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Post aus New York
Kampf der Giganten
Von Ute Thon
15.04.2002. Überzogenes Budget, fahnenflüchtiger Robert DeNiro und Cinecitta-Mitarbeiter, die kein Englisch sprechen - kommt Martin Scorseses neuer Film "Gangs of New York" jemals in die Kinos? Und wenn ja, wann?
Es sollte das Kronjuwel in Harvey Weinsteins Schatzkammer werden: der teuerste Film, den sein Studio Miramax jemals produziert hat, ein sicherer Oscar-Gewinner und ein absoluter Kassenmagnet. Doch das cineastische Glanzstück entwickelt sich vor der Premiere immer mehr zum bitteren Streitobjekt.
Die Rede ist von "Gangs of New York", dem neuen Film von Martin Scorsese. Als sich New Yorks Starregisseur vor drei Jahren mit dem Produzenten Weinstein zusammentat, jubelten die Branchenblätter über das Joint-Venture der beiden Kinotitanen. Scorsese, unumstrittener Meister des stilvoll-brutalen Gangsterdramen, und Weinstein, der erfolgreiche Finanzier von Kultstreifen wie "Sex, Lies and Videotape", "The Crying Game" und "Pulp Fiction", würden mit diesem anspruchsvollen Heimatprojekt - einem Genre-Epos über Bandenkriminalität im New York des 19. Jahrhunderts - ihr Oeuvre krönen, prophezeiten die Hollywood-Journalisten. Eine prominente Riege von Schauspielern wurde verpflichtet, darunter Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis und Cameron Diaz, für die Kamera Michael Ballhaus.
Doch nach mehrfacher Verzögerung des Starttermins - ursprünglich sollte der Film vergangenen Herbst in die Kinos kommen, dann wurde die Premiere aufs Frühjahr verschoben und jetzt sprechen die Miramax-Leute vage vom "letzten Quartal des Jahres" - mehren sich die Gerüchte über heftige Bandenkriege hinter den Kulissen. Stars wie Robert DeNiro und Willem Dafoe sind abgesprungen. Die Dreharbeiten haben sich extrem in die Länge gezogen, das Budget ist von 83 Millionen auf 103 Millionen Dollar geklettert, und angeblich bastelt Scorsese immer noch am Ende des Film herum. Er wolle verschiedene Szenen mit den Hauptdarstellern nachdrehen lassen, berichtete die New York Times, was die Kosten weiter in die Höhe treiben würde. Derweil verlieren seine Geldgeber langsam die Geduld. Der für Egomanie und rüde Manieren bekannte Harvey Weinstein soll Scorsese bereits vergangenen Oktober nach der Vorführung eines fast vierstündigen Rohschnitts in extrem aggressiven Ton aufgefordert haben, so schnell wie möglich eine vermarktbare 2-Stunden-Version abzuliefern. Scorsese wiederum soll nach Augenzeugenberichten nach einem Gespräch mit Weinstein wutentbrannt das Telefon aus dem Fenster geworfen haben.
Zwischen den Titanen des amerikanischen Films ist ein heftiger Kampf entbrannt, denn für beide stehen Ruf und Karriere auf dem Spiel. Der vom Erfolg verwöhnte Weinstein, dessen Produkte in der Vergangenheit mit Filmpreisen überschüttet wurden, leidet unter einer Pechsträhne. Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung musste er mit einer einzigen Goldstatuette vorlieb nehmen, noch dazu in einer minderen Kategorie (Jim Broadbent für die beste männliche Nebenrolle in "Iris"). Ein weiterer aggressiv vermarkteter Miramax-Film, "Kate & Leopold" mit Meg Ryan, entpuppte sich an der Kinokasse als totaler Flop. Auch Weinsteins Ausflüge ins Verlagswesen endeten im Januar mit der Einstellung seines kostspieligen Talk Magazins sang- und klanglos.
Die Serie von geschäftlichen Fehlschlägen ließ Branchen-Insider bereits munkeln, dass "Kaiser Miramaximus" seine unfehlbare Nase für Trends und Talent verloren hat. Das Time Magazin versah einen aktuellen Artikel über den Miramax-Chef unter der Überschrift: "Hat Harvey sich verfahren?" mit einer hämischen Fotomontage, die Weinstein orientierungslos in den Bergen Hollywoods herumirrend zeigte. Weinsteins Arroganz und sein brüskes Gebaren haben ihm nicht nur Bewunderer eingebracht. "Weinstein ging es so lange so gut, dass es viele Leute unweigerlich freuen würde, ihn Dreck fressen zu sehen", sagt Variety-Chefredakteur Peter Bart. Tatsächlich hatte Miramax seit dem Erfolg von "The English Patient" 1996 keinen großen kommerziellen Hit mehr und entließ erst kürzlich 75 Mitarbeiter - ein deutliches Indiz für die magereren Zeiten. Martin Scorsese dagegen geht es bei seinem jüngsten Filmprojekt weniger ums große Geld als um künstlerische Integrität. Der italo-amerikanische Regisseur hat zwar mit Filmen wie "Taxidriver", "Goodfellas" und "Age of Innocence" Kinogeschichte geschrieben, sein letzter Kassenerfolg, "Cape Fear", liegt allerdings schon elf Jahre zurück.
Das Drehbuch (hier ein Auszug aus einem frühen Script) zu "Gangs of New York" beruht auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Herbert Asbury aus dem Jahre 1927, und erzählt die Geschichte rivalisierender Banden von Einwanderern in den Slums von New York kurz vor dem Bürgerkrieg - ein Stoff, der Scorsese seit den 70er Jahren fasziniert. Für die Realisation überredete er Weinstein, den Film nicht in den USA, sondern in Roms Cinecitta drehen zu lassen. Angeblich sollte das Kosten sparen. Doch Italiens arbeitnehmerfreundliche Gewerkschaftsregeln, ein originalgetreuer, zwei Quadratkilometer großer Nachbau der Südspitze Manhattans von Fellinis berühmten Filmarchitekten Dante Ferretti und nicht zuletzt eklatante Verständigungsschwierigkeiten, weil in Cinecitta kaum jemand Englisch spricht, trieben die Produktionskosten ins Unermessliche. Die FAZ berichtete, dass jeder Extradrehtag 500.000 Dollar verschlingt.
Branchenkenner verfolgen das Tauziehen um die Fertigstellung des Films mit gemischten Gefühlen. In Zeiten, wo die Filmindustrie zunehmend auf familienfreundliche Ware, Action-Streifen und seichte Teenager-Komödien setzt und die Finanzierung anspruchsvoller Filme immer schwieriger wird, ist Miramax' Engagement für ein aufwendiges Projekt jenseits des Mainstream ein Zeichen der Hoffnung. Wenn "Gangs of New York" jedoch kommerziell scheitert, könnte es das Ende für die Realisierung ähnlicher Filme bedeuten.
Weinstein und Scorsese wissen, wie sehr schlechte Vorab-Publicity einem Film schaden kann und bemühen sich mit einer geballten PR-Strategie um Schadensbegrenzung. In einer gemeinsamen Presseerklärung taten sie Berichte über Unstimmigkeiten als schlechtinformierte Gerüchte ab und lobten ihre "phantastische Arbeitsbeziehung". Außerdem engagierten sie Pat Kingsley (mehr hier), eine von Hollywoods einflussreichsten "Spin Doctors", um die Medien in eine wohlwollendere Stimmung zu versetzen. "Jede Anmutung, dass wir unsere kreative Schärfe verloren haben, wird von den ersten fünf Minuten von 'Gangs of New York' ausradiert werden", prahlte Weinstein unlängst im New York-Magazin, während Scorsese etwas kleinlauter hinzusetzte, dass man doch besser die ersten fünfzehn Minuten abwarten sollte, bevor man sich ein Urteil über den Film erlaubt. Der Regisseur ist gerade dabei, einen 25minütigen Trailer für das Filmfest in Cannes zusammenzuschneiden. Im Herbst, auf dem Festival in Venedig, soll große Premiere sein (aufgepasst Kosslick!). Wenn das Publikum dann begeistert ist, werden die derzeitigen Querelen nur noch Fußnoten in einer neuen Miramax-Erfolgsstory sein. "Sie können sich unmöglich vorstellen, wie alles begann", lautet vielleicht nicht ganz zufällig ein Werbeslogan für den Film.
(Mehr über Harvey Weinstein erfährt man in der New York Times, wo er in der Reihe "Watching Movies with..." über Otto Premingers "Exodus" nachdenkt.)
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