Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 08.37 Uhr

Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Edith Templeton: Gordon, Teil 1

26.01.2004.

1. Kapitel  

An einem sonnigen Juninachmittag um Viertel vor sechs saß ich im Shepherds in der Nähe der Theke und beobachtete über den Rand meines Glases hinweg einen Mann. Ich war mir sicher, dass er versuchen würde, mich abzuschleppen. Weniger sicher war ich mir, wie ich darauf reagieren würde. Äußerlich erinnerte er mich an Major Carter, der mich ein paar Wochen zuvor, während er mich nach einem Regimentsball in einem Dienstwagen nach Hause begleitet hatte, umarmt und, von mir abgewiesen, sich mit den Worten entschuldigt hatte: "Ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren ist! Wo Sie doch so ein nettes Mädchen sind ?"
     Vielleicht war es seine Enttäuschung darüber, dass ich "so ein nettes Mädchen war", was ihn später an dem Abend dazu gebracht hatte, sich zu betrinken; vielleicht war er aber auch schon im Auto betrunken gewesen. Ich hatte ihn aus den Augen verloren, sobald wir die riesige Hotel-Lounge betreten hatten, die uns als Kasino diente. Als ich aber eine halbe Stunde später mit einigen Freunden plaudernd zusammensaß, sah ich zu meinem Erstaunen Major Carter auf der Empore auftauchen, die die Lounge umgab. Abgesehen von einer Unterhose hatte er nichts an. Er klammerte sich an das Geländer und brüllte: "Ich will eine Frau! Ich muss eine Frau haben!"
     Die zwei Kasino-Sergeants, die an der Rezeption Dienst taten, der Kasino-Sekretär und ein paar weitere Offiziere, darunter der junge Dent, rannten die Treppe zur Empore hinauf und umringten ihn. Brüllend und sich sträubend wurde er zum Fahrstuhl geschleppt.
     Was danach geschah, erfuhr ich von Dent, als er sich eine halbe Stunde später an unseren Tisch setzte. Dent erzählte höchst amüsiert: "Wir schaffen den Burschen rauf in sein Zimmer, legen ihn aufs Bett und fesseln ihm Hände und Füße mit zwei Pfeifenschnüren. Dann bleiben wir noch eine Weile da und schwatzen, ohne groß auf ihn zu achten, sagen uns, dass wir ihm noch zehn Minuten Zeit lassen, und dann kann ihn sein Bursche schlafen legen und wir machen Feierabend, als er sich losreißt, aufspringt und aus dem Zimmer flitzt. Wir sofort hinterher, er rennt den Gang lang zur Fahrstuhltür, öffnet sie und steigt in den Fahrstuhl, der nicht da ist. Und wir machen nur noch die Augen zu. Ein Sturz über vier Stockwerke und unten eine Betonplatte! Wir laufen die Treppe hinunter, um aufzusammeln, was von ihm noch übrig ist, und als wir auf dem ersten Stock ankommen, sehen wir ihn, wie er die Treppe heraufgerannt und uns entgegenkommt, dabei flucht und zetert, und wir stoßen zusammen; und so sind wir alle wieder vereint und rangeln und prügeln uns, genau wie vorher. Jetzt liegt er im Bett."
     Am nächsten Morgen hörte jemand Major Carter beim Frühstück sagen, er wolle verdammt sein, wenn er wisse, warum er mit blauen Flecken übersät war.
     Ich kannte das Shepherds gut, von vor dem Krieg, aber ich war noch nie allein da gewesen. Ich war überhaupt noch nie allein in einem Pub gewesen. 
     Es war 1946, der Krieg war zu Ende, und ich war seit zwei Tagen wieder in London. Ich war achtundzwanzig Jahre alt, und wenngleich rastlos und einsam, hatte ich noch nicht jenes Lebensstadium erreicht, von dem es heißt: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben."
     Das Shepherds hatte sich nicht verändert, und ich liebte es schon wegen seines Namens - Shepherds in Shepherd Market -, wegen der Ironie, die er enthielt, weil er das genaue Gegenteil dessen war, was Schäfer und ein Markt implizierten. Es gab noch immer dieselbe Decke, braun und glänzend, wie mit Karamell übergossen und so zerbrechlich anzusehen, dass man hätte schwören mögen, sie würde bei der leichtesten Berührung zerspringen. Das Telefon rechts vom Eingang befand sich noch immer in der altertümlichen Sänfte, deren Wände mit Blumengirlanden bemalt waren, und es gab noch immer den einen Barkeeper, der gern behauptete, die halbe Krone, die man ihm gegeben hatte, sei ein Zweishillingstück gewesen.
     Das Lokal war überfüllt, aber ich war dem Gedränge entronnen. Ich saß auf der niedrigen breiten Fensterbank in der Nähe des zweiten Eingangs, gegenüber der Sänfte, am entgegengesetzten Ende des Raums, und hatte links und rechts neben mir genügend Platz, um meine Handtasche und mein Glas abzustellen. Ich trug ein kurzärmeliges eng anliegendes Kleid aus bedruckter Seide, die mit ihren verschwimmenden Tupfern von Blau, Rosa und Mauve an diese marmorierten Vorsatzblätter erinnerte, die die Bücher des neunzehnten Jahrhunderts schmücken. Genau dieses Kleid hatte ich eines Nachmittags im Garten unseres Kasinos im Hauptquartier getragen, als Colonel Prior ausgerufen hatte: "Bewegen Sie sich jetzt nicht, Louisa, was immer Sie tun! Sie sehen exakt aus wie ein Renoir!" Genau dieses Kleid hatte ich eines Abends getragen, als wir in der Eingangshalle herumgestanden hatten und Major Turner hereingekommen war und gesagt hatte: "Ich habe den Ordonnanzen gesagt, dass sie mit dem Auftragen noch zehn Minuten warten sollen. Louisa sieht gerade so reizend aus, dass ich es nicht über mich gebracht habe, die Versammlung aufzulösen."
     Ich warf einen weiteren Blick auf den Mann, der Major Carter ähnelte, und bemerkte, dass er seinen Barhocker noch ein Stückchen näher an meinen Platz herangerückt hatte. Er war ein blonder, stämmiger, rotgesichtiger junger Mann; er litt wahrscheinlich, wie wir zu sagen pflegten, nicht gerade an zu viel Gehirnmasse, ohne deswegen allerdings auf den Kopf gefallen zu sein. Dann ließ ich den Blick weiter durch den Raum schweifen und stellte zu meiner Enttäuschung fest, dass ich nur fremde Gesichter sah. Das Shepherds war eine Anlaufstelle für jeden aus unserer Clique, der gerade Urlaub hatte; und eben in der Hoffnung, wenn schon keinen Freund, so doch wenigstens einen Bekannten zu finden, war ich hierher gekommen.
     Eine Sekunde lang begegnete ich dem Blick eines Mannes, der vor der Sänfte stand, von der nur eine Ecke zu sehen war - und auf dieser die Hälfte einer gemalten Rose, rissig und verblasst. Nur sein Kopf und ein Teil seiner Schultern ragten hinter einer Gruppe von Offizieren empor, aber das genügte mir, um zu sehen, dass er Zivilist war. Sehr gepflegt, dachte ich, hat aber auch was Gemeines an sich. Wahrscheinlich eine Tunte aus Mayfair. Und ich wandte die Augen ab und trank einen Schluck von meinem Sherry.
     Während ich unter gesenkten Lidern die langsame Annäherung des zweiten Major Carter verfolgte, begann ich, wie ich es schon oft getan hatte, über die bedauerliche Logik nachzudenken, die sich in "Wo Sie doch so ein nettes Mädchen sind!" äußert. Wenn ein Mann eine Frau, die ihm, wie es so schmeichelhaft heißt, "ihre Gunst geschenkt hatte", verachtete, dann konnte das doch nur heißen, dass er sich selbst ebenfalls verachtete. In seltenem Gegensatz dazu stand der junge Captain Dent mit seinem: "Und als ich sie dann bat, mit mir ins Bett zu gehen, sagte sie - als die intelligente Frau, die sie ist - ja."
     Der zweite Major Carter war gerade aufgestanden und hatte - mit einem fragenden, rundäugigen Blick und einem lächelnd aufgerissenen Mund, Merkmale, aus denen ich zweifelsfrei schloss, dass er mich mit etwas wie "Na, so ein Vergnügen, Sie hier zu sehen! Lassen Sie mich nachdenken - woher kennen wir uns noch mal?" ansprechen würde - einen Schritt in meine Richtung getan, als ich eine Stimme sehr leise sagen hörte: "Wir genehmigen uns woanders noch einen Drink." Die Stimme war so schwach und kam so völlig aus dem Nichts, dass ich einen Moment lang glaubte, ich hätte sie mir nur eingebildet.
     Ich drehte mich um.
     Hinter mir stand der Unbekannte, den ich als eine Nobeltunte abgetan hatte. Ich war zu verblüfft, um zu sprechen. Er löste meine Finger von dem Glas, das ich hielt, und stellte es auf die Fensterbank. Seine Hand schloss sich um mein Handgelenk. Ich spürte den Druck seines harten Daumens an meinem Puls. "Kommen Sie schon", sagte er mit derselben leisen Stimme. Ich nahm mit meiner freien Hand meine Tasche, und während der zweite Major Carter mich weiterhin rundäugig und offenen Mundes, aber jetzt ohne zu lächeln, anstarrte, folgte ich dem Unbekannten nach draußen.
     Auf dem Bürgersteig blieb er stehen und ließ mich los. Ich wendete mich zu ihm hin. Wir sahen uns an. Ich war noch immer benommen und über meine unerklärliche Fügsamkeit verblüfft. Er lächelte.
     "O Gott, worauf habe ich mich da bloß eingelassen?", dachte ich, als ich ihm in die Augen sah und sie entschieden unangenehm fand. Sie lagen tief in den Höhlen, waren dunkelgrau und mit einem weißen Ring versehen, eine Eigenart der Iris, die mir gelegentlich bei sehr alten Menschen aufgefallen war. Aber ihr fast unheimliches Aussehen rührte wahrscheinlich von ihrer Stellung her. Sie saßen auf unterschiedlichem Niveau, das linke Auge ein wenig höher als das rechte. Das musste es gewesen sein, was in mir diesen ersten Eindruck von Gemeinheit hervorgerufen hatte.
     Er war weder groß noch klein, schlank und schmalgliedrig, von einem unscheinbaren Körperbau, der mich nicht besonders beeindruckte; genauso wenig wie sein Gesicht, obwohl es die gleiche Faszination besaß, die von den unregelmäßigen, schroffen Umrissen einer romantischen Ruine ausgeht. Die Nase war hoch angesetzt und unregelmäßig, die Wangen hohl unter ausgeprägten Jochbeinen, die Lippen lang, das Kinn schön und fest gerundet. Das leicht gewellte jettschwarze Haar wuchs ihm tief in die breite Stirn und unterstrich die düstere Blässe des Gesichts wie Ranken von dunklem Efeu, die eine zerfallene Mauerkrone herabwallen.    
     Ich wandte den Blick von ihm zur anderen Straßenseite, wo der wässerige Sonnenschein des Spätnachmittags auf dem Bürgersteig lag. Dann sah ich ihn wieder an. Jetzt lächelte er nicht mehr. Er betrachtete mich konzentriert.
     "Wir gehen in meinen Club in der Brook Street", sagte er. "Da ist es ruhiger. Kommen Sie."

Teil 2

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Archiv: Vorgeblättert

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06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

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