Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Artikel von
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Bücher von Lesern empfohlen

Joachim Seng: Goethe-Enthusiasmus

Ernst Kaiser: Die Geschichte eines Mordes

Mord und Ratschlag
Papa war doch einfach der Beste
Von Thekla Dannenberg
09.10.2009. In Neapel brennt der Müll, im Nordosten Italiens wird das schmutzige Geld in respektable Geschäftsgewinne verwandelt. Massimo Carlotto beschreibt in seinem Krimi "Wo die Zitronen blühen" die Anmaßungen einer Patrizierschicht, die ganze Städte ihrem Privilegiensystem unterworfen hat.
Die mit Abstand sympathischste Gestalt in Massimo Carlottos neuem Krimi "Wo die Zitronen blühen" ist ein Trinker, der ein Vermögen für Frauen, Alkohol und Glücksspiel verprasst hat und der schließlich wegen Brandstiftung mit tödlichen Folgen im Gefängnis landet. Gleich darauf folgt der Finanzhai, eine Art Bernie Madoff aus der Provinz, der allerdings trotz erfolgreicher Pyramidengeschäfte nie zu den besseren Kreisen aufschließen wird: Seine ebenfalls trinkende Frau muss versteckt gehalten werden, man könnte sie für seine Putzfrau halten; sein delinquenter Sohn raubt nachts gern alte Witwen aus. Auch mit den restlichen Figuren möchte man lieber keinen Espresso an der Bar trinken: Es sind die besseren Kreisen des italienischen Nordostens, Löwen und Schakale allesamt, und am liebsten verspeisen sie junge Gazellen.
In diesen Kreisen weiß man sich vor den Zumutungen der Realität bestens zu schützen: "Denk immer daran, wer Du bist, und alles wird gut." So haben die einflussreichen Familien Padaniens das Verschwinden von Staat, Parteien und Kirche verkraftet, die chinesische Konkurrenz abgewehrt und die rumänische Mafia in Schach gehalten, von der sie sich natürlich gern mit Nutten und Koks versorgen lassen. Aus einer dieser wohlhabenden Familien stammt auch der junge Anwalt Francesco Visentin, dessen Verlobte Giovanna Barovier eine Woche vor der Hochzeit ermordet wird. Alles spricht für eine Eifersuchtstat und gegen ihn: Der Sex am Abend, der Tod in der Badewanne. Dass sie einen Geliebten hatte, was sie ihm, Francesco, offenbar hatte beichten wollen, belastet ihn nicht weniger als den ominösen Liebhaber. Francesco beginnt auf eigene Faust nachzuforschen, mehr aus gekränkter Eitelkeit als aus Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit.
Je tiefer Francesco in das verworrene Dickicht emotionaler Verstrickungen vordringt, um so deutlicher wird ihm und uns, dass Familie kein emotionaler oder biologischer Komplex ist, nicht einmal ein dysfunktionaler Neurosenzusammenhang, sondern ein komplexes ökonomisches System, für dessen Aufrechterhaltung und Absicherung man eine ganze Reihe Handlanger braucht: Ermittlungsrichter, Journalisten, Camorristi und - zur Förderung der internationalen Geschäftsbeziehungen - die alten Securitate-Leute. Der Nordosten, den Carlotto hier schildert, ist keine Region, die sich dank arbeitsamer Menschen zu einer der reichsten Industrieregionen Europas entwickelt hat, sondern der riesige Pool, in dem all die Milliarden, die die süditalienische oder rumänische Mafia mit Drogen- und Frauenhandel verdient haben, in respektable Geschäftsgewinne umgewandelt werden. Der Müll brennt in Neapel, im Nordosten gedeiht die Wohlanständigkeit.
"Wo die Zitronen blühen" ist der dritte Krimi, den der Tropen Verlag in einem neuen Anlauf, Massimo Carlotto auch in Deutschland bekannt zu machen, herausbringt. In Italien ist Carlotto einer der bekanntesten Krimi-Autoren und einer der berühmtesten Kriminalfälle: Carlotto war in seinen jungen Jahren Mitglied der linksextremen Lotta continua und des Mordes an einer Frau angeklagt, die er tot in seiner Wohnung gefunden hatte. Nach seiner Verurteilung floh er, der seine Unschuld beteuerte, über Frankreich nach Mexiko. Nach sechs Jahren stellte er sich den italienischen Behörden und verbrachte sieben Jahre im Gefängnis. In insgesamt elf Verfahren, an denen in einem Zeitraum von achtzehn Jahren achtzig Richter beteiligt waren und sich 96 Kilo Akten ansammelten, wurde das ursprüngliche Urteil kassiert und bestätigt, revidiert und wieder bestätigt, bis Carlotto schließlich vom Staatspräsidenten begnadigt wurde. Im Gefängnis begann er, sich mit seinen "Alligator"-Romanen, in denen er nur tatsächlich begangene Verbrechen beschrieb, zum führenden Noir-Autor Italiens hochzuschreiben.
Carlotto geht es in seinen Krimis um die Themen, mit denen sich Italiens Medien seiner Meinung nach nicht genug beschäftigen, in diesem Fall die Anmaßungen einer Patrizierschicht, die ganze Städte ihrem Privilegiensystem unterworfen hat. Tiefere Charakterzeichnung wird man bei ihm nicht finden, dafür durchaus die ein oder andere bourgeoise Charaktermaske. Und angesichts all der aufgebotenen Verkommenheit, ist "Wo die Zitronen blühen" auf zweihundert Seiten auch ganz schön zackig erzählt, übrigens zusammen mit dem Drehbuchautor Marco Videtta.
Ihm ist vielleicht auch die deutlich mildere Diktion zuzuschreiben als etwa in "Arrividerci, amore, ciao", in dem Carlotto die Geschichte eines Ex-Terroristen erzählt, der sich mit unbeschreiblich krimineller Energie den Weg zurück in die Gesellschaft mordet und dem der Leser aus der Ich-Perspektive folgt. Allerdings ist der so sanft in seine Privilegien gebettete Francesco kaum leichter zu ertragen. Fast aufrichtig entsetzt, dass seinem Vater so viel Neid und Missgunst entgegenschlägt, ruft er: "Papa war doch einfach der Beste."
Massimo Carlotto, Marco Videtta: "Wo die Zitronen blühen". Kriminalroman. Aus dem Italienischen von Judith Elze. Tropen Verlag, Stuttgart 2009, 18,90 Euro (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
Emotional labiler Federfetisch
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen
Kein Schlaf, nur Albträume
02.12.2009. In seinem Roman "Tokio im Jahr Null" lässt David Peace neben allen anderen Untätern auch noch einen Serienmörder umgehen. Das ergibt einen einzigen Albtraum. Die Frage ist allerdings: wessen? Mehr lesen
Der Tod ist ein Meister aus Schottland
25.02.2009. Kräfte des Widerspruchs messen sich in "Das Zeichen des Widders", dem gemeinsamen Werk von Krimiautorin Fred Vargas und Comiczeichner Edmond Baudoin. Und Kommissar Adamsberg ist auch dabei. Kate Atkinsons zeigt in "Lebenslügen" ihre schwarze Seele. Mehr lesen
Riverrun Raskolnikow
23.10.2008. In "Citizen Sidel", dem zehnten Teil von Jerome Charyns grandioser fantasmagorischer Saga ist Isaac Sidel auf dem Sprung zur Vizepräsidentschaft und kämpft mit seiner Glock und einer zugelaufenen Ratte namens Raskolnikow gegen das Böse, um sein Leben und natürlich die mythische Geliebte Anastasia. Mehr lesen
Der strenge Besänftiger
01.09.2008. Still ruht der See in Heinrich Steinfests neuem Roman "Mariaschwarz". Scheint es. Schnell kommt aber Unruhe auf. Eine Leiche taucht auf, eine Symbiose wird gestört, das ganz normale Unheil nimmt seinen Lauf. Kommissar Lukastik muss verhindern, dass die Inkongruenzen überhand nehmen, und der Erzähler schreibt noch auf geraden Linien krumm. Mehr lesen
Slowakische Berggoralen
23.06.2008. In der ostösterreichischen Provinz kämpft Manfred Wieningers Diskont-Detektiv Marek Miert - ohne viel Schlag in der Damenwelt - mit seinen "Rostigen Flügeln" gegen das Unrecht der Welt und scheut dabei weder Kalauer noch Polizei. Mehr lesen
Sex und Reinfall
08.05.2008. Der Rotbuch-Verlag übernimmt eine der aufregendsten amerikanischen Krimireihen - die Pulp Fiction Revival-Unternehmung "Hard Case Crime". Dazu gehört Mut, denn der deutsche Buchmarkt liebt das Hartgesottene in der Regel eher nicht. Leider sind die ersten drei Bände qualitativ eher gemischt, immerhin "Abschied ohne Küsse" des Schotten Allan Guthrie kann überzeugen. Mehr lesen
Wahnsinn der Vernunft
07.04.2008. In Robert Littells um ein Weniges in eine mögliche Zukunft versetztem Roman "Die Söhne Abrahams" steht der Frieden im Nahen Osten unmittelbar bevor. Andrew McGahan dagegen blickt mit "Last Drinks" zurück auf einen Skandal aus dem Brisbane der späten Achtziger Jahre. Mehr lesen
Heil in der Flucht
12.03.2008. Von Brüssel nach Mexiko, vom Polizeialltag in Grenzbereiche des Absurden geht die wilde Jagd in Linus Reichlins Romandebüt "Die Sehnsucht der Atome" - erstaunlicherweise folgt man da gerne. Die beste Gelegenheit, Bekanntschaft mit einer der erfolgreichsten japanischen Krimiserien zu schließen, bietet der zweite Band um Arimasa Osawas "Hai von Shinjuku". Mehr lesen
Schopenhauer zur Nacht
31.01.2008. Nord-Idaho ist ein schöner und einsamer, in C.J. Box' vielschichtigem Thriller "Stumme Zeugen" aber auch ein mordsgefährlicher Landstrich. Kein bisschen heiler ist die Welt in den englischen Midlands, wie Iain McDowall sie in "Zwei Tote im Fluss" schildert: Im Provinznest Crowby sind nämlich die Neo-Nazis los. Mehr lesen
Die Unerbittlichkeit des Schnees
02.01.2008. Russische Gegenwart: Monster tauchen auf, Menschen verschwinden, der Held bekommt eine Kugel in den Kopf - und über alles legt sich in Martin Cruz-Smiths Roman "Stalins Geist" der Schnee. In "Das Gesetz der Ehre", Gianrico Carofiglios drittem Roman um den Avvocato Guido Guerrieri, ist das Leben bittersüß und die Wahrheit relativ. Mehr lesen
Winter im Gemüt
10.12.2007. Auf den ersten Blick gleichen sich die verwitweten Helden von Brian Freemans "Doppelmord" und Peter Temples "Vergessene Schuld" - dennoch gibt es einen Unterschied zwischen den Büchern: Das eine taugt was, das andere nicht. Mehr lesen
Driver und Dronten
09.11.2007. James Sallis destilliert in seinem knappen, klaren Roman "Driver" berauschende Noir-Essenzen, Heinrich Steinfest verknüpft in "Die feine Nase der Lilli Steinbeck" einen actionreichen Plot, gezielte Abschweifung und die Sehnsucht nach Stille Mehr lesen
Blondes Gift
15.10.2007. Duane Louis setzt seinen Helden im rasanten Thriller "Blondes Gift" unter heftigen Zeit-, Raum- und Sozialdruck. Und Giwi Margwelaschwili lässt in "Officer Pembry" das "Schweigen der Lämmer" zukünftige Wirklichkeit werden. Mehr lesen
Mehr Lump als Advokat
27.09.2007. "Er wirkte glücklich wie ein erigierter Schwanz" - Joe Lansdales "Rumble Tumble" ist ein Fest für alle Freunde sprachlicher Drastik. Und Hannelore Cayre lässt in "Der Lumpenadvokat" das französische Rechtssystem so schlecht aussehen, wie es womöglich sogar ist. Mehr lesen



