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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

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Mord und Ratschlag

Serienmörder

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer

02.07.2004. Die Krimikolumne: Serienmörder gehen um. In Franz Kabelkas Krimi "Heimkehr" wird einem Schriftsteller der Kopf mit einer Hellebarde abgeschlagen. In Carmen Korns "Der Tod eines Klavierspielers" tätowiert der Mörder die Hälse der erwürgten Frauen.

Das Geheimnis macht den Krimi. Im wirklichen Leben erklären sich Morde auf deprimierende Art selbst. Das meiste, was alltagssprachlich so bezeichnet wird, ist ohnehin nur Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge: Jemand hat genervt, einem anderen ist die Hand ausgerutscht, alle waren betrunken. Und selbst wenn die juristischen Mordmerkmale - Vorsatz, Heimtücke, niedere Beweggründe - erfüllt sind, die Tat also geplant wird, ist sie banales Mittel zu banalem Zweck: Es geht um Versicherungen, Dreiecksgeschichten, Staatsgeheimnisse, lauter dumpfes Zeug, das richtige Literatur unterfordert.

Interessanter sind Serienmorde. Nicht die der Heiratsschwindler und Erbschleicher; aber die, von denen der Täter nichts Erkennbares hat. Wenn jemand alle zwei Jahre ein Liebespaar tötet, ohne es auszurauben, dann stehen diese Exzesse für sich selbst. Sie erzählen ihre eigene Geschichte, deren Reiz in ihrer Unverständlichkeit liegt. Der Mörder agiert unter Zwang, aber unter welchem? Ist diese Frage beantwortet, kann der Grusel noch wachsen: Die meisten Serienmörder kommen aus unglücklichen Familien wie Millionen von Nichtmördern auch. Der Leser spürt: Es hat nicht allzu viel gefehlt, dann wäre ich auch so geworden. Deshalb sind Serienmorde bei Krimischreibern so beliebt: Sie wühlen auf.

"Heimkehr", der erste Kriminalroman des 1954 geborenen Österreichers Franz Kabelka, handelt von einer normal schwierigen Familie. Als Chefinspektor Anton Hagen von Linz nach Feldkirch im Vorarlberg zurückkehrt, wird sein Vater gerade zum Pflegefall, und von Antons Bruder Hartmut ist keine große Hilfe zu erwarten. Auch Antons einzige zukunftsträchtige Liebschaft, die mit Lisa, ist ungeklärt. Dazu kommt ein dringender Fall: Jemand schlägt dem Schriftsteller Eugen Rhomberg mit einer Hellebarde den Kopf ab, genau so, wie es sich das kulturpessimistische Scheusal, nur mit einem anderen Opfer, in einem unveröffentlichten Manuskript ausgemalt hatte. Rhomberg hat dort noch einige andere Morde beschrieben, und sein unbekannter Leser geht bald ein zweites Mal ans Werk. Die Hellebarde wurde aus einer Feldkircher Gastwirtschaft gestohlen, fast jeder könnte sie genommen haben. So wird "Heimkehr" zur Sozialstudie über ein Provinznest.

Sprachlich verschenkt Kabelka das alles. Mit seinem Roman könnte man Volontäre im Phrasen- und Füllwortwittern trainieren. Was für "Verachtung" empfindet man manchmal? Genau, "kalte". Auf was für "Bikertreffen" treffen sich Biker? Auf "einschlägigen". Wie schaut sich einer etwas an? "Persönlich". Mit welcherlei "Sprüngen" nimmt man eine Treppe? Mit "federnden". Es sei denn, man wird mit welcher "Gewalt" gehindert? Mit "physischer". Und so weiter. Der Roman holpert nominal ("Stimmigkeit herrscht"), amtssprachlich ("im belletristischen Bereich") und talkshowdeppenhaft ("vom Stil her", "von ihrer Textur her"). Das Lockere ist abgegriffen ("gehöriger Alkspiegel", "Sozialtarif für Bullen", "der Frust des gehobenen Bürgers"). "Heimkehr" wird aus vier Perspektiven erzählt (die Brüder Hagen, Rhomberg, der Mörder), aber die Rollenprosa funktioniert nicht: Das Buch klingt immer gleich. Nur der Verfall des alten Hagen, die Vater-Sohn-Verhältnisse, sind sehr gut getroffen.

Um den Stil geht es dieser Kritik nicht. Der ist nämlich egal: Wenn seine Geschichte rüberkommt, hat der Autor gewonnen. So geschrieben kann sie aber nicht rüberkommen. Wer nachdenkt - über die Provinz, die Familie, den Literaturbetrieb -, der sollte seinen Lesern zutrauen, dass auch sie denken können. Er sollte nicht erklären, was sie schon verstanden haben, sollte also keine Witze aufdröseln und nichts doppeln, sondern alles Überflüssige weglassen. Dann leuchtet das Nötige von selbst.

Auch in Carmen Korns "Tod eines Klavierspielers" ist der Mörder ein Künstler, allerdings keiner, der sich seine Taten von einem fremden Manuskript vorgeben lassen würde. Sondern es ist seine eigene Idee, die Frauen, die er erwürgt hat, am Hals mit Buchstaben zu tätowieren, mal mit einem, mal mit mehreren. Um DIE MONDF zu schreiben, braucht er sechs Hälse. Wie lange soll der Text werden? Die Opfer waren jüngere Frauen, die, zum Beispiel als Schauspielerinnen, ein Glanz sein wollten. Der lockt den Ästheten, aber er muss ihn zerstören.

Eingebettet ist das in eine Geschichte über späte Dreißiger, die keine Freude mehr daran haben, unverbindlich durch ihre Freiheit zu stolpern. Vera Lichte spürt überrascht, dass sie mit einem Mann Ernst machen will. Beseligt sagt sie, ihr täten sämtliche Körperteile weh. Urheber ist der Barpianist Jef Diem, der bisher auch nirgends angekommen war. Verwandt, aber aussichtsärmer die Konstellation zwischen der Glamourjournalisten Leo und dem Fotografen Nick: Leo findet Nicks Gerechtigkeitssinn, seine Korruptionsresistenz, sympathisch und langweilig. Darum herum die - außer Jef - anderen Verdächtigen: Veras Wohnungsnachbar Philip Perak, der mit seinen Besucherinnen Verkleidungsspiele treibt; Harlan, der Leo Gedichte vorliest und von dem sie hingegeben lernt, dass Sex nicht nur nett ist. Älteste gute Seele ist Anni, die schon Veras Vater den Haushalt besorgt hat und gerne viel mehr für ihn getan hätte.

Anders als Kabelka ist Carmen Korn, Jahrgang 1952 und krimierfahren seit "Der Tod in Harvestehude" (1998), ihrem Thema sprachlich gewachsen. Viele Krimis scheitern an den Gelenkstellen zwischen dem Alltag wirklichkeitsnaher Menschen und dem, da Verbrechen nun mal selten sind, Unwahrscheinlichen. Da frisst das eine das andere auf, Realismus und Erfindung passen nicht zusammen. Carmen Korn dagegen verzichtet auf verbindende Erklärungen, die doch nichts bringen würden. So wird der Krimi, wo er keine Reportage sein kann, zum Spiel: Viele sind verdächtig, alle, die man mag, geraten in Gefahr. Das erreicht Korn mit den traditionellen Mitteln des allwissenden Erzählers: Sämtliche Verdächtigen werden von innen gezeigt, der Leser erfährt ihre Gedanken. Die sind über Leitmotive ("Glanz") auf die Taten bezogen und so mehrdeutig formuliert, dass jeder der Mörder gewesen sein könnte. Entsprechend den Regeln des Genres: Der Autor darf den Leser bis kurz vor Schluss hereinlegen. Wenn er es gut macht.

"Tod eines Klavierspielers" ist, wie alle gelungenen Krimis, mehr als ein Krimi. Zum Beispiel, neben dem ganzen Unglück, eine Studie über die Liebe als Wende: "All die Hypotheken, die sie durchs Leben schleppten", halten die Leute voneinander ab. Und dann machen sie, jenseits der Jugend, doch noch was richtig.

Franz Kabelka: "Heimkehr". Kriminalroman. Haymon-Verlag, Innsbruck - Wien 2004, 233 Seiten, gebunden, 19,90 Euro (Bestellen)

Carmen Korn: "Tod eines Klavierspielers". Kriminalroman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, 220 Seiten, Taschenbuch, 7,90 Euro (Bestellen)

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