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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

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Post aus Istanbul

Dies ist keine Bombe

Von Constanze Letsch

26.10.2007. Die zehnte Istanbuler Biennale geht zu Ende. Und es stellt sich heraus, dass ihr ebenso demonstrativer wie umstrittener Optimismus doch nicht so ganz unangebracht war, auch wenn sich einige Hoffnungen nicht erfüllt haben. Eine Bilanz.

Die zehnte Istanbul Biennale geht zu Ende. Die Plakate entlang der Istiklalstraße, die gemäß dem Motto "Nicht nur möglich, sondern auch nötig - Optimismus im Zeitalter globaler Kriege" von eben jener Zuversicht kündeten, mussten den Werbebannern eines Telefonkonzern weichen. War also alles nur ein kurzes Zwischenspiel? Am Ende der großen Kunstschau fragen sich viele, wie nachhaltig sie in ihrer Wirkung gewesen ist.

Kurator Hou Hanru hatte seinen Schwerpunkt auf marginale künstlerische Positionen und die Wahl der Orte gelegt, an denen sie ausgestellt werden sollten. Hou Hanru hatte sich, wie bereits Charles Esche und Vasif Kortun, die Kuratoren der 9. Istanbul Biennale, für das Konzept entschieden, die Ausstellungen von tourismusträchtigen Orten in funktionale Gebäude zu verlegen, und seine Auswahl war radikal. Um das Projekt der Moderne in der Türkei kritisch zu analysieren, stieg die Biennale mit den Ausstellungsorten direkt in die Diskussion um deren Symbole ein: das umstrittene Atatürk Kulturzentrum (AKM), der modernistische Textilhandelsumschlagplatz IMÇ in Unkapani, das Antrepo, das schon frühere Biennalen beherbergte, der neue Campus der Bilgi-Univeristät Santralistanbul in Eyüp, auf dem ein osmanisches Elektrizitätskraftwerk in ein Museumsgebäude umgewandelt worden ist.

Doch die Ausstellungsplanung wurde den Gebäuden nicht immer gerecht, teilweise versagte sie ganz. Zum Beispiel beim Atatürk Kültür Merkezi, kurz AKM, das wie ein Dornröschenschloss aus einem realsozialistischen Märchen am Taksimplatz von besseren Zeiten träumt, ist ein Politikum Istanbuler Stadtplanung. Eröffnet wurde es 1969, als Symbol einer nach Westen orientierten Modernisierungspolitik. Hier wurden Opern, Theaterstücke und Balletts aufgeführt.

Im Sommer 2005 hatte der damalige Kulturminister Atilla Koç überraschend erklärt, dass man das AKM abreißen werde, da es "den Ansprüchen der Istanbuler Bürger nicht mehr genügen würde." Ohne auf die massiven Proteste namhafter Architekten, Künstler und Akademiker zu achten, hatte er die Abrisspläne fast im Alleingang durch die gerichtlichen Instanzen gepeitscht. In diesem Monat gab der amtierende Bürgermeister von Istanbul, Kadir Topbas, zu, dass es "bei der Planung und Diskussion um den Abriss des Gebäudes Mängel gegeben habe."

Die Biennale, so hatten viele gehofft, sollte die Diskussion um den Abriss, um die Modernisierung und ihre Symbole erneuern. Doch das AKM wirkte leer und melancholisch still, die vielen Fotoarbeiten verloren sich auf metallbeschlagenen Wänden und in stummen Foyers. Die Streitlust, die im Titel der Ausstellung "Verbrennen oder nicht?" steckt, verpufft ungenutzt in Werken, die bereits gescheiterte modernistische Utopien zum Thema haben: die Fotoreihe Markus Krottendorfers, die das längst verschwundene Hotel Rossija in Moskau zeigen oder das verwaiste, abgehalfterte UN-Gebäude (hier seine Arbeiten zum Drei-Schluchten-Stadamm).

Und noch während die Biennale im Gange war, wurde das Gesetz zum Abriss des Atatürk Kultur Merkezi in der Planungskommission zum zweiten Mal bestätigt. Was jetzt noch fehlt, ist die Zustimmung des Parlaments.

Die Künstlerin Neriman Polat kann nicht verstehen, warum das Diskussionspotential, das die Biennale hätte aufbauen können, in Rauch aufgegangen ist. "Jetzt ist die Zeit zu diskutieren! Und was ist passiert? Gar nichts!" Sie ist, wie ihre Kollegen Nazim Dikbas und Nalan Yirtmac vom Kunstkollektiv Hafriyat, wütend über die Nutzung der Gebäude und Räume. "Ich bin mit sehr großen Erwartungen in die Ausstellung im AKM gegangen. Aber als ich einmal darin war, war ich nur noch enttäuscht." Nazim Dikbas fügt hinzu: "Die Biennale hat uns daran erinnert, was für ein schönes Gebäude das AKM eigentlich ist. Ich bin praktisch nie ins AKM gegangen, weil es einfach schlecht geführt wurde und praktisch nichts interessantes darin stattfand. Die Wahl der Ausstellungsorte war großartig, aber der Inhalt war einfach oft sehr schwach."

Projekte wie "Isola", das ganz reelle Lösungen und Wege für einen Widerstand gegen Spekulanten, rollende Baukräne und Gentrifizierung anbietet, wurden auf das Gelände von Santralistanbul verbannt, wo man sie auch nur dann findet, wenn man wirklich danach sucht. "Isola" und das damit verbundene Projekt "out" (Office of urban transformation) sind Initiativen aus Mailand, die dort 2001 von Bert Theis, in Zusammenarbeit mit Künstlern, Architekten, Kuratoren, Philosophen, Akademikern und verschiedenen Bürgerinitiativen gestartet wurden, um öffentlichen Raum als solchen zu behaupten. Wäre es nicht optimistischer gewesen, gerade solche Vorschläge dort zu präsentieren, wo offene Diskussionsplattformen dringend gebraucht werden?

Eine andere Hauptausstellung der Biennale war die "Weltfabrik" im Istanbul Manufaturacilar Carsisi (IMÇ) in Unkapani auf der historischen Halbinsel. Der IMÇ ist ein Meilenstein modernistischer Architektur in Istanbul und gehört zur ersten Modernisierungswelle in den 50er Jahren. Das Einkaufs-und Handelszentrum am Atatürk Bulevari, unweit des Aquäduktes in Fatih, ist Spiegel des architektonischen Bemühens, moderne urbane Handelsformen und die eines orientalischen Bazars miteinander zu verbinden. Luftige Treppen und Balkone verbinden über 1000 Läden in sechs Blocks miteinander.

Auch den Abriss dieses Komplexes hat die Stadt beschlossen - zum Schutz der historischen Halbinsel. Die Händler wurden nicht dazu befragt. Im März 2006 gingen sie vor Gericht und schafften es, das Projekt vorübergehend zu stoppen, doch das Kulturministerium und der Bürgermeister halten dagegen. Anstelle des IMÇ hat die Stadtverwaltung 50 Luxusvillen aus Holz im osmanischen Stil geplant.

Die Planungskommission, die auf das Jahr 2010 hinarbeitet, in dem Istanbul Europäische Kulturhauptstadt sein wird, hatte befunden, dass osmanische Holzvillen besser zu den Moscheen, Medresen und Bazaren der Halbinsel passen würden. Ein historisches Disneyland. Die Architekten des IMÇ, Dogan Tekeli und Metin Hepgüler, halten die Idee, Villen an einer großen Verkehrsader und inmitten von Industriegebäuden, Werkstätten und Läden, neben allen stadtplanerischen und urban-ethischen Einwänden, auch architektonisch für unvorstellbar. Doch diese ganze Problematik wird von der Biennale-Ausstellung "Weltfabrik" nicht sichtbar gemacht. Die Einbettung der Arbeiten in den Istanbuler Kontext ist auf einer theoretischen Ebene steckengeblieben.

Neriman Polat befindet: "Es ist schade, dass die Biennale nichts von der Entwicklung aufgreift, die der IMÇ durchläuft. Es wird nicht kommentiert, dass die Musikläden nach und nach pleite machen und dafür immer mehr Läden entstehen, die Tesettür-Mode verkaufen (Kleidung für verschleierte Frauen). Das wäre aber wichtig gewesen."

Das Projekt von Burak Delier, der unter dem Label der fiktiven Firma Ters Yön ("Wende") einen Parka entworfen hat, der "lynchfest" ist, passt wunderbar zwischen die Läden, die Nähmaschinen, Stoffe und Kopftücher verkaufen. Doch der Ausstellungsraum Laden No. 1511 im Block 1 des IMÇ fügt sich trotzdem nicht ins Bild, was hier offenbar auch ein Kommunikationsproblem gewesen zu sein scheint. Ein paar Arbeiter, die ein paar Meter weiter vor einem Laden sitzen, der Zeltplanen verkauft, stehen der benachbarten Kunst skeptisch gegenüber. Niemand hätte ihnen erklärt, was die Biennale eigentlich sei, was erreicht werden solle. Am Anfang, während des Aufbaus, hätten sie den "Japanern" zwar viel geholfen, dann aber nie wieder etwas von ihnen gehört. Auf die Frage, was sie als professionelle Textilhändler von den ausgestellten Parkas hielten: Schweigen. Dann die Antwort: "Die sind zwar schick, aber viel zu teuer für uns! 100 Lira! Das ist fast ein Viertel unseres Monatsgehalts." Sein Kollege fügt lachend hinzu: "Ich fühle mich in meiner Strickjacke eigentlich ganz sicher."

Nazim Dikbas
weiß von Händlern, die von Anfang an misstrauisch waren. "Wenn es Leute gibt, die schon im Vorfeld sagen 'Nein, die sollen nicht kommen, wir wollen die hier nicht' ist etwas schiefgegangen. Es wäre etwas anderes, wenn die Veranstalter sagen könnten 'Wir haben alles versucht, um zu erklären, was wir dort machen wollen, aber wir finden einfach keinen gemeinsamen Ansatz'. Aber das ist so nicht gelaufen. Das war definitiv bei der letzten Biennale besser."

Im IMÇ bricht Kunst nur theoretisch, im Konzept, aus gewohnten Ausstellungsbahnen aus. Man blieb in der Praxis, erneut, weitgehend unter sich. Die Diskussionen mit Künstlern, die Fight Clubs und Tee-und-Toast-Diskussionen vor dem open office des Big Family Business, wurden leider schon nach den ersten zwei Wochen der Biennale wieder aufgegeben. "Es hatte am Anfang nach einem sehr energiegeladenen Projekt ausgesehen. Es war sogar von einer 24-Stunden-Biennale die Rede gewesen, pausenlosen Ausstellungen." Der Künstler Nazim Dikbas schüttelt den Kopf. "Und jetzt? Die Biennale ist tot, bevor sie zuende ist."

Seit Mai 2007 hat seine Künstlergruppe, Hafriyat, die schon seit über 10 Jahren in Istanbul arbeitet, einen Ausstellungsraum in Karaköy, mitten unter Händlern für Anglerbedarf, Waagen und Schiffsmotoren. "Ein großartiger Raum", stellt Neriman Polat zufrieden fest. "Die Lage, der Ladenaspekt, die Primapen-Plastikfenster. Genau richtig." Hafriyat ist eine lose Künstlerinitiative, die selbstbestimmt und unabhängig Ausstellungen plant und macht, ohne Kuratoren, ohne Hierarchien. Seit sie eigene Räume haben, stellen sie diese auch anderen KünstlerInnen und Gruppen zur Verfügung.

Auf die Frage, warum sich eine unabhängige Künstlergruppe wie Hafriyat an einem von Global Player Koc Holding gesponserten Prestigeevent wie der Istanbul Biennale beteiligt, wird jedoch klar beantwortet. Neriman Polat: "Hafriyat ist keine marginale Gruppe. Wir haben in Galerien ausgestellt, Künstler aus der Gruppe haben einzeln mit Kuratoren gearbeitet. Wir sind nicht außerhalb dieses Systems, wir sagen nicht, dass wir superradikal sind und uns abgrenzen. An der Biennale teilzunehmen, ist für uns völlig selbstverständlich." Nazim Dikbas greift den Gedanken auf. "Man darf auch nicht vergessen, dass in der Türkei dem, was man machen kann, Grenzen gesetzt sind. Und wenn man die Gelegenheit bekommt, das, was man will, zu zeigen, kann es viel konservativer sein, diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen. Auf der Biennale kann man alles zeigen, keiner mischt sich ein. Warum sollte man so eine Gelegenheit nicht nutzen?"

Im Erdgeschoss des Hafriyat-Ausstellungsraums hängen von Extramücadele gestaltete T-Shirts, die im Design an Sportshirts mit englischen Aufdrucken erinnern, aber eine andere Botschaft transportieren: "Kart-Kurt, the sound of 30,000 dead people" oder "37 - born in Turkey, burnt in Sivas". Die kann man nicht überall tragen. "Kart Kurt", so behaupten nationalistische Hardliner in der Türkei, sei das Geräusch, das die Schritte der Bergtürken, wie sie die Kurden nennen, im Schnee machten. Statt des Kulturministeriums, zu dem sie, wie sie selbst sagen, überhaupt keine Beziehung haben, interessiert sich vor allem das türkische Innenministerium für Hafriyat. "Sicher wissen die, was wir hier machen und was wir ausstellen", sagt Nazim Dikbas. Ärger hatten sie bis jetzt keinen. "Das ist allerdings nur Glück.", sagt Neriman Polat.

Während der letzten Biennale wurde der Kurator der Off-Ausstellung Free Kick/Serbest Vurus, Halil Altindere, nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes, der sich auf die "Beleidigung des Türkentums" bezieht, angeklagt, die Ausstellungskataloge wurden beschlagnahmt. Später wurde die Anklage wieder fallengelassen. "Künstler werden zuerst als potentielle Störenfriede gesehen.", sagt Nazim Dikbas. Und es waren ja die zahlreichen Störer, die in diesem Jahr die stärksten Eindrücke hinterließen. Atom Egoyan präsentierte eine fast dokumentarische Arbeit zum Genozid an den Armeniern. Extramücadele haben das überall prangende Atatürk-Zitat "Wie glücklich der, der sich Türke nennen darf" auf großen Postern umgeschrieben. Für "Türke" kann man auch "Kurde", "Arbeitsloser", "Transsexueller" oder "die, die Orhan Pamuk sagen, er solle aufpassen" einsetzen. Das Adjektiv sollte von den Besuchern der Biennale mit Folienstift ergänzt werden.

Die ironischen Installationen "Dies ist keine Bombe" von David Ter-Organyan griffen die um sich greifende Terrorparanoia auf, Michael Rakowitz thematisierte die Plünderung des Museums von Bagdad und die Irakpolitik der USA, Rainer Ganahl radelte in Istanbul zu allen den Orten, an denen Journalisten ermordet worden waren. So war es dann doch einigermaßen überraschend, dass die Empörung, die auch die Medien einige Tage beschäftigte, erstaunlich flau war. Die Dekanin der Fakultät der Schönen Künste der als vergleichweise progressiv bekannten Marmarauniversität, Nazan Erkmen, griff Ende Spetember warf dem Kurator Hou Hanru das Standard-Vergehen vor, Atatürk und die türkische Republik beleidigt zu haben und so "über die ganze Biennale einen Schatten geworfen zu haben".

Hou Hanru hatte, in Anlehnung an gängige sozialwissenschaftliche Theorien, das türkische Modernisierungsprojekt als ein "von oben aufgedrücktes" bezeichnet und die Methoden der elitären Modernisierer als undemokratisch. Viele DozentInnen der Marmara-Universität distanzierten sich empört von dem Text ihrer Dekanin, zahlreiche KünstlerInnen veröffentlichten in Radikal Gegenstimmen. Adnan Yildiz, selbst Künstler und Kurator, veröffentlichte auf seinem Blog die wütende Entgegnung: "Ist das nicht sowieso die nicht enden wollende Sackgasse unseres Modernismus? Dass wir uns seit 70 Jahren nur von innen betrachten? Warum machen wir denn Biennalen? Zur Dekoration?"

Doch das, was von der 10. Istanbul Biennale hängenbleibt, stimmt tatsächlich optimistisch genug, um diese Frage verneinen zu können.

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