Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Uwe Timm: Der Freund und der Fremde. Teil 2

22.08.2005.

Danach verfolgte ich eine Zeitlang den Plan, über diese drei Menschen zu schreiben, über ihn, den Freund, über den Zivilfahnder Kurras, der den Fliehenden erschossen hatte, und über die unbekannte Frau auf dem Foto, die ich ausfindig zu machen suchte. Ich wollte etwas über die drei Menschen erfahren, die ein Zufall zusammengeführt hatte: einen Täter, ein Opfer, eine Helferin - und die auf eine nicht beabsichtigte, zufällige Weise Geschichte gemacht hatten. Eines von vielen Projekten, die sich in Notizen und Anmerkungen verstreuten und schließlich aufgegeben wurden. Es blieb aber der Vorsatz, mehr noch, die Verpflichtung, über ihn zu schreiben. Ein Erzählen, das nur gelingen konnte - und diese Einsicht mußte erst wachsen -, wenn ich auch über mich erzählte. Wenn es mir gelingen würde, den Horizont der Erinnerung abzuschreiten, der sich dabei zugleich weiter verschieben würde, nicht aufhören würde, Horizont zu sein, räumlich und zeitlich, mit den Erinnerungen an Erlebtes und Gedachtes, an Gebärden und Symbole, an Imagination und Abstraktion.

Es war eine ungetrübte, ganz auf das Lesen und das Schreiben ausgerichtete Freundschaft gewesen, so schien es mir, bis ich vor fünf Jahren, als ich in einem Jahrbuch des Braunschweig-Kollegs etwas über ihn geschrieben hatte, von seiner Witwe, Christa Ohnesorg, der ich nie begegnet bin und die damals in einer Klinik lag, einen Brief bekam, in dem sie mir schrieb, er habe mit mir nach unserem Abschied gehadert. Eine Nachricht, die mich verstörte und mit ein Grund war, über ihn, über uns zu schreiben.

Als wir uns 1963 nach zwei Jahren in Braunschweig getrennt hatten, er zum Studium nach Berlin, ich nach München ging, war ich davon überzeugt, eines Tages von ihm zu hören, zu lesen, Gedichte, Prosa oder Essays. Es war für mich eine Gewißheit, er werde einmal durch sein Schreiben von sich reden machen.
     Nie war mir der Gedanke gekommen, von ihm in einem politischen Zusammenhang zu hören. Nun war er gerade zu einem politischen Fall geworden. Sein Tod wurde als Beweis für autoritäre und faschistische Tendenzen der Staatsmacht genommen. Ich las, er habe keiner politischen Gruppierung angehört. Er sei keiner der Krawallbrüder gewesen. Das verstärkte sein Bild als Opfer. Die Öffentlichkeit erfuhr: Er war verheiratet, seine Frau erwartete ein Kind, vor allem, er war Student und politisch nicht engagiert, das war geradezu die Voraussetzung, ihn zum politischen Exempel zu machen. Es war eine merkwürdige Verkehrung seiner Existenz.
     Was und wie von ihm geschrieben wurde, war ein so grundsätzlich anderes als das, was er selbst geschrieben hatte, hatte schreiben wollen.

Schreiben zu wollen war für uns beide der Beweggrund gewesen, uns am Braunschweig-Kolleg zu bewerben. Das Schreiben und die Neugierde, ein Wissensdurst, alles schien verlockend, Geschichte, Sprachen, Chemie, Physik, nach den Jahren, in denen er das Dekorieren, das Schaufenstergestalten, und ich das Anfertigen von Pelzmänteln, Stolen und Capes gelernt hatte. Erst jetzt, dieses schreibend, fällt mir auf, was doch offenbar ist, daß unsere erlernten Berufe aufeinander bezogen waren, beide hatten mit Ästhetik zu tun, einer sehr zweckgebundenen, der Herstellung und Ausstellung des schönen, wechselhaften Scheins, der Mode. Beide hatten wir uns von dieser Tätigkeit entfernt. Er hatte sich ein Jahr früher als ich am Braunschweig-Kolleg beworben, einer Begabtenförderung - man konnte in zwei Jahren ganztägigen Unterrichts das Abitur nachholen.

In einem Brief an den Direktor des Braunschweig-Kollegs, den er über seinen älteren Bruder kannte, der an dem Kolleg bereits sein Abitur gemacht hatte, bewarb er sich um die Aufnahme.
Hannover - 5.  11.  59
Sehr geehrter Herr Oberstudiendirektor Raßmann!
Wir sind vier Jungen. Meine Eltern konnten uns nur den Besuch der Mittelschule, nicht aber den der Oberschule ermöglichen. Der Beruf des Schaufenstergestalters, den ich nach Abschluß der Mittl. Reife ergriff, befriedigt mich nicht. Ich habe den Wunsch, Kunsterzieher zu werden; um dieses Ziel zu erreichen, ist der erste Schritt das Abitur.
Ich beschäftige mich hauptsächlich "bildend": ich male, zeichne und mache Linolschnitte und Plastiken. Ich besuche die Ausstellungen der Kestner-Gesellschaft, des Kunstvereins und der Galerie Seide in Hannover.
Andere Interessengebiete sind Literatur und Musik. In der Literatur bevorzuge ich die moderne Lyrik (seit Baudelaire) und das Drama (Griechen, Shakespeare, Drama der Gegenwart). Ich höre literarische Vorträge und die Konzerte der Kammermusikgemeinde und der Reihe "Meister am Klavier". Seit Januar 1959 lese ich die "Deutsche Zeitung für Kunst und Literatur: Pano­rama".
Auf allen Gebieten der Kunst bemühe ich mich um das Verständnis für das gegenwärtige Schaffen.
Hochachtungsvoll
Benno Ohnesor
g

Ein wenig erstaunt, aus heutiger Sicht, dieses ­bemühte Streben nach Bildung. Aber er wollte sich dem Direktor vorstellen, ihm ein Bild von sich geben, mit der Begründung, warum er das Abitur nachholen wollte. Und bildungsbeflissen kann das nur nennen, wer an die Bildung gleichsam naturwüchsig durch das Elternhaus herangeführt oder auch dazu gezwungen wurde. Wie eine Schranke lag - heute hat sich das ein wenig geändert - das Abitur vor jeder weiterführenden Ausbildung an Kunsthochschulen, Universitäten, Technischen Hochschulen.
     Ich kann mich nicht erinnern, einen Brief an das Kolleg geschrieben zu haben, aber wahrscheinlich wäre er im Ton, in der Argumentation ähnlich gewesen, denn es ging ja darum, sich für das nicht einfache Vorhaben, in nur zwei Jahren den ganzen Bildungskanon nachzuholen, zu empfehlen. Wahrscheinlich hätte ich die Kurse an der Volkshochschule angeführt: Philosophie, Literatur, Geschichte, den Besuch von Vorträgen in der Universität, Lateinkurse, Lektüre: Goethe, Kleist, Heine, E. T. A. Hoffmann und die Modernen: Thomas Mann, Brecht, Kafka, Faulkner, Dostojewski, Tolstoi, Besuche von Vorträgen in der Kunsthalle, selbst bildend galt für mich allerdings nicht. Aber diesen Satz hätte ich auch schreiben können: Auf allen Gebieten der Kunst be­mühe ich mich um das Verständnis für das gegenwärtige Schaffen. Zu der Zeit waren wir beide eben neunzehn Jahre alt geworden. Als Studienwunsch hätte ich angegeben: Philosophie und Literaturwissenschaft. Und hätte ich den Mut gehabt, den ich nicht hatte, meinen Wunsch für eine spätere Tätigkeit zu nennen, wäre es nur dieser eine gewesen - Schreiben. Weil ich das schon seit Jahren tat - allein für mich.

Aus Frankreich hat der Freund ein Jahr später einen zweiten Brief an den Direktor geschrieben.
Bouche-du-Rhône
Arles im Oktober 1960
Sehr geehrter Herr Raßmann!
Im vergangenen Jahr habe ich in Braunschweig die Testprüfung abgelegt. Inzwischen bin ich 20 geworden und erfülle damit eine Bedingung für das Kolleg, hoffentlich nicht die einzige!
Ich beendete meine Lehre zu Ostern, arbeitete ein Vierteljahr und nahm an der Klassenfahrt meines Bruders nach England teil. Seit mehreren Wochen bin ich in Südfrankreich, wo ich in der Weinlese gearbeitet habe.
Ehrfürchtig stehe ich vor den antiken Baudenkmälern, ehrfürchtig auch und erschreckt vor der Zeit, die so unverschämt unser 20. Jahrhundert mit den alten Römern verbindet. In dieser vielseitigen Landschaft entdecke ich die glühenden Farben van Goghs, die Bewohner, die er malte, oder Gauguin oder Cezanne. Die Orte, die nicht von Touristen aufgestöbert werden, sind selten, doch man findet immer wieder Plätze, in deren Einsamkeit sogar große Werke entstehen können.
Bleibt noch die französische Sprache, sie zu erlernen, um den Zugang zur französischen Literatur zu erleichtern, wäre Grund genug, nach Frankreich zu kommen.
Ein Leben als Tramp ist keine Vergnügungsreise. Ich besitze nicht die pfadfinderische Offenherzigkeit, die sich blauäugig und lederhosig unter die Leute mengt, und des Abenteuerlichen, wenn jemand das suchte, würde er nur allzuschnell müde.
Was mich an meiner Fahrt lockte, wurde gefördert von einem wachsenden Unbehagen, das ich zu ­Hause verspürte. Trotz langer Arbeitszeit besuchte ich fast übertrieben oft Theater, Konzerte, Vorträge, wußte aber nicht, worüber ich mich mit meinen Eltern unterhalten sollte. Ich sah keine Möglichkeit und fand mich auch nicht in der Lage, dieses Aneinander-vorbei-Leben durch Rede und Gegenrede zu überbrücken. Das Gespräch, die Grundbeziehung zum Mitmenschen, existierte nicht. So zog ich aus, ein Mensch zu werden.
Für das hannoversche Kulturleben habe ich freilich keinen Ersatz, doch herausgerissen aus dieser Gewohnheit, angewiesen auf wenige Bücher, kann man ihren Wert erst richtig ermessen.
Was ist ein Mensch? frage ich. Nicht fragwürdig ist sein Wert, aber an seiner Bestimmung, frei zu sein, frei von Eigenliebe und Geltungsdrang, so frei, daß "der Mensch dem Menschen ein Helfer" wird, kann man nur zu leicht resignieren. Beachtenswert, wer mit Ionescos Beringer ruft: Ich kapituliere nicht!, selbst wenn alle andern schon Nashörner sind.
Ist der Mensch nicht mehr als ein biologisches Phänomen? Die Kunst zeigt, daß er ständig neu geschaffen, immer vor neue Möglichkeiten gestellt wird. Und doch steht ihm nur sein Leib mit seinen unveränderten bio-chemischen Vorgängen zur Verfügung. Diese möchte ich erforschen.
Hirnphysiologie und Kunst, die mich am nachhaltigsten beeindruckt und geformt haben, sind die Gebiete, die ich studieren möchte.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel geschrieben habe; ich habe die Gelegenheit, deutsch zu "sprechen", etwas ausgenutzt.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Benno Ohnesorg

Teil 3

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