Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Nicolas Dickner: Nikolski, Teil 1

02.02.2009.

Magnetische Abweichung

Mein Name ist ohne Bedeutung.

Alles beginnt im September 1989 gegen sieben Uhr in der Frühe.

Ich schlafe noch, eingerollt in meinen Schlafsack, im Wohnzimmer auf dem Boden. Um mich herum stapeln sich Pappkartons, zusammengerollte Teppiche, halb auseinandergenommene Möbel und Werkzeugkisten. Die Wände sind kahl bis auf die hellen Flecken von den Bilderrahmen, die dort allzu lange hingen.

Durch das Fenster hört man den monotonen Rhythmus der Wellen, die sich auf dem Kieselstrand brechen.

Jeder Strand hat seine ganz eigene akustische Signatur, die abhängig ist von der Länge und Stärke der Wellen, von der Beschaffenheit des Bodens, der Morphologie der Landschaft, der vorherrschenden Windrichtung und der relativen Luftfeuchtigkeit. Es ist so gut wie unmöglich, das leise Murmeln Mallorcas mit dem kräftigen Rollen der vorgeschichtlichen Steine Grönlands zu verwechseln oder die Musik der Korallenstrände Belizes mit dem dumpfen Grollen der Küsten Irlands.

Und auch die Brandung, die ich an diesem Morgen höre, ist ganz klar zuzuordnen. Dieses tiefe, ein wenig raue Rauschen, der kristalline Klang des vulkanischen Gesteins, die leicht asymmetrische Wiederkehr der Wellen, das nährstoffreiche Wasser - das ist die unnachahmliche Brandung auf den Aleuten.

Grummelnd öffne ich das linke Auge einen Schlitz breit. Woher kommt dieses höchst unwahrscheinliche Geräusch? Der nächste Ozean ist über tausend Kilometer weit entfernt. Und ich war in meinem Leben übrigens auch noch nie an einem Strand.

Ich schäle mich aus dem Schlafsack und taumele zum Fenster. Am Vorhang festgekrallt sehe ich den Wagen der Müllabfuhr unter Druckluftgequietsche vor unserem Bungalow anhalten. Seit wann imitieren Dieselmotoren das Geräusch der Brandung?

Schäbige Vorstadtpoesie.

Die zwei Müllmänner springen von ihrem Fahrzeug und betrachten den Berg übereinandergetürmter Plastiksäcke auf dem Gehweg. Der erste tut so, als würde er sie zählen und macht einen schwer geschafften Eindruck. Plötzlich kommen mir Zweifel: Habe ich etwa gegen eine städtische Verordnung verstoßen, die die Anzahl der Müllsäcke pro Haus beschränkt? Der zweite Müllmann, sehr viel pragmatischer, beginnt den Wagen zu beladen. Ihm sind die Anzahl, der Inhalt oder die Geschichte der Säcke ganz offensichtlich egal.

Es sind genau dreißig Stück.

Ich habe sie im Laden an der Ecke gekauft - ein Einkaufserlebnis, das ich so bald nicht vergessen werde. Am Regal mit den Dingen für den Haushaltsbedarf stehend, fragte ich mich, wie viele Müllsäcke man wohl bräuchte, um die unzähligen Erinnerungen, die meine Mutter seit 1966 angesammelt hatte, darin unterzubringen. Wieviel Platz brauchte man wohl für dreißig Jahre eines Lebens? Ich sträubte mich dagegen, diese pietätslose Rechnung anzustellen. Zu welchen Ergebnissen ich auch käme, ich fürchtete, die Existenz meiner Mutter zu gering einzuschätzen.

Ich hatte eine Marke ins Auge gefasst, die mir ziemlich reißfest erschien. In jedem Paket befanden sich zehn revolutionäre Müllsäcke aus Ultra-Plastik mit einem Volumen von 60 Litern. Ich nahm drei Stück, entsprechend einem Gesamtvolumen von 1800 Litern.

Diese dreißig Säcke erwiesen sich als ausreichend - auch wenn ich ab und zu mit dem Fuß nachhelfen musste - und nun machen sich die Müllmänner daran, sie dem Wagen ins Maul zu schleudern. Von Zeit zu Zeit zerdrückt ein schwerer Eisenkiefer die Abfälle und grunzt dabei ganz nach Art eines Dickhäuters. Weit entfernt vom poetischen Säuseln der Wellen.

Aber der eigentliche Beginn der ganzen Geschichte, da ich sie nun einmal erzählen muss, war der Nikolski-Kompass.
                                                             ~

Dieser alte Kompass kam im August wieder zum Vorschein, zwei Wochen nach der Beerdigung.

Der endlose Todeskampf meiner Mutter hatte mich vollkommen erschöpft. Seit der ersten Diagnose war mein Leben zu einem wahrhaften Staffellauf geworden. Rund um die Uhr pendelte ich zwischen Wohnung, Arbeit und Krankenhaus hin und her. Ich schlief nicht mehr, aß immer weniger und hatte fast fünf Kilo abgenommen. Man hätte glauben können, ich sei es gewesen, der sich mit den Metastasen herumschlug - doch gab es kein Verwechseln: Meine Mutter starb nach sieben Monaten, und da stand ich nun, die ganze Welt auf meinen Schultern.

Ich war leer, verwirrt, aber aufgeben kam nicht in Frage. Sobald der Papierkram erledigt war, machte ich mich an das letzte Großreinemachen.

Nach Art eines Abenteurers beim Survivaltraining hatte ich mich im Keller des Bungalows verschanzt, ausgestattet mit meinen dreißig Abfallsäcken, einem soliden Vorrat an Schinkenbroten, mehreren Litern tiefgefrorenem Orangensaft und einem Radio auf Hintergrundlautstärke. Eine Woche hatte ich angesetzt, um fünf Jahrzehnte Existenz in Nichts aufzulösen, fünf Schränke voll mit Krimskrams, der von seinem eigenen Gewicht ganz plattgedrückt war.

Eine solche Aufräumaktion mag vielleicht wie eine trübselige Angelegenheit wirken oder wie ein Racheakt. Doch man darf mich nicht falsch verstehen: Ich war plötzlich allein auf der Welt, ohne Freunde und Verwandte, aber mit der dringlichen Notwendigkeit weiterzuleben. Ich musste Ballast abwerfen.

Mit der Kaltblütigkeit eines Archäologen machte ich mich an die Schränke und unterteilte die Erinnerungsstücke in mehr oder weniger logische Kategorien:

- eine Zigarrenkiste voller Muscheln;
- vier Bündel Zeitungsausschnitte über amerikanische
   Radaranlagen in Alaska;
- ein alter Fotoapparat Instamatic 104;
- über 300 Fotos, aufgenommen mit ebendieser Instamatic 104;
- mehrere Taschenbuchromane, sorgfältig mit Anmerkungen
   versehen;
- eine Handvoll billigen Schmucks;
- eine rosa Sonnenbrille a la Janis Joplin.

Und so weiter.

Ich machte eine verstörende Reise zurück in die Vergangenheit: Je tiefer ich mich in die Schränke hineingrub, umso weniger erkannte ich meine Mutter wieder. Diese staubigen Gegenstände gehörten zu einem früheren, weit entfernten Leben, berichteten von einer Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Die Menge dieser Gegenstände, ihre Textur, ihr Geruch schlichen sich in meinen Kopf und fraßen sich in meine eigenen Erinnerungen.

Meine Mutter bestand nunmehr nur noch aus einem Haufen unzusammenhängender Artefakte, die nach Mottenkugeln rochen.

Was dann geschah, verwunderte mich. Das, was nichts weiter als ein einfaches Ausmisten hätte sein sollen, verwandelte sich nach und nach in eine Initiationsprüfung. Ungeduldig wartete ich auf den Moment, in dem ich auf dem Grund der Schränke ankommen würde, aber ihr Inhalt schien unerschöpflich zu sein.

Und genau da stieß ich auf einen dicken Stapel Tagebücher - fünfzehn Hefte in einem biegsamen Einband, vollgeschrieben mit Prosa im Telegrammstil. Ich fasste wieder Mut. Vielleicht würden diese Tagebücher mir helfen können, die verschiedenen Teile des Puzzles zusammenzufügen?

Ich sortierte die Hefte nach ihrer zeitlichen Reihenfolge. Das erste begann am 12. Juni 1966.


Meine Mutter war mit neunzehn Jahren nach Vancouver abgehauen, ausgehend von dem Gedanken, dass ein wirklicher, dieses Namens würdiger Bruch mit der Familie an der Anzahl der zurückgelegten Kilometer messbar sei, und dass es in ihrem Fall Kontinente sein sollten.

Sie hatte an einem 25. Juni bei Tagesanbruch zusammen mit einem Hippie namens Dauphin das Weite gesucht. Die zwei Komplizen teilten sich die Benzinkosten, wechselten sich beim Fahren ab und pafften zusammen ausgiebig kleine Joints, die eng gerollt waren wie Zahnstocher. Wenn sie nicht am Lenkrad saß, schrieb meine Mutter in ihr Notizbuch. Ihre Schrift, anfangs noch ordentlich und sauber, begann sehr bald sich zu kräuseln und zu verlaufen, imitierte Wogen und Schwaden von THC.

Zu Beginn des zweiten Hefts erwachte sie allein auf der Water Street, kaum in der Lage ein Wort auf Englisch herauszubringen. Bewaffnet mit einem Schreibblock, kommunizierte sie mit Hilfe von Ideogrammen, wobei sie abwechselnd Gesten und Zeichnungen machte. In einem Park lernte sie eine Gruppe von Studenten der Bildenden Künste kennen, die gerade mikroskopisch kleine Mantarochen als Origami aus psychedelisch buntem Papier falteten. Sie boten ihr an, ihre übervölkerte Wohnung, ihr Wohnzimmer voller Kissen sowie ein Bett zu teilen, das schon von zwei anderen Frauen belegt war. Jede Nacht gegen zwei Uhr schlüpften sie alle drei unter die Decke, rauchten selbstgedrehte Zigaretten und redeten über Buddhismus.

Meine Mutter schwor, nie wieder an die Ostküste zurückzukehren.

Teil 2

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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

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