Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 03.02.2012, 14.00 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Bücher der Saison

Herbst 2005

09.11.2005.

Romane und Erzählungen / Lyrik, Reportagen, Erinnerungen / Politische Bücher / Sachbücher

Geschichte


Bild zum ArtikelGerd Koenen ist einer der wichtigsten Historiker der linken Geschichte in Deutschland, nicht zuletzt seit seinem grandiosen Buch "Vesper, Ensslin, Baader" über die "Urszenen des deutschen Terrorismus". Nun wendet er sich einem scheinbar ganz anderen Thema zu, dem "Russland-Komplex" (bestellen) der langen Geschichte der deutschen Faszination für den Osten, der auch als Alternative zur ideologisch unbequemen Westorientierung dienen musste. Seltsamerweise hat Russland sowohl der Rechten als auch der Linken in Deutschland als Projektionsfläche gegen ein parlamentarisches System gedient, berichtet Micha Brumlik in der NZZ, der Koenens "stilistisch glänzende Recherche" lobt. Auch Koenens Kollege (und ehemaliger Mit-Maoist) Karl Schlögel findet in der Zeit bewundernde Worte. Er streicht die gekonnten biografischen Porträts des Buchs heraus, an denen Koenen seine Thesen exemplarisch entfaltet. Etwas distanzierter ist die Kritik Hans-Erich Volkmanns in der FAZ, der den Prämissen des Buchs nicht folgen mag, sich aber von Details ebenfalls mitreißen lässt.

Bild zum ArtikelWie in einer Schatzkiste hat die Zeit in Jacques Le Goffs Buch "Ritter, Einhorn, Troubadoure" (bestellen) gekramt und all das kostbare Traditionsgut darin entdeckt, das uns das Mittelalter hinterlassen hat: Burgen und Kathedralen, El Cid und König Artus, Robin Hood und Melusine, Troubadoure und Walküren. Die Zeit hat sich festgelesen an diesem "schön gestalteten" Buch, die FAZ moniert zwar einige gewagte Deutungen, hat aber auch gern in diesen Skizzen geblättert.

Bild zum ArtikelErfreut haben die Kritiker dieses Doppelporträt "Die Gefahren der Ehe" (bestellen) aufgenommen, das die französische Historikerin Anka Muhlstein den beiden Königinnen Elisabeth I. von England und Maria Stuart gewidmet hat: eine kalte Taktiererin die eine, die aus Angst, ihre Souveränität zu schmälern, nicht heiraten wollte; romantisch verwegen die andere, die sich mit jedem Mann tiefer ins Unheil stürzte. "Faszinierend" findet die FR dieses Buch, die Zeit sieht den historischen Glanz der beiden schillernden Persönlichkeiten sehr schön bewahrt. Die NZZ preist Muhlstein als "meisterhafte Biografin". Die SZ fragt sich nur, warum sich Muhlstein auf die Seite der kühlen Elisabeth schlägt.

Bild zum ArtikelDass Jared Diamond nicht nur Evolutionsbiologe ist, sondern auch noch Vorstandsvorsitzender des World Wildlife Fund hat ihn für die NZZ hinreichend qualifiziert, um ein Buch über aussterbende Arten vorzulegen. In "Kollaps" (bestellen) untersucht Diamond Ursachen für den Untergang von Zivilsationen - von den Mayas über die Khmer von Angkor Wat bis zu den Bewohnern der Osterinseln. Die FAZ versichert, dass es sich bei Diamond um keinen weltfremden Sektierer handelt und seine Fallbeispiele alle empirisch gedeckt sind. Auch die NZZ registriert freudig, dass Diamond auf den "apokalyptisch-metaphysischen" Ton verzichtet, der auf diesem Gebiet so oft angeschlagen werde.

Bild zum Artikel"Britische Geschichtsschreibung vom Besten" hat Ian Kershaw mit seinem neuen Buch vorgelegt, jubelt nicht nur die Zeit. "Hitlers Freunde in England" (bestellen) ist nach Meinung der Kritiker weit mehr als nur ein Porträt des reaktionären Lord Londonderry, der nach seiner Zeit als Luftfahrtminister zum Hitler-Bewunderer mutierte. Für die FR ist es eine Elegie auf den Niedergang der britischen Aristokratie, die beschämend viel Sympathie für die Nazis aufbrachte.


Sozialwissenschaft

Bild zum ArtikelJoachim Radkaus Buch über "Max Weber" (bestellen) gehört zu den meistbesprochenen Biografien der Saison. Lange fehlte eine Standardbiografie über diesen Mitbegründer der modernen Soziologie. Radkau offenbart manch Privates über den Gelehrten - zuvörderst über seine masochistischen Neigungen - und setzt es in Beziehung zum Werk. Radkau konnte auf weitgehend schlecht zugängliches Quellenmaterial wie die Tagebücher Marianne Webers sowie unveröffentlichte Briefwechsel zurückgreifen, berichtet Andreas Anter in der NZZ. Nils Minkmar zeigt sich in der FAZ fasziniert vom "neuartigen Ton" des Buchs, das sich aller Weberismen, aber auch des akademischen Jargons überhaupt souverän entledigt habe. Robert Leicht beschreibt das Buch in der Zeit als "Besichtigung eines gesamten Zeitalters", aber die Konstruktion eines Kausalzusammenhangs zwischen der erotisch-psychologischen Befindlichkeit und dem Schaffen Webers will ihm trotz unterhaltender Schreibweise nicht einleuchten.


Religion

Bild zum ArtikelNavid Kermani leistet in diesem sehr persönlichen Werk viel mehr, als nur das "Buch des Leidens" des persischen Dichters Attar vorzustellen, verspricht die Zeit. "Der Schrecken Gottes" (bestellen) ist in ihren Augen nichts weniger als ein kompletter Abriss der Theodizee wie ihres Gegenteils, des Haderns mit Gott, "durch drei Jahrtausende und zwei Weltteile, das Morgen- und das Abendland". Die NZZ labt sich ebenso an den mannigfaltigen Bezügen, die Kermani in seinem "wundersamen" Buch zwischen den Gotteszweiflern in Judentum, Christentum und Islam herstellt. Die FR feiert die "grenzensprengende" Studie als "stilistisch wie intellektuell brillant", und die Zeit berichtet nicht nur von intellektuellen, sondern auch ästhetischen Erlebnissen bei der Lektüre.


Musik

Bild zum ArtikelStehende Ovationen gab es von der Kritik für Michael Gielens Autobiografie "Unbedingt Musik" (bestellen). Der FR hat besonders gefallen, mit wieviel Witz und Sarkasmus der Dirigent von den zahlreichen Stationen seines Lebens und Arbeitens erzählt. Die FAZ ist fast ein wenig erschrocken von der "schroffen Offenheit", die Gielen sich selbst und seinen Kollegen gegenüber an den Tag legt. Die SZ hat im Kapitel "Vom Dirigieren" nicht weniger als eine "Magna Charta des Glücks und der Unerbittlichkeit eines Berufsethos" erblickt.


Bild zum ArtikelZehn Jahre hat es gedauert, bis Maynard Solomons international vieldiskutierte Biografie "Mozart" (bestellen) auch ins Deutsche übertragen wurde. Dabei handelt es sich laut Zeit um eines der radikalsten und spannendsten Werke über den Komponisten. Liegt es vielleicht daran, stichelt Zeit-Rezensent Volker Hagedorn, dass der amerikanische Musikologe Solomon "mit seiner eleganten bis ironischen Sprache und seinem Interesse an der Komponistenpsyche" so wenig zur deutschen Musikwissenschaft passt? Begeisterung hat in der Fachwelt auch der Ägyptologe Jan Assmann mit seiner Abhandlung "Die Zauberflöte" (bestellen) ausgelöst, die laut FAZ dem "jakobinischen Gedankengut" und "Aspekten des Isis-Kults" in der Oper nachspürt.


Kunst

Bild zum ArtikelEduard Beaucamp attestiert in der FAZ Jürgen Schreiber für sein Buch über Gerhard Richter "Ein Maler aus Deutschland" (bestellen) genau den Vorzug, den er bei dem Maler vermisst: Klarheit. Schreiber hat die Geschichte hinter vier Bildern recherchiert, die zum Teil Familienangehörige Richters abbilden, die in die Verbrechen der Nazis verstrickt waren. Tante Marianne, die offenbar schizophren war, wurde im Rahmen der Euthanasiekampagne ermordet. Richters Schwiegervater Eufinger und "Herr Heyde" dagegen waren Täter. Schreibers Interpretation der Bilder mag Beaucamp zwar nicht folgen, denn Richter wusste nicht was mit seiner "Tante Marianne" passiert war, als er ein Foto von ihr "vermalte". Das aber ändert nichts daran, dass der Rezensent den Band "mit fast atemloser Spannung und wachsender Beklemmung" gelesen hat. Auch die SZ lobt den Autor für seine "investigative Hartnäckigkeit".


Bild zum ArtikelWer sich mehr für das 19. Jahrhundert interessiert, dem empfiehlt die NZZ Hubert Lochers "Deutsche Malerei im 19. Jahrhundert" (bestellen) - gut lesbar, klare Struktur und "state of the art" was die aktuellen Forschungsergebnisse angeht, lobt die Zeitung.



Romane und Erzählungen / Lyrik, Reportagen, Erinnerungen / Politische Bücher / Sachbücher

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Bücher der Saison

Bücherherbst 2011

28.11.2011. Liegt's am Hype des Deutschen Buchpreises oder ist die deutsche Literatur tatsächlich so in Form? Jedenfalls dominierte sie in den Buchmessenbeilagen. Außerdem begegnen wir Michelangelo in Konstantinopel, selbstmöderischen Käfern in Bukarest und Dandys in Stockholm. Wer etwas belebenden Optimismus tanken will, vertiefe sich in Steven Pinkers "Gewalt". Eva Illouz' Analyse des Liebesmarktes ist eher was für Hartgesottene. Und, tja, wer die Geschichte des Computers besser verstehen will, sollte die Steve Jobs-Biografie von Walter Isaacson durchaus lesen!
Mehr lesen

Bücherfrühjahr 2011

11.04.2011. Literatur ist, wenn es ungemütlich und doch herrlich ist. Den Literaten gelang es in dieser Saison am besten in Erzählungen, an erster Stelle Clemens J. Setz in "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". Große Romane sind in dieser Saison Mangelware. Dafür gibt's gute Reportagen, Erinnerungsbücher und viel böse Philosophen.
Mehr lesen

Bücherherbst 2010

15.11.2010. Dieser Bücherherbst war stärker von politischen Büchern geprägt als von literarischen. Stichwort: Sarrazin und Auswärtiges Amt. Dabei gibt es eine Fülle literarischer Neuerscheinungen, die politische Themen aufgreifen. Das gilt in hohem Maße für die argentinischen Romane, aber auch zum Beispiel für Ian McEwans "Solar", eine Komödie über den Klimawandel, oder Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer" über die estnischen Traumata. Mehr lesen

Frühjahr 2010

06.04.2010. In den Frühjahrsromanen sehen wir die unheimliche Welt mit den Augen einer Horde Kinder, beobachten Liebende in Teheran, lassen uns von Rosslyns Brüsten zu einem Reim inspirieren und begleiten einen Lehrer auf einer Höllenfahrt im Volvo. Unter den Sachbüchern stachen Daniel Everetts Buch über die Pirahas, "Das glücklichste Volk", heraus, Oliver Jens Schmitts Biografie des albanischen Nationalhelden Skanderbeg und Simon Sebag Montefiores farbenprächtiges Porträt des Fürsten Potemkin. Mehr lesen

Bücherherbst 2009

18.11.2009. Dies ist ein Literaturherbst! Man kann sich auf literarische Entdeckungsreise nach China begeben. Eine Vielzahl von gut besprochenen deutschen Romanen ist erschienen, allen voran Herta Müllers "Atemschaukel". Und in den Amerikas sind zwei fette Romane erschienen, die die Rezensenten euphorisiert und erschöpft haben. Viel Spaß beim Lesen!
Mehr lesen

Bücherherbst 2008

04.12.2008. Dieser Winter bietet die Gelegenheit, sich auf literarische Entdeckungsreise in die Türkei zu begeben, oder sich von Uwe Tellkamps "Turm" in die Stadt Dresden vor der Wende zurückversetzen zu lassen. Reiche Ernte auch bei den Sachbüchern. Diskutieren Sie mit!
Mehr lesen

Frühjahr 2008

22.04.2008. Okay, da sind die "Feuchtgebiete", da sind Jonathan Littells SS-Fantasien, da sind ein paar wackere deutsche Romane. Aber es gibt nur zwei Bücher, die auf einhelliges Echo der Kritiker stießen. Eins ist gut, das andere ist böse. Außerdem lasen die Kritiker herausragende Comics. Kroatien interessierte nicht alle, aber einige um so mehr. Ein Blick auf die Bücher des Frühjahrs 2008. Mehr lesen

Herbst 2007

26.11.2007. Dieser Literaturherbst gehört zwei russischen Schriftstellern: Wassili Grossman und Warlam Schalamow, deren Jahrhundertwerke endlich auf Deutsch erschienen sind. Einen respektablen Auftritt haben aber auch die deutschen Autoren der mittleren Generation, polnische Tunten, rumänische Manieristen, deutsche Romantiker, streitlustige Atheisten, neapolitanische Camorristi, katalanische Ritter und ein ungenierter Genussmensch. Mehr lesen

Frühjahr 2007

19.04.2007. Einen großen Auftritt haben in diesem Jahr die deutschen Erzähler und Erzählerinnen, und zwar quer durch alle Altersklassen. Wir begegnen verliebten Trollen in Schweden, erbarmungswürdigen Pechvögeln aus Dänemark, piemontesischen Schmugglern und abgestürzten bulgarischen Schriftstellern. Bei den Sachbüchern stechen vor allem die Reportagen und Essays zum Multikulturalismus von Ian Buruma und Amartya Sen hervor, aber auch Geschichtsbände zum Kalten Krieg und Preußen. Und die Kunst wird übersichtlich. Mehr lesen

Herbst 2006

10.11.2006. Absurde Komik aus der Ukraine und Gangsterbosse aus Bombay: Indien und Osteuropa retten die Literatur in dieser Saison. Die Erinnerungen großer Männer bestimmen die Presse, die Erinnerungen an den Ungarnaufstand 1956 berücken die Feuilletons. Das real existierende Sarmatien entzieht sich jeglicher Definition. Und noch vieles mehr in unseren Büchern der Saison. Mehr lesen

Frühjahr 2006

03.04.2006. Die deutschen Feuilletons haben die Fremden entdeckt - und das mit Macht. Die am häufigsten besprochenen literarischen Bücher beschäftigen sich mit einem Reisenden des 19. Jahrhunderts, türkischen Mädchen im Anatolien der Fünfziger, Jugendbanden in Leipzig oder global Sex suchenden serbischen Diplomatentöchtern. Im Sachbuchbereich hat vor allem Necla Keleks Untersuchung über die türkischen Männer in Deutschland heftige Diskussionen ausgelöst. Mehr lesen

Herbst 2005

14.11.2005. Die wichtigsten Romane der Saison handeln von Klonen. Die zweitwichtigsten von der Wende. Die wichtigsten Sachbücher handeln von Mao, von der Rückständigkeit Arabiens und vom Hass. Der Perlentaucher hat die Produktion der Saison durchgesehen und viel interessanten Stoff für lange Abende gefunden. Mehr lesen

Frühjahr 2005

06.04.2005. Erfahrung schlägt Jugend, zumindest in diesem belletristischen Frühling! Der Trend geht zum Zweitroman. Thomas Kling, zu früh verstorben, wird noch einmal für seinen letzten Gedichtband gefeiert. Der Zweite Weltkrieg beherrscht die Sachbücher, aber auch die Idee von einem Leben ohne Arbeit. Wir haben dagegen keine Mühen gescheut, gesichtet und gesiebt, und die besten Neuerscheinungen des Frühlings ausgewählt. Mehr lesen

Herbst 2004

01.11.2004. Terezia Mora, Antje Ravic Strubel, Juli Zeh, Brigitte Kronauer und Irina Liebmann: Dies ist eindeutig der Herbst der deutschen Autorinnen! Es ist auch ein Herbst monumentaler Biografien und des Buchmessenschwerpunkts "Arabische Welt". Wir stellen wir Ihnen die interessantesten Neuerscheinungen des Literaturherbstes vor. Mehr lesen

Frühjahr 2004

09.04.2004. Franziska Gerstenberg und Dorota Maslowska brachten die Kritik fast zum Weinen (vor Glück!). A. L. Kennedy weiß, wie sich ein Mörderwal fühlt, der einen Brief öffnen will. Dies ist ein großer literarischer Frühling. Wir haben die besten Bücher ausgesucht. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Bücher der Saison