und viele Fragen zum Islam unbeantwortet lässt, zum Beispiel das Paradox zwischen friedensstiftender Lehre und dem Ruf nach einem "heiligen Krieg" gegen Ungläubige. "Ich glaube nicht, dass Intoleranz gegenüber anderen Religionen eine Richtschnur ist, die Christus uns vorgelebt hat und der wir folgen sollten", fasste Maggy Lampley, eine Erstsemestlerin und bekennende Christin die Stimmung auf dem Chapel Hill-Campus zusammen. Hinter ihr forderte eine Gruppe von Protestlern auf ihren Transparenten: "Bibel lesen statt Koran."
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