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Petur Gunnarsson: punkt punkt komma strich

Moti Kfir, Ram Oren: Sylvia Rafael

Mord und Ratschlag
Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
15.04.2004. Ein deutscher Wallander, ein amerikanischer Symbolologe als Gegenaufklärer und französische Dunkelmänner aus dem 18. Jahrhundert: Ekkehard Knörer stellt die neuen Romane von Jan Seghers, Dan Brown und Pablo de Santis vor.
Matthias Altenburg, der unter dem sogleich offen gelegten Pseudonym Jan Seghers seinen ersten Kriminalroman geschrieben hat, preist Henning Mankell, er habe die deutschen Autoren von der Notwendigkeit befreit, die Amerikaner zu kopieren. Also kopiert Altenburg Mankell, an dessen Originalität man freilich auch zweifeln darf, denn von Rendell und Dexter bis Sjöwall/Wahlöö sind die strukturellen und weltanschaulichen Eigenschaften der Wallander-Romane doch, wenngleich ohne die Leichenbittermiene, weithin erprobt. Egal, Altenburg erschafft also einen deutschen Wallander, gibt ihm den Nachnamen des großen schweizerischen Meisters der Theater-Langsamkeit, nämlich Marthaler (Vornahme hier: Robert) und schickt ihn, etwas zu dick, verwitwet und mit gelegentlichen nervtötenden Anflügen des Wallanderschen Kulturpessimismus, auf Verbrecherjagd in Frankfurt am Main.
Eingefädelt wird die Geschichte famos. Alles beginnt mit einem Autounfall und dem Verschwinden eines Mädchens, über das der Titel und ein jeder, der ihr begegnet, vor allem das eine sagt: sie ist schön, wunderschön, allzu schön. Bis zum ersten Auftritt des Kommissars liest sich das wie ein gelungener Psychothriller (Vorbild: Barbara Vine), gerade in der Sorgfalt und Langsamkeit, mit der Altenburg sich der geheimnisvollen Figur nähert. Dann aber geschehen Morde - natürlich ist das verstörte schöne Mädchen höchst verdächtig, und der Roman macht eine eher abrupte Wendung vom Psycho- zum Rätselgenre. Marthaler beginnt, im Verbund mit einem geschmackvoll, wenngleich im Rückgriff auf bewährte Muster zusammengestellten Team zu ermitteln. Der Vorgesetzte ist nur geil auf Medienpräsenz, der Pathologe ist ein bisschen pathologisch und der Kommissar ist, in Liebes- und anderen Dingen, ein Mensch wie du und ich. Und weil Matthias Altenburg als Erzähler ein Könner ist, liest man das nicht einmal ungern.
Der stete Wechsel zwischen Aufklärungsarbeit und den kaum erklärten Taten und Verhaltensweisen des Mädchens ist der Spannung, die sich nach und nach aufbaut, nicht abträglich, der Autor hat seine Geschichte allzeit souverän im Griff. Wie es sich gehört, erfährt man über den Ort des Geschehens, Frankfurt am Main also, manch topografisch und sonstwie Interessantes. Das Mädchen, das nicht weiß, wer es ist und warum es tut, was es tut, ist ein über weite Strecken faszinierendes Faszinosum und der Kern des Romans. Naturgemäß enttäuschend nur das Ende, weil es bemüht ist, die Rätsel psychologisch zu entwirren und mit dem Fall auch das Profil der Titelfigur unter Dach und Fach zu bringen. Einen Kriminalroman nach Mankellschem Vorbild wollte Matthias Altenburg schreiben, nicht mehr, nicht weniger. Das ist ihm, keine Frage, gelungen. Natürlich kann man seine Ziele höher stecken, aber dem Leser, der das sucht, was er bei Mankell findet, sei dieser Krimi-Erstling empfohlen.
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Seit genau einem Jahr befindet sich Dan Browns Heiliger-Gral-Verschwörungsthriller "The Da Vinci Code" auf der Bestsellerliste der New York Times und ist pünktlich zum Jubiläum auf Platz 1 zurückgekehrt. Unter den ersten acht der Taschenbuchbestseller finden sich drei weitere Titel des Autors, vom Da-Vinci-Vorgängerwerk ist zusätzlich zum Taschenbuch eine Hardcover-Ausgabe nachgedruckt worden, auch die liegt seit Wochen auf den vorderen Rängen der Bestsellerliste. Dan Brown, so viel ist klar, ist ein Phänomen, auch in Deutschland, wo sich nach dem Erfolg des Vorgängers "Illuminati" der unter dem Titel "Sakrileg" veröffentlichte "Da Vinci Code" schon wieder da befindet, wo er offenbar hingehört: an der Spitze der Verkaufs-Listen, beim Spiegel wie bei Amazon.
Ein Phänomen wie gesagt, und umso phänomenaler, als "Sakrileg" ein miserables Buch ist. Robert Langdon, ein Harvard-Professor für Symbolologie (dem deutschen Leser schon aus dem Vorgänger "Illuminati" vertraut), kommt nach Paris und sieht sich dort mit einer Menge Toter konfrontiert, einer schönen Kryptologin und einem Haufen Bildungs- und Geschichtsschrott rund um den Heiligen Gral und die Priorie von Sion, Da Vincis Abendmahl, Maria Magdalena und, nicht zuletzt, die katholische Organisation Opus Dei. Langdon bringt nun, über Leichen stolpernd, einiges Dunkel ins verschwörungstheoretische Dunkel, breitet seitenlang die Erkenntnisse semiseriöser Forscher zu den verhandelten Themen aus und betreibt, unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der Wissenschaft, die schönste Gegenaufklärung.
Literarisch beeindruckend ist daran in erster Linie, was der Autor alles nicht beherrscht. Sein Stil ist grammatikkonform, das ist noch das beste, was man darüber sagen kann. Geist, Charme, Präzision, Raffinesse: Fehlanzeige. Bei Lichte besehen ist dieser Thriller ein Sachbuch, verteilt auf ein paar Sprecherrollen, die Namen haben, aber keine Charaktere sind. Immer wenn es allzu langweilig wird - und es wird immer wieder schrecklich langweilig - kommt unerwartet ein Schurke hereinspaziert und fuchtelt mit der Pistole. Vor der sich andeutenden Liebesgeschichte zwischen dem Symbolologen und der Kryptologin streckt dann allerdings der in seinen Mitteln sehr limitierte Autor die Waffen. Ein Kuss am Schluss, mehr nicht. Kein Sex also, aber Dunkelmännerschmarrn ohne Ende.
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Mit Dunkelmännern bekommt man es auch in Pablo De Santis' (vgl. die Krimikolumne vom April 2002) soeben beim Unionsverlag erschienenen Roman "Voltaires Kalligraph" zu tun, und zwar im Frankreich des 18. Jahrhunderts, das der argentinische Autor hier virtuos nachstellt. Mit Automaten, einer dominikanischen Verschwörung und einem Helden, der Kalligraph ist und unter dessen Augen beinahe alles zum Problem der Kalligraphie wird. Dies ist das gerade Gegenteil von Dan Browns tumbem Klotz von einem Roman: eine filigrane Preziose, voller wunderbarer Einfälle und Begegnungen. Ein Pastiche der exquisiten Art - nur leider, wenngleich in der Spannungsroman-Reihe des Verlags erschienen und der Einarbeitung eines der prominentesten Kriminalfälle des 18. Jahrhunderts zum Trotz, eigentlich kein Kriminalroman. Dennoch ein bezauberndes Buch - und darum sei es an dieser Stelle wenigstens erwähnt.
Jan Seghers: "Ein allzu schönes Mädchen". Roman. Wunderlich Verlag, Reinbek 2004. Gebunden, 464 Seiten, 19,90 Euro (Bestellen)
Dan Brown: "Sakrileg". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Piet van Poll. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2004. Gebunden, 605 Seiten, 19,90 Euro (Bestellen)
Pablo De Santis: "Voltaires Kalligraph". Roman. Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke. Unionsverlag, Zürich 2004. Gebunden, 192 Seiten, 16,90 Euro (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
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Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen
Siegelringzellen-Krebs
12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen
Gehobene Koks-Klasse
07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen
Emotional labiler Federfetisch
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen





