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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Post aus Istanbul

Islamischer Calvinismus

Von Constanze Letsch

11.05.2010. In Istanbul soll einer der ältesten und traditionsreichsten Kinosäle abgerissen und das Kino selbst, das Emek, in ein neues Einkaufszentrum verfrachtet werden. Dagegen wehren sich nicht nur Filmregisseure, sondern auch Architekten und Denkmalschützer.

Am 10. April 2010 brachten die Aktivisten vom Istanbul Kültür Sanat Varyetesi eine Plakette neben dem jetzt mit einem Schloss verhängten Eingang des Emek-Kinos an, einem der ältesten Kinos in der Türkei: "10. April 2010. Das Emek-Kino steht immer noch. Sie wollen es abreißen, aber wir erlauben das nicht." Das Gebäude Cercle d'Orient, in dem sich das Kino befindet, wurde 1884 nach Entwürfen des levantinisch-französischen Architekten Alexandre Vallaury errichtet. 1924 öffnete das Melek-Kino, das später in Emek umbenannt wurde, seine Tore: Auf dem Grundriss einer alten russischen Eislaufbahn entstand ein Kinosaal, der 875 Zuschauer fasst. Seinen Namen (Melek heißt Engel auf Türkisch) erhielt das Kino wegen der zwei Engel im Art Nouveau-Stil, die über der Leinwand schweben.

2000 wurde das Kino renoviert und mit neuester Vorführ- und Tontechnik ausgestattet. Viele Istanbuler verbinden die Liebe zum Film mit dem Emek. Murat Özer, der Präsident des Vereins türkischer Drehbuchautoren (SIYAD), spricht sogar von einer "tempelartigen Atmosphäre": "Im Emek einen Film zu sehen, ist etwas ganz besonderes." Doch seit Monaten ist der Eingang dieses Filmtempels mit einem Schloss verhängt.

Obwohl das Emek sich seit 1958 in öffentlicher Hand befindet, war es immer auch Schauplatz kleiner, mutiger Revolten: Zum Beispiel fand hier nach dem gewaltsamen Militärputsch 1980 Ende der achtziger Jahre die erste große öffentliche 1. Mai-Feier statt, linke Konzerte wurden aufgeführt und auch Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" wurde im Emek-Kino unter wütenden Protesten religiöser Gruppen gezeigt. Aber in Istanbul, wo man heute für nur drei bis fünf Lira an jeder Straßenecke schwarzkopierte DVDs kaufen kann, ist der Betrieb eines Kinos kein leichtes Unterfangen. Sahin Dilbaz, der Betreiber des Rüya-Kinos, das sich ebenfalls im Cercle d'Orient befindet, sagt: "Manchmal machen wir das Kino für nur zwei oder drei Zuschauer auf, die Leute gehen in die Kinos in den Einkaufszentren. Ein Kino kann nicht nur von einem Filmfestival im Jahr leben."

Türkische Regisseure, darunter Nuri Bilge Ceylan und Semih Kaplanoglu, der dieses Jahr für seinen Film "Bal - Honig" den Goldenen Bären gewann, sind besorgt über die rasch hintereinander schließenden Kinos in Beyoglu. Für unabhängige türkische Filmemacher wird es zunehmend schwierig, Kinos zu finden, die ihre Filme zeigen wollen. Denn nicht nur im Emek fiel der Vorhang zum letzten Mal: Das 1923 unter dem Namen Cine Salon Elektra eröffnete Alkazar-Kino auf der Istiklal-Straße, das in den ersten Jahren auf Horrorfilme, Western und Science Fiction spezialisiert war, ging nach einer Komplettrenovierung 1994 dazu über, Arthousefilme zu zeigen und Filme, die kein anderes Kino in Istanbul spielte. Am 1. März 2010 musste es aus finanziellen Gründen schließen. Das Rüya-Kino wird am 31. Mai 2010 schließen und sowohl das Beyoglu-Kino als auch das Sinepop, beide an und um die Istiklal-Straße angesiedelt, sind von der Schließung bedroht.

Bei der Abschlussveranstaltung des diesjährigen Internationalen Istanbuler Filmfestivals hielt Semih Kaplanoglu, der für "Bal" den Publikumspreis gewann, nicht mit seiner Wut zurück: "Ich hätte die Premiere meines Films sehr gerne [im Emek] gesehen. Aber der zerstörerische Abriss-Vandalismus ist aus den Wäldern in die Stadtzentren gekommen." Er habe sich vor allem wegen der im Emek gezeigten Filme für eine Laufbahn als Filmemacher entschieden. "Außerdem möchte ich auch daran erinnern, dass das Emek nie fettig oder dreckig war." Der Regisseur erhielt für seinen Appell donnernden Applaus. Mit seinen Worten bezog sich Kaplanoglu auf ein Interview des Kultus-und Tourismusministers Ertugrul Günay mit der Tageszeitung Radikal, in der der Minister das "Erneuerungsprojekt" verteidigt: "Wenn ich zwei Jahre warten, aber dafür nicht mehr auf diesen dreckigen, fettigen Sesseln sitzen muss, warte ich gern." Und er fügt hinzu: "Und am Ende wird es so sein, dass wir das Kino trotz der Leute renoviert haben, die der Meinung waren, es in seinem heruntergekommenen Zustand belassen zu müssen. Ist das denn so schlimm? Die werden sogar sagen: 'Sie haben das Kino ja genauso wieder aufgebaut.'"

Azize Tan, Direktorin des Filmfestivals, kommentiert: "Niemand ist gegen eine Renovierung des Emek-Kinos, sie ist absolut nötig." Aber geht es wirklich um Renovierung oder um Abriss? Sowohl die Stadtverwaltung als auch die Baufirma weigerten sich, der Öffentlichkeit die Baupläne für das neue, zu einem Einkaufszentrum umgebaute Cercle d'Orient zugänglich zu machen. Jetzt sind sie zum Leidwesen der Obrigkeit im Internet aufgetaucht und strafen die Behauptung des Bürgermeisters und des Kultusministers, man wolle das Gebäude nicht abreißen, sondern renovieren, Lügen. Denn die Pläne sehen vor, über die ganze Rückseite des jetzigen dreistöckigen Cercle d'Orient ein achtstöckiges Einkaufszentrum hochzuziehen, in dessen oberste Etage das Emek-Kino als Teil eines modernen Multiplexkinos einziehen soll.

"Ob nun im Erdgeschoss oder in der zweiten Etage ist doch egal. Hauptsache, das Kino steht wieder", wies der Bürgermeister von Beyoglu, der im März 2009 mit knapper Mehrheit wiedergewählte AKP-Politiker Ahmet Misbah Demircan, die Kritik zurück.

Mücella Yapici von der Architektenkammer Istanbul hat für diese Auslegung des Denkmalschutzes kein Verständnis: "Das ist völliger Unsinn. Es ist so, als würde man die Süleymaniye-Moschee abreißen und neu wiederaufbauen." Und Koray Gümüs spottete in Radikal: "Wenn es das ist, was der Minister unter dem Schutz von Kulturerbe versteht, dann sollten wir nicht historische Gebäude schützen, sondern Hotels in Antalya, die dem Topkapi-Palast nachempfunden sind."

Seit 2004 forderte auch die UNESCO die Stadt wiederholt auf, sich angemessen um ihre historischen Gebäude zu kümmern, die seit 1985 offizielles Weltkulturerbe sind. Die byzantinische Stadtmauer zum Beispiel gab der UNESCO Anlass zur Beanstandung, da sie nicht fachgerecht restauriert, sondern einfach mit neuen Steinen geflickt worden war. Bei einer Besichtigung der Stadt 2006 stellte die internationale Kommission verblüfft fest, dass an vielen der Restaurierungsbaustellen kein Gebäude mehr stand - Abriss und Neuaufbau ist schon lange eine beliebte Methode.

"Islamischen Calvinismus" nennt das Can Atalay, Anwalt in der Istanbuler Architektenkammer (TMMOB). "Was der Protestantismus für den Kapitalismus im Westen war, das ist der AKP-Islam für den Kapitalismus hier." Unter der AKP-Regierung wird Istanbul seit einigen Jahren radikal rationalisiert und modernisiert, sprich: gleichgemacht.

Und Ugur Tanyeli, Professor für Geschichte der Architektur an der TU Yildiz Istanbul, erklärt: "Unter Erneuerung versteht man hier die Illusion eines historischen Gebäudes. Es soll sauber sein, ordentlich, neu. Die Häuser sollen nur oberflächlich so aussehen, als wären sie alt. Ein bisschen wie Disneyland." Er fährt fort: "Die herrschenden Konservativen haben als Ideal ein Istanbul wohlhabender Familien vor Augen. Sie orientieren sich dabei an Aussehen und Atmosphäre amerikanischer Vororte."

Sulukule zum Beispiel, eines der ältesten Romaviertel der Welt, musste bereits Einfamilienhäusern im "osmanischen" Stil weichen, das denkmalsgeschützte Tarlabasi soll noch in diesem Jahr einer luxuriösen Gated Community, komplett mit verglasten Bürokomplexen und Einkaufszentrum, Platz machen. Aber die Fassaden der neuen Wohnhäuser, versprach Bürgermeister Demircan, werden kaum von denen der originalen levantinischen Häuser zu unterscheiden sein.

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