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Post aus New York
Der andere Ground Zero
Von Ute Thon
02.10.2003. Bis zu 20.000 schwarze Sklaven sollen unter dem Pflaster von Downtown Manhattan verscharrt worden sein. Morgen werden erstmals Überreste dieser namenlosen Toten auf dem African Burial Ground beigesetzt.
Vierhundertneunzehn namenlose Tote wurden aus dem Erdreich in Downtown New York geborgen. Sie wurden fotografiert, ihre DNA getestet und erkennungsdienstliche Protokolle erstellt. Vorgestern haben sie ihre letzte Reise angetreten. Nach einer Ehrenprozession durch die Häuserschluchten der Wall Street wurden die sterblichen Überreste in handgeschnitzten Särgen, manche nicht größer als ein Schuhkarton, am unteren Broadway, unweit des Geländes des World Trade Center beigesetzt.
Die feierliche Begräbnis-Zeremonie hat jedoch nur indirekt mit den Attentaten des 11. September zu tun. In den Särgen befinden sich Terroropfer einer anderen Zeit. Es sind die Knochen von Schwarzafrikanern, die bereits vor 300 Jahren in New York gestorben sind, meist an den Folgen unmenschlicher Sklavenarbeit. Ans Tageslicht kamen die Leichenfunde eher zufällig, als Bauarbeiter im Jahr 1991 auf dem Grundstück 290 Broadway auf Skelette stießen. Wie sich später herausstellen sollte, befand sich unter dem Bauland für ein neues Verwaltungsgebäude ein riesiger Sklavenfriedhof aus dem 18. Jahrhundert. Bis zu 20.000 Afro-Amerikaner sollen auf einer Fläche von 2,2 Hektar, was etwa den Ausmaßen von sechs modernen Straßenblocks entspricht, im unteren Teil Manhattans begraben sein, schätzen Historiker. Heute befinden sich dort Bürohäuser, ein Park, aber auch das New Yorker Rathaus und der Bundesgerichtshof. Zwar war der "Negerfriedhof" auf alten Landkarten markiert. Doch im Zuge urbaner Expansion wurde das Land verkauft, die Gräber zugeschüttet und später Häuser darüber gebaut. Mit den Jahren geriet New Yorks Sklavenhalter-Vergangenheit in Vergessenheit. Erst mit der Wiederentdeckung der Gräberreste kehrte dieser unrühmliche Teil der Stadtgeschichte ins öffentliche Bewusstsein zurück. Seitdem kämpfen schwarze Bürgerrechtler dafür, dass er für immer im Gedächtnis bleibt.
"Das ist unser Ground Zero", sagt Howard Dodson, ein angesehener Historiker und Direktor des Schomburg Centers, einem Forschungsinstitut für schwarze Kultur in Amerika. "Es ist geweihte Erde, in der Zehntausende unserer versklavten Vorfahren ihre letzte Ruhe fanden." Die Grabstätte sei außerdem ein wichtiges Dokument für die Rolle, die Afrikaner für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Amerikas spielten. Dodson gehörte zu den Gründungsmitgliedern einer Aktionsgemeinschaft, die sich für die Rettung des Friedhofs einsetzt. Andere prominente Mitstreiter waren der damalige New Yorker Bürgermeister David Dinkins und ein paar engagierte Kongressabgeordnete, die einen vorübergehenden Baustopp erwirkten, um die Denkmalschutz-Frage klären zu lassen. Der Bauherr, die bundesstaatliche General Service Administration (GSA), hatte sich anfangs geweigert, die Bauplanung wegen der Grabfunde zu verändern und drängte stattdessen auf die schnelle Beseitigung der Knochen. New Yorks schwarze Gemeinde zeigte sich dagegen empört über den pietätlosen Umgang der sterblichen Überreste ihrer Ahnen. Sie organisierte Demonstrationen und Trauergottesdienste und alarmierte die Medien über den Sklavenfriedhof-Skandal. Der Washingtoner Bauverwaltung warfen sie Ignoranz und Rassismus vor.
Unter zunehmenden Druck der Öffentlichkeit einigte sich die Behörde 1992 schließlich mit den Denkmalschützern auf einen breitgefächerten Rettungsplan. Danach sollten die rund 400 auf dem Baugrund gefundenen Skelette für forensische und archäologische Studien vorübergehend in die Obhut der Washingtoner Howard Universität, der einzigen Universität mit ausreichend Erfahrung in Sachen Sklaverei und Archäologie, gegeben werden, und später in New York mit allen Ehren neu bestattet werden. Die Baupläne wurden modifiziert, um Raum für eine Gedenkstätte und ein zukünftiges Informationszentrum zu schaffen. Die Kosten würden von der Baubehörde GSA getragen. Dafür durfte sie über Teilen der Grabstätte das gewünschte Hochhaus errichten.
Alle Sachverständigen waren sich einig, dass die Entdeckung des größten bekannten Friedhofs für Schwarze aus der Kolonialzeit einen historisch einzigartigen Fund für New York darstellt. Anhand der unzähligen Skelette und Grabbeigaben konnten endlich Lebensumstände und Todesursachen der ersten Sklavengenerationen, sowie ihr Ursprung in Afrika nachvollzogen werden. Dennoch kam es bei der Auswertung der Funde in den folgenden Jahren immer wieder Verzögerungen. Die Howard University klagte über zu knappe Mittel. Die GSA warf den Forschern dagegen mangelnde Wissenschaftlichkeit und Verschwendungssucht vor. "Wir hätten echte Finanzierung und Kontrolle über das Projekt gebraucht", klagt Michael Blakey, ein schwarzer Anthropologe, der die Forschungsarbeiten leitet. "Was wir bekamen, war halb soviel wie nötig und dazu konstante Zweifel und Einmischung von denselben euro-amerikanischen Bürokraten, die die Ausgrabungsstätte von Anfang an verpfuscht haben." GSA-Vertreter betonen dagegen, dass sie bereits über 22 Millionen Dollar in das Projekt gesteckt haben - eine stolze Summe für die Bundesbehörde, aber relativ wenig für ein Geschichtsprojekt von nationaler Bedeutung. Zum Vergleich: In San Francisco wurden unlängst 30 Millionen Dollar für die Restaurierung eines vom Sturm zerstörten, historischen Gewächshauses ausgegeben.
Der abschließende Forschungsbericht der Howard University steht immer noch aus. Doch nach Angaben von Prof. Blakey ergaben bereits erste Untersuchungen, dass es sich bei vielen Leichnamen um Kinder unter 12 Jahren handelt, ein Umstand, der die Annahme nahe legt, dass New Yorks frühe Siedler überwiegend Kindersklaven hielten. Fast alle Skelette zeigten Spuren von Unterernährung und Abnutzung durch schwere Arbeit und nur ein Achtel stamme von Erwachsenen über 50, ein Alter das kaum ein Sklave je erreichte. Die große Zahl der Toten ließe zudem darauf schließen, dass New York einst neben Charleston in South Carolina die Stadt mit der größten urbanen Sklavenpopulation war - ein Fakt, der in der neuzeitlichen Geschichtsschreibung, die nur die Südstaaten mit Sklavenhaltung in Verbindung bringt, gern übersehen wird. Dabei trafen bereits mit den ersten holländischen Siedlern im Jahre 1625 afrikanischen Sklaven ein. Sie rodeten das Land und bauten jenen Schutzwall gegen die Indianer, der der Wall Street ihren Namen gab. Nur ein paar Häuserblocks vom Sitz der heutigen Börse befand sich der erste Sklavenmarkt. Und die inhumane Versklavungspraxis endete erst über 200 Jahre später mit dem amerikanischen Bürgerkrieg.
"New York hat eine längere Geschichte mit Sklaverei als mit Freiheit für alle Bürger", sagt Historiker Dodson. Wie viele schwarze Bürgerrechtler sieht er die Rettung des Sklavenfriedhofs nicht nur als Triumph des Denkmalschutzes über nackte Kapitalinteressen, sondern als Meilenstein der aktuellen Kampagne für Wiedergutmachungszahlungen (mehr zum Beispiel hier). Inspiriert durch die erfolgreichen Prozesse um Reparationsleistungen an Holocaustopfer und Zwangsarbeiter aus der Nazi-Zeit fordern inzwischen auch die Nachfahren von afrikanischer Sklaven monetäre Entschädigung. Einer der führenden Stimmen in der kontroversen Debatte ist Charles Barron, ein demokratischer Stadtverordneter aus Brooklyn. Nichts sei überzeugender für die Veranschaulichung des unfassbaren Leids, dass Amerikas Schwarze erlitten haben, als ein Feld mit 20.000 Leichen, sagt Barron. Auf Pressekonferenzen betonen die Anhänger seines "Kampfs um Reparation" gern, dass Amerika gleich mehrere Holocaust-Museen in Washington und New York unterstützt, sich aber immer noch gegen eine nationale Gedenkstätte für die Opfer der Sklaverei sträubt.
Momentan sind die meisten Amerikaner schon wieder mit einer anderen Tragödie und einer anderen Gedenkstätte beschäftigt. Ein paar Blocks südlich des alten Sklavenfriedhofs läuft der Wettbewerb für das Denkmal der Opfer des 11. September auf Hochtouren. Die Terroranschläge haben den Grabstätten-Aktivisten nicht nur einigen Wind aus den Segeln genommen, sondern auch wichtige Forschungsarbeit zerstört. Ein Teil der Ausgrabungsfunde und archäologischen Protokolle wurde in Räumen des World Trade Centers gelagert. Das Attentat verzögerte auch die geplante Bestattungszeremonie. Die Organisatoren hatten bereits Hunderte von Holzsärgen in Ghana schnitzen und eine Krypta aus Mahagoni anfertigen lassen, die nach 9/11 in einem Lagerraum des neuen Verwaltungsgebäudes Staub ansetzten. Auf dem schmalen Streifen Grün daneben, der für die Gedenkstätte vorgesehen war, schoss das Unkraut in die Höhe. Nur ein nüchternes Schild am Maschendrahtzaun identifizierte das Gelände als "African Burial Ground".
Morgen kehren die verlorenen Seelen nun endlich heim. Nach Zwischenstopps an historischen Stätten in Washington, Baltimore, Wilmington, Philadelphia und Newark werden die sterblichen Überreste der New Yorker Sklaven in einer feierlichen Prozession mit Booten über den Hudson River zur Wall Street geschifft, dann in Begleitung prominenter Politiker durch den "Canyon der Helden" getragen und auf der kleinen Wiese am Broadway zur letzten Ruhe gebettet. Das Ende einer langen Odyssee - oder auch nicht? Schon mehren sich die Stimmen, die fordern, dass die verschleppten Afrikaner, die wider Willen nach Amerika kamen, nicht im Land der Unterdrücker, sondern in auf ihrem Heimatkontinent beerdigt werden.
Archiv: Post aus New York
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